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Integration in Deutschland

In Gewalt in Kommunikation, Netzschau, Staatsgewalt on Dezember 18, 2012 at 10:10 am

Das Migazine teilt ebenfalls die Rassimusdefinition nach Albert Memmi und kommt zu dem Schluss, dass viele deutsche Studien das Problem nur noch verstärken. Text aus dem Migazine kopiert.
Die Verfasserin ist geborene Fürtherin. Sie hat ein Abitur vom Dürer-Gymnasium in Nürnberg; einen Bachelor in Allgemeine Geisteswissenschaften und einen Master in Öffentliche Verwaltung vom Western Michigan University. Sie ist im Jahre 1998 in die USA ausgewandert und lebt seit 2011 wieder in Deutschland. Sie sitzt im Vorstand der internationalen gesellschaft für diversity management (idm) und Bündnis 90/die Grünen, Kreisverband Nürnberg. Sie hat ihr eigenes Blog, wo sie Artikel über Diversity, Anti-Diskriminierung, Chancengleicheit und ähnliche Themen veröffentlicht.

Moralisch und wissenschaftlich bedenkliche Studien

In Deutschland gibt es Integrationsstudien im Überfluss aber immer noch keine Definition, was Integration bedeuten soll. Länder wie die USA sind da viel weiter. Alev Dudek skizziert, wieso Deutschland zurückliegt.

Integration in Deutschland Moralisch und wissenschaftlich bedenkliche StudienViele Integrationsstudien verletzen die Privatsphäre © nico_duesing @ flickr.com (CC 2.0), bearb. MiG
VON Alev Dudek

DATUM18. Dezember 2012

„Der Rassismus ist die verallgemeinerte und verabsolutierte Wertung tatsächlicher und fiktiver Unterschiede zum Vorteil des Anklägers und zum Nachteil des Opfers, mit der seine Privilegien […] gerechtfertigt werden sollen.“ Memmi, A. (1982): Rassismus. Frankfurt a.M. 1987

In Deutschland gibt es einen Überfluss von wissenschaftlich und moralisch zweifelhaften „Integrationsstudien“, die gemäß der Definition von Albert Memmi (siehe Box rechts) rassistische Elemente aufweisen. Diese Studien lenken von den eigentlichen Problemen wie Ethnozentrismus und Diskriminierung ab und verlagern die Aufmerksamkeit vom „Täter“ auf die „Opfer. Sie etablieren überwiegend die Ungleichheit der „Objekte“ und kommunizieren die Unterlegenheit der „Menschen mit Migrationshintergrund“.

Diskriminierungsstudien im Gegensatz dazu würden die ungleiche Behandlung gleichwertiger „Objekte“ untersuchen. Der Diskriminierungsansatz aber stößt in Deutschland auf sehr viel Wiederstand. Ein Teufelskreis, denn das Fehlen einer adäquaten Auseinandersetzung mit Diskriminierung verstärkt wiederum den rassistischen Effekt der „Integrationsstudien“. Darin wird meist untersucht, wie die Opfer durch ihre angeblich fehlende Sprache und Bildung, das Status-quo der Exklusion herstellen.

Im Gegensatz dazu gibt es keine ausgeprägte Sprache und klare Definitionen von unterschiedlichen Konzepten für Einbeziehung und Teilhabe. Es fehlen Studien über unterschiedliche Facetten von Diskriminierung. Allgemein scheint es in Deutschland sehr viel Konfusion über unterschiedliche Aspekte von Teilhabe und Vielfalt zu geben. Hier einige Beispiele:

  • Das Wort Inklusion beispielsweise wird fälschlicherweise limitiert in Bezug auf Menschen mit Behinderung(en) benutzt. Dabei ist Inklusion das Gegenteil von Exklusion und bedeutet Einbeziehung, Einschluss und hat nichts mit Behinderung zu tun. Daher sollte die Inklusion von allen Menschen das Ziel sein. Die Einschränkung auf Menschen mit Behinderung(en) trägt zu den vorhandenen „Missverständnissen“ bei.
  • Die Studie über die anonymen Bewerbungsverfahren wurde in Deutschland erstmals Anfang 2012 durchgeführt. Gegeben der „rechtlichen“ Einschränkungen, die diese Studie ausgesetzt war und die allgemeine Einstellung in Deutschland, reflektieren diese Daten nicht einmal das eigentliche Ausmaß der Diskriminierung im Arbeitsmarkt. Diese Studien gehören in Ländern wie USA zum Standardwissen.
  • Wir wissen, dass Frauen statistisch gesehen, für dieselbe Arbeit, bei gleicher Qualifikation weniger bezahlt werden als Männer. Nun, dasselbe gilt auch für „Menschen mit Migrationshintergrund“. Statistisch gesehen verdienen „Menschen mit Migrationshintergrund“ bei gleicher Schulbildung und Qualifikation weniger als weiße Deutsche. Es fehlen aber nicht nur Studien und Daten über dieses Phänomen, nein, es wird nicht einmal angesprochen. In den USA gibt es Studien dazu im Überfluss. Das Wissen über dieses Phänomen gehört zum Standardwissen der Inklusionsarbeit.
  • Der Diversity Ansatz wird in Deutschland überwiegend von einer auf Gender-Diversity limitierten Perspektive behandelt. Es ist unklar, warum ethnische und racial Diversity kontroverse Themen in Deutschland darstellen. Das Ziel vom Diversity Management ist die Förderung aller benachteiligten „Gruppen“ damit eine Wertschöpfung aus den Differenzen stattfinden kann. Die Grundlage von Diversity ist die Wertschätzung von Differenzen und ist somit eine gute Methode für den Abbau von Ethnozentrismus. Der Ethnozentrismus ist eine wesentliche Barriere zur Integration ist aber kaum Bestandteil der Integrationsdebatte.

Nun kommen wir dazu, was wir in Deutschland im Überfluss haben: Studien über angebliche Aspekte von Integration, die von x-beliebigen Perspektiven erforscht wurden.

Der Integrationsreport des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF) hat beispielsweise die „sprachliche Integration von Migranten“, Türken, Jugoslawen, Italiener, Griechen und Polen untersucht. Laut offiziellen Aussagen, erfolgt Integration aber „zweiseitig“. Hier stellt sich dann die Frage: Wieso werden nur die „nicht Deutschen“ „untersucht“? Wo sind die Studien, die uns darüber aufklären, wie sich die „Deutschen“ in die deutsche Gesellschaft integrieren oder was und wie sie zu der gegenseitigen Integration beitragen?

