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Gericht verbietet Polizeirassismus

In Netzschau, Staatsgewalt on Oktober 31, 2012 at 8:10 am

Und noch ein Artikel aus der gestrigen taz. Herzlich Willkommen in Deutschland 2012, wo sie bloß durch zwei Instanzen klagen müssen, um sich vor der Anwendung von Rassengesetzen zu schützen. 

URTEIL ZU KONTROLLEN NACH HAUTFARBE

Gericht verbietet Polizei-Rassimus

Noch im März hatte ein Gericht es für zulässig erklärt, wenn Menschen wegen ihrer Hautfarbe kontrolliert werden. In der Revision wurde das Urteil nun für nichtig erklärt.VON CHRISTIAN RATH

Der weiße Zug ist bestimmt nicht illegal. Bild:  dapd

FREIBURG taz | In Deutschland darf niemand nur deshalb kontrolliert werden, weil er eine dunkle Hautfarbe hat. Das hat das Oberverwaltungsgericht (OVG) Koblenz festgestellt. Derlei Polizeikontrollen verstoßen gegen das Diskriminierungsverbot des Grundgesetzes, betonten die Richter.

Der damals 25-jährige Aaron K. (Name geändert) fuhr im Dezember 2010 mit einem Regionalzug von Kassel nach Frankfurt. Er hatte sich einen Tee geholt und war auf dem Rückweg zu seinem Sitzplatz, als eine Polizeistreife seinen Ausweis verlangte. Der dunkelhäutige K., deutscher Staatsbürger und Architekturstudent, fühlte sich diskriminiert und weigerte sich, den Ausweis zu zeigen.

Auf beiden Seiten gingen die Emotionen hoch. K. sagte, die Kontrolle erinnere ihn an NS-Methoden, darauf zeigte ihn einer der Polizisten wegen Beleidigung an. Das Amtsgericht Kassel verurteilte K. tatsächlich zu einer Geldstrafe unter Vorbehalt. Erst das Oberlandesgericht Frankfurt sprach K. im März 2012 frei: Der Vergleich sei angesichts der ihm schikanös erscheinenden Kontrolle noch von der Meinungsfreiheit gedeckt gewesen.

Im Beleidigungsprozess hatte die Polizei die Kontrolle zunächst mit der Gefahr islamistischer Anschläge gerechtfertigt. Auf die Frage, warum gerade K. seinen Ausweis zeigen musste, sagte ein Polizist aber ganz offen, dass er unter anderem nach der Hautfarbe auswähle, wen er nach dem Ausweis frage. Nun klagte Aaron K. gegen die Bundespolizei auf Feststellung, dass die Kontrolle rechtswidrig war. Im März 2012 entschied das Verwaltungsgericht Koblenz dann, die Kontrolle sei in Ordnung gewesen. Um unerlaubte Einreisen zu verhindern, dürfe die Bundespolizei in Zügen Stichproben „nach dem äußeren Erscheinungsbild“ vornehmen.

Entschuldigung im „Namen der Bundesrepublik“

Hiergegen ging K.s Anwalt Sven Adam aus Göttingen in Berufung. Gleich in der mündlichen Verhandlung machte die Vorsitzende Richterin Dagmar Wünsch klar, dass Kontrollen nach Hautfarbe gegen das Gleichbehandlungsgebot des Grundgesetzes verstoßen. Daraufhin nahm die Bundespolizei eine Auszeit und räumte dann ein, dass die Kontrolle rechtswidrig war. „Im Namen der Bundesrepublik Deutschland“ entschuldigte sich die Polizei bei dem Studenten. K.s Anwalt erklärte daraufhin die Sache für erledigt.

Das OVG musste nur noch über die Kosten entscheiden, die zur Gänze die Staatskasse zahlen muss. In diesem Beschluss heißt es auch, dass die Kontrolle von Beginn an „rechtswidrig“ war. Das anderslautende Urteil der Vorinstanz wurde zugleich für „wirkungslos“ erklärt.

„Damit ist dem racial profilingdurch die Bundespolizei der Boden entzogen“, sagte Anwalt Adam am Dienstag der taz. „Nun muss die Bundesregierung sicherstellen, dass diese Praxis von der Bundespolizei nicht mehr angewandt wird“, erklärte das Deutsche Institut für Menschenrechte. Auch Amnesty International und die Initiative Schwarzer Deutscher begrüßten das Urteil. (Az. 7 A 10532/12)

 

Die große Entblößung

In Netzschau on Oktober 31, 2012 at 8:04 am

Heute in der taz. Warum politisch brisante Themen mindestens mit Titten untermauert werden müssen.
(von Simone Schmollack)

 

PIRATINNEN FÜHREN MEDIEN VOR

Über einen Hungerstreik von Flüchtlingen in Berlin berichteten bisher nur wenige Medien. Deshalb kündigten Piratinnen an, sich auszuziehen.VON SIMONE SCHMOLLACK

Klare Ansage: Anke Domscheit-Berg, Julia Schramm und Laura Dornheim konzentrieren sich aufs Wesentliche. Bild:  dpa

BERLIN taz | Sie sind alle da: Bild, B.Z., dpa, ARD, Spiegel online, Neues Deutschland. Auch die ZeitWelt, der Bayerische Rundfunk und der Rundfunk Berlin-Brandenburg wollen kommen. Was ist da los? Verkündet die Kanzlerin die Frauenquote? Legt SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück seine Nebeneinkünfte offen? Tritt Philipp Rösler als FDP-Chef zurück?

Nein. Ein paar Piratinnen haben angekündigt, sich auszuziehen. Auf dem Pariser Platz vor dem Brandenburger Tor in Berlin. Genau dort, wo seit einer Woche in einem Camp rund 25 Flüchtlinge im Hungerstreik sind – gegen Residenzpflicht und für Abschiebestopp. Die Piratinnen wollen die Flüchtlinge unterstützen, sagen sie, sie wollen sich solidarisch zeigen und für sie kämpfen. Sie nennen ihre Aktion „Tits for human rights“ – Titten für Menschenrechte.

Es ist Montagmittag, sonnig und arschkalt. Ein Animator im Berliner Bären-Kostüm tänzelt neben dem Camp um ein paar Touristen herum, ein Clown quietscht mit einem Babyschnuller. Die Polizei rückt an, ein Mannschaftswagen nach dem anderen. Am Wochenende haben die Beamten den Flüchtlingen die Decken, Schlafsäcke und Pappen weggenommen, auf denen sie gelegen haben.

Die Journalisten bauen sich im Halbkreis auf, sie richten ihre Kameras ein, sie zücken die Notizblöcke. Titten für Menschenrechte. Die Piraten bringen sich auf der anderen Seite in Stellung. Anke Domscheit-Berg, die in den Bundestag will, Julia Schramm, die gerade ihren Vorstandsposten aufgegeben hat, Laura Dornheim, die bei den Piraten für Geschlechterfragen zuständig ist. Ein Mann ist auch dabei: Felix Just von der Bezirksverordnetenversammlung Friedrichshain-Kreuzberg. Er sagt: „Das Ausziehen kann man doch nicht den Frauen überlassen.“

„Sex sells. Human rights are not for sale“

Erst fliegen Schals aufs Pflaster, Domscheit-Bergs roter Hut, Mäntel, Pullover. Dann stehen die Piratinnen und der Pirat im T-Shirt da. Ja, und weiter? Es waren doch nackte Titten versprochen. Wo sind die? Die gibt es nicht. Stattdessen steht auf den T-Shirts „Human rights, not tits“. Die Piraten rufen: „Sex sells. Human rights are not for sale“ – Sex verkauft sich immer. Aber Menschenrechte sind nicht für den Schlussverkauf da.

Was soll das? Die PiratInnen sagen es: „Schämt euch.“ Damit meinen sie die Journalisten. Was die nämlich nicht wissen: Die Piratinnen hatten nie vor, sich auszuziehen. Es ist ein Fake. Mit dem wollen sie „die Medien und deren Sexismus vorführen“.

Mit ihren Titten kommt Laura Dornheim auf jeden Fall auf die Seite 1 der Bild. So jedenfalls soll es ihr der Journalist versprochen haben. Aber Laura Dornheim will gar nicht auf die Seite 1. Sie will „Inhalte verkaufen“: Flüchtlinge, Finanzen, Geschlechtergerechtigkeit. Aber das nimmt bei den Medien der Piratin niemand mehr ab. Von Anfang beschäftigt sich die Partei nur mit sich selbst. Und jetzt noch Titten?

