buettnerin

Die Gemeinsamkeit der Mörder

In Gewalt in Kommunikation, Netzschau on November 20, 2012 at 11:57 am

Ein öffentliches Antwortschreiben mit allgemeiner Gültigkeit

In der letzten Zeit häufen sich in meinem Postfach emails von wildfremden Menschen, die mir zwar persönlich nichts zu sagen haben, die aber dringend der Meinung sind, dass ich einen bestimmten Artikel der Springer-Presse oder ähnlichem lesen soll, um zu verstehen, dass ich mit meiner Arbeit gegen Rassismus im Unrecht bin. Für links der Springer-Presse habe ich inzwischen eine automatische Löschfunktion eingestellt. Jedoch stammen nicht alle links aus diesen Quellen, sodass mich hin und wieder die ein oder andere Zuschrift erreicht. Die links, die man mir zuschickt, beschäftigen sich mit den immer selben Themen. Es geht um türkische Ehrenmorde, arabische Zwangsverheiratungen, Morde aus Romakreisen, etc.

Ich habe mir darum überlegt, diesen Text zu schreiben, um diese Menschen einfach öffentlich auf Ihren Kategorienfehler hinzuweisen. Ich werde niemals auf derlei mails antworten, aber in Zukunft kann dieser Beitrag als meine Antwort auf derlei Schreiben geltend gemacht werden.

Es gibt all diese schrecklichen Dinge tatsächlich. Selbstverständlich gibt es diese grauenhaften Taten und da ich die Tagespresse verfolge, bin ich über derlei Vorfälle informiert. Warum diese Dinge als Argumente gegen Rassismus gelten sollen, ist mir schleierhaft. Dass Zusenden solcher einseitigen Meldungen erfüllt erneut den Tatbestand des Rassismus. Offenbar fällt es den Übersendern dieser Inhalte schwer, zu abstrahieren. Die Ehrenmorde weniger Menschen soll dafür herhalten, eine Abneigung gegen eine ganze Ethnie zu rechtfertigen. Ich könnte dem die tausend deutschen Frauen entgegensetzen, die Jahr für Jahr wegen Misshandlung ihrer eigenen deutschen Kinder im Gefängnis landen oder die Gewaltverbrechen deutscher Männer, die ebenso zahlreich sind wie die Morde anderer Bevölkerungsgruppen. Die einseitige Darstellung derer, die mir derlei links zuschicken spricht Bände über die eigene Ignoranz und die Vorurteile dieser Menschen.

Tatsächlich lässt sich über Mörder das folgende festhalten:

Die Philosophin und Evolutionspsychologin Helena Cronin konnte in ihrem Buch The Ant and the Peacock schon 1991 nachweisen, dass Mörder in Bezug auf Alter und Geschlecht in allen Ländern der Welt Parallelen aufweisen. Die meisten Mörder auf der Welt sind männlich und in einem jungen Alter. Ebenfalls gemeinsam ist ihnen die Herkunft aus einer Minderheit. Der Psychiater James Gilligan, Leiter des Zentrums für die Untersuchung von Gewalt an der Harvard Medical Shool, der Zeit seines Lebens mit Gewaltverbrechern in Psychiatrien gearbeitet hat, kann das wie folgt begründen:

„Gewalttaten bedeuten den Versuch, ein Gefühl der Erniedrigung abzuwehren und zu tilgen – ein Gefühl das überwiegend schmerzhaft und unerträglich werden kann – und es durch sein Gegenteil zu ersetzen, durch ein Gefühl des Stolzes.“ In seinen Gesprächen mit den Männern, die Gewalttaten begangen hatten, stellte er immer wieder fest, dass es wahre oder vermeintliche Verletzungen des Stolzes waren, die diese Taten auslösten – ein Verhalten anderer, das für die Täter Erniedrigung und Schande bedeutet. (Violence – our deadly epidemic and ist causes, James Gilligan, 1996)

Somit ist im Grunde jeder Mord ein sogenannter Ehrenmord, der begangen wird in dem Versuch, seine eigene Ehre durch diese Tat wieder herzustellen. Wer gerne einen Zusammenhang herstellen möchte zwischen typischen Merkmalen von Mördern kann nur da landen. Mord ist meist männlich und resultiert aus verletztem Stolz. Und während für den einen der Sex seiner Tochter mit einem Mann einer anderen Kultur die ultimative Erniedrigung seiner Person bedeutet, ist es für den anderen die Tatsache, dass seine Frau ihn verlassen will. Wie leicht ein Stolz sich verletzen lässt, ist eine individuelle Frage. Fakt bleibt: Mörder kommen in der Regel aus einem benachteiligten Milieu und sind somit per se der Erniedrigung durch andere Klassen ausgesetzt. Die Statuskonkurrenz ist mit steigender Ungleichheit immer größer geworden und stellt eine tatsächliche Bedrohung für uns dar, da der Stolz sovieler verletzt wird, was zu einem Anstieg der Mordrate führt. Die Gesundheitsforscher Richard Wilkinson und Professor Kate Pickett haben in ihrem 2011 erschienen Buch „The Spirit Level: Why Greater Equality Makes Societies Stronger“ anhand von 400 wissenschaftlichen Ergebnissen und den Statistiken von WHO, OECD, der Weltbank und den vereinten Nationen nachgewiesen, dass die Quote der Gewaltverbrechen mit dem Grad der Einkommensgleichheit in einem Staat steigt und fällt. Somit lässt sich anhand von Statistiken und Untersuchungen von Gewalttaten auf der ganzen Welt immer nur diese eine Tatsache verdeutlichen. Die Gewalt hängt nicht zusammen mit der Kultur oder Religion, zu welcher ein Individuum sich zählt, durchaus aber mit der Ungerechtigkeit des Staatssystems, in dem er lebt.

Die wahre Gemeinsamkeit von Gewalttaten lautet also: Ungleichheit. Und diese wird durch rassistisch geführte Diskussionen nur weiter und weiter verstärkt. Menschen, die sich ausgegrenzt fühlen, sind eher zu morden bereit als andere. Darum kann nur jedem, der sich vor Gewaltverbrechen fürchtet empfohlen werden, sich für mehr Gleichheit einzusetzen. Wer andere abschieben will, der begeht damit Gewalt und verstärkt die Problematik.

In diesem Sinne:

Herzlichen Dank für Ihre einseitigen mails. Sie sind haltlos.
Mit statistischen Grüßen,

Meike Büttner

Advertisements
repressionunddepression

Wer zuletzt lacht, ist ein Heuchler.

Gewalltag

Halt nicht die Fresse, zeig dein Gesicht!

Aus Liebe zur Freiheit

Notizen zur Arbeit der sexuellen Differenz

Dr. Mutti

Wer die Kinder hat, hat die Zukunft

menschenlebenblog

A topnotch WordPress.com site

fuckermothers

feministische Perspektiven auf Mutterschaft

%d Bloggern gefällt das: