buettnerin

Abra-abra-cadabra, Abracadabra

In Gewalt in Kommunikation, Meinung on Januar 14, 2013 at 4:42 pm

Hex, hex! Der Verleger Klaus Willberg des Stuttgarter Thienemann-Verlags hat Überlegung geäußert die Klassiker der Kinderbücher zu überarbeiten. Und seit dem streiten überall Menschen darüber, Meinungen werden gedruckt und mir tut sich der Verdacht auf, dass hier mehrere Diskurse vermischt werden, die ich alle für wichtig halte.

Was ist passiert? Otfried Preußler, Autor  des Buches „Kleine Hexe“ hat diskrimimiernde Worte in seinem Werk geändert. Das Ganze passierte anlässlich des 90. Geburtstag des Autors. Klaus Willberg, Verleger des Thienemann-Verlags äußert das Vorhabe, aus Gründen der Verständlichkeit, mehrere in die Jahre gekommenen Kinderbücher, sprachlich an die heutige Zeit anzupassen. Und vor ein paar Wochen äußerte Kristina Schröder, dass sie rassistische Passagen in Kinderbüchern beim Vorlesen „entschärfe“.

In den Kommentaren und Diskussionen hört man immer wieder Rassismus-Gegner, die Änderungen befürworten und Menschen die von Zensur sprechen. Einatmen. Ausatmen. Fangen wir an es aufzubröseln:

wenn ein Autor seinen Text ändert so wie Preußler es getan hat, weil der Geschichte diskriminierende Begriffe innewohnen, finde ich das toll. Ein Mensch gibt einen Fehler zu, bzw. ändert seine Meinung und in diesem Fall sein Werk. Ganz wichtig dabei: es ist seins. Er ist der Künstler. Und hier ist direkt ein essenzieller Punkt: ein Kinderbuch, genauso wie viele andere Bücher, Gemälde, Bühnenprojekte sind Kunstwerke. Es ist kein Lehrbuch, das dem letzten Erkenntnisstand angepasst, und in neuer Auflage gedruckt wird.

Das Werk eines Künstlers darf nicht geändert werden, denn es verletzt das Urheberrecht, wäre Zensur, ein Einschränken der Meinungsfreiheit und das Verfälschen eines Zeitdokuments. Und ich möchte überhaupt nicht bestreiten, dass sich etliche rassistische Begriffe in Kinderbüchern finden. Der Vorschlag von Willberg ist für mich deshalb nicht diskutierbar. Um so mehr, wenn ich seine Position des Verlegers betrachte. Er sagt, dass Begriffe wie „Schuhe wichsen“ in „Schuhe putzen“ geändert werden sollten, damit Kinder sie heute verstehen. Wenn die Kinder die Geschichten verstehen, verkauft er mehr Bücher. Es ist also ein auch von Profit geleiteter Gedanke. Denn es ist billiger Texte zu ändern und neu aufzulegen, als neue Geschichten zu finden, die den Ansprüchen der Verständlichkeit und Frei von Diskriminierung zu sein, genügen. Diese finden sich kaum, da sie nicht marktkonform sind. Die einzige Auflistung von solchen Kinderbüchern, die ich finden konnte, ist auf der Website des Vereins Gladt.

Und damit sind wir beim nächsten Problem. Dem Rassismus. Ja, er ist ein Problem unserer Gesellschaft. Das wird gerade daran deutlich, dass „Produkte“ (in diesem Falle Kunst) keinen Platz im Markt haben, die nicht dem Status Quo entsprechen. Und dieser ist rassistisch, sexistisch und homophob geprägt. und es ist ja auch ein verständliches Unterfangen schon bei Kindern anzufangen, aber nicht um jeden Preis. Denn wenn wir Kunst zensieren, bedeutet das für mich das genaue Gegenteil von Aufklärung, die wir Kindern zu Gute kommen lassen wollen. Fangen wir an Wörter aus Büchern zu nehmen, müssen wir auch Filme bearbeiten, Musiktexte ändern, Gemälde verändern. Denn warum sollte nicht dasselbe für Erwachsene gelten, die durch ihr Verhalten und Sprechen wesentlich zum Erhalt der diskriminierenden Gegenwart beitragen. Sprache ist Handeln, aber der Versuch der Ausradierung bestimmter Begrifflichkeiten ändert daran nichts.

„Es liegt in der Natur alles Menschlichen, dass jede in der Geschichte der Menschheit einmal vollbrachte Handlung noch lange nachdem ihre Wirklichkeit Vergangenheit geworden ist, der Menschheit als Möglichkeit verbleibt… Hat sich eine spezielle Handlung erst einmal ereignet, ist es wahrscheinlicher, dass sie sich erneut ereignet, als ihr erstes Auftreten je hätte sein können.“

Londons Outrage Fanzine, 1976

Und aus diesem Grund sollten wir all diese diskriminierenden Begriffen und Strukturen benennen und uns mit ihnen auseinandersetzen, da Verbote keine Lösungen sind, sondern lediglich Probleme verlagern. Der Kampf für eine emanzipierte Gesellschaft ist anstrengend und nicht durch Eingriffe in alte Kunstwerke zu gewinnen, sondern nur durch permanenten, anstrengenden Dialog. Ich kann sehr gut verstehen, wenn man abends nach Hause kommt und dann seinem Kind einfach nur eine Geschichte aus einem Buch vorlesen möchte. Das dann aber Erklärungen anfangen müssen, ist Teil des Problems. Und das Persönliche ist immer das Politische.

Ein Text von Can Gezer

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