Trotzdem hat die Idee Charme. Laura Dornheim kommt am Abend zuvor darauf. Sie verschickte an verschiedene Journalisten eine Twitter-Nachricht: „Wer berichtet übers refugeecamp?“ Ein Bild-Autor fragte zurück: „Ist der Johannes Ponader da? Dann würde ich auch kommen.“ Laura Dornheim: „Verdammt, da hungern Menschen. Wenn es hilft, stell ich mich auch oben ohne hin.“ Seine Antwort: „Deal“. Abgemacht.

Empörte Twitter-Community

„Ist es nicht traurig“, fragt Anke Domscheit-Berg, „dass niemand der Journalisten auf die Idee kommt, dass wir uns niemals ausgezogen hätten?“ Und Julia Schramm sagt. „Ich verkaufe meine Titten doch nicht an Bild.“ Jetzt kann auch die Twitter-Community wieder aufhören, sich zu empören. Die hatte die Frauen schon als „Medienhuren“ und „Schlampen“ beschimpft, als die ihre Aktion ankündigten. Hat das Ganze funktioniert? Ja, findet Anke Domscheit-Berg: „Die Journalisten haben zuerst mit den Flüchtlingen gesprochen und dann mit uns.“

In Netzschau on Oktober 30, 2012 at 11:25 am

Warum entblößte Brüste relevanter sind als hungerstreikende Asylbewerber

Drop the thought

Immer wenn Du denkst, es ginge nicht schlimmer, kommen die deutschen „Qualitätsmedien“ und legen die Latte noch mal einen runter. Peinlicher geht schließlich immer. Am Beispiel der Proteste von Asylbewerber_innen und Flüchtlingen zeigt sich das seit einigen Tagen in ganz perfidem Ausmaß.

600 Kilometer sind Aktivist_innen durch Deutschland gewandert, von Würzburg nach Berlin, und protestieren nun auf dem Pariser Platz seit Tagen gegen Residenzpflicht, Unter-HartzIV-Versorgung und jetzt auch noch Polizeigewalt. Denn deren Auflagen untersagen alles, was den Protest gemütlich oder gar „bequem“ machen könnte. Denn sich im öffentlichen Raum mit einer Decke oder beschichtetem Sitzkissen gegen Kälte zu wappnen ist potentiell illegal.

Doch die gemeine Bürgerin erfährt davon nichts aus den deutschen Medien, sondern nur dank Twitter. Warum auch? Dass Menschen nach Polizeieinsätzen ins Krankenhaus mussten? Geschenkt. Dafür erklärt uns Dominik Rzepka vom ZDF nun, wann Nachrichten in Deutschland relevant sind:

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Meine Fehler und ich

In Gewalt in Kommunikation on Oktober 30, 2012 at 11:19 am
Manche Menschen gelten nur deshalb etwas in der Welt, weil ihre Fehler die Fehler der Gesellschaft sind.
François VI. Duc de La Rochefoucauld, (1613 – 1680), französischer Offizier, Diplomat und Schriftsteller

 

„Wer von euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein!“, sagte Jesus Christus und verdarb damit dem lynchhungrigen Volk die Laune.  Als sie so gezwungen wurden in sich zu gehen, fanden sie plötzlich so viele Sünden, dass der Stein in ihren Händen zum Werfen viel zu schwer wurde. Unter dieser Vorraussetzung könnte wohl niemand irgendetwas verurteilen. Also ja, Fehler … hab ich selber.

Ich zum Beispiel: Ich habe zum Beispiel einen Tick. Ich gehe mir ständig mit den Fingern durch die Haare und kratze meinen Kopf. Ich kann das nicht einmal lassen, wenn ich es möchte. Es liegt an Spannungen, mit denen ich nicht gut umgehen kann. Das ist so einer meiner Fehler. Ich leide ständig unter Anspannung, weil ich immerzu alles an mich heranlasse und persönlich nehme. Ich bin viel zu sensibel für diese Welt. Wenn ich schlimm angespannt bin, schreie ich schon mal meine Tochter wegen irgendetwas an. Fehler. Weiß ich. Oder mein – wie ich es nenne – logistischer Ablauf Autismus. Wenn ich auf einem breiten Berliner Gehweg laufe, setze ich voraus, dass alle Menschen rechts gehen und links überholen, dass Gruppen höchstens zu zweit nebeneinander laufen, dass auch im Fußverkehr das Reißverschlussprinzip gilt, etc. Das ist so ein ganz komischer Gehirnblödsinn von mir: Wenn ich irgendwo herlaufe, habe ich einen Streckenabschnitt von etwa hundert Metern vor Augen. Auf diesen hundert Metern schätze ich die Geschwindigkeiten vor mir oder mir entgegenlaufender Personen ein, „berechne“, wer wen wann kreuzt und habe genau im Kopf, wer wohin ausweichen muss. Dabei berücksichtige ich auch hinter mir laufende Menschen und deren Geschwindigkeiten und bevor ich meine Spur zum Überholen wechsle, drehe ich mich auch um, um zu überprüfen, dass ich auch nicht jemandem ins Gehege komme, der hinter mir läuft und noch schneller ist als ich. Das ist mein ganz persönlicher Spleen, aber Tag für Tag begehe ich den Fehler, dieses Verhalten von allen meinen Mitmenschen zu erwarten und dann raste ich regelmäßig aus. Ich hasse dann alle um mich herum, weil sie sich nicht an den Plan logistischer Abläufe halten, den ICH mir ausgedacht habe. Das ist natürlich mein Fehler und wenn ich dann auch noch wütend jemanden anremple und ihn so ansehe mit diesem „Tja. Du bist eben falsch gelaufen!“-Blick, dann begehe ich wieder einen riesengroßen Fehler, der mir schon ganz oft passiert ist.

Das ist lange nicht alles. Ich habe noch viel mehr Fehler, aber soweit reicht es erst einmal.
Ich begehe täglich Fehler. In meiner Arbeit, in der Erziehung meiner Tochter, in meinen Beziehungen, ich verrechne mich, etc. Mit dem Ausmerzen dieser Fehler – mit diesem Umgang damit und dem berühmten daraus-lernen – habe ich eine ganze Menge zu tun und ich würde behaupten, dass dies ein Teil des sogenannten Lebenssinnes ist. Das Streben danach aus diesen Fehlern zu lernen und immer besser zu werden. Jede Entwicklung braucht Fehler. Der Fehler ist der Ursprung eines neuen Handelns. Wir sollten uns also glücklich schätzen über all unsere Verfehlungen. Sie sind etwas gutes. Vorausgesetzt, dass man mit ihnen arbeitet.

Wenn ich mir unsere Gesellschaft ansehe, habe ich das Gefühl, dass die meisten einen wirklich fatalen Fehler begehen: Das Suchen der Fehler im Aussen, das Erforschen der Verfehlungen anderer, die man selbst nicht korrigieren kann, ist der einzige schlechte Fehler, den man machen kann. In der Integrationsdebatte zum Beispiel wird viel und gerne mit dem Finger gezeigt.

Die trägt ein Kopftuch, weil sie nicht klarkommt, der hält sich nicht an die Gesetze hier, Ausländer wollen sich ja gar nicht integrieren …“

Diese lautbrüllenden Menschen sind unzufrieden und suchen die Fehler dafür im Aussen. Auch ich bin manchmal unzufrieden und suche die Ursache dafür dann auch gerne in unserer Gesellschaft, die“ so kaltherzig und arrogant“ ist. Ich begehe diesen Fehler auch, aber am Ende weiß ich schon, wer dafür die Verantwortung trägt, wenn ich mich mal wieder durch alles aus dem Konzept bringen lasse. Ich selbst bin dann die Ursache mit meinem fehlerhaften Umgang mit Anspannungen. Diese Gesellschaft ist schon zu einem großen Teil sehr kaltherzig und unbarmherzig, aber in meiner Wohnung muss mich das nicht stressen. Das tut es nur, wenn ich mit mir selbst ein Problem habe.

