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Kontext, Tod & Emanzipation

In Gewalt in Kommunikation, Meinung on Januar 22, 2013 at 12:39 pm

Der Text „ Kontext. Wie Wörter zu ihrer Bedeutung kommen.“ von Antje Schrupp hat mich zum Nachdenken gebracht. Oder vielleicht besser gesagt: Der Text hat mich erinnern lassen. Im ersten Teil des Textes erläutert die Autorin, dass Sprache ein lebender Organismus sei, den wir prägen. Sie weißt darauf hin, dass die Verwendung eins Wortes immer eine Prägung des dahinter liegenden semantischen Netzes bedeutet. Je nach Wortwahl, manifestiert oder verschiebt oder ordnet sich dieses Netz. Die Verwendung eines Wortes kann nie losgelöst von seiner historischen Verwendung gelöst werden, da der Gebrauch ansonsten willkürlich wäre und ein gegenseitiges Verstehen unmöglich machen würde. Im Moment der Verwendung trage ich als Sprecher aber auch Verantwortung für den Gebrauch in der Zukunft. Dies ist performanztheoretischer Gedanke, den ich teile. Wie Antje Schrupp sehr schön zusammenfasst:
„Was mich an der bisherigen Diskussion vor allem stört ist, wenn diese eigene Verantwortung nicht reflektiert wird. Es geht nicht darum, herauszufinden, was ein Wort „wirklich“ bedeutet, denn wir befinden uns hier nicht auf der Ebene wissenschaftlicher Beweise, die durch logische Deduktion oder im Experiment verifiziert oder falsifiziert werden können. Wir befinden uns auf der Ebene einer politischen Auseinandersetzung, in der die Sprecherin ein politisches Urteil fällt, für das sie eben auch die Verantwortung zu tragen hat.“

Darauf folgt, dass sie zwischen geschriebenen und gesprochenen Wort unterscheidet. Für mich ist diese Unterscheidung von genauso großer Bedeutung. Das gesprochene Wort nimmt Bezug auf eine aktuelle Situation, in der Sprecher und Zuhörer (oder eben auch Sprecher) anwesend sind. „ Das geschriebene Wort wird durch die Verschriftlichung von seinem Kontext gelöst“ Antje Schrupp

