buettnerin

ICH muss sterben.

In Gewalt in Kommunikation, Staatsgewalt on Oktober 10, 2012 at 8:59 am

„(…)Da ist gleichzeitig auch der Tod des Erlösers im Gepäck. Das ist ja auch wieder das, was ich meine mit dem Wissen um die eigene Verwesung. Das müssen wir erst mal akzeptieren, dann können wir anfangen zu leben. Die Metaphysik soll uns dabei helfen zu überleben, aber wir müssen erst mal akzeptieren, – die Verwesung müssen wir erst mal akzeptieren – und dann fangen wir tatsächlich an zu leben. (…)“

                                                                                     (Christoph Schlingensief, Juli 2004)

Ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich.
Wenn ich es nur oft genug sage, klingt es wie ein kaputter Motor, der auf keinen Fall mehr anspringen wird. Und wenn es so kaputt vor mir liegt, sieht es gar nicht mehr nach dem aus, was es mal sein sollte. Es liegt so fremd plötzlich vor mir. Als könne dieses Wort niemals etwas beschreiben, was im Tiefsten mit mir verwoben ist. Es beschreibt keines meiner Wünsche. Nur noch dieses Ich zwischen Millionen von anderen Ich-ich-ich-ich-ich-ich-ichs.

Was es einmal sein sollte:
ICH habe immer Recht, ICH habe die richtige Einstellung, ICH liege so verdammt richtig auf meiner Spur, ICH zweifle an mir, aber nicht daran, dass die Einstellungen stimmen. ICH bin richtig justiert und alles läuft wie es läuft, weil es um mich geht. Das Wort Richtig klingt nach zweimal „ich“.

Und dann kommt ein anderer mit seinem Ich und auch er hat immer Recht und dabei ist er ganz anders justiert als ich. Auch wenn er „richtig“ sagt klingt es wie zweimal „Ich“ aus seinem Mund. Und wo bleibe dann ich? Dann passe ich mich an oder ich lasse mich unterdrücken oder ich schreie. Ich schreie die anderen Ichs solange an, bis sie mir immer noch nicht Recht geben und dann hasse ich sie, die anderen Ichs und dann frage ich mich, wieso sie so gemein zu mir sind. Zu MIR!

Alle Menschen hasse ich dann. Alle „Ichs“.
Was ist mit meinem Ich? In der letzten logischen Konsequenz hasse ich auch dieses und am Ende bekommen so wirklich alle Recht damit, sich scheiße zu finden. So ist es dann gut.

Oder ich versuche zu sagen: Wir.
Wir wir wir wir wir wir wir wir wir. Und das klingt dann plötzlich so, als wären wir alle ganz verwirrt. Aber wenigstens klingt es dann nicht mehr kaputt. Das ist doch was handfestes. Man kann es ja mal versuchen. Erst verwirrt sein und dann in der neuen fremden Welt nach deren physikalischen Gesetzen ein paar Häuser errichten.

Für ein Wir brauchen wir Gemeinsamkeiten, sogenannte kleinste gemeinsame Nenner. Da muss ich viel von meinem ganzen ICH rauslassen und am schwierigsten ist es dabei, sich an den Gedanken zu gewöhnen: Ich habe gar nicht immer Recht oder ich kann darauf jedenfalls gerade nicht bestehen. Weil Du, Er, Sie und Es gemeinsam beschlossen haben, dass Wir und Ihr Sie alle lieben sollt. Von uns aus. Nicht meinetwegen.

Ich liebe mein Ich und ich will es gar nicht hassen. Ich will auch weiter finden, dass es immer richtig liegt mit seinen Meinungen. Um mir das zu ermöglichen, begeh ich ein unmögliches Paradoxon und gestatte es Dir, Ihr, Ihm, Uns, Ihnen und Euch. Wir haben alle Recht heißt keiner hat Recht. Blöd, dass unser deutscher Grundsatz darauf besteht: Einigkeit und Recht und Freiheit. Denn im Recht kann es eine Einigkeit nie geben. Streichen wir das Recht. Bestehen wir auf die Einigkeit auf Freiheit. Ersetzen wir die Einigkeit durch Einverständnis und werden wir zum Land des Einverständnisses und der Freiheit. Fangen wir einfach hier unten an:

Ich, Du, Er, Sie, Es, Wir, Ihr und Sie.

Text von Meike Büttner

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