Wir machen alle Fehler. Und wir begehen sie hin und wieder sogar sehenden Auges und manchmal sind wir auch einfach wie trotzige Kinder, die einfach Lust darauf haben, die Sandburg die andere gerade aufgebaut haben, einfach kurz und klein zu schlagen, aber mal ehrlich: Wenn jeder sich um seine eigenen Fehler kümmert, dann hätten wir wohl alle genug zu tun und bräuchten uns weniger über die der anderen zu echauffieren. Deren Fehler können wir eh nicht ändern. Ändern kann man immer nur sich selbst.

 

Wir sind unser Gehirn – Interview mit dem Hirnforscher Dick Swaab

In Netzschau on Oktober 24, 2012 at 1:46 pm

english version below

Interview von Meike Büttner

Wir von gewalltag sind besonders glücklich, ein Interview mit Dick Swaab veröffentlichen zu können. Dick Swaab, geboren 1944, gilt als einer der international führenden Hirnforscher. Er war Professor für Neurobiologie an der Universität Amsterdam und dreißig Jahre lang Direktor des Niederländischen Instituts für Hirnforschung. Für seine Forschung erhielt er zahlreiche Preise. „Wir sind unser Gehirn“ stand in den Niederlanden monatelang an der Spitze der Bestsellerliste. 

Dick Swaab

1. Nach der Lektüre ihres Buches habe ich eine Zeit lang überall Gehirne gesehen. Sie erklären nahezu jedes menschliche Verhalten mit biochemischen Vorgängen im Gehirn. Der Untertitel verrät ja bereits, dass Sie das Hirn als den Hauptverantwortlichen für unser gesamtes Handeln zeichnen. Dabei erklären Sie quasi im Vorbeigehen, warum Homosexuelle homosexuell sind, wie Kriminalität sich im Hirn widerspiegelt, warum Mütter/Väter sich immer nach gewissen Mustern verhalten, etc. Können Sie unseren Lesern einen kleinen Einblick geben in diese Phänomene?

 Schon in der Gebärmutter und in den ersten Jahren nach unserer Geburt entwickelt sich unser Gehirn in einem extrem hohen Tempo in ein Netzwerk von 100 Milliarden Neuronen und 1000 mal 1000 Milliarden Kontaktpunkte zwischen Nervenzellen – den Synapsen. Diese Nervenzellen werden durch 100,000 Kilometer lange Nervenstränge verbunden.
Die Einzigartigkeit unseres Gehirns ist zurückzuführen auf eine Kombination aus unserem genetischen Anlagen und der Programmierung während seiner Entwicklung in der Gebärmutter. Also können wir sagen, dass die meisten unserer Charakterzüge, Talente und Beschränkungen schon in einer sehr frühen Entwicklungsstufe festgelegt sind. Das meint nicht nur, ob wir ein Morgen- oder Abendmensch sind, unseren persönlichen Hang zur Spiritualität und unsere Chance neurotisch, psychotisch, aggressiv, anti-sozial oder unkonform zu sein, sondern auch unsere Chancen, Gehirnkrankheiten zu entwickeln wie z.B. Schizophrenie, Autismus, Depressionen und Abhängigkeiten.
Unser genetischer Background und all die Faktoren mit denen unser Gehirn während seines Entwicklungsprozesses umgehen musste, halsen uns „interne Grenzen“ auf und machen es uns unmöglich unsere Gender-Identität, unsere sexuelle Orientierung, unseren Hang zu Aggressivität, unseren Charakter, unsere Religion oder Muttersprache zu verändern. Wenn wir erwachsen sind hat unser Gehirn aufgehört für Veränderungen empfänglich zu sein. Natürlich können wir lernen und unser Verhalten anpassen, aber unser Charakter ist bereits fertig, bedingt durch seine Entstehung. Wir sind unser Gehirn.

2. Ich verstehe ihr Buch als eine freundliche Einladung zu mehr Aufgeschlossenheit und Toleranz. Aber ich kann mir vorstellen, dass es Menschen gibt, denen ihre These nicht gefällt, nahezu 30 % aller Europäer hätten eine Hirnkrankheit. Wie äußern Sie sich gegenüber solchen Stimmen?

 Wir leben in einer immer komplexer und anspruchsvoller werdenden Gesellschaft. Dies verursacht immense Probleme für eine immer größer werdende Zahl von Menschen, die Pech hatten in der Periode ihrer Hirnentwicklung. Oder durch ihren genetischen Hintergrund, eine beeinträchtigende Plazenta-Dysfunktion, Missbrauch von Alkohol, Tabak, Medikamenten oder anderen Chemiekalien, die während der Schwangerschaft oder postnatal durch Abhängigkeit oder Nachlässigkeit der Entwicklung geschadet haben. Diese Faktoren führen zu mentaler Zurückgebliebenheit, psychologischen oder psychatrischen Problemen. Unsere Gesellschaft schenkt diesen Menschen weder genug Aufmerksamkeit, noch stellt sie einfache und angepasste Jobs zur Verfügung, die diesen Menschen ein anständiges Leben ermöglichen.
Weitergehend werden immer mehr Menschen sehr alt. Und es gibt Hirnkrankheiten wie Parkinson oder Alzheimer die eine klare Abhängigkeit zum Alter der Patienten haben. Die Verbreitung von Alzheimer steigt exponentiell zum Alter. Auch diese Gruppe von Menschen bekommt leider viel weniger Aufmerksamkeit als sie haben sollte. Und das aus finanziellen Gründen.

3. Sie sind Vertreter der These, dass der Charakter eines Menschen angeboren ist und nur wenig durch Erziehung und Umfeld beeinflusst wird. Andererseits sagen Sie aber an anderer Stelle, dass in der Ghettoisierung unserer Gesellschaft sich Menschen quasi gegenseitig anstecken mit ihren Hirnerkrankungen, indem sie sich untereinander vermehren. Wie genau verstehen Sie die neurologische Entwicklung in Hinblick auf ein Menschenleben mit all seinen inneren wie äußeren Einflüssen?

 Zuerst einmal ist das genetische Material unserer Eltern von entscheidender Bedeutung. Anschließend hat die Umwelt einen Einfluss. Je früher Entwicklungen stattfinden umso prägender sind die Effekte. Das bezieht sich aber weniger auf soziale Einflüsse, als auf die chemischen Einflüsse denen wir in der Gebärmutter ausgesetzt sind. Nach der Geburt sollte ein Kind seine Potentiale in einem sicheren, warmen und stimulierenden Umfeld entwickeln.
Eine gute Schule und Erziehung sind ebenfalls von großer Wichtigkeit, aber es sollte bedacht werden, dass dies unser Verhalten ändern mag, nicht aber unseren Charakter.
Natürlich ist alles was wir gelernt haben in unserer Erinnerung gespeichert. Demzufolge gibt es eine Form der Plastizität. Also ist es der Gesellschaft möglich – zu einem späteren Zeitpunkt – unser Verhalten zu beeinflussen; nicht aber den Charakter. Verhaltensänderungen, die unter größten Anstrengungen von Psychiatern und Psychologen unterstützt werden können nicht den Charakter verändern, dessen Ursprung in der Frühentwicklung liegt. Geschichtlich liegt der Ursprung des Wortes „Charakter“ im Griechischen Wort für „eingeschrieben, tief verwurzelt“. Wie auch immer, Verhaltensänderungen die durch Therapie bei Persönlichkeitsstörungen zu Stande kommen, helfen Menschen mit Ihren Charakter-Problemen zu Recht zu kommen.