Genau an diesem Punkt halte ich es für wichtig noch mal genauer hin zu schauen und Roland Barthes zu Wort kommen zu lassen. Die Schrift ist der Ort an dem das Subjekt entflieht. Die Person hinter dem Text löst sich völlig auf. Der einzige Körper der noch existiert ist der des Textes.
„Die Stimme verliert ihren Ursprung; stirbt der Autor, beginnt die Schrift.“ Roland Barthes
Die Person des Autors ist eine konstruierte, die im französischen Rationalismus entstanden ist. Seit dem versuchen wir Werke durch ihre Urheber zu erklären. Es ist der verzweifelte Versuch, das längst entflohene Subjekt festzuhalten, um der unbequemen Situation, dass gesprochenes und geschriebenes Wort unterschiedlich zu behandeln sind, aus dem Weg zu gehen. Ein Text ist immer ein Produkt der Gegenwart, da der Leser ihn als Subjekt zu Eigen macht. Deshalb ist ein Text ein vierdimensionaler Raum, in dem multiple Schreibweisen sich zum einen ergänzen und zum anderen bekämpfen, hinter dem der Autor völlig verschwindet und somit jeder Versuch den Text (vollständig) decodieren zu wollen unmöglich macht. Mit diesem Wissen müssen wir Schrupps folgende Aussage betrachten: „Genau diese Frage, nämlich wo ein historischer Autor oder eine historische Autorin sich damals im Diskurs verortet hat, ist meiner Ansicht auch das Kriterium, anhand dessen zu entscheiden ist, in welcher Weise seine oder ihr Texte für heute aktualisiert werden müssen.“
Natürlich können wir etwas über einen AutorIn wissen, aber kann ich nicht von mir selbst lösen. Ich habe ja nur meine eigenen Worte und semantischen Netze und nicht die des Autors. So stellt sich für mich die Frage, ob wir nicht einen folgenschweren Fehler begehen, wenn wir Texte „aktualisieren“. Denn tappen wir dabei nicht in die Falle, dass wir patriarchale Strukturen aufrechterhalten in dem wir uns auf die Position des Entscheiders erheben, der ein richtig und ein falsch bestimmt?
„Nicht sein Ursprung oder seine Stimme sind der Wahre Ort der Schrift, sondern die Lektüre.“ Roland Barthes
Denn wenn der Ort der Lektüre der Wahre Ort ist, dann ist dieser Moment individuell verschieden. In diesem Kontext tragen wir Verantwortung wie Antje Schrupp weiter oben erwähnt, schreibt. Sie nimmt Bezug auf Kinderbücher und frauenfeindliche Literatur aus dem 19ten Jahrhundert. An dieser Stelle tun sich für mich zwei Probleme auf.
Das erste ist das des Kunstwerks. Schreibt ein Literat ein Buch, sei es ein Kinderbuch oder nicht, so schafft er ein Kunstwerk. Ein Kunstwerk müssen wir anders betrachten, als beispielsweise ein Sach- oder Schulbuch. Letztere müssen immer wieder an neuste Erkenntnisse jedweder Art angepasst werden. Bei einem Kunstwerk muss allerdings der Aspekt der Originalität mit bedacht werden. Ein Werk stammt immer aus einer Zeit und kann, muss aber nicht, unter diesem Aspekt rezipiert werden. Eine Änderung, bzw. Anpassung des Werkes wäre eine Verfälschung. Es geht mir hier nicht um den Fall der Adaption, welche ein Original ja klar kenntlich macht (machen sollte) und dann einen neuen „Autor“ hat. Es geht mir auch nicht darum, Künstler heilig zu sprechen. Persönlich halte ich viele Texte und Werke für völlig überholt. Von mir aus, braucht kein Theater der Welt mehr Shakespeare spielen, aber es sollte die Möglichkeit dazu haben.
Hierzu kommt mir die letzte Szene des Films „Thank you for smoking“ in den Kopf. Ein US-Senator, der einen obsessiven Kampf gegen Zigaretten und die Tabakindustrie führt, verliert den Kampf vor Gericht. Am Ende sieht man ihn sein neustes Projekt vorstellen: Er hat es sich zum Ziel gesetzt, alle Hollywood-Filme nachzubearbeiten, damit die Zigaretten herausgeschnitten und durch Lollies oder anderen Süßigkeiten ersetzt werden. “Wir machen die Filme ästhetisch ansprechender.“ Auf die Frage, ob er nicht die Geschichte verfälschen würde, antwortet er: „Nein. Wir verbessern die Geschichte.“
Geschichtsverbesserung, oder eben Verfälschung hat in meinen Augen dramatische Folgen. Wir tilgen einen Referenzpunkt der Historie, der uns genau hierin gebracht hat und unsere heutigen Positionen mitbedingt. Die Emanzipation ist ja auch deshalb ein so schwieriger Kampf, weil die Ungerechtigkeiten seit Jahrhunderten betrieben werden. Und da ist auch jedes Kunstwerk ein Zeitzeuge von.
Das zweite Problem resultiert aus dem Markt heraus. Bücher sind Produkte in einem Markt. Es gibt unzählige sexistische, rassistische und homophobe Produkte. Diese werden gekauft, da ein Grossteil der Gesellschaft nicht über Emanzipation nachdenkt. Wir können dem entgegentreten in dem wir diese Produkte nicht kaufen, aber nicht in dem wir sie verbieten. Das ist bei Spielzeugen, Kosmetik oder Autos mit Sicherheit etwas anderes als bei Büchern, da sich hier die Kategorien Kunstwerk und Markt vermischen.
„Nicht sein Ursprung oder seine Stimme sind der Wahre Ort der Schrift, sondern die Lektüre.“ Roland Barthes
Daraus ergibt sich auch die Macht des Lesers. Er ist nicht nur Subjekt, sondern auch politisch. Eigentlich ist ja jedes Subjekt politisch, aber das wird häufig vergessen, weshalb ich es hier betone.
Der Kontext der Lektüre ist also von großer Wichtigkeit. Es ist unsere Verantwortung in diesem zu reflektieren und kritisch zu sein. Und wenn wir nicht wollen, dass Kinder Bücher lesen, die in irgendeiner Form diskriminierend sind, dann bleibt uns in diesem Fall nur die Möglichkeit sie nicht zu kaufen. Aber unsere Möglichkeiten persönlich gegen Rassismus, Sexismus oder jede andere Form von Gewalt anzugehen sind deshalb nicht kleiner geworden.

