buettnerin

Meine Fehler und ich

In Gewalt in Kommunikation on Oktober 30, 2012 at 11:19 am
Manche Menschen gelten nur deshalb etwas in der Welt, weil ihre Fehler die Fehler der Gesellschaft sind.
François VI. Duc de La Rochefoucauld, (1613 – 1680), französischer Offizier, Diplomat und Schriftsteller

 

„Wer von euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein!“, sagte Jesus Christus und verdarb damit dem lynchhungrigen Volk die Laune.  Als sie so gezwungen wurden in sich zu gehen, fanden sie plötzlich so viele Sünden, dass der Stein in ihren Händen zum Werfen viel zu schwer wurde. Unter dieser Vorraussetzung könnte wohl niemand irgendetwas verurteilen. Also ja, Fehler … hab ich selber.

Ich zum Beispiel: Ich habe zum Beispiel einen Tick. Ich gehe mir ständig mit den Fingern durch die Haare und kratze meinen Kopf. Ich kann das nicht einmal lassen, wenn ich es möchte. Es liegt an Spannungen, mit denen ich nicht gut umgehen kann. Das ist so einer meiner Fehler. Ich leide ständig unter Anspannung, weil ich immerzu alles an mich heranlasse und persönlich nehme. Ich bin viel zu sensibel für diese Welt. Wenn ich schlimm angespannt bin, schreie ich schon mal meine Tochter wegen irgendetwas an. Fehler. Weiß ich. Oder mein – wie ich es nenne – logistischer Ablauf Autismus. Wenn ich auf einem breiten Berliner Gehweg laufe, setze ich voraus, dass alle Menschen rechts gehen und links überholen, dass Gruppen höchstens zu zweit nebeneinander laufen, dass auch im Fußverkehr das Reißverschlussprinzip gilt, etc. Das ist so ein ganz komischer Gehirnblödsinn von mir: Wenn ich irgendwo herlaufe, habe ich einen Streckenabschnitt von etwa hundert Metern vor Augen. Auf diesen hundert Metern schätze ich die Geschwindigkeiten vor mir oder mir entgegenlaufender Personen ein, „berechne“, wer wen wann kreuzt und habe genau im Kopf, wer wohin ausweichen muss. Dabei berücksichtige ich auch hinter mir laufende Menschen und deren Geschwindigkeiten und bevor ich meine Spur zum Überholen wechsle, drehe ich mich auch um, um zu überprüfen, dass ich auch nicht jemandem ins Gehege komme, der hinter mir läuft und noch schneller ist als ich. Das ist mein ganz persönlicher Spleen, aber Tag für Tag begehe ich den Fehler, dieses Verhalten von allen meinen Mitmenschen zu erwarten und dann raste ich regelmäßig aus. Ich hasse dann alle um mich herum, weil sie sich nicht an den Plan logistischer Abläufe halten, den ICH mir ausgedacht habe. Das ist natürlich mein Fehler und wenn ich dann auch noch wütend jemanden anremple und ihn so ansehe mit diesem „Tja. Du bist eben falsch gelaufen!“-Blick, dann begehe ich wieder einen riesengroßen Fehler, der mir schon ganz oft passiert ist.

Das ist lange nicht alles. Ich habe noch viel mehr Fehler, aber soweit reicht es erst einmal.
Ich begehe täglich Fehler. In meiner Arbeit, in der Erziehung meiner Tochter, in meinen Beziehungen, ich verrechne mich, etc. Mit dem Ausmerzen dieser Fehler – mit diesem Umgang damit und dem berühmten daraus-lernen – habe ich eine ganze Menge zu tun und ich würde behaupten, dass dies ein Teil des sogenannten Lebenssinnes ist. Das Streben danach aus diesen Fehlern zu lernen und immer besser zu werden. Jede Entwicklung braucht Fehler. Der Fehler ist der Ursprung eines neuen Handelns. Wir sollten uns also glücklich schätzen über all unsere Verfehlungen. Sie sind etwas gutes. Vorausgesetzt, dass man mit ihnen arbeitet.

Wenn ich mir unsere Gesellschaft ansehe, habe ich das Gefühl, dass die meisten einen wirklich fatalen Fehler begehen: Das Suchen der Fehler im Aussen, das Erforschen der Verfehlungen anderer, die man selbst nicht korrigieren kann, ist der einzige schlechte Fehler, den man machen kann. In der Integrationsdebatte zum Beispiel wird viel und gerne mit dem Finger gezeigt.

Die trägt ein Kopftuch, weil sie nicht klarkommt, der hält sich nicht an die Gesetze hier, Ausländer wollen sich ja gar nicht integrieren …“

Diese lautbrüllenden Menschen sind unzufrieden und suchen die Fehler dafür im Aussen. Auch ich bin manchmal unzufrieden und suche die Ursache dafür dann auch gerne in unserer Gesellschaft, die“ so kaltherzig und arrogant“ ist. Ich begehe diesen Fehler auch, aber am Ende weiß ich schon, wer dafür die Verantwortung trägt, wenn ich mich mal wieder durch alles aus dem Konzept bringen lasse. Ich selbst bin dann die Ursache mit meinem fehlerhaften Umgang mit Anspannungen. Diese Gesellschaft ist schon zu einem großen Teil sehr kaltherzig und unbarmherzig, aber in meiner Wohnung muss mich das nicht stressen. Das tut es nur, wenn ich mit mir selbst ein Problem habe.

Wir machen alle Fehler. Und wir begehen sie hin und wieder sogar sehenden Auges und manchmal sind wir auch einfach wie trotzige Kinder, die einfach Lust darauf haben, die Sandburg die andere gerade aufgebaut haben, einfach kurz und klein zu schlagen, aber mal ehrlich: Wenn jeder sich um seine eigenen Fehler kümmert, dann hätten wir wohl alle genug zu tun und bräuchten uns weniger über die der anderen zu echauffieren. Deren Fehler können wir eh nicht ändern. Ändern kann man immer nur sich selbst.

 

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