Meine Sicht auf die Gehirnentwicklung ist das genaue Gegenteil vom Glauben an die Machbarkeit, die in den 60er und 70er Jahren in der westlichen Welt propagiert wurde. Der Glaube, dass verhaltensbezogene Geschlechterunterschiede auf eine maskulin-orientierte Gesellschaft zurückzuführen seien, und das Frauen doppelt so häufig an Depressionen leiden wie Männer, weil Ihr Leben ein härteres ist. Der Gedankengang war, dass diese Probleme aus dem sozialen Umfeld heraus entstehen. Demnach musste man nur dieses ändern, damit die Probleme verschwinden. Aber der Glaube an Fortschritt und die Betonung des sozialen Settings haben ihre dunkle Seite. Das Großziehen, häufig gleichgesetzt mit der Mutter, wurde verantwortlich gemacht, wenn etwas schief gelaufen war: Die Homosexualität des Sohnes wurde erklärt durch eine dominante Mutter, ein autistisches Kind wurde durch eine kalte und distanzierte Mutter erklärt, und zweideutige Botschaften einer Muttern resultieren in einer Schizophrenie des Kindes, das aus den „Klauen der schädlichen Familie“ befreit werden muss. Zudem wurden Transsexuelle als psychotisch stigmatisiert, kriminelles Verhalten war das Resultat aus dem Umgang mit falschen Menschen, ein dürres Model verursacht Anorexie bei anderen Mädchen, und Missbrauch und Verwahrlosung resultieren in Borderline-Persönlichkeiten. Keine dieser Ansichten hält einer Überprüfung stand.

4. Als ich Ihr Buch las, dachte ich oft: Ich lebe in einer vollkommen asozialen Gesellschaft. Neu an dieser Erkenntnis war für mich nur: Wir alle sind asozial und der vermeintliche Sozialstaat so sehr viel mehr als der Bettler auf der Straße.  In Ihren Beschreibungen taucht das Wort asozial allerdings niemals auf. Sie verwenden ein besseres Wort. Wieso?

 Ja, wir leben in einer asozialen Gesellschaft, in dem Sinne, dass wir uns nicht in dem Ausmaß um die Menschen kümmern, die weniger Potentiale besitzen, weil sie Pech in der Zeit ihrer Hirnentwicklung hatten. Genau so wenig kümmern wir uns um Ältere, die klar altersbedingte Hirnstörungen haben. Wenn ich über „antisozial“ spreche, betrifft das Menschen die unserer Gesellschaft schaden. Das kann auch einen genetischen oder pränatalen Grund haben (z.B. Rauchen einer Schwangeren oder schlechte Plazenta-Funktionen), oder aber auch postnatale Widrigkeiten wie Misshandlung oder Vernachlässigung.

5. Sie glauben, dass die Justiz unwirksame Strafen anwendet. Glauben Sie, dass es wirksame Strafen geben kann und haben Sie vielleicht sogar eine Vorstellung davon, wie eine Alternative aussehen könnte?

 Das Hauptproblem besteht darin, dass die Justiz – im Gegensatz zur modernen Medizin – nicht beweisgesteuert arbeitet. Neue Strafverfahren müssen genau so getestet werden wie neue Medizin. In kontrollierten Versuchen in denen Einzelne willkürlich alten und neuen Strafen zugewiesen werden und die Effektivität durch langfristige Nachfolgestudien überprüft wird.
Darüber hinaus werden Jugendstraftäter ins Gefängnis gesteckt. Sie leben dort mit „professionellen“ Kriminellen zusammen, die ihnen den Job beibringen. Zu dieser Zeit wird aber ihr schulisches, gesellschaftliches und berufliches Training unterbrochen, so dass sie nach der Entlassung kaum andere Chancen haben als eine kriminelle Karriere einzuschlagen. Ein Richter sollte sich verpflichtet fühlen, einen Angeklagten nicht der Schule zu entziehen. Weitergehend gibt es eine nachgewiesen sehr hohe Anzahl an psychiatrischen Störungen bei jugendlichen Gewalttätern – um genau zu sein 90% aller männlichen Straftäter in dieser Kategorie. Psychologische und psychiatrische Betreuung hat bei diesen Straftätern oberste Priorität.

6. Sie fordern z.B. dass die Anwendung des Erwachsenenstraferechts auf das Alter von 23 – 25 Jahren angehoben werden sollte, während es in unserer beider Länder immer wieder Stimmen gibt, die es am liebsten auf 16 herabsetzen würden. Wie begründen Sie dieses Anliegen?

 Das Strafrecht sollte die Reife des Gehirns mehr in Betracht ziehen. Die Entwicklung des prefrontalen Cortex ist ein langsamer Prozess der mindestens bis zum 25ten Lebensjahr dauert. Erst in diesem Alter ist ein Individuum voll ausgestattet, um seine Impulse zu kontrollieren und moralische Urteile zu treffen. Auf der Basis dieses neurobiologischen Wissens sollte man die Anwendung des Erwachsenenstrafrechts nicht auf das Alter von 16 hinabsetzen, wie es einige Politiker fordern, um Wechselwähler auf ihre Seite zu ziehen. Vielmehr sollte es angehoben werden auf das Alter zwischen 23 und 25, weil erst dann die Gehirnstrukturen vollständig ausgebildet sind.

7. Zuletzt interessiert mich ihre persönliche Meinung zu der Frage, ob die internationalen Regierungen in ihrer Arbeit wissenschaftliche Erkenntnisse genügend berücksichtigen. Wie denken Sie über die Kommunikation zwischen Wissenschaft und Regierung?

 Es wurde schon gesagt, dass mein Buch eine Pflichtlektüre für jedes Parlamentsmitglied sein sollte. Leider sind Politiker nur an kurzfristigen Plänen interessiert, die ihnen mehr Wählerstimmen versprechen. Also muss ich mit meinen Ideen erst einmal an die Öffentlichkeit gehen, damit diese mehr Wissen über die sozialen Konsequenzen durch die Hirnforschung erlangt, so dass dann ein Druck auf die Politik entsteht.
Inzwischen habe ich mit professionellen Organisationen gesprochen, die aus den Fachgebiete wie z.B. Justiz, Kinderpsychiatrie, Pädagogik oder Medizin kommen. Seit dem Erscheinen meines Buches in den Niederlanden vor zwei Jahren bin ich zu Hunderten Vorträgen eingeladen worden. Mehr als 350.000 Bücher sind allein in den Niederlanden verkauft worden und es wird weiter besprochen. Hoffentlich hat es langfristig einen verbessernden Einfluss auf unsere Gesellschaft.

8. Meinem Gehirn war das Lesen Ihres Buches eine reine Freude. Herzlichen Dank, Herr Swaab.

Danke für dieses tolle Kompliment! Zumindest ein Gehirn habe ich stimuliert!

Wer sein Hirn nun ebenfalls gerne stimulieren möchte, dem sei die Lektüre von Swaabs Buch empfohlen: „Wir sind unser Gehirn“, erschienen bei Droemer im Jahr 2011

  • ISBN-10: 3426275686
  • ISBN-13: 978-3426275689

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We are our brain – Interview with the brain scientist Dick Swaab

1.After reading your book I saw brains everywhere for some time. You explain nearly every human behaviour throughout biochemical processes within the brain. The subtitle already reveals that the brain is in charge for our whole behaviour. You explain why homosexuals are homosexual, how crime is mirrored within the brain, why mothers and fathers always behave in certain patterns, etc. Would you be so kind as to give our readers some short insights into those phenomena?

Starting in the womb and continuing in the first years after birth our brains develop, at super-fast speed, into a network of 100 billion neurons and 1000 times 1000 billion contact points between nerve cells, the synapses. These nerve cells are connected by over 100,000 kilometres of nerve fibers. The uniqueness of our brain is due to a combination of our genetic background and the programming that takes place during its development in the womb; in this way most of our character traits, talents and limitations are fixed at an early developmental stage. This goes not only for things like being a morning or an evening person, our degree of spirituality, and our chances of becoming neurotic, psychotic, aggressive, anti-social or non-conformist, but also for our chances of developing brain diseases such as schizophrenia, autism, depression and addiction. Our genetic background and all the factors that have had their way with our brain during development have lumbered us with ‘internal limitations’ and make it impossible for us to change our gender identity, our sexual orientation, the level of our aggression, our character, our religion or our mother tongue. By the time we are adults, our brains have largely ceased to be susceptible to modification. Of course we keep on learning and adapt our behavior, but our character is fixed, determined by the way our brain was built. We are our brain.

2. I understand your book as a friendly invitation to a more open and tollerant world. But I assume that a lot of people do not like your thesis that 30% of all Europeans can be diagnosed with a form of brain disease. How do you reply to those critics?