Laut BAMF bilden „Deutschkenntnisse […] einen zentralen Aspekt und können als ein Maßstab der Integration von Migranten in die Aufnahmegesellschaft betrachtet werden.“ Wie aber kommt das BAMF darauf, Integration stünde im direkten Verhältnis mit Sprachkenntnissen oder „Menschen mit Migrationshintergrund“ könnten so schlecht deutsch sprechen, dass sie sich nicht integriert könnten? Wie viele Menschen in Deutschland sprechen wirklich so schlecht Deutsch, dass man sich mit ihnen überhaupt nicht verständigen kann, wenn man wollte?

Was ist denn Integration überhaupt, wie misst man sie und wer entscheidet wie integriert jemand ist? Etwa der deutsche Staat?

Die ethnozentrische Perspektive in vielen Integrationsstudien ist ein Hinweis dafür, dass wir in Deutschland eine Assimilationspolitik betreiben. Die Behauptung, dass Menschen mit Migrationshintergrund schlecht Deutsch sprechen, ist ein Schlüsselaspekt unserer Propaganda. Damit können wir die fehlende Repräsentation von „Menschen mit Migrationshintergrund“ in öffentliche Verwaltung, in der Politik, in vielen Funktionen des öffentlichen Lebens und im Arbeitsmarkt rechtfertigen.

Nehmen wir einen Fall, wo es stimmt, dass jemand nicht gut deutsch spricht. Daraus automatisch zu folgern, er sei nicht integriert, ist rassistisch. Könnte sich der deutschstämmige Andreas kaum ausdrücken, würde niemand auf die Idee kommen, ihn als nicht integriert einzustufen. Denn Andreas ist kein Objekt der Integrationsstudien, wie es die Emine ist. Diese Studien unterliegen der ethnozentrischen Annahme, alle Deutschen könnten gut Deutsch sprechen. Folglich hinterfragt man nur die Deutschkenntnisse der „nicht Deutschen“.

Was ist es aber, wenn Emine nur English spricht, weil sie für eine internationale Firma arbeitet und damit sehr gut in Deutschland zurechtkommt? Sie trifft sich mit FreundInnen, ist im Sportverein, besucht Konzerte, ist erfolgreich und zahlt ihre Steuern. Aber „offiziell“, wäre Emine nicht integriert – im Gegensatz zu Andreas, der möglicherweise ständig betrunken ist, keine Freunde hat und an öffentlichen Veranstaltungen nicht teilnimmt.

Jeder Mensch hat das Recht, im gesetzlich-moralischen Rahmen sein Leben selbst zu bestimmen. Und viele Elemente der Integrationsdebatte wie wir sie in Deutschland führen verletzen das Selbstbestimmungsrecht unserer Mitbürger.

Auch dazu ein konkretes Beispiel: In einer BAMF-Studie wird die Wohnungsausstattung der „Menschen mit Migrationshintergrund“ untersucht; ein willkürlicher Ansatz, der die Privatsphäre verletzt und dessen Verbindung zu Integration sehr fragwürdig ist. Auch die Schader Stiftung scheint die Wohnsituation der „Türken“ interessantzu finden.

Diese Art von Informationserwerb, wie sie in der Schader Studie ausgeführt wird, ist moralisch und wissenschaftlich sehr bedenklich. Wenn es um Wohnungsdiskriminierung geht, gibt es Tester-Methoden, die z.B. in den USA effektiv eingesetzt werden. Wohnungsdiskriminierung ist, anders als Diskriminierung am Arbeitsmarkt, ziemlich einfach zu detektieren.

Unterschiede in Wohnverhältnissen können unter anderem durch Diskriminierung am Arbeitsmarkt bedingt sein. Dafür sollten wir den deutschen Arbeitsmarkt untersuchen und reformieren, anstatt ethnische Details der Menschen, die keine eigene Toilette in ihren Wohnungen haben oder keine Möglichkeit haben, in ihren Wohnungen zu duschen, zu untersuchen.

Nebenbei sei hier die Frage erlaubt: Wieso darf in einem hochregulierten Land wie Deutschland, wo sogar der Familiennachzug von der Größe des Wohnraumes abhängt, es überhaupt Wohnungen ohne Dusche/Bad geben? In einer zivilisierten Gesellschaft gehört die körperliche Hygiene zum Grundbedürfnis. In manchen „Kulturkreisen“ wird täglich geduscht – in den USA beispielsweise. Gegeben dieses Faktes, scheint es in Deutschland ein dringenderes Problem zu geben, als die Nicht-Assimilation von „Türken“.

Die eingeschränkte Perspektive und das Fehlen einer adäquaten wissenschaftlichen Aufklärung in der „Integrationsdebatte“ in Deutschland sind höchst alarmierend. In diesem Zusammenhang ließen sich viele weitere Probleme ansprechen, die aber den hier gegebenen Rahmen sprengen würden.

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass eine überwiegende Mehrheit der Integrationsstudien negative Messages über „nicht Deutsche“ verbreiten und wenig mit der Realität oder der Verbesserung des Status-quo zu tun haben. Sie kommunizieren lediglich die Unterlegenheit der „nicht Deutschen“ und werten damit die Dominante Kultur auf. Solche rassistische Ansätze haben in der Wissenschaft nichts zu suchen.

Ein Schlüsselaspekt für Integration ist die Integration unserer Mitbürger am Arbeitsmarkt. Durch faire Chancen auf dem Arbeitsmarkt können sich Menschen besser verwirklichen und werden sich automatisch „integrieren“. Durch Anti-Diskriminierungs- und Diversity-Aufklärung kann man in diesem Gebiet sehr viel erreichen. Dann kommt auch niemand auf die dumme Idee, sich mit den Abort- und Duschbedingungen der „nicht Deutschen“ als vermeintliche Integrationsindikatoren zu beschäftigen.

