buettnerin

Marktregulierung? Ein Kinderspiel

In Meinung, Staatsgewalt on Dezember 17, 2012 at 3:56 pm

Heute erschienen auf www.mutterseelenalleinerziehend.de.

In England gibt es diesen uralten Witz. Da kommt ein Junge mit einem Brief seiner Lehrerin von der Schule zurück, in welchem die Lehrerin mitteilt, der Junge habe heute einem anderen Schüler den Stift geklaut. Der Vater rastet aus und schimpft mit seinem Sohn. Wie kann dieser nur zu einem Dieb geworden sein, er sei eine Schande, wo er bloß mit derlei Flausen herkomme …  Er schickt den Sohn ohne Essen ins Bett und hört nicht mit dem Schimpfen auf. Bevor er die Zimmertüre des Jungen schließt, sagt er noch das Folgende: “Wenn du einen Stift brauchst, dann sag doch was! Ich kann dir jederzeit einen aus dem Büro mitbringen …”

Es ist doch erstaunlich, wie wir unsere Kinder immer wieder zum dem verleiten, was wir als das richtige Verhalten bezeichnen, während wir selbst offenbar nach ganz anderen Prämissen handeln. Nehmen wir diesen Diebstahl aus dem Witz. Wenn der Junge in der Schule einen Stift klaut, bekommt er dafür Ärger, während sein Vater es für legitim hält, einen Stift aus dem Büro zu klauen. Wir erziehen unsere Kinder, nicht zu lügen und dann tun wir es selbst. Wir sagen ihnen, dass zu viel Schokolade nicht gut für sie sei und sind sie erst im Bett, essen wir eine ganze Tafel. Unsere Kinder treiben wir mühevoll zu anständigem Verhalten, wieso fällt es uns für uns selbst so schwer?

Gehen wir noch ein ganzes Stückchen weiter:
Viele von uns werden schon einmal – sei es aus purer Ich-kann-nicht-mehr-Haltung oder aus Ich-will-das-jetzt-mal-ausprobieren-Neugierde – versucht haben, die Zügel etwas lockerer zu lassen. Jeder von uns kennt die Erfahrung, dem Kind etwas einfach einmal durchgehen zu lassen, ein böses Wort einmal gar nicht zu hören, oder eine kleine Frechheit zwischendurch einfach mal nicht zu bestrafen.  Ich habe derlei schon an verschiedenen Stellen in der Erziehung ausprobiert mit dem immer selben Resultat: Sobald die Spielräume meines Kindes größer werden, tobt das selbstzerstörerische Chaos. Kinder können gar nicht ohne Regeln. Regeln geben ihnen Halt und sobald sie tun können, was sie wollen, rasten sie zunächst einmal aus und versuchen den Erziehenden solange zu provozieren, bis sie endlich wieder irgendwo Grenzen wahrnehmen. Kinder brauchen diese Grenzen. Sie sind ohne sie verloren. Wir brauchen diese Grenzen auch. Für uns sind sie zB. in Gesetzen geregelt und wer sich nicht an die Regeln hält, landet als Kind auf dem Auszeitstuhl und als Erwachsener im Gefängnis. Selbstregulierung fällt dem Menschen sehr schwer, darum hilft das Gesetz uns, uns an diese Regeln zu halten und wir helfen unseren Kindern dabei.

Oder wie ist es mit unseren Freunden? Was, wenn von denen einer zu grob gegen die Regeln der Gesellschaft verstösst und wir sehen dabei zu? Dann halten wir es für legitim, unseren Freund im Sinne unserer Gesellschaft zu “erziehen”. Wir würden es nie so nennen. Es ist aber nichts anderes als Erziehung, wenn wir das Gespräch suchen mit unserem Freund und ihm mitteilen, dass wir sein Verhalten nicht unterstützen können. Wenn unseren Freunden solche Einwände egal werden, werden sie uns egal und wir strafen sie quasi mit “Entfreundung”. Ich nenne das Verhältnis zwischen Freunden auch gerne “sorgeberechtigt”, was im Deutschen ja mit der Erziehung einhergeht. Eine Freundschaft ist das Band, das mich zur Sorge berechtigt um meinen Freund. Weil ich mich sorge, helfe ich ihm oder ihr und meine Freunde sorgen sich um mich und helfen mir. Wir finden das alles ganz normal und wir wissen, dass es nötig ist. Mann kann und man muss regulieren, weil das Übermaß immer schädlich ist.

Doch bei dem Markt tun wir uns schwer. Seit Milton Friedmann in seiner Kapitalistenbibel “Kapitalismus und Freiheit” behauptet hat, die Märkte würden sich selbst regulieren, hat man ihnen freies Wachstum gewährt. Und zunächst war das auch gut so. Doch lange schon steigt der Wachstum ins Unermessliche, während sich inzwischen die sozialen Zustände aber rapide verschlechtern. Lange ist Wachstum nicht mehr nützlich für den Bürger im Kapitalismus. Es profitieren nur noch einige wenige und die müssen dafür tricksen und deixeln und all die Dinge tun, gegen die es keine Gesetze gibt, die wir aber aus dem Bauch heraus als “Verbrechen” bezeichnen würden. Nahrungsmittelspekulationen, Schuldengeschäfte, Urwaldrodung, Klimawahnsinn, Ressourcenkriege, … Die meisten Kriege der dritten Welt finden nur wegen globalunternehmerischer Interessen statt.

Wir wissen, dass Regulierung nötig ist. Wir müssen unsere Kinder regulieren, uns selbst und unsere Freunde und es ist überhaupt gar keine Frage, dass wir auch die Märkte regulieren müssen. Weil sie sich selbst und uns allen schaden. Die Diskussion um das Ob sollte der Verstand nun beenden und endlich zum Wie kommen. Und wir sollten uns alle wehren gegen eine Kanzlerin, der diese Prinzipien nicht vertraut sind.

Text von Meike Büttner

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