In the first place we live in a society that becomes more and more complex and demanding. That causes serious problems for an increasing number of people that had bad luck in the period of their brain development, by their genetic beackground, an impaired placenta function, exposure to alcohol, smoking, medicines or other chemicals in the womb or postnatal early-life adversities such as abuse and neglect. These factors may cause mental retardation, or psychological or psychiatric problems. Our society does not give those people sufficient attention, nor provides them with simple and adapted jobs for a decent living.
In the second place, more and more people are becomming very old, and there are brain diseases that are age dependent, such as Parkinson’s disease or Alzheimer’s disease. The prevalence of Alzheimer’s disease is even increasing exponentially with age. Also this group of people gets unfortunately less attention than they should get, mainly for financial reasons.

3. On the one hand, you claim that the character of a human being is inborn and that education, upbringing, and environement have minor influence on it. On the other hand, at one point in your book you state that in our ghettoized society people infect each other with their brain-diseases throughout reproduction. Could you explain the neurologic developement of a person in detail, having in mind all inner and outer influences?

In the first place is the genetic background one gets from his parents of tremendous importance. Subsequently, after conception does the environment have a strong influence. The earlier in development the stronger and more permanent such effects are. But that concerns mainly not the social environment but the chemical environment in the womb (see also above). After birth the child should develop the potentials of his brain in a safe, warm and stimulating environment. A good school and eduation is also of great importance, but it should be noted that, although it may change our behavior, it does not change our character anymore. Of course, whatever we learn is stored in our memory. There is thus some form of plasticity, and thus it is possible – at a later stage – for society to have some measure of influence on our behaviour, but not on our character. Changes in behaviour, brought aboutby clinical psychologists and psychiatrists, with great difficulty, cannot undo the character problems that originated during their early development. Tellingly, the word ‘character’ comes from the Greek for ‘imprinted, ingrained’. However, the changes in behavior brought about by therapy do tend to help people with personality disorders to deal better with their character problems. My view on brain development is the exact opposite of the belief in makability that was propagated in the 1960s and 1970s, in the western world, when behavioural sex differences were blamed on the male-oriented society and it was thought that women suffered from depression twice as often as men, because they led tougher lives. The thinking was that, as these problems were caused by the social environment, changing the social environment would make the problems disappear. But the belief in progress and the importance of the social setting also had its darker sides. One’s upbringing, often synonymous with ‘one’s mother’, was blamed when things went awry: a son’s homosexuality was caused by a dominant mother, an autistic child was blamed on a cold, distant mother, and mixed messages from the mother resulted in a schizophrenic child that needed to be rescued from ‘the jaws of this harmful family’. In addition, transsexuals were deemed psychotic, criminal behaviour was the result of associating with the wrong people, a skinny fashion model caused an anorexia nervosa epidemic in other girls, and abuse and abandonment resulted in borderline personality disorder. None, of these views have stood the test of time.

4. While reading your book, I constantly thought that I live in a completely unsocial society. The new insight for me was: we are all unsocial and the assumed social state is so much more than the beggar on the street. But you never use the word „unsocial“. You use a better word (antisocial). Why?

Yes, we live in an ‚unsocia‘ society, in the sence that we do not care sufficiently for those people who have less potentials because of bad luck during brain development, nor for the elderly with age-related brain disorders. When I talk about ‚antisocial‘ it concerns persons who damage our society. This can also have a background in genetics, intrauterine factors (e.g. smoking of the pregnant mother or a bad placenta function), or postnatal early-life adversities such as abuse and neglect.

5. You think that justiciary applies useless punishments. Do you think that there is any form of useful punishment? Do you probably have an idea how alternatives could be realized?

The main problem ist that justice, in contrast to modern medicine, is not working in an evidence based way. In fact a new punishment should be tested in the same way as a new medicine, in a well controlled trial, in which subjects are assigned at random to a new or old punishment and the effectiveness of the punishment should be determined in longterm follow-up studies.
Moreover, if young offenders are put in prison, they will live together with ‚professional‘ criminals that may teach them their profession. In the mean time their school or professional training in the society is interrupted, so that after they leave the prison, they have little other possibilities than choosing for a criminal carrier. So a judge should oblige the offender to follow schooling.
Furthermore, a strikingly high incidence of psychiatric disorders is found among delinquent youths imprisoned for violent crimes – as high as 90% of the total group in the case of adolescent males. Psychological and psychiatric treatment of such offenders should get priority.

6. You call for an upflifting of the adultery penal law to the age of 23-25.  Meanwhile our countries discuss a lowering to the age of 16. Could you give us some arguments for your position?

Criminal law should take more account of brain maturation. The development of the prefrontal cortex is a slow process, continuing at least until the age of 25. So it is only as of this age that an individual is fully equipped to control their impulses and make moral judgements. On the basis of neurobiology, therefore, the age at which offenders are tried under adult criminal law should not be reduced to, say, 16, as some politicians are urging in an effort to woo voters, but should rather be raised to an age at which the brain structures are mature, at around 23 to 25.

7. Last, I am interested in your position on the following questions: Do governements consider scientific findings in an appropriate amount? What do you think about the communication between science and governement?

It has been said that reading my book should be an obligation for members of parlement. Unfortunately, however, politicians are only really interested in short term plans that give a rise in votes. So with my ideas I first have to go to he general public that should get more knowledge of the social consequences of the findings of brain research and subsequently put pressure on politics. Meanwhile I talk with prosessional organisations e.g. on justice, child psychiatrists, teachers, docters etc etc. Since my book appeard two years ago in the Netherlands I have given hundreds of invited lectures. More than 350.000 books are sold in the Netherlands, and it is continuously discussed. On the long term it may hopefully improve society a bit.

8. The reading of your book has been pure joy for my brain. Thank you very much, Meneer Swaab.

Thanks for this great compliment! At least one brain has been stimulted!

Buschkowsky-Debatte: Wir sprechen immer noch über Rassismus

In Gewalt in Kommunikation, Netzschau on Oktober 23, 2012 at 9:19 am

english version below

Gastbeitrag von Meike Büttner im Berliner Tagesspiegel am 23. Oktober 2012:

Ich habe Heinz Buschkowsky Rassismus vorgeworfen und ich tue es noch. Die Neuköllner SPD ist der Meinung, dass das Gespräch beendet ist und dass ich mich nicht wundern muss, wenn ich nun dafür verfolgt werde, dass ich meine politische Einstellung eben an der falschen Stelle geäußert habe. Hunderte von Menschen haben diese Meldung als Bestätigung empfunden und belästigen mich nun umso stärker. Nun erhalte ich zum Beispiel Mails, in welchen man mir schreibt: „Da, Du Volksverräterin. Deine Regierung ist auch gegen dich.“

Ich habe Herrn Buschkowsky nie einen Rassisten genannt und finde das auch nicht richtig.

Ich möchte Personen nicht klassifizieren und ich finde nicht, dass es bei so wichtigen Themen wie dem Rassismus um Personen gehen sollte. Weder um meine, noch um die des Neuköllner Bürgermeisters. Ich habe den Vorwurf erhoben, dass in Buschkowskys Buch getroffene Aussagen wie »Mit den Afrikanern ist noch mehr Brutalität, Drogen- und Alkoholmissbrauch eingezogen. Türkische und arabische Männer sitzen in den Cafés. Afrikanische Männer sitzen zu Hause, sehen fern, spielen, telefonieren und trinken. Afrikaner lassen sich noch schwerer in die Karten schauen als die anderen Ethnien« ganz klar Rassismus darstellen. Das ist per Definition Rassismus und diese Tatsache ist auch gar nicht streitbar. Da Rassismus immer auf Missverständnissen und Angst basiert, ist es ein Thema, über das man sich dringend auseinandersetzen muss. Da diese Form der Gewalt in unserem Leben einfach vorkommt, können wir nicht so tun, als wären wir blind, und diesem Gespräch immer wieder aus dem Weg gehen. Ich habe das Gespräch darum gesucht.