DANKE,

ich möchte MiGAZIN auch in Zukunft lesen:

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Das schönste Geschenk

In Meinung, Staatsgewalt on Dezember 18, 2012 at 10:08 am

Weihnachten steht vor der Tür. Die Menschen rennen durch Geschäfte um Geschenke zu besorgen. Finanzminister Schäuble muss nicht rennen. Er hat sich ein Geschenk für 36 deutsche Banken ausgedacht, das es in keinem Geschäft zu kaufen gibt. Den Pleiteschutz. Dieses Geschenk ist genau so schön und einfach wie es klingt. Die ausgewählten Banken können nicht mehr pleite gehen, da sie vom Staat geschützt werden durch eventuelle finanzielle Hilfen gerettet werden können. Begründet wird dieser Schutz mit der „systemrelevanz“ dieser Banken für die deutsche Volkswirtschaft. Hier wird meines Erachtens ein folgenschwerer Logikfehler begangen. Ich bin kein Freund des Kapitalismus, aber wenn wir uns auf seine Logik einlassen, so wird hier ein Fehler offensichtlich.
Warum ist ein Unternehmen systemrelevant? Mit Sicherheit ist eine Bank nicht wichtig, weil sie viele Arbeitsplätze innerhalb unserer Volkswirtschaft stellt. Mit dieser Begründung würden ja Opel und andere gerettet, wobei es mit Sicherheit auch dort unterschiedliche Perspektiven gab. Daran kann es also nicht liegen. Schäuble und Merkel sprechen seit Jahren von einer „marktkonformen“ Demokratie. D.h., dass wir nach kapitalistischen Prinzipien regiert werden. Die kapitalistische Logik ist aber eine andere. Ist ein Unternehmen von der Pleite bedroht, so muss es sogar Pleite gehen, damit das Kapital einen effizienteren Weg findet.
„Dieser Prozess der schöpferischen Zerstörung ist das für den Kapitalismus wesentliche Faktum. Darin besteht der Kapitalismus, und darin muss auch jedes kapitalistische Gebilde leben.“ Joseph Schumpeter
Der Markt reguliert sich halt selber. Es bedarf keiner Eingriffe von Staatsseite um dem Kapitalismus zu dienen. Jeder Eingriff ist in dieser Logik sogar schädlich, da die dem Markt inne liegende Intelligenz die ideale Lösung bereithält. Kapital wird in diesem Falle ja nicht verbrannt, sondern nur umgeschichtet. Geht ein Unternehmen Pleite, nimmt ein anderes seinen Platz ein, nimmt das Geld der Kunden, stellt bessere Produkte zur Verfügung.
Der Eingriff könnte also als eine Art Sozialleistung gesehen werden. Sozial gegenüber den Unternehmen, die nicht mehr zeitgemäß sind, damit der Status Quo aufrecht erhalten wird. Ähnlich der Versuche das klassische Familienbild aufrecht zu erhalten. Wir könnten also froh darüber sein. Menschen sind ja nicht mehr so wichtig, aber Unternehmen. Und diesen gegenüber verhält sich unsere Regierung sozial, weil die Unternehmen sich ja angeblich um die Mitarbeiter kümmern.
Wird einem Unternehmen aber ein Pleiteschutz garantiert, so wird es aus seinem natürlichen Umfeld herausgenommen. Konkurrenz muss nicht länger ernst genommen werden, da die Gefahr des Scheiterns ja zu Nichte gemacht wird. Dann geht es nur noch um Machterhalt und -ausweitung. Und wenn die „Marktkonformität“ nicht mehr für ein Unternehmen gilt, wird es noch mächtiger, als es ohnehin schon ist. Es kann dann völlig frei von logischen Gesetzen handeln und Markt als auch Staat seine Regeln diktieren. Diese Banken werden zu unseren Diktatoren. Und ihr Credo hat der ehemalige Deutsche Bank Chef Rolf E. Breuer auf den Punkt gebracht:
„Wir sind polygam, wir treiben es mit vielen, und haben auch noch Spaß daran.“

 

Ein Text von Can Gezer

Marktregulierung? Ein Kinderspiel

In Meinung, Staatsgewalt on Dezember 17, 2012 at 3:56 pm

Heute erschienen auf www.mutterseelenalleinerziehend.de.

In England gibt es diesen uralten Witz. Da kommt ein Junge mit einem Brief seiner Lehrerin von der Schule zurück, in welchem die Lehrerin mitteilt, der Junge habe heute einem anderen Schüler den Stift geklaut. Der Vater rastet aus und schimpft mit seinem Sohn. Wie kann dieser nur zu einem Dieb geworden sein, er sei eine Schande, wo er bloß mit derlei Flausen herkomme …  Er schickt den Sohn ohne Essen ins Bett und hört nicht mit dem Schimpfen auf. Bevor er die Zimmertüre des Jungen schließt, sagt er noch das Folgende: “Wenn du einen Stift brauchst, dann sag doch was! Ich kann dir jederzeit einen aus dem Büro mitbringen …”

Es ist doch erstaunlich, wie wir unsere Kinder immer wieder zum dem verleiten, was wir als das richtige Verhalten bezeichnen, während wir selbst offenbar nach ganz anderen Prämissen handeln. Nehmen wir diesen Diebstahl aus dem Witz. Wenn der Junge in der Schule einen Stift klaut, bekommt er dafür Ärger, während sein Vater es für legitim hält, einen Stift aus dem Büro zu klauen. Wir erziehen unsere Kinder, nicht zu lügen und dann tun wir es selbst. Wir sagen ihnen, dass zu viel Schokolade nicht gut für sie sei und sind sie erst im Bett, essen wir eine ganze Tafel. Unsere Kinder treiben wir mühevoll zu anständigem Verhalten, wieso fällt es uns für uns selbst so schwer?

Gehen wir noch ein ganzes Stückchen weiter:
Viele von uns werden schon einmal – sei es aus purer Ich-kann-nicht-mehr-Haltung oder aus Ich-will-das-jetzt-mal-ausprobieren-Neugierde – versucht haben, die Zügel etwas lockerer zu lassen. Jeder von uns kennt die Erfahrung, dem Kind etwas einfach einmal durchgehen zu lassen, ein böses Wort einmal gar nicht zu hören, oder eine kleine Frechheit zwischendurch einfach mal nicht zu bestrafen.  Ich habe derlei schon an verschiedenen Stellen in der Erziehung ausprobiert mit dem immer selben Resultat: Sobald die Spielräume meines Kindes größer werden, tobt das selbstzerstörerische Chaos. Kinder können gar nicht ohne Regeln. Regeln geben ihnen Halt und sobald sie tun können, was sie wollen, rasten sie zunächst einmal aus und versuchen den Erziehenden solange zu provozieren, bis sie endlich wieder irgendwo Grenzen wahrnehmen. Kinder brauchen diese Grenzen. Sie sind ohne sie verloren. Wir brauchen diese Grenzen auch. Für uns sind sie zB. in Gesetzen geregelt und wer sich nicht an die Regeln hält, landet als Kind auf dem Auszeitstuhl und als Erwachsener im Gefängnis. Selbstregulierung fällt dem Menschen sehr schwer, darum hilft das Gesetz uns, uns an diese Regeln zu halten und wir helfen unseren Kindern dabei.