Ein Text von Can Gezer

Abra-abra-cadabra, Abracadabra

In Gewalt in Kommunikation, Meinung on Januar 14, 2013 at 4:42 pm

Hex, hex! Der Verleger Klaus Willberg des Stuttgarter Thienemann-Verlags hat Überlegung geäußert die Klassiker der Kinderbücher zu überarbeiten. Und seit dem streiten überall Menschen darüber, Meinungen werden gedruckt und mir tut sich der Verdacht auf, dass hier mehrere Diskurse vermischt werden, die ich alle für wichtig halte.

Was ist passiert? Otfried Preußler, Autor  des Buches „Kleine Hexe“ hat diskrimimiernde Worte in seinem Werk geändert. Das Ganze passierte anlässlich des 90. Geburtstag des Autors. Klaus Willberg, Verleger des Thienemann-Verlags äußert das Vorhabe, aus Gründen der Verständlichkeit, mehrere in die Jahre gekommenen Kinderbücher, sprachlich an die heutige Zeit anzupassen. Und vor ein paar Wochen äußerte Kristina Schröder, dass sie rassistische Passagen in Kinderbüchern beim Vorlesen „entschärfe“.

In den Kommentaren und Diskussionen hört man immer wieder Rassismus-Gegner, die Änderungen befürworten und Menschen die von Zensur sprechen. Einatmen. Ausatmen. Fangen wir an es aufzubröseln:

wenn ein Autor seinen Text ändert so wie Preußler es getan hat, weil der Geschichte diskriminierende Begriffe innewohnen, finde ich das toll. Ein Mensch gibt einen Fehler zu, bzw. ändert seine Meinung und in diesem Fall sein Werk. Ganz wichtig dabei: es ist seins. Er ist der Künstler. Und hier ist direkt ein essenzieller Punkt: ein Kinderbuch, genauso wie viele andere Bücher, Gemälde, Bühnenprojekte sind Kunstwerke. Es ist kein Lehrbuch, das dem letzten Erkenntnisstand angepasst, und in neuer Auflage gedruckt wird.

Das Werk eines Künstlers darf nicht geändert werden, denn es verletzt das Urheberrecht, wäre Zensur, ein Einschränken der Meinungsfreiheit und das Verfälschen eines Zeitdokuments. Und ich möchte überhaupt nicht bestreiten, dass sich etliche rassistische Begriffe in Kinderbüchern finden. Der Vorschlag von Willberg ist für mich deshalb nicht diskutierbar. Um so mehr, wenn ich seine Position des Verlegers betrachte. Er sagt, dass Begriffe wie „Schuhe wichsen“ in „Schuhe putzen“ geändert werden sollten, damit Kinder sie heute verstehen. Wenn die Kinder die Geschichten verstehen, verkauft er mehr Bücher. Es ist also ein auch von Profit geleiteter Gedanke. Denn es ist billiger Texte zu ändern und neu aufzulegen, als neue Geschichten zu finden, die den Ansprüchen der Verständlichkeit und Frei von Diskriminierung zu sein, genügen. Diese finden sich kaum, da sie nicht marktkonform sind. Die einzige Auflistung von solchen Kinderbüchern, die ich finden konnte, ist auf der Website des Vereins Gladt.

Und damit sind wir beim nächsten Problem. Dem Rassismus. Ja, er ist ein Problem unserer Gesellschaft. Das wird gerade daran deutlich, dass „Produkte“ (in diesem Falle Kunst) keinen Platz im Markt haben, die nicht dem Status Quo entsprechen. Und dieser ist rassistisch, sexistisch und homophob geprägt. und es ist ja auch ein verständliches Unterfangen schon bei Kindern anzufangen, aber nicht um jeden Preis. Denn wenn wir Kunst zensieren, bedeutet das für mich das genaue Gegenteil von Aufklärung, die wir Kindern zu Gute kommen lassen wollen. Fangen wir an Wörter aus Büchern zu nehmen, müssen wir auch Filme bearbeiten, Musiktexte ändern, Gemälde verändern. Denn warum sollte nicht dasselbe für Erwachsene gelten, die durch ihr Verhalten und Sprechen wesentlich zum Erhalt der diskriminierenden Gegenwart beitragen. Sprache ist Handeln, aber der Versuch der Ausradierung bestimmter Begrifflichkeiten ändert daran nichts.