Nachdem die SPD Neukölln nicht nur den Rassimusvorwurf einfach abgewunken hat, sondern auch noch indirekt erklärte, dass  sie es für legitim halte, meine Person gewalttätig zu verfolgen, habe ich den Pressesprecher der SPD Neukölln, Joschka Langenbrinck, um ein Gespräch gebeten. Ich wollte mit ihm den Rassismusvorwurf klären und ihn fragen, wieso die SPD Neukölln es für gerechtfertigt hält, dass Menschen Straftaten gegen mich verübt haben. Ich wollte ihm berichten von der sexuellen Diskriminierung, die mir widerfahren ist, von dem Mobbing und Hacken meiner Internetseiten. All diese Vorgänge stellen Straftaten dar, die Herr Langenbrinck im Namen der SPD billigt. Berücksichtigt man diese Straftaten und die Aussage Herrn Langenbrincks, dass ich mich darüber nicht wundern müsse, kommt man ganz schnell zu dem Schluss, dass die SPD Neukölln sexuelle Diskriminierung, das Androhen von körperlicher Gewalt und politische Verfolgung unterstützt. Nachdem Herr Buschkowsky in seinem Buch ja ebendiese Vorgänge verurteilt, komme ich allerdings zu dem Schluss, dass Herr Langenbrinck sich geirrt haben muss.

Ich denke nicht, dass die SPD hinter solchen Aussagen stehen kann. Ich denke, Herr Langenbrinck muss sich geirrt haben, als er mir schlussendlich eine SMS schrieb, in welcher er erklärte, dass ein Gespräch nichts bringen würde. Er ging sogar noch weiter: Er bediente sich der genau gleichen Methoden wie meine Verfolger im Netz und recherchierte einen Schwank aus meinem Leben, um diesen plötzlich zum Inhalt der SMS zu machen. Das finde ich erschreckend. Es geht hier um Rassismus und nicht um meine Person. Erschreckend genug, dass man dem Dialog darüber aus dem Weg geht. Erschreckend auch, dass unter unserem virtuellen Streitgespräch im Tagesspiegel hunderte von Kommentatoren sich in Diskussionen über die beteiligten Personen ergießen, während zum Beispiel der Tagesspiegel-Artikel, der davon handelt, dass einer der V-Männer Gründer einer Ku-Klux-Klan-Gruppierung war, weniger als zehn Leserkommentare generiert. Über Rassismus möchte offenbar niemand reden. Lieber über Personen.

Am meisten hat es mich am Ende tatsächlich erschreckt, dass Herr Langenbrinck sich auf das Niveau der Internettrolle herabließ, indem er versuchte, mich zum Thema dieser Debatte zu machen. Meine Damen und Herren, es geht nicht um Buschkowsky und schon erst Recht gar nicht um mich. Es sollte auch in einer Justizkritik nicht um einen Kachelmann gehen oder in der Systemkritik um eine Julia Timoschenko. Es geht darum, dass unsere Politik nicht einfach nur Polemik und Personenkult sein darf. Es gibt in diesem Land genügend Stammtische, in den Rathäusern sollten sie lieber nicht stehen. Den Vorwurf, dass sich in Buschkowskys Buch rassistische Aussagen finden, zu denen eine sozialdemokratische Partei dringend Stellung beziehen sollte, halte ich selbstverständlich aufrecht. Nur darum sollte es gehen.
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Buschkowsky- Debate: We are still talking about racism
This article has been published in Berliner Tagesspiegel the 23rd of octobre 2012
I accused Heinz Bushkowsky of racism and I am still doing it. The Neukölln SPD (party of social democrats) has the opinion that this dialogue has been closed and that I might not be wondering, that I am now being haunted for advancing my opinion at the wrong place. Hundreds of people considered that their authentication for now blaming me even harder. I am receving mail saying: “There you are, demagogue. Even your Council is against you.”I never called Buschkowsky racist and I actually don’t think like that.I don’t want to classify people and I don’t think, that big issues like racism should be about single persons. This chat is not about me or the Neukölln major. We are talking about racism.
I reproached that statements in his book like the following are clearly racism:“With the Africans even more brutality, drug- and alcoholabuse has been moving in. Turkish and Arabic men are sitting in cafés. African men are sitting at home, watching tv, play, phone and drink. They are even harder to look through than the other ethnics.”This is racism per definition and this fact is not disputatious.
Racism always bases on fear and misunderstandings. That is the reason why we need to altercate with it because this kind of violence is just happening. We can’t just close our eyes and always try to pass this conversation. That’s why I tried striking up this conversation.After Neukölln SPD not just waved aside the Accuse of Racism but even legitimized, haunting me with violence, I asked the spokesmen Joschka Langnebrinck for a talk. I wanted to clear the claim of racism and ask him why his party finds criminal offenses, like had happened in this case, justified. I wanted to report about the sexual discrimination which has happened to me, about this mobbing, and the hacking of my webpage. All those are criminal offenses, Mr. Langenbrinck endorses in the name of the Neukölln party of social democrats. In other words:Neukölln Party of Social democrats is approving sexual harassment and violence. After Bushkowsky otherwise claims exactly facts like those in his book and condemns them, I have to think that Langenbrinck must have been made a mistake.I do not think that the SPD can stand behind statements like that. I think he must have been totally wrong, sending me a text message in which he explained that the dialogue wouldn’t be necessary. He even kept on moving forward and used the same method my chasers do: He investigated my background story and tried to put the subject on me. This kind of dealing with this issues really scares me. It’s all about racism, it’s not about my person.

Alarmingly enough, that everybody always is trying to avoid this dialogue. Even more alarmingly that an article posted at the same time in the same newspaper about a German Officer for the Protection of the Constitution being founder of a Ku Klux Klan generated less than ten comments, while our dispute generated hundreds of reader-comments. Every one of them just about the person of Buschkowsy or mine. Obviously nobody wants to talk about racism. Rather talk about people.

In the end, the thing that terrified me the most was, that Langenbrinck descented to the level of those internettrolls by trying to put the subject on me. Ladies and gentlemen, it’s not about Buschkowsky or Langenbrinck and is less than ever about me. Politics should not just be polemics or some personality cult. That’s a bar room level that should not be spoken in a town hall. I am still accusing some statements in this book racism. And I think this is a fact a party of social democrats should really need to deal with. This is what it should be all about.

Rassistische Hetze nach Gewalttat am Alexanderplatz

In Gewalt in Kommunikation, Netzschau on Oktober 19, 2012 at 8:44 am

english version below
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Mit freundlicher Genehmigung von Bernd Matthies veröffentlichen wir seinen Artikel aus dem Tagesspiegel vom 18.10.2012.

Nach der tödlichen Gewalttat am Alexanderplatz gibt es ein Kondolenzbuch, dort aber finden sich mehrere fremdenfeindliche, hetzerische Sprüche. „Wann werfen wir dieses Pack aus der Heimat?“, fragen Unbekannte mit Blick auf die Täter. Diese rassistische Selbstgewissheit des Spießertums macht frösteln.

Wenn sich in einer Gesellschaft etwas zusammenbraut, dann merken wir das an vermehrten Tabubrüchen. Es sind kleine Risse, denen größere folgen – es kommt eine verhängnisvolle Mechanik in Gang, der die Politik entschlossen gegensteuern muss. Da wird beispielsweise ein Rabbiner verprügelt, weil er Rabbiner ist. Auf U-Bahnhöfen und Straßen kommt es zu rätselhaften, unmotivierten Gewaltakten, und nun stirbt ein junger Mann einfach deshalb, weil andere gerade Lust auf seinen Tod hatten.

Es kann jeden treffen, das ist neu.

Doch auch die hetzerischen Sprüche im Kondolenzbuch für diesen traurigen Vorfall sind ein Tabubruch. Es gab mehrere fremdenfeindliche Eintragungen, dabei handelt es sich mit Blick auf die mutmaßlichen Täter etwa um Fragen wie „Wann werfen wir dieses Pack aus der Heimat?“. Ausgerechnet dort, wo unbeteiligte Menschen ihre Trauer ausdrücken können, um die Angehörigen des Opfers ein wenig zu trösten, ausgerechnet dort bricht nun jene Haltung durch, die wir mit routinierter Ironie als „gesundes Volksempfinden“ bezeichnen: die aggressive, in diesem Fall rassistische Selbstgewissheit des Spießertums. Es sind vermutlich ähnliche Gestalten wie jene, die kürzlich in der „Abendschau“ am Tatort herumkrakeelt haben, und sie machen frösteln.

Es braut sich etwas zusammen. Wir müssen hoffen, dass die Politik die Zeichen erkennt und Berlins Mordermittler ihrem Ruf gerecht werden – damit die Täter bestraft werden, und nur sie.
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Racist agitation after act of violence on Berlin Alexanderplatz

This article of Bernd Matthies has been published in the newspaper Berliner Tagesspiegel on Octobre the 18th.