Oder wie ist es mit unseren Freunden? Was, wenn von denen einer zu grob gegen die Regeln der Gesellschaft verstösst und wir sehen dabei zu? Dann halten wir es für legitim, unseren Freund im Sinne unserer Gesellschaft zu “erziehen”. Wir würden es nie so nennen. Es ist aber nichts anderes als Erziehung, wenn wir das Gespräch suchen mit unserem Freund und ihm mitteilen, dass wir sein Verhalten nicht unterstützen können. Wenn unseren Freunden solche Einwände egal werden, werden sie uns egal und wir strafen sie quasi mit “Entfreundung”. Ich nenne das Verhältnis zwischen Freunden auch gerne “sorgeberechtigt”, was im Deutschen ja mit der Erziehung einhergeht. Eine Freundschaft ist das Band, das mich zur Sorge berechtigt um meinen Freund. Weil ich mich sorge, helfe ich ihm oder ihr und meine Freunde sorgen sich um mich und helfen mir. Wir finden das alles ganz normal und wir wissen, dass es nötig ist. Mann kann und man muss regulieren, weil das Übermaß immer schädlich ist.

Doch bei dem Markt tun wir uns schwer. Seit Milton Friedmann in seiner Kapitalistenbibel “Kapitalismus und Freiheit” behauptet hat, die Märkte würden sich selbst regulieren, hat man ihnen freies Wachstum gewährt. Und zunächst war das auch gut so. Doch lange schon steigt der Wachstum ins Unermessliche, während sich inzwischen die sozialen Zustände aber rapide verschlechtern. Lange ist Wachstum nicht mehr nützlich für den Bürger im Kapitalismus. Es profitieren nur noch einige wenige und die müssen dafür tricksen und deixeln und all die Dinge tun, gegen die es keine Gesetze gibt, die wir aber aus dem Bauch heraus als “Verbrechen” bezeichnen würden. Nahrungsmittelspekulationen, Schuldengeschäfte, Urwaldrodung, Klimawahnsinn, Ressourcenkriege, … Die meisten Kriege der dritten Welt finden nur wegen globalunternehmerischer Interessen statt.

Wir wissen, dass Regulierung nötig ist. Wir müssen unsere Kinder regulieren, uns selbst und unsere Freunde und es ist überhaupt gar keine Frage, dass wir auch die Märkte regulieren müssen. Weil sie sich selbst und uns allen schaden. Die Diskussion um das Ob sollte der Verstand nun beenden und endlich zum Wie kommen. Und wir sollten uns alle wehren gegen eine Kanzlerin, der diese Prinzipien nicht vertraut sind.

Text von Meike Büttner

»Wir steuern auf eine Katastrophe zu« Interview SZ-Magazin mit Byung-Chul Han

In Netzschau on Dezember 16, 2012 at 1:22 pm

Dieses Interview von Tobias Haberl mit Byung-Chul Han ist im SZ-Magazin 50/2012 erschienen und auch direkt bei der Sueddeutschen  zu lesen: http://sz-magazin.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/39059/1/1

SZ-Magazin: Herr Han, egal an welchem Tag man die Zeitung aufschlägt, alle fordern mehr Transparenz: Die Piraten sowieso, aber auch die Katholiken, die Arbeitnehmer, die Verbraucher, die Politiker Seehofer, Trittin und Altmaier. Die Grünen loben sich selbst für ihre transparente Urwahl, sogar die Mitglieder des SV Babelsberg fordern mehr Transparenz in ihrem Verein. Warum ist das so?
Byung-Chul Han: Sie haben recht, die Forderung nach Transparenz nimmt inzwischen totalitäre Züge an. Das beunruhigt mich sehr.

Aber Transparenz sorgt für Informationsfreiheit, das kann doch wirklich nicht schlecht sein?
So lautet die allgemeine Rechtfertigung, aber ich denke, dass es eine tiefer liegende Ursache für die zunehmende Forderung nach Transparenz gibt. Um sie zu begreifen, müssen wir auf einer philosophischen, nicht auf einer Talkshow-Ebene darüber sprechen.

Einverstanden. Sie behaupten also, Transparenz sei schlecht.
Das habe ich nicht gesagt.

Sondern?
»Transparent machen« – das klingt, als würde man gnadenlos durch- und ausgeleuchtet wie in einem Nacktscanner. Mich interessiert die Dimension der Gewalt, die dem Phänomen der Transparenz innewohnt.

Aber dass Transparenz Machtmissbrauch, Vetternwirtschaft und Korruption verhindern kann, glauben Sie auch?
Das bestreite ich nicht, aber die Forderung nach Transparenz richtet sich inzwischen gegen jede Form der Macht. Und man darf Macht nicht auf die Möglichkeit des Missbrauchs reduzieren. Macht an sich ist nichts Schlechtes. Für politisches Handeln ist sie sogar elementar. Vergessen Sie niemals: Ohne Macht ist Politik nicht möglich. Und dieser Transparenzterror verdeutlicht, dass nicht irgendeine Koalition, sondern die Politik selbst in einer tiefen Krise steckt.

Worin besteht diese Krise?
Politiker werden nicht mehr aufgrund ihrer politischen Handlungen wahrgenommen. Denken Sie an Karl-Theodor zu Guttenberg oder Peer Steinbrück. Der eine musste sich nur noch mit seiner Doktorarbeit, der andere mit seinen Nebeneinkünften auseinandersetzen. Ich glaube nicht, dass sich die Wähler früher dafür interessiert hätten, ob Adenauer seine Frau betrügt oder zu viel Geld für einen Vortrag verlangt. Die Menschen hatten Respekt vor ihrem Kanzler. Was er in seinem Privatleben gemacht hat, fiel nicht ins Gewicht. Es gab ein Verständnis für Rollen und Rituale. Wer man wirklich ist, hat damals nicht interessiert. Heute gilt ein Politiker nur als authentisch, wenn er sein Privatgefühl zeigt. Wir leben im Terror der Intimität und Enthüllung.

Dann darf ein Politiker also machen, was er will, solange er politisch clever handelt?
Ich sage das ohne Bewertung. Ich behaupte nur, dass der Transparenzwahn die Demokratie nicht fördert, sondern gefährdet, und dass uns Werte wie Vertrauen und Respekt verloren gegangen sind.

Ist Macht auch ein Wert?

Macht ist ein wichtiges Medium in der Politik. Für politisches Handeln ist eine gewisse Informationsmacht notwendig, eine Souveränität über die Produktion und Verteilung von Information. Es gehört auch zur Politik, dass bestimmte Informationen zurückgehalten werden müssen. Politik ohne Geheimnis – das geht nicht. Politik ist strategisches Handeln, ein Spiel mit der Macht. Ein transparentes Spiel gibt es aber nicht.

