buettnerin

Wohnst Du noch oder provozierst Du schon ?

In Gewalt in Kommunikation, Meinung on Februar 8, 2013 at 8:48 am

über die deutsche Autoaggression.  

Ein Gespräch mit einem Cafébesitzer, der sich vor Anschlägen fürchtet und mir der Hipster Antifa Neukölln, die im Netz mit dem Slogan „ Für die Aufwertung der Kieze – für mehr Bars, Soja-Latte, Wifi und Bio-Märkte! ▲▲ Luxus statt Armut – Antifa heisst Fortschritt – Smash Heimatschutz! “ die Antigentrifizierungsbewegung verspottet.  Alle Namen habe ich geändert. Bis auf die Namen der Hipster Antifa – die haben sich selbst falsche Namen gegeben. Schon lange.

fremdenfeindiche Grafitis, gesprüht mit der linken Hand

fremdenfeindiche Grafitis, gesprüht mit der linken Hand

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Man kann sich wohl nicht einig werden …

[DUDEN

Gentrifizierung: Aufwertung eines Stadtteils durch dessen Sanierung oder Umbau mit der Folge, dass die dort ansässige Bevölkerung durch wohlhabendere Bevölkerungsschichten verdrängt wird.]

Es ist ein lauer Sommertag in Berlin-Neukölln. Ich sitze vor einem hübschen kleinen Café am Herfurtplatz, das vor wenigen Wochen eröffnet hat und schlürfe meinen Capuccino mit laktosefreier Milch. Die Tasse ist ein uraltes Flohmarktporzellanmodell mit Blümchen und Goldrand, neben mir prangen ebenfalls in goldener Farbe ordentlich gesprüht die Buchstaben „FUCK THE POLICE“ von der Wand.  Vom Herrfurthplatz her höre ich die Rollkoffer, die kurze Zeit darauf an mir vorbei über die Schillerpromenade gezogen werden. Vor den Rollkoffern laufen vier Menschen unterschiedlicher Herkunft, die sich auf englisch unterhalten. Offenbar Touristen. Das hier ist der Schillerkiez. Wie jeder Berliner Hipster Bezirk benannt nach seiner beliebtesten Straße. Und wie alle Hipsterbezirke ist auch dieser hier das Zentrum eines Vorgangs, der momentan allen in Deutschland – vor allem in der Hauptstadt – zu schaffen macht. Der Schillerkiez befindet sich auf dem Höhepunkt der sogenannten Gentrifizierung. Es ist gar nicht so lange her, da eröffneten findige Geschäftsmenschen (Juliane Gerroldt, Philipp Entekhabi und Zekerijat Purkovic) eine Straße weiter die SCHILLER Bar den SCHILLER Burger und die SCHILLER Backstunde. Und es ist noch ein bisschen weniger lang her, dass Aktivisten die sich selbst als Kämpfer gegen die Gentrifizierung bezeichnen- auf die SCHILLER Bar einen Anschlag verübten. Sie warfen mit Steinen die Fenster ein und schütteten rote Farbe über Fassade und Gehweg.

Nicht der Name des Cafés, kann aber da stehen bleiben, findet der Besitzer

Nicht der Name des Cafés, kann aber da stehen bleiben, findet der Besitzer

Anschläge wie diese passieren immer häufiger in Berlin und sie sind Ausdruck einer fehlgeleiteten Wut und Verzweiflung seitens weniger Linksradikaler, die im Dschungel einer kapitalistisch globalisierten Welt offenbar den politischen Faden verloren haben.

Direkt vor meiner Nase turteln die ganze Zeit zwei gutausende junge Menschen – eine schlanke brünette Frau und ein lockiger Mann mit großen wachen Augen flirten abwechselnd mit sich und ihrem Baby für das sie einen uralten großen Kinderwagen haben und klären Haushaltsdinge. Als er sich von ihr verabschiedet und sie den schönen großen Kinderwagen davon schiebt, frage ich ihn, ob er Jannek ist. Er schüttelt freundlich den Kopf und sieht mich fragend an. Ich erkläre ihm, dass ich hier mit der Hipster Antifa Neukölln verabredet bin für ein Interview über Gentrifizierung und sein Ausdruck wandelt sich. Ein wenig sieht er erschrocken aus.