If something concocts in society, we recognize it by increased breaking of taboos. It is  short cracks first followed by bigger ones –  a fatal mechanism gains momentum, which politics has to go against determinedly. There is this rabbi for example, who gets battered, just because the fact he is a rabbi. Baffling unmotivated acts of violence are happening in subway-stations and on the streets, and now a young man dies, just because of some others were willing to kill.
It can happen to everyone. Without a cause. This is new.

Even those agitations in the book of condolence are a breaking of taboo. Xenophobic statements have been written down, dealing with the as foreign described offenders by claiming questions like: “When do we finally expulse this pack from our homeland?” Just where uninvolved people have the opportunity to express their dolor and to cheer up the victim’s family a little, we can see the outbreaking attitude that we with usual irony trivialize by calling it  popular sentiment (in German there is a even more propagandistic word for that, which is hard to translate. It transports the belief, that it would be righteous, true and even healthy. We call it “gesundes Volksempfinden”): this aggressive, in this case racist self-certitude of the Babbittry. We could even see them jelling in the tv-reports about the murdering and they cause shivering.

Something concocts. We have to hope, that politics is recognizing the signs and that Berlin´s so called murders investigators live up to their names to punish the offenders, and just them.

In Netzschau on Oktober 15, 2012 at 11:19 am

Ein sehr schöner Beitrag zur Verurteilung der Texanerin Elizabeth Escalona – verklagt wegen Kindesmisshandlung.

Dr. Mutti

Mutter klebt Hände der Tochter an die Wand“ – Die Meldung über die Verurteilung der Texanerin Elizabeth Escalona, die ihre zweijährige Tochter so brutal misshandelt hatte, dass diese Hirnblutungen und Rippenbrüche erlitt und für mehrere Tage ins Koma fiel, geht seit gestern durch die Presse.

Das Entsetzen über die Tat ist wie immer groß – wobei das skurrile Händefestkleben überdurchschnittlich viel Aufmerksamkeit bekommt, denn das war ja trotz aller Grausamkeit und fehlendem Respekt gegenüber der Integrität eines Kindes nicht der eigentliche Grund für die lebensgefährlichen Verletzungen. Warum wird also ständig über den Sekundenkleber geredet? Für das Gericht spielt es sicher eine Rolle, da es ein Form des planvollen Handelns suggeriert. Für die Medien eignet es sich herrlich als Aufmacher und Schlagzeile und garantiert Aufmerksamkeit. Aber natürlich trägt die Betonung dieses grausamen und gleichzeitig irrationalen Details auch dazu bei, das Verhalten der Mutter als abartig, verrückt und nicht nachvollziehbar…

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Was redest Du?

In Gewalt in Kommunikation, Staatsgewalt on Oktober 13, 2012 at 10:10 am

„Die Sprache ist das ausführende Organ des Gedanken.“
Ludwig Wittgenstein

Mit Sprache machen wir was. Wir tun Dinge. Wir verständigen uns nicht nur, sondern loben, schmeicheln, verletzen, schlagen mit Worten. Unser Handeln, dessen wesentlicher Bestandteil unsere Worte sind schafft Realität. Der Mensch, der sagt, er verspricht einem anderen etwas, sein Wort aber nicht hält, gilt als unzuverlässig. Sprache ist also an relativ einfache Gelingensbedingungen geknüpft.
Aber Sprache ist auch dieses eigenartig verwobene Netz. Ein Wort bezieht sich auf ein anderes. Hinter einem Wort können Erinnerungen, Gefühle, Farben und ganze Welten liegen. Verschwinden Worte, verschwinden Ideen.
Seit der Einführung der Agenda 2010 gibt es die Worte HartzIV, Arge, Jobcenter und viele andere Worte mehr. Die Neubenennung von Dingen ist erst einmal nichts dramatisches. Dramatisch ist die Ideen-Auslöschung die in diesem Fall damit einhergeht. Das Wort Sozialhilfe ist seit dem mehr und mehr aus dem Sprachgebrauch verschwunden. Eine sehr vielschichtige Gruppe von Menschen wird unter dem Begriff HartzIVler geführt. Gleichzeitig ist dieser Begriff mit der Zeit völlig stigmatisiert worden. Sie gelten als arbeitsscheu, faul, bildungsfern. HartzIVler sind eigentlich schon abgeschrieben. Das Lumpenproletariat, dass eigentlich keiner braucht, aber da ist. Menschen mit keinerlei Nutzen für die Gesellschaft.
Die Idee, dass es sich um wie auch immer benachteiligte Menschen handelt, die auf Hilfe der Gesellschaft angewiesen sind, ist nach und nach ausradiert worden. Die Schwachen sitzen jetzt in einem Boot mit den Unwilligen. Das führt zu zwei Problemen. Das erste rührt daher, dass ein gesellschaftliches Prinzip aufgehoben wird, da Politik als Erfüllungsgehilfe der Wirtschaft fungiert. Dies ist eine Verschiebung in unserer Sprache die Menschen einzig nach dem Nutzen für die Wirtschaft beurteilt. Ein Mensch der seine Arbeitskraft nicht zur Verfügung stellen kann – aus welchen Gründen auch immer – fällt heraus aus dem relevanten Rahmen und ist sich selbst überlassen.
Diese Verschiebung findet auch an anderen Stellen statt. Durch europaweit normierte Studiengänge an den Universitäten – transparent geworden durch Credit-Point Systeme – zieht eine Verschiebung vielleicht auch Ausradierung des Bildungsbegriffs mit sich. Wenn alle Vergleichbar sind, kommt es auf die Schnelligkeit an. Je schneller ich mit besseren Noten abgeschlossen habe, umso besser bin ich qualifiziert. Heutige Universitäten bilden nicht, sondern bilden aus. Menschen werden für den Markt brauchbar gemacht. Das Bildung aber etwas ist, dass organisch wächst und nicht ähnlich einem Software-Update vollzogen wird, geht dabei verloren. Das maschinistische Menschenbild durchzieht unsere Sprache immer mehr. Wir machen Sport um leistungsfähig zu sein, Krankheiten sind Defekte, die durch Systemeinstellungen in Form von Medikamenten behoben werden können. Das Hirn ist ein Computer der unglaubliche Speicherkapazitäten hat und elektronische Medien sind Verlängerungen unserer Gliedmaßen.
Wir leben in Metaphern. Metaphern sind aber nicht einfach nur Worte, sondern hinter ihnen liegen Welten, die bestimmte Dinge hervorheben, andere aber ausblenden. Die Maschinen-Metapher bezeichnet den Mensch in immer mehr Diskursen. Sie teilt uns auf in nutzlosen Elektro-Schrott und leistungsfähige Supercomputer. Vielleicht wäre es möglich nicht mehr zeitgemäße Modelle upzudaten, aber lohnt sich der Aufwand? Ist das effektiv?
Wenn wir uns auf diesen Gedanken einlassen führt uns das zum zweiten Problem: Wenn Menschen wie Maschinen betrachtet werden, löscht das nach und nach einen sozialen Gedanken. Das ist verbunden mit einer immensen Bedeutungslosigkeit des Einzelnen. Gleichzeitig wird das politische System als gleichgeblieben wahrgenommen, da es sich auf sprachlicher Ebene nicht verändert hat. Wir leben in einer Republik, in der es große Volksparteien gibt, die sich für ein starkes Deutschland einsetzen.
Hier findet seit Jahren eine sprachliche Verschiebung auf anderer Ebene statt. Themen wie Integration, Umgang mit Einwanderern und anderen Schwachen unterliegen einem Überschriftenwechsel. Die Art und Weise wie immer wieder über beispielsweise Migranten gesprochen wird, hat sich nicht grundlegend verändert. Verändert hat sich, dass die großen Volksparteien die Argumentationen der extremen Parteien übernehmen. Dadurch findet eine Verschiebung nach rechts statt. Allerdings sind dies Parteien der Mitte. Wenn also die Mitte so spricht, kann es ja gar nicht rechts sein. Ist es allerdings doch. Eben weil Sprache Realität formt. Die Begriffe Sozialdemokratisch, Christlich-Demokratisch, Grün oder Liberal sind sinnentleert worden durch die Komplizenschaft mit der Wirtschaft. Die unter den leeren Überschriften stattfindenden Gespräche aber sind rassistischen Ursprungs und verstärken sie. Schaffen also eine rassistische Realität. Wir sind wieder bei dem Versprechen vom Beginn. Ich sage, dass ich etwas tue, mache es aber nicht. Ich behaupte ich sei Demokrat, meine Sprache, also mein Handeln ist allerdings rassistisch.
Wir sollten uns immer wieder daran erinnern, dass wir Dinge tun, wenn wir sprechen. Das kann manchmal fürchterlich anstrengend und lästig sein. Aber es gibt auch eine gute Nachricht. Wir können durch unsere Sprache die Welt verändern. Jede Idee die gedacht und ausgesprochen wird, bleibt als Möglichkeit bestehen. und dadurch erhöht sich die Wahrscheinlichkeit der Wiederholung um ein Vielfaches. Wir sind nicht grenzenlos frei in unseren Handlungen, aber wir haben unsere Sprache die viel mehr verändern kann als wir vielleicht dachten.
„Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt.“
Ludwig Wittgenstein
Ein Text von Can Gezer

