buettnerin

Liebe Deinen Troll wie Dich selbst.

In Gewalt in Kommunikation, Netzschau on September 25, 2012 at 12:47 pm

Wenn man vom Internet als dem virtuellen Raum spricht, erzeugt man damit ein großes Missverständnis. Das Wort „virtuell“ meint nämlich nicht – wie viele Menschen zu glauben scheinen – das Gegenteil von „echt“, es bedeutet das Gegenteil von „physisch“. Damit ist das Internet durchaus ein realer Ort, an dem sich reale Menschen mit realen Gedanken und Gefühlen begegnen. Da aber viele der Auffassung sind, es handle sich hier um einen nicht realen Raum, verhalten sie sich auch vollkommen unrealistisch und unangebracht.

Im Internet gelten die selben Gesetze wie auf der Straße. Ein herkömmlicher Erdenbürger würde wohl nicht losziehen und dem ersten, der ihm begegnet ins Gesicht rufen, dass er seine Brille hässlich findet. Man würde nicht an die Wand seines Nachbarn pinseln: „Du bist dumm!“ und man würde auch nicht blindlings wildfremde Menschen in irgendeiner Form verletzen. Sei es durch verbale oder physische Attacken. Die physische Attacke fällt im Internet im engsten Sinne selbstverständlich aus, aber die seelischen Angriffe sind allgegenwärtig und unerträglich unerbittlich.

Das Internet ist kein unechter Raum. Begegnungen, die dort stattfinden hinterlassen ihre Spuren – für immer im Netz und für lange Zeit im Kopf der Betroffenen. In meiner Arbeit bin ich schon so oft mit Trollen konfrontiert worden. Trolle. Jeder kennt sie. Sie tummeln sich in Internetforen und politischen Diskussionen, unter youtubevideos und Blogartikeln, wo sie ungefiltert ihren ganzen Hass in die Welt entladen. Und obwohl jeder der schreibt weiß, dass er sich das nicht zu Herzen nehmen darf, dass er sie nicht füttern, sich nicht mit ihnen unterhalten darf, dass man sie nicht ernst nehmen und ignorieren soll, geht das einfach nicht.

Ich bin keine Maschine. Im Gegenteil. Ich bin ein sehr sensibles Exemplar Mensch und ich habe eine riesengroße Klappe, die meine Angst vor Verletzungen kaschieren soll, ich bin so durchlässig wie ein Taschentuch und ich habe Gefühle. Echte Gefühle. Diese Gefühle sind in diversen shitstorms immer wieder verletzt worden. Man könnte eindringlicher warnen: Nimm es dir doch bitte nicht zu Herzen! Oder: Misch dich halt nicht in irgendwelche Diskussionen ein; oder im allerschlimmsten Fall: Veröffentliche nichts mehr im Internet, aber das kann doch so nicht funktionieren. Es kann doch nicht sein, dass die Opfer der Angriffe sich ein dickeres Fell zulegen oder schweigen müssen. Es kann doch nicht sein, dass Menschen der Mund verboten wird, weil andere Menschen sich im Internet so verhalten wie es ihnen in der Innenstadt nie jemand durchgehen lassen würde.

Sollten wir nicht vielleicht doch sprechen mit den Trollen? Vielleicht sollten wir sie fragen, was sie so wütend macht. Wut entsteht aus Verletzung und vielleicht hat jemand diesen Menschen grausam wehgetan. So sehr wehgetan, dass sie sich nicht anders zu helfen wissen, als diesen Schmerz einfach ganz schnell auf jemand anderen abzuwälzen. Ich weiß, wie die Reaktion eines Trolles auf diesen Absatz hier lauten muss. Er wird lachen müssen darüber, wie weichgespült ich bin, er wird mich als Gutmenschen verlachen und niemals an sich heran lassen, dass es vielleicht schlicht, ergreifend und kitschig nichts weiter als die Liebe ist, die ihm fehlt. Vielleicht ist das der Punkt. Wer Liebe kennt, der will sie haben. Wer sie also nicht haben will, der kennt sie vielleicht gar nicht?! Darum sollten wir vielleicht aufhören damit, sie zu ignorieren. Vielleicht sollten wir ihnen einfach freundlich begegnen bis zu letzt. Mit ihnen zu diskutieren wäre selbstverständlich verkehrt. Trolle wollen nicht diskutieren, in der Regel sind sie gar nicht im Thema. Sie fallen ja gerade dadurch auf, dass sie niemals argumentieren. Nein, wir werden uns weiterhin niemals auf die Diskussion mit einem Troll einlassen, aber vielleicht können wir einfach versuchen ruhig ein- und auszuatmen und ihnen freundlich zu antworten:

„Liebe(r) Name,

bitte beleidige niemanden. Wir können über alles reden, aber bitte freundlich.“

Sollte der Troll dann weiter krakeelen, gibt man ihm noch zwei Chancen mit weiteren freundlichen Kommentaren, im Dritten kündigt man an, dass man es sehr schade findest, Menschen zu blockieren, sich dieses Recht aber vorbehält für den Fall, dass die Gefühle eines anderen verletzt werden. Kommt dann noch ein Kommentar darf er wortlos blockiert werden. Wenn es ein tatsächliches Prinzip im Umgang mit Trollkommentatoren gäbe, auf dass sich alle geeinigt hätten, würde es zwangsläufig zu einem Gesetz werden, sodass Trolle vielleicht in Zukunft schon bei der ersten Warnung in der Lage wären, ihr eigenes Fehlverhalten zu registrieren.

Ja, das klingt alles sehr naiv. Ich weiß, wie all das klingt. Da haben wir ihn wieder, den naiven Gutmenschen. Aber vielleicht ist es auch einfach eine Utopie. Und in jedem Fall ist jeder Versuch besser als kein Versuch. Am Ende ist nichts nötiger als die Selbstreflexion, die einige im Schlaf und andere eben fatal rudimentär beherrschen. Vielleicht kann man einem Menschen auch nicht helfen, der sein Handeln nicht als Gewalt erkennen kann. Vielleicht, vielleicht, vielleicht. Wagen wir den Versuch. Einigen wir uns nicht auf Ignoranz, eignen wir uns lieber auf den Versuch der Toleranz. Diese aufzubringen, dürfte ja beiden Seiten etwa gleich schwer fallen. Geben wir also soviel wie wir selbst erwarten. Mal sehen, was passiert.

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