buettnerin

Ich bin ein Rassist.

In Gewalt in Kommunikation on September 24, 2012 at 12:44 pm

english version below …
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Die aktuelle Debatte um das Buch des Neuköllner Bürgermeister Heinz Buschkowsky (SPD) „Neukölln ist überall“, fördert erneut einen Gedankenfehler zu Tage, dem offenbar viele Bürger aufsitzen. Die einen sind empört und bezeichnen das Buch als rassistisch, woraufhin aus einer anderen Ecke laut die immer wieder selbe Polemik erklingt: „Wann immer mal einer die Wahrheit ausspricht, schwingen die Gutmenschen gleich wieder die Rassistenkeule.“ und treffen damit gleich drei zweifelhafte Aussagen in einem einzigen Satz.

1. Die Wahrheit: Wahrheit ist ein Wort, über das sich die Gelehrten seit Jahrtausenden streiten. Wahrheit, das wissen die Akademiker, die Dichter und die Philosophen, ist nicht auszumachen. Das was Otto Normal die Wahrheit nennt, ist in der Regel seine eigene Empirie oder entspricht seinen persönlichen Vorurteilen. Sie ist etwas sehr persönliches und jeder hat seine eigene. Der Anspruch auf Wahrheit ist per se fundamentalistisch. Da wir uns einig sein müssen, dass meine eigenen Erfahrungen die eines anderen nicht ändern können. Es gibt selbstverständlich Menschen, die sich eingeschüchtert fühlen durch kriminelle Immigranten, aber diese persönlich erlebte Erfahrung als eine Wahrheit hinzustellen wäre vermessen und ginge von einem höchst egozentriertem Weltbild aus. Gerade in Hinsicht auf eine pauschal verurteilte Gruppe von über einer Millionen Menschen kann ein sogenannter Wahrheitsanspruch niemals geltend gemacht werden. Wer also in einer so kontroversen und komplexen Debatte wie der Immigrationsdebatte das Wort „Wahrheit“ benutzt, dessen Argument kann schon an dieser Stelle nicht mehr weiterführend in der Sache dienen. Auf Grundlage einer Wahrheit würde man im Namen der Menschheit niemals zu einer Einigung finden. Nichts anderes als eine Einigung kann aber das Ziel sein, da wir die Gewalt verbannen wollen aus unseren Leben. Wer mit dem Anspruch auf Wahrheit gegen den Wahrheitsanspruch eines anderen Fundamentalisten vorgeht, landet somit schnell in einem Glaubenskrieg, der keinem der Beteiligten und schon gar nicht der Gesellschaft weiterhelfen kann. Was wir suchen ist der kleinste gemeinsame Nenner, niemals die Wahrheit.

2. Der Gutmensch: „Im Januar 2012 erhielt das Wort als Unwort des Jahres 2011 in Deutschland den 2. Platz. In der Begründung gab die Jury an, mit dem Wort werde „insbesondere in Internet-Foren das ethische Ideal des ‚guten Menschen‘ in hämischer Weise aufgegriffen, um Andersdenkende pauschal und ohne Ansehung ihrer Argumente zu diffamieren und als naiv abzuqualifizieren“ und kritisierte die aus ihrer Sicht 2011 einflussreich gewordene Funktion des Wortes als „Kampfbegriff gegen Andersdenkende“.“ (Quelle Wikipedia)
Dieses Wort stellt Gewalt dar. Es soll den Diskussionsgegner verletzen und seine Argumentation schmähen, da diese von einem als naiv/verklärt verurteilten Weltbild ausgeht. Ein Diskutierender der einen anderen Diskussionsgegner als solchen bezeichnet, eröffnet damit eine Kategorie, die ihn verletzen und angreifen soll. Und das ist dann auch schon das, wo wir nun als nächstes hinkommen: Das ist Rassismus.

3. Die Rassistenkeule:

Rassismus ist nicht – wie fälschlich immer wieder behauptet wird die reine Einteilung der Menschen in Rassen und der Glaube an die Rassentheorien. Rassismus ist so viel mehr. Seine Beginne liegen in der Rassentheorie, im Sklavenhandel und der Inquisition, doch inzwischen umfasst die Definition für Rassismus jegliches Kategorisieren und Klassifizieren von Menschen. Jemanden als Gutmenschen zu verurteilen, ist demnach schon Rassismus. Ich habe Ressentiments gegen einen anderen Menschen aufgrund seiner von mir behaupteten Einstellungen. (albert Memmi, Soziologe über Rassismus: „„Tatsächlich stützt sich die rassistische Anklage bald auf einen biologischen und bald auf einen kulturellen Unterschied. Einmal geht sie von der Biologie, dann wieder von der Kultur aus, um daran anschließend allgemeine Rückschlüsse auf die Gesamtheit der Persönlichkeit, des Lebens und der Gruppe des Beschuldigten zu ziehen. Manchmal ist das biologische Merkmal nur undeutlich ausgeprägt, oder es fehlt ganz. Kurz, wir stehen einem Mechanismus gegenüber, der unendlich mannigfaltiger, komplexer und unglücklicherweise auch stärker verbreitet ist, als der Begriff Rassismus im engen Wortsinne vermuten ließe.(…)“