Die Herren des Hungers

In Netzschau, Staatsgewalt on Oktober 13, 2012 at 7:22 am

Dieser Gastbeitrag von Wolfgang van Deuverden wurde am 10.10.2012 im FREITAG veröffentlicht. Der in Klammern erwähnte Schaukasten fehlt in der Onlineversion leider. Eine Klassifizierung der Rohstoffe findet man aber zB. hier.

Weltmärkte. Rohstoffspekula­tion ist ein gutes Geschäft. Die Erfinder der Fonds nennen ihre Profitziele erstaunlich offen. Verantwortlich für den Hunger sehen sie sich nicht.

Hunger ist in aller Munde. Intensiv wird derzeit geforscht nach den Verursachern einer globalen Katastrophe, deren grausame Bilder aus vielen Regionen der Welt uns Tag für Tag erreichen. Die Spekulation auf die Preise von Agrarrohstoffen wird als einer der Gründe für den Preisanstieg von Nahrungsmitteln gesehen, „Banken und Spekulanten“ werden als Schuldige benannt. Wie aber funktioniert dieses System? Und sind es wirklich anonyme Organisationen, die im Verborgenen handeln und auf diese Weise den Hunger der halben Welt mitbestimmen?

Allenfalls Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann wird derweil als persönlich haftbar ausgemacht. Nach öffentlichem Druck hat er inzwischen eine Überprüfung der Spekulationsgeschäfte mit Agrarrohstoffen anberaumt und versichert: „Kein Geschäft ist es wert, den guten Ruf der Deutschen Bank aufs Spiel zu setzen.“ Doch wirft Ackermanns eilfertige Ankündigung Fragen auf. Schon sein Hinweis auf die nun notwendige Recherche, ob die an sein Unternehmen gerichteten Vorwürfe überhaupt zuträfen, scheint eine Nebelkerze. Denn die Deutsche Bank hat den am schwierigsten zu rechtfertigenden Fonds gezielt aus Bank und Tochterunternehmen ausgegliedert und in die USA umgesiedelt, wo er jetzt von einem US-Unternehmen betreut und weltweit vermarktet wird.

 

Geld sucht „sicheren Hafen“

Was aber macht die „Anlageklasse Rohstoffe“, die Spekulation auf Nahrungsmittel, Agrarflächen oder, wie im Falle des DWS-Deutsche-Bank-Fonds „Invest Global Agribusiness“, gleich „entlang der ganzen Wertschöpfungskette“ überhaupt so attraktiv? Ursächlich sind zunächst die fallenden Erträge festverzinslicher Wertpapiere aller Art. Deshalb ist in den Hocheinkommensländern wie auch in den Schwellenländern viel Kapital auf der Suche nach einem „sicheren Hafen“. Investmentfonds sammeln dieses Geld und schichten die Anlagen hin zu den Rohstoffen um, da diese große Erträge versprechen.

Für die Entwicklungsländer bedeutet dies eine fatale Entwicklung. In Haiti zum Beispiel, das Reis und Weizen einführt, stiegen die nominalen Importpreise von 2000 bis 2008 um 190 Prozent. Arme Haushalte versuchen wegen der hohen Preise, beim Essen zu sparen – oder die Mehrkosten irgendwie bei anderen Ausgaben, etwa für Gesundheit oder Schule, auszugleichen. Viele in den ärmsten Ländern verhungern.

Der Handel mit Rohstoffpapieren wird auf verschiedenen Marktebenen abgewickelt (siehe Kasten). Zum Teil werden Agrarzertifikate mit anderen Anlagen gemischt, um das Risiko für den Anleger abzufedern. Insgesamt umfassen die in Deutschland gehandelten rohstoffbezogenen Fonds ein Anlagevermögen von 4,4 Milliarden Euro. Im Rennen sind dabei nicht nur die Fonds der Großen wie Deutsche Bank, Société Générale oder Commerzbank. Auch viele kleine Anbieter tummeln sich in diesem lukrativen Marktsegment.

Alle diese Fonds eint ein organisatorischer Umstand: Sie alle haben einen verantwortlichen Fondsmanager. Diese Manager bestimmen Struktur und Inhalt des Fonds, verantworten „Performance“ und Investitionen. Sie sind die Stars ihrer Branche, die Herren der Fonds. Ralf Oberbannscheidt ist so ein Fondsmanager. Gemeinsam mit seinem Kollegen Oliver Kratz verantwortet er von New York aus die fast 2,5 Milliarden US-Dollar Vermögen des DWS-Fonds „Invest Global Agribusiness“. Dieser Fonds wirbt damit, dass „die negativen Folgen des Klimawandels ein Übriges tun könnten, um Lebensmittel knapp zu halten bzw. zu machen“. Er hält Aktien des Chemieriesen Monsanto, daneben sind 9,3 Prozent der Gesamtsumme in Nahrungsmittel und Fleisch investiert – also fast 250 Millionen Dollar. Ein solcher Gigant ist eine Marktmacht globaler Größe, der „entlang der ganzen Wertschöpfungskette“ mitbestimmen kann. Die Deutsche Bank lässt ihn unauffällig von den USA aus handeln.

 

Langfristige Perspektive

Verantwortung für den Hunger sieht Oberbannscheidt bei seinem Fonds nicht. Gestiegene Preise für Agrarrohstoffe bezeichnet er als Anzeichen für „Ineffizienzen“. Die Fondsanteile des „Invest Global Agribusiness“ kann jeder deutsche Sparer, der mindestens tausend Euro übrig hat, übrigens bequem am Bankschalter erwerben.

Kleinere Brötchen backt da Manager Jörg Dehning mit seinem Fonds „DJE – Agrar Ernährung“ der Dr.-Jens-Ehrhardt-Gruppe aus Pullach bei München. Er verwaltet etwas mehr als 60 Millionen Euro. Der smarte Manager, der ein wenig wirkt wie Daniel Bahr mit Dreitage-Bart, wirbt mit klaren Worten um neue Anleger: „Agrar und Ernährung sind für Anleger besonders attraktive Sektoren, weil das sich weltweit abzeichnende Nahrungsmitteldefizit kein kurzfristiges Phänomen ist.“ Wem das noch nicht verlockend genug klingt, Dehning seinen Spargroschen anzuvertrauen, der kann auch überzeugt sein, dass „der globale Bevölkerungszuwachs, die Überfischung der Weltmeere und die sich ändernden Ernährungsgewohnheiten uns noch über Jahrzehnte beschäftigen werden.“

Es sind also nicht anonyme Systeme, die für Investments in der grauen Zone zwischen Rendite und Ethik verantwortlich sind. Es sind Menschen – in der Regel gut ausgebildete Männer (Frauen finden sich kaum in diesem Berufsfeld). Sie lächeln von Prospektseiten und sagen dazu Sätze, die manch einen schaudern lassen. Letztlich sind aber nicht nur Fondsmanager verantwortlich, sondern all jene, die ihnen ihr Geld anvertrauen.

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Wer zuletzt lacht, ist ein Heuchler.

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Notizen zur Arbeit der sexuellen Differenz

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