Christian Wulff und Peer Steinbrück haben versucht, Vertrauen zurückzugewinnen, indem sie ihre Privatgeschäfte offenlegen. Kann das funktionieren?
Nein. Es ist das Wesen von Vertrauen, dass es keiner Beweise bedarf. Und es ist
lächerlich, wenn ein Politiker seine Kontoauszüge offenlegt.

Warum?
Weil er sich in eine tödliche Logik begibt. Das Verlangen nach Transparenz wird nur dort laut, wo Vertrauen schwindet. Wir erleben gerade, dass die Gesellschaft des Vertrauens vorbei ist. Stattdessen setzen wir auf Transparenz, mit der Folge, dass wir uns immer weiter von einer Gesellschaft des Vertrauens wegbewegen, weil Transparenz immer noch mehr Transparenz und Kontrolle notwendig macht. Gehen Sie mal auf die Website der Schufa: »Wir schaffen Vertrauen« steht da. Das ist reiner Zynismus. Die Schufa schafft kein Vertrauen, sie zerstört Vertrauen, indem sie auf totale Kontrolle setzt.

Peer Steinbrück wurde heftig angegriffen für seinen Satz: »Transparenz gibt es nur in Diktaturen.«
Dabei hatte er recht. Totale Transparenz ist nur durch totale Kontrolle möglich, und die gibt es nur in einer Diktatur. Es gehört zur Demokratie, dass die Menschen nicht alles wissen können. In der Demokratie gibt es Räume, die man nicht durchleuchten darf. »Neues Wort für Gleichschaltung: Transparenz«, hat der Journalist Ulrich Schacht geschrieben, der 1973 in der DDR wegen »staatsfeindlicher Hetze« zu sieben Jahren Gefängnis verurteilt wurde. Erst jetzt verstehen wir, was er gemeint hat. Es gibt eben nicht nur Schwarmintelligenz, sondern auch Schwarmdummheit und Schwarmdiktatur.

Demnach wäre die Piratenpartei ein Widerspruch in sich.
Sie versinkt nach anfänglichen Erfolgen ja auch gerade in einem Chaos aus Stimmen und Meinungen. Alle dürfen mitreden, alle wissen alles, die Piraten können keinen politischen Willen artikulieren und sind handlungsunfähig. Im Übrigen spielt die Piratin Marina Weisband gerne das blutrünstige Rollenspiel Vampire Live. Dort habe sie nicht nur ihren Verlobten, sondern auch die Politik kennengelernt, die darin bestehe, Intrigen zu spinnen und geheime Verabredungen zu treffen. Ausgerechnet die Piratin, die für Transparenz eintritt, sagt das ganz offen.

Sie ist als politische Geschäftsführerin der Piraten ja mittlerweile ausgestiegen.
Ja, weil sie vielleicht festgestellt hat, dass Politik mehr als ein harmloses Rollenspiel ist. Auch der Berliner Pirat Christoph Lauer hat zugegeben: »Transparenz ist ein Kampfmittel, andere Meinungen niederzudrücken.« Die totale Abschaffung der Führung und Hierarchie ist problematisch, weil sie so viel Lärm erzeugt, dass eine Partei darin ertrinken kann.

Das müssen Sie genauer erklären.

Wenn ein Politiker Charisma hat, kann er seine Meinung, seine Ansicht, seinen Willen ohne großen Widerstand durchsetzen. Die Menschen verinnerlichen, was er sagt, weil sie Respekt vor ihm haben. Das ist Macht. Diesen Politiker gibt es nicht mehr. Heute bewerfen die Wähler die Politiker mit Shitstorms. Das lähmt und erschwert das politische Handeln. Ironischerweise ist also gerade die Transparenzgesellschaft sehr undurchsichtig, weil sie viel zu verworren und lärmend ist. Der Staatsrechtler Carl Schmitt sagt: »Souverän ist derjenige, der über den Ausnahmezustand verfügt.« Souverän ist also derjenige, der eine absolute Stille erzeugen kann.

Man könnte Ihre Beweisführung auch als Plädoyer für autoritäre Regime verstehen. In China und Russland funktioniert die Einbahnstraßenkommunikation ganz gut.
Noch einmal. Ein Politiker, der Macht und eine Vision hat, kann eine Gesellschaft auch wunderbar gestalten.

Wer könnte das sein, Barack Obama?
Ich weiß nicht, ob der überhaupt Macht hat.

Also doch Putin oder Kim Jong Un aus Nordkorea.
Erst recht nicht. Ein Tyrann hat keine Macht. Es ist umgekehrt. Weil man keine Macht hat, wird man zum Tyrannen. Wer mächtig ist, braucht keine Gewalt anzuwenden. Wer mächtig ist, stößt nicht auf Widerstände.

Wael Ghonim, Marketingexperte bei Google, gab den Slogan aus: »Um eine Gesellschaft zu befreien, braucht man ihr nur Zugang zum Internet zu geben.« Was sagen Sie dazu?
Denken Sie an China oder den Iran. Das Internet ist dort ein äußerst effizientes Medi-um der Kontrolle. Die digitale Vernetzung schafft ein digitales Panoptikum. Und das funktioniert perfekt, weil sich inzwischen jeder freiwillig entblößt. Ausleuchtung ist Ausbeutung – und beides lassen wir inzwischen bereitwillig zu, nein, wir wollen es selbst. Wir fühlen uns frei in der Ausbeutung. Das macht die Kontrollgesellschaft so effizient.

Sie spielen auf soziale Netzwerke an. Sind Sie bei Facebook?
Nein. Ich wüsste nicht, was ich da sollte, es ist total langweilig. Peter Handke schreibt: »Von dem, was die anderen nicht von mir wissen, lebe ich.« Er hat recht. Und die meiste Zeit rede ich sowieso mit mir selbst. Dafür brauche ich kein Facebook.

Eine Milliarde Menschen sehen die Notwendigkeit, bei Facebook zu sein. Warum?
Die Frage ist doch: Warum kommunizieren wir überhaupt? Der Kommunikationstheoretiker Vilém Flusser meint, dass wir kommunizieren, um dem Tod zu entkommen.

Demnach kommunizieren wir, um dem Leben einen Sinn zu verleihen.
Ja, aber die digitale Kommunikation ist nicht dafür geeignet, Sinn zu produzieren. Nur ein Dialog mit einem Du kann Sinn stiften. Ein Gebet wäre ein Dialog. Auf Facebook oder Twitter ist kein Dialog möglich, dazu gehört mehr als »Gefällt mir«. Aber die Kirchen leeren und Facebook füllt sich. Es ist eine neue Kirche entstanden, die aber keinen Sinn stiftet. Auf Facebook können wir dem Tod nicht entkommen. Und weil wir das spüren, kommunizieren wir immer mehr und immer schneller.