Rassismus ist vor allem deswegen eine so große Bedrohung, weil sie allgegenwärtig ist und weil so viele vor ihr die Augen verschließen. Rassismus ist leider tatsächlich etwas sehr natürliches und ich behaupte: Jeder Mensch ist ein Rassist. Resultierend aus der Angst vor dem Fremden. Die Angst vor dem Fremden ist in jedem von uns. Darum funktioniert die Dunkelheit so gut in Geisterbahnen und Gruselfilmen, darum versetzen uns Thriller in Aufsehen, deshalb sagen einige Deutsche, dass es sie gruselt, den Muezzin vom Dach der Moschee rufen zu hören. Weil man nicht versteht, was der Fremde da ruft. Die Frau fürchtet sich vor Schritten eines Unbekannten im U-bahnschacht und unsere Kinder haben Angst vor dem Weihnachtsmann. Wir fürchten uns vor dem Fremden und können diese Furcht nur besiegen, indem wir sie mit positiven Erfahrungen überschreiben. Dazu müssen wir aber bereit sein, auf das Fremde zuzugehen. Bequemer ist es, sich gegen alles zu verschließen, das man nicht versteht, aber genau auf diesem Boden wächst das gegenseitige Misstrauen und vermehrt sich die Gewalt.

Auch ich treffe hin und wieder eine rassistische Aussage. Ich kann mich davon gar nicht frei machen. Im Laufe der Buschkowskydebatte habe ich auf facebook viele Menschen als bildungsfern bezeichnet. Auch das ist Rassismus und ich bin nicht stolz darauf. Der Rassismus ist da. Er schwebt immer über und in unseren Köpfen herum. Wir können ihn nicht besiegen, indem wir ihn verleugnen. Im Kleinen gibt es gegen das Übel oft keine bessere Lösung als das Abstrafen durch Ignoranz, aber in einem größeren Rahmen müssen wir uns die Mühe machen, die Problematik beim Namen zu nennen. Wenn ein Bankräuber eine Bank überfallen will und der Angestellt tut so, als würde er ihn nicht hören, wird der Räuber im Zweifelsfalle einige Menschen erschießen. Man kann tatsächliche Bedrohungen nicht ignorieren. Ja, ich werfe Heinz Buschkowsky vor, dass er sich in seinem Buch rassistisch äußert – und das tut er unzweifelhaft mit Passagen wie der Folgenden:

„Mit den Afrikanern ist noch mehr Brutalität, Drogen- und Alkoholmissbrauch eingezogen. Türkische und arabische Männer sitzen in den Cafés. Afrikanische Männer sitzen zuhause, sehen fern, spielen, telefonieren und trinken. Afrikaner lassen sich noch schwerer in die Karten schauen als die anderen Ethnien.“

Diese Aussage ist sogar nach der allgemeinen Auffassung Rassismus und es darf nicht sein, dass man denjenigen versucht den Mund zu verbieten, die darauf aufmerksam machen. Nein, wir wollen alle keine Rassisten sein und nein, kein denkender Mensch kann davon überzeugt sein, dass seine „Wahrheit“ mehr als die eines anderen wiegt, aber dennoch ist es auch nur allzu menschlich, der Eitelkeit zu verfallen, sich rassistisch zu gebaren. Es passiert täglich und es passiert jedem von uns. Es wäre an der Zeit, diese Tatsache anzuerkennen und sich somit auf einen gleichberechtigten Dialog einzustellen. Eine Debatte kann nicht geführt werden, wenn an ihrem untersten Rand die Menschheit sich aufhält mit dem ewigen Zerlegen des Wortes „Rassismus“. Erkennen wir ihn an, nehmen wir ihn als gegeben und versuchen wir, unsere Ängste zu besiegen. Es gibt keine Wahrheit, aber es gibt den Rassismus.

ein Artikel von Gutmensch und Rassistin Meike Büttner

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I am racist 

The actual debate about the new book of a Berlin Major Heinz Buschkowsky (SPD, Major of district Neukölln/Belrin) „Neukölln is everywhere“ again banks an old error in reasoning to the surface which obviously many people believe in.
Some are outraged and claim the book being racist. Others bring out the old fashioned sentence of: „Whenever someone in Germany speaks out the truth, the do-gooders swing the racist-cudgel“ which just shows up three doubtful ideas in just one sentence.

