buettnerin

Was redest Du?

In Gewalt in Kommunikation, Staatsgewalt on Oktober 13, 2012 at 10:10 am

„Die Sprache ist das ausführende Organ des Gedanken.“
Ludwig Wittgenstein

Mit Sprache machen wir was. Wir tun Dinge. Wir verständigen uns nicht nur, sondern loben, schmeicheln, verletzen, schlagen mit Worten. Unser Handeln, dessen wesentlicher Bestandteil unsere Worte sind schafft Realität. Der Mensch, der sagt, er verspricht einem anderen etwas, sein Wort aber nicht hält, gilt als unzuverlässig. Sprache ist also an relativ einfache Gelingensbedingungen geknüpft.
Aber Sprache ist auch dieses eigenartig verwobene Netz. Ein Wort bezieht sich auf ein anderes. Hinter einem Wort können Erinnerungen, Gefühle, Farben und ganze Welten liegen. Verschwinden Worte, verschwinden Ideen.
Seit der Einführung der Agenda 2010 gibt es die Worte HartzIV, Arge, Jobcenter und viele andere Worte mehr. Die Neubenennung von Dingen ist erst einmal nichts dramatisches. Dramatisch ist die Ideen-Auslöschung die in diesem Fall damit einhergeht. Das Wort Sozialhilfe ist seit dem mehr und mehr aus dem Sprachgebrauch verschwunden. Eine sehr vielschichtige Gruppe von Menschen wird unter dem Begriff HartzIVler geführt. Gleichzeitig ist dieser Begriff mit der Zeit völlig stigmatisiert worden. Sie gelten als arbeitsscheu, faul, bildungsfern. HartzIVler sind eigentlich schon abgeschrieben. Das Lumpenproletariat, dass eigentlich keiner braucht, aber da ist. Menschen mit keinerlei Nutzen für die Gesellschaft.
Die Idee, dass es sich um wie auch immer benachteiligte Menschen handelt, die auf Hilfe der Gesellschaft angewiesen sind, ist nach und nach ausradiert worden. Die Schwachen sitzen jetzt in einem Boot mit den Unwilligen. Das führt zu zwei Problemen. Das erste rührt daher, dass ein gesellschaftliches Prinzip aufgehoben wird, da Politik als Erfüllungsgehilfe der Wirtschaft fungiert. Dies ist eine Verschiebung in unserer Sprache die Menschen einzig nach dem Nutzen für die Wirtschaft beurteilt. Ein Mensch der seine Arbeitskraft nicht zur Verfügung stellen kann – aus welchen Gründen auch immer – fällt heraus aus dem relevanten Rahmen und ist sich selbst überlassen.
Diese Verschiebung findet auch an anderen Stellen statt. Durch europaweit normierte Studiengänge an den Universitäten – transparent geworden durch Credit-Point Systeme – zieht eine Verschiebung vielleicht auch Ausradierung des Bildungsbegriffs mit sich. Wenn alle Vergleichbar sind, kommt es auf die Schnelligkeit an. Je schneller ich mit besseren Noten abgeschlossen habe, umso besser bin ich qualifiziert. Heutige Universitäten bilden nicht, sondern bilden aus. Menschen werden für den Markt brauchbar gemacht. Das Bildung aber etwas ist, dass organisch wächst und nicht ähnlich einem Software-Update vollzogen wird, geht dabei verloren. Das maschinistische Menschenbild durchzieht unsere Sprache immer mehr. Wir machen Sport um leistungsfähig zu sein, Krankheiten sind Defekte, die durch Systemeinstellungen in Form von Medikamenten behoben werden können. Das Hirn ist ein Computer der unglaubliche Speicherkapazitäten hat und elektronische Medien sind Verlängerungen unserer Gliedmaßen.
Wir leben in Metaphern. Metaphern sind aber nicht einfach nur Worte, sondern hinter ihnen liegen Welten, die bestimmte Dinge hervorheben, andere aber ausblenden. Die Maschinen-Metapher bezeichnet den Mensch in immer mehr Diskursen. Sie teilt uns auf in nutzlosen Elektro-Schrott und leistungsfähige Supercomputer. Vielleicht wäre es möglich nicht mehr zeitgemäße Modelle upzudaten, aber lohnt sich der Aufwand? Ist das effektiv?
Wenn wir uns auf diesen Gedanken einlassen führt uns das zum zweiten Problem: Wenn Menschen wie Maschinen betrachtet werden, löscht das nach und nach einen sozialen Gedanken. Das ist verbunden mit einer immensen Bedeutungslosigkeit des Einzelnen. Gleichzeitig wird das politische System als gleichgeblieben wahrgenommen, da es sich auf sprachlicher Ebene nicht verändert hat. Wir leben in einer Republik, in der es große Volksparteien gibt, die sich für ein starkes Deutschland einsetzen.
Hier findet seit Jahren eine sprachliche Verschiebung auf anderer Ebene statt. Themen wie Integration, Umgang mit Einwanderern und anderen Schwachen unterliegen einem Überschriftenwechsel. Die Art und Weise wie immer wieder über beispielsweise Migranten gesprochen wird, hat sich nicht grundlegend verändert. Verändert hat sich, dass die großen Volksparteien die Argumentationen der extremen Parteien übernehmen. Dadurch findet eine Verschiebung nach rechts statt. Allerdings sind dies Parteien der Mitte. Wenn also die Mitte so spricht, kann es ja gar nicht rechts sein. Ist es allerdings doch. Eben weil Sprache Realität formt. Die Begriffe Sozialdemokratisch, Christlich-Demokratisch, Grün oder Liberal sind sinnentleert worden durch die Komplizenschaft mit der Wirtschaft. Die unter den leeren Überschriften stattfindenden Gespräche aber sind rassistischen Ursprungs und verstärken sie. Schaffen also eine rassistische Realität. Wir sind wieder bei dem Versprechen vom Beginn. Ich sage, dass ich etwas tue, mache es aber nicht. Ich behaupte ich sei Demokrat, meine Sprache, also mein Handeln ist allerdings rassistisch.
Wir sollten uns immer wieder daran erinnern, dass wir Dinge tun, wenn wir sprechen. Das kann manchmal fürchterlich anstrengend und lästig sein. Aber es gibt auch eine gute Nachricht. Wir können durch unsere Sprache die Welt verändern. Jede Idee die gedacht und ausgesprochen wird, bleibt als Möglichkeit bestehen. und dadurch erhöht sich die Wahrscheinlichkeit der Wiederholung um ein Vielfaches. Wir sind nicht grenzenlos frei in unseren Handlungen, aber wir haben unsere Sprache die viel mehr verändern kann als wir vielleicht dachten.
„Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt.“
Ludwig Wittgenstein
Ein Text von Can Gezer

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