Aber ein Gespräch – und sei es nur auf Facebook – kann erheitern, nachdenklich machen, trösten.
Die Informationsmenge, die auf Facebook verhandelt wird, ist riesig, aber man erzeugt keine Intensität durch Quantität. Wir denken: Je mehr Nachrichten ich sende oder empfange, desto näher bin ich einem anderen Menschen.

Und das stimmt nicht?
Nein. Man kann einen nahen Menschen fassen oder an einen fernen Menschen denken, aber ihm eine SMS schreiben? Führt das wirklich zu Nähe? Das ist die Frage. Und ist es nicht eher andersrum: Gerade weil wir so viele Nachrichten senden, verlieren wir die Fähigkeit, einen nahen Menschen zu fassen und an einen fernen Menschen zu denken. Natürlich entsteht etwas, wenn ich mit jemandem intensiv Informationen austausche, aber ich würde es nicht Nähe nennen, eher Abstandslosigkeit.

Was ist der Unterschied?
Nähe ist eine dialektische Figur. Der Nähe ist immer eine Ferne eingeschrieben, und wenn man der Nähe die Ferne nimmt, verflacht sie zur Abstandslosigkeit. In einem Liebesgedicht von Paul Celan heißt es: »Du bist so nahe, als weiltest du nicht hier.« Es klingt paradox, aber es stimmt. Zwei Menschen können sich nur nah sein, wenn sie voneinander entfernt sind. Und die digitale Vernetzung hebt diese Dialektik auf. Sie zwängt alles ins Hier und Jetzt, mit der Folge, dass die Nähe verschwindet.

Glauben Sie, dass die digitale Vernetzung langfristig negative Auswirkungen auf die Psyche der Menschen haben wird?
Das kann man heute nicht sagen. Aber auffallend ist doch, dass wir so viel kommunizieren, dass es keine Pausen, kein Schweigen mehr gibt. Eine Lücke inmitten dieser Informationsfluten erscheint uns unerträglich, weil Pausen in unserer Informationsgesellschaft keine Rolle mehr spielen. Die Pause ist der Tod. Und deswegen schwätzen wir pausenlos und verlernen, das Wichtige vom Unwichtigen zu unterscheiden. Dabei können Auslassen und Vergessen sehr produktiv sein, ganz zu schweigen von der Intuition, die uns vor lauter Informationen abhanden kommt. Um denken zu können, bedarf es einer Stille und Leere.

Und die gibt es kaum mehr. Ja, wir erleben im Moment eine enorme Beschleunigung des Kreislaufs von Zeichen, Informationen und Kapital. Für diese Beschleunigung müssen alle Geheimnisse, Rückzugsräume, Einzigartigkeiten, Ecken und Kanten beseitigt werden. Nur in der Transparenzgesellschaft stößt der permanente Informations- und Warenfluss auf keinen Widerstand mehr. In der Transparenzgesellschaft ist alles nach außen gekehrt, enthüllt, entkleidet und exponiert. Wir stellen uns selbst aus für Aufmerksamkeit.

Was ist die Folge?
Wir unterstützen den Turbokapitalismus und die neoliberale Leistungsgesellschaft, indem wir alle zur Ware werden. Der einzige Wert, der noch existiert, ist der Ausstellungswert. Das ist eine dramatische Reduktion des Lebens und des Daseins.

Aber wir senden doch pausenlos Nachrichten, um zu zeigen, wie einzigartig wir sind. Ein Irrglaube. Facebook ist ein Ort der Glättung, wo alle deswegen gleichförmig sind, weil sie anders sein wollen. Jeder wird warenförmig gemacht, damit er sich ins System einfügen kann. Auf Facebook kann keiner mehr anders sein. Und das Zentrum der Gleichheit ist der »Gefällt mir«-Button. Warum gibt es keinen »Gefällt mir nicht«-Button? Ein Ratgeberbuch fürs Internet-Dating heißt: Millionen Frauen warten auf dich. Und was tun die Männer? Sie vergleichen. Trennen Sie das Wort mal:
Ver-gleichen, das heißt: Sie machen alles gleich. Wir leben in der Hölle des Gleichen,
in der erotische Erfahrungen nicht mehr möglich sind.

Weil wir zu narzisstisch sind? Ja, mein neues Buch handelt davon. Es heißt Agonie des Eros und beschreibt, dass wir depressiv werden, weil wir uns überall nur noch selbst begegnen. Wir sind erschöpft von uns selbst. Der Eros ist dagegen eine Erfahrung, dass man durch den anderen aus sich selbst herausgerissen wird. Es ist ein Kennzeichen der immer narzisstischer werdenden Gesellschaft, dass der andere verschwindet. Und mit ihm der Eros, also die Möglichkeit der Liebe.

Wo sehen Sie die Grenze dieser Entwicklung? Ich denke, dass wir auf eine Katastrophe zusteuern.

Aber Antikapitalismus ist wieder chic, ökologisches Bewusstsein erst recht. Ist es nicht möglich, dass wir die Transparenz- und Wachstumslogik durchbrechen und das System reformieren, bevor es implodiert?
Egal wie weit man zurückdenkt, der Mensch lernt nur durch Katastrophen, nie durch Einsicht. In Europa gäbe es heute keinen Frieden ohne den Zweiten Weltkrieg. Arthur Schnitzler hat mal gesagt: »Die Menschen verhalten sich wie Bazillen. Sie wachsen und zerstören dabei den Raum, in dem sie leben, wodurch sie am Ende selbst zugrunde gehen.« Dieser Vergleich leuchtet mir ein. Wir gehen zugrunde, weil wir uns der höheren Ordnung nicht bewusst sind. Weil wir ständig wachsen, werden wir an diesem Wachstum zugrunde gehen.

Was könnte diese höhere Ordnung sein?
Das wüsste nur ein Wesen, das intelligenter wäre als wir.

Der Spiegel hat Sie mal »Philosoph der schlechten Laune« genannt. Jetzt wissen wir, warum.
Ich bin lieber ein Philosoph der schlechten Laune als der Philosoph der guten Laune. Ehrlich gesagt habe ich überhaupt keine Laune. Ich bin manchmal traurig, aber das ist was anderes. Denken ist immer eine Form des Widerstandes. Und ja, ich denke, um dem Tod zu entkommen und dem Leben zu dienen.

Byung-Chul Han
wurde 1959 in Südkoreageboren und lehrt heute als Professor für Philosophie und Kulturwissenschaft an derUniversität der Künste in Berlin. Bekannt wurde er durch seinen Bestseller »Die Müdigkeitsgesellschaft« (2010) über die zunehmende Kultur der Selbstausbeutung. In seinem Buch »Die Transparenzgesellschaft« (2012) beschreibt er, wie wir uns – unter dem Deckmantel von Demokratie und Informationsfreiheit – zu einer totalitären Kontrollgesellschaft entwickeln.