1st: The truth:

truth is a word the erudite are arguing on for a thousands of years. Truth, this is what the academics, authors, and philosophers know, is nothing to make up. What average Joe calls the truth, mainly arises from his own empiricism or has its source in his or hers personal prejudices. Truth is something personal  and claiming the truth is per se fundamentalistic. Because of the fact, that my personal experiences never can change those of another. There are people who feel daunted by criminal immigrants for certain, but characterizing those personal lived experiences as a certain truth, comes from a highly egocentric world view. Straight with regard to an across-the-board condemned group of millions of humans, a truth claim can never be asserted. An argument using the term of „truth“ can never be taken in a complex debate like the integration-debate. This argument just disqualifies itself. On the base of some truth you could never find consensus in the name of people. People never agree. But nothing like an agreement should bet his goal to all of our arguing, because we want to ban the violence out of our life. If one person with his/her own truth claim fights against someone with another truth claim, just lands into a religious war that won’t help any of the participants or even society. What we are searching for is the least common denominator, never the truth.

2. The Do-gooder:

In January 2012 the word “Gutmensch” was voted second place for the badword of the year 2011 in Germany. The jury justified this rating by explaining that this word would mainly be used in internet forums to determinate the ideal of the good human being in a derisive way. People claimed as “Gutmenschen” or “do-gooders” are condemned as greenly or unworldly. The jury criticized this word as a fighting word against dissidents.
Calling somebody a do-gooder often tries to hurt this person. And it leads us to the next point because categorizing people is: Racism.

3. The racistcudgel:

Racism is not – as many people think – classifying people into races or the belief in race theories. Racism is so much more. Its beginning lies in those race theories, in slave trade and the inquisition, but meanwhile the definition of racism comprises any categorizing or classifying of a human being. Claiming someone a do-gooder is therefore even racism. I have resentments against someone other because of all the things I assume someone just from his attitude, appearance or other details.

Socialist Albert Memmi about Racism:

“(…) In fact racist accusation bases on biological or cultural differences. Sometimes they come out from biology, other times from culture, just to draw conclusion to someones personality, his life and the whole group of people like this person. Sometimes the biological sign is completely lost in racistic cases. Short: We are facing a mechanism, much more diversified  which sadly even is brighter spreaded than the term of racist is. (…)

First of all, Racism is such a big danger because it is so much rampant today while so many people close their eyes to that. Racism in fact is something very natural and I assert: Every human is a racist! Resulting from his fear of the foreign. This fear is in everyone of us. That’s why the dark works so good in the haunted house and the horror movies, this is why thrillers alert us. It is the reason why some Germans might say, they’re scared from the Muezzin crying from the roof. Because you don’t understand what the stranger is jelling. Women are scared by steps in a parking house, Santa Clause give kids the creep, …

We are scared by the foreign and we just can fight this fear by affirming our experiences in a positive way. But that for we need to confront with those fears and take a step forward to those who scare us. Closing up against everyone is much more convenient, but this is exactly the fertile soil for mutual misunderstanding and it will accrete the violence.

I myself sometimes make a racist statement. I can’t absolve myself from that mistake. For example in this Buschkowsky-debate I named people “bildungsfern”, which is a political german term for people who raise in an environment without suitable education. Even this is racism and I am not proud of it. Racism is here. It’s everywhere. It is always floating above, around and inside our heads. We can’t defeat it, if we deny it. If a bank robber threatens an employee and this employee is doing like he wouldn’t hear the robber, this criminal may shoot some of the customers. You can’t ignore real danger. Yes, I accuse that Heinz Buschkowsky in his book remarks racist statements. He does it without a doubt in sentences like:

“With the Africans, much more brutality, drugs- and alcohol-abuse has moved in. Turkish and Arabic men are sitting at home, watching tv, are phoning and drinking. The Africans are even harder to look through then the other ethnics.” 

This is racism. Even following the common definition of racism and we need to claim that. No, nobody of us wants to be racist, and no, no human being can certainly be confident with the idea, that his “truth” weights more than the someone other’s, but nevertheless it is very human addicting to the vanity acting racist. It is happening everyday and to everyone of us. It is time to accept this fact and to agree to an equal dialogue. This debate will never begin if everybody is struggling about words like racism in the very beginning of this dialogue. Stop talking the topic to death with this fight of definitions. Don’t be in a snit if someone claims the “R”-word. Let’s accept the presence of this violence and try fighting our fears. Truth doesn’t exist, but racism does.

Article by Racist and Do-gooder Meike Büttner

 

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  1. […] selbst sollten diesen Vorwurf übernehmen müssen. Keiner von uns will ein Rassist sein, aber wenn wir nicht nachlesen, was Rassismus ist, wenn wir uns nicht über gewaltfreie Kommunikatio…. Also benehmen wir uns alle immer wieder rassistisch, ohne es in diesem Moment überhaupt zu […]

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