„Es liegt in der Natur alles Menschlichen, dass jede in der Geschichte der Menschheit einmal vollbrachte Handlung noch lange nachdem ihre Wirklichkeit Vergangenheit geworden ist, der Menschheit als Möglichkeit verbleibt… Hat sich eine spezielle Handlung erst einmal ereignet, ist es wahrscheinlicher, dass sie sich erneut ereignet, als ihr erstes Auftreten je hätte sein können.“

Londons Outrage Fanzine, 1976

Und aus diesem Grund sollten wir all diese diskriminierenden Begriffen und Strukturen benennen und uns mit ihnen auseinandersetzen, da Verbote keine Lösungen sind, sondern lediglich Probleme verlagern. Der Kampf für eine emanzipierte Gesellschaft ist anstrengend und nicht durch Eingriffe in alte Kunstwerke zu gewinnen, sondern nur durch permanenten, anstrengenden Dialog. Ich kann sehr gut verstehen, wenn man abends nach Hause kommt und dann seinem Kind einfach nur eine Geschichte aus einem Buch vorlesen möchte. Das dann aber Erklärungen anfangen müssen, ist Teil des Problems. Und das Persönliche ist immer das Politische.

Ein Text von Can Gezer

YEAHYEAHYEAH!

In Meinung, Staatsgewalt on Januar 7, 2013 at 10:15 am

Das Maxim-Gorki Theater in Berlin hat eine neue Intendantin!
Eine Frau! Mit Migrationshintergrund! Und alle also so YEAH!
Deutschland hat auch eine Frau als Kanzlerin. Sogar eine Ostdeutsche! Und damals auch alle so YEAH. Amerika hat einen afroamerikanischen Präsidenten. Die ganze Welt so OBAMARAMA!
Wir fallen dabei auf neue Verpackungen und Labels, eines alten Produktes rein, das Kapitalismus heißt. Obamas Stab besteht fast ausschließlich aus Wall-Street-Bänkern, Merkel erfüllt den Finanzmärkten einen Wunsch nach dem Anderen, und Shermin Langhoff, die neue Intendantin erklärt in der ersten Betriebsversammlung, dass sie sich über jeden freut, der am Haus bleibt und verschickt gleichzeitig an ein Drittel der Angestellten Kündigungen. http://www.berliner-zeitung.de/kultur/maxim-gorki-theater-kuendigungswellen,10809150,21390060.html
Mir soll es hier gar nicht so sehr um die einzelnen Personen gehen (dafür weiß ich auch nicht genug über Frau Langhoff), aber um die schönen Tricks auf die wir reinfallen und wie kleine Kinder bei einem Feuerwerk „OH…ist das schön“ sagen. Die Probleme des Rassismus und Sexismus sind auf einen Schlag gelöst. Und alle so YEAH!. das der Einzelfall ein strukturelles Problem löst, ist leider ein Irrglaube. Es ist ein Etikettenschwindel dem wir hier erliegen. Und eigentlich sind dies leere Etiketten, da sie gar nicht in dem Referenz-Rahmen des Rassismus und Sexismus arbeiten, sondern diese Menschen Machtpositionen in kapitalistischen Gebilden inne haben. Und das vorrangige Interesse eines kapitalistischen Gebildes ist das Kapital. Das dies auf Staatsebene passiert wundert wahrscheinlich viele nicht mehr sonderlich. Das dies in der Kunst auch so ist, wundert schon mehr.
Der Artikel hebt ein weit verbreitetes Klischee hervor, dass Künstler, in diesem Fall Schauspieler und Regisseure es schon zu Ihrem Selbstverständnis gemacht haben, arm zu sein. Kunst dient halt einem höheren Gut als dem Geld. Problem ist nur, dass sie eigentlich Sklaven der kapitalistischen Prinzipien sind. Staaten kürzen Kulturetats mehr und mehr. Ähnlich wie Griechenland auf volkswirtschaftlicher Ebene, wird der Kulturbereich als eine Art Labor genutzt. Wie viel kann man sparen, bis etwas stirbt. Das griechische Volk geht im Gegensatz zu Künstlern wenigstens auf die Strasse. Sprich, es gibt eine Art des politischen Bewusstseins. Viele Künstler meinen per se politisch zu sein. Künstler sind halt arm. Aber ein politisches Bewusstsein müsste eine gerechtere Position für sich selbst einfordern. Die Romantisierung Ihrer eigenen Versklavung ist allerdings das genaue Gegenteil davon. Da wundert es mich kaum, dass Theater und viele andere Künste wirklich niemanden mehr interessieren. Denn das aufklärerische und vielleicht sogar revolutionäre Potential, das es einmal inne hatte, ist verschwunden. Statt ein Labor für Utopien zu sein, verkommen die Künste zu einem weiteren Experimentierfeld des Kapitals.

Ein Text von Can Gezer

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