Dieser Text wird mir eine Klage einbringen

In Gewalt in Kommunikation, Netzschau on Dezember 10, 2012 at 6:10 am

Es gibt Menschen, mit denen ist kein Gespräch mehr möglich. Man kann sich bei Ihnen nicht entschuldigen, wenn man einmal etwas falsch gemacht hat, weil sie das unter Garantie alles gar nicht hören möchten, denn es gibt Menschen, deren Weltbild ist so einfach, dass man es nicht mit einem Meinungswechsel aus dem Gleichgewicht bringen darf. In diesem Fall reden wir von einem Radiomoderator, der mich verklagen wird. Er hat das mehrfach als seine Lieblingslösung dargelegt und ich weiß, dass es kommen wird. Sein Name ist der selbe, wie der von Barbies Freund, die Ähnlichkeit ist auch vorhanden: Ken Jebsen von KENFM. Seine Sendung heißt wie er, er hat drei facebookseiten, die immer jeweils ihn auf dem Profilbild und dann – Überraschung – IHN auf dem Titelbild zeigen. Hier mag sich jemand so sehr, dass alles andere hinten anstehen muss, wenn es um das Ego des Ken Jebsens geht. Und da muss auch sein eigenes Lieblingsthema zurückstecken, wenn es einmal soweit ist.

Ken Jebsen kämpft gegen Rassismus und Gewalt … sagt er.
An mir hat er diese Dinge jedoch voller Freude am „Spiel“ – denn er nannte es ein Spiel – ausgeübt. Vorneweg: Ich finde es großartig, dass jemand, der eine Haltung hat und sich gegen Rassismus einsetzt, auf facebook 25.000 Fans haben kann. Das stimmt optimistisch, nein das könnte optimistisch stimmen, würde nicht so schnell dieser harsche Ton auffallen, mit dem Ken Andersdenkende beleidigt und von der Planke seines facebookbootes wirft, um sie seinen Fanhaien zum Fraß vorzuwerfen.

Was ist überhaupt passiert? Alles beginnt mit einem dummen Impuls meinerseits und endet mit Demagogie seitens Ken Jebsens. Der Autor Hendryk M. Broder wirft dem Moderator Antisemitismus vor, weil dieser – lassen wir es ihn einfach selbst sagen: „Ich hatte Mahmud Abbas‘ UN-Auftritt gelobt und US-Außenpolitik als irgendwie verlogen angeprangert.“ (Ken Jebsen) Diese Aussage war für Hendryk M. Broder Anlass genug, Jebsen einen Antisemiten zu nennen. Broder schrieb daraufhin den RBB an, um sich zu beschweren, dass ein öffentlich rechtlicher Sender einen Antisemiten unterstützt. Diese Dinge passieren übrigens tagtäglich. Es vergeht kein Tag in einer Zeitungsredaktion, ohne dass nicht mindestens einem Journalisten per Brief, Fax oder email, Rassissmus, Sexismus oder antisemitische Tendenzen vorgeworfen werden. Diese Zusendungen gehören zum Alltag eines redaktionell arbeitenden Unternehmens. Der Umgang damit ist einfach: Keine Antwort ist auch eine Antwort und wenn mein Kind mich tausendmal fragt, ob es ein Auto anzünden darf, erhält es darauf einfach keine Antwort. Funktioniert prima. Das Kind hat noch nie ein Auto angezündet und die Trolle melden sich höchstens noch zweimal, bis sie endlich enttäuscht aufgeben, aber das Team um Ken hat sich eine eigene Methode ausgedacht: Denunziation, Hetze und Kens Lieblingswerkzeug: WEITERLEITEN! Immer alles weiterleiten!

Und darum hat das die RBB-Intendantin auch getan. Sie beleidigt Broder immer wieder in den mails und leitet den gesamten Wortwechsel weiter an Ken, der ihn seinerseits auf seiner Facebookseite bloßstellt, indem er die mails öffentlich macht. Ein hässliches Unterfangen, das meinen Fehler nicht begründet. Mein Fehler war ein anderer. Ich weiß nicht, warum der Beitrag von KENFM in meiner facebook-timeline erschien, aber das tat er und er machte mich wütend.

Ich bin Ken Jebsen in meinem Leben viermal begegnet. Zweimal beim rbb selbst und zweimal privat mit einem ehemaligen „Freund“. Jedes dieser Aufeinandertreffen war geprägt von der Eitelkeit des Beaus Jebsens und bei den privaten Aufeinandertreffen hat er frauenfeindliche, rassistische und ja, auch Judenwitze gerissen. Auf mich wirkte er so abstossend, dass ich seine Arbeit niemals verfolgt habe. Mein Urteil stand felsenfest und darum bin ich mit Jebsens Arbeit auch wirklich sehr wenig vertraut. Inzwischen weiß ich, dass er sich offenbar gegen Rassismus und Gewalt einsetzt und diese Disharmonie verwundert mich und das tut es nun umso stärker, nachdem ich nun also noch einmal mit ihm auf eklige Art und Weise aneinander geriet. So. Was habe ich getan? Ich habe einen Kommentar hinterlassen. Impulsiv und unüberlegt. Wütend und unsachlich. Ich schrieb:

„Ich erinnere mich sehr gut an ein Treffen mit Ken Jebsen und Mark Scheibe, bei dem beide alkoholisiert Frauen- und fremdenfeindliche Witze rissen.“

Darauf antwortete Ken, dass solle ich mal beweisen, er trinke gar keinen Alkohol und er kündigte an, dass er sehr gut in Grabenkriegen sei. Ich schrieb, dass es die Sache nicht besser mache, wenn er seinerzeit nüchtern gewesen sei und fragte, wieso er nun gleich an einem Krieg interessiert sei. Ich würde friedliche Auseinandersetzungen bevorzugen. Ken war der Meinung, mir noch nie begegnet zu sein, also schrieb ich ihm erklärend, dass Mark Scheibe mein damaliger Partner gewesen sei und wir darum zusammen gesessen hätten. Da hatte Ken die Lösung parat:

Ich führe einen Rosenkrieg gegen meinen Exfreund, war seine einfache Erklärung der Sachlage und er löschte meine Posts. Inzwischen war es ausgerechnet einer meiner Facebookfreunde, der mir einerseits mail zum Thema schrieb und andererseits ellenlange Kommentare auf Kens Seite postete, dass mein Verhalten inakzeptabel sei. Ich versuchte meinem Facebookbuddy zu verklickern, dass ich mit jemandem wie Ken nicht gerne in eine Auseinandersetzung treten wolle, da er mich ohnehin zensieren würde und weil sein Kampfstil zu rücksichtslos sei für mein sensibles Gemüt.