„Die Antifa? Aber die müssen meinen Laden hier doch hassen. Ich bin der Besitzer.“

Er duckt sich als er es sagt. Fast so, als wäre ihm unangenehm, dass er es gewagt hat, ein Café zu eröffnen und somit Schuldiger zu werden im bösen Gentrifizierungsvorgang.

Da kann ich ihn beruhigen.

„Die Hipster Antifa fordert MEHR SOJALATTE, MEHR W-LAN, MEHR so was eben. Sie sind keine Antigentrifizieungsaktivisten. Sie machen im Gegenteil aufmerksam auf diesen aggressiven Trend, der sich zur Zeit durch die linksradikale Szene zieht.“

Anton ist erleichtert. Er beginnt zu erzählen, wie er und seine Freundin sich gefürchtet haben. Er erzählt, dass er Achitekturstudent ist und alles selbst gebaut hat. Aus billigem Holz, betont er. „Das ist alles Fichte.“ Tatsächlich hat er sich sehr viel Mühe gegeben bei der Verkleidung des Innenraumes.  Nachdem die neue Scheibe eingesetzt wurde, berichtet er, habe er drei Monate lang die Folie darauf gelassen und in dem Café übernachtet. So sehr fürchtete er sich davor durch das Schaufenster die Sicht auf sein neues Café freizugeben. Sein ganzes Geld steckte in diesem Projekt und soviel Arbeit. „Von dem letzten Rest Geld haben wir wahnsinnig teuer die Scheiben versichern lassen. Und wenn ich Abends mal länger hier bin, ruft meine Freundin mich besorgt an, weil sie Angst hat, dass es nun passiert ist.“

„Dass was passiert ist?“, hake ich nach und er zuckt die Schultern.

„Nunja, ich kann ja die Wut auf die Leute, die zu viel Geld mit dem Elend anderer verdienen verstehen. In der Gastronomie gibt es tatsächlich sehr viele Geschäftsmenschen, die vom Ursprung der Gastronomie gar keine Ahnung mehr haben. Das ärgert mich auch sehr. Ganz früher in den Dörfern gab es ja die Gaststuben, in denen Reisende Unterkunft und eine warme Suppe bekamen. Man bewirtete sie und schenkte ihnen Bier ein und sie bezahlten mit den Berichten von ihren Reisen. Die Gastronomie ist ein Ort für Geschichten und Politik. Ganz oft waren es ja auch die Wirte solcher Gaststuben, die die jeweiligen Bürgermeister wurden. Darum kann ich die Wut verstehen auf diese sogenannten Wirte, die von dieser Kultur nichts wissen und nicht wissen, dass sie für Menschen und Geschichten arbeiten. Wer aus purer Profitgier ein Café eröffnet, ist auch mir nicht sympathisch. Aber hier ist das ja alles ganz anders. Ich meine, hier steckt unser ganzes Geld drin und wir werden davon wohl kaum so schnell etwas zurück bekommen. Es war einfach nur so, dass wir plötzlich schwanger wurden und Lena Angst bekam, jetzt nichts weiter als eine Mutter zu sein. Also wollte sie ein Café aufmachen. Das wollte sie auch schon immer. Sie hat schon so viel in welchen gearbeitet und sich immer darüber geärgert, was ihre Chefs so alles falsch gemacht haben. Das war also schon immer ihr Traum. Aber sie war bis zu ihrer Schwangerschaft Stewardess gewesen und wollte bald ihr Studium in ökologischer Landwirtschaft beginnen und ich bin ja auch noch Student und wir haben ja jetzt das Baby. Also habe ich ihr gesagt, dass wir das nur  machen können, wenn sie vorher Businesspläne schreibt und mindestens fünf Mitarbeiter findet, mit denn sie einen durchgehenden Arbeitsplan aufstellen kann und so weiter und Lena hat sich hingesetzt und teilweise bis tief in die Nacht geschrieben. Wir haben uns ständig gestritten in dieser Zeit. Das war alles ein ganz schöner Kampf, aber Lena hat alles gestemmt und am Ende waren wir beide zufrieden mit ihren Plänen und