Ebenjenes sensible Gemüt ließ mich dann aber den ganzen Tag nicht mehr stillsitzen und also rang ich mich durch und schrieb zunächst auf Kens Seite dass ich mich nicht weiter äussern würde, da meine Statements ja eh gelöscht würden und weil ich diese Form der „Kriegsführung“ nicht ertragen würde. Es verging noch mehr Zeit mit noch mehr schlechtem Gewissen und also schrieb ich schließlich einfach an Ken selbst. Ich schickte Ken die folgende private Nachricht:

Vielleicht sollten wir das mal persönlich klären, weil ich tatsächlich keinerlei Interesse an einem solchen Kleinkrieg hege. Zunächst: Von Broder soll jeder halten, was er will. Ich bin nicht sein Fan und ich bin sicher in vielen Bereichen Deiner Meinung. Ich gebe auch gerne zu, dass meine „Beteiligung“ an dieser Diskussion auch sehr impulsiv war. Von Mark Scheibe darf auch jeder halten, was er will und ja, ich kann ihn tatsächlich so gar nicht austehen, aber kommen wir nun in aller Ehrlichkeit zum Kern meiner Aussage:  Du und ich, wir sind viermal aufeinander getroffen. Das war zweimal bei Fritz und zweimal irgendwo privat mit Mark. Du wirst Dich vermutlich gar nicht erinnern, weil alle diese Begegnungen eher flüchtiger Natur war. Beide Male, die wir uns mit Mark trafen, haben Du und Mark sehr eklige Witze über Juden, Schwarze und Frauen gerissen. Ich war sehr abgestossen und dieser Eindruck ist einfach bei mir hängen geblieben. Dass ich mich auf diese Weise auf eine Diskussion eingelassen habe, tut mir persönlich leid. Im Grunde kann man sagen, dass mein Eindruck gar nichts mit dieser Sachlage zu tun hat. Broder ist ein Spinner. Von mir aus. Ihn auf diese Weise bloßzustellen verurteile ich allerdings. Ich habe einen persönlichen Eindruck Deiner Person geäussert und das war unprofessionell und nicht besonders klug. Geschenkt. Ich würde darüber kein Buch schreiben wollen. Mein Eindruck ist allerdings da und ich hoffe, dass Du darauf in einer Weise antworten kannst, die nicht verletzend ist. Ich habe sehr viele Probleme mit Hassmails und dergleichen und hege lieber zielgerichtetere Dialoge.

Danke und Entschuldigung, Meike (von wegen mit „ai“)

Ken reagierte darauf nicht. Inzwischen fragten User auf der Seite, wo meine Kommentare verblieben seien und warum er dem Vorwurf nichts entgegenzusetzen habe außer Löschung. Ken erklärte ihnen, dass dies eine Verleumdung sei, für die er keine Zeit habe und erklärte meine Kommentare als Teil eines Spindoctors. WOW! Ein Spindoctor ist jemand, der von politischer Instanz bezahlt wird, um Medien subtil zu manipulieren. Nun wurde ich also Teil einer Verschwörung und angeblich dafür bezahlt, Meinung gegen Ken zu machen. Auf mein Schreiben antwortete er erst einmal nicht. Das kam erst viel später.

Erst einmal behauptete er auf seiner Seite weiter gegenüber Nachfragenden, dass ich einerseits einen Rosenkrieg gegen Mark Scheibe führe, andererseits sagte er, ich würde bezahlt, um seine Person zu schmähen. Da ich ihn ja aber längst über meine wahre Meinung aufgeklärt hatte, hielt ich es schließlich nicht mehr aus und schrieb doch noch etwas auf seine Chronik:

kenscreenshot1

Daraufhin wurde ich blockiert. Und ich erhielt eine private Antwort des Moderators.

Ich habe deinen gesamten text an scheibe geleitet.
Hier noch ein Lesetip .http://www.amazon.de/gp/aw/d/3825225232/ref=mp_s_a_1?qid=1355010777&sr=8-1&pi=SL75

Sein Stilmittel: Die Weiterreichung. In wiefern mich das beeindrucken soll, ist mir nicht ganz klar. Eines ist jedoch unübersehbar: Mit Ken Jebsen ist Frieden nicht zu machen. Das einfache Lesen meiner mail oder eine kurze Recherche im Internet hätte ihn darüber aufklären können, dass wir uns beide gegen die selben Sachen engagieren, er hätte meine Entschuldigung annehmen und in einen konspirativen Dialog treten können. Stattdessen hat er mich denunziert, mich beleidigt und für mindestens verhaltensgestört erklärt.

Alle User, die nach mir fragten und die Vorgänge als befremdlich darstellten, wurden ebenfalls von der Seite geblockt. Einer teilte mir mit, dass Ken ihm geschrieben und versucht habe, ihn zu überzeugen. Dabei hat er mir allerdings die Worte im Munde umgedreht und erklärt, wie er mit derlei Störern umgehe. Nachdem der User ihn darüber aufklärt, dass dies so alles nicht richtig ist und weiterhin nachfragt, wieso Ken die Statements löschen und dann falsch wiedergeben würde, wurde auch er blockiert. Hier ein Teil dieses Dialoges:

Bildschirmfoto 2012-12-09 um 16.20.26

Bildschirmfoto 2012-12-09 um 16.20.50

An mich richtete er mit der Blockierung noch die folgende Nachricht:

„Wer bezahlt Sie, Maike von Wegen? Ich kenne Sie nicht. Spielen Sie ihre Spielchen woanders.“

Schade, Ken Jebsen. Mein Eindruck bleibt nun also weiter bestehen. Sie haben frauenfeindliche und rassitische Witze in meinem Beisein gerissen und anstatt sich dazu zu äussern, zogen Sie es vor, einen privaten Grabenkrieg gegen mich zu führen. Kämpfen wir wirklich für dasselbe? Ich bin verwirrt. Denn in meinen Augen stellen derlei Methoden – Dennunzieren und Weiterleiten – eine enorme Gewalt dar. Außerdem frage ich mich: Geht es um Gewalt oder geht es um das Ego eines Moderators?

Es sollte hier eigentlich gar nicht um irgendein Ego gehen. Weder um das eines Mark Scheibes (wer-ist-das-überhaupt?), noch um das einer Meike Büttner oder um einen Ken Jebsen-Ego. Es geht um etwas anderes. Das Problem heißt Gewalt.

Ein Text von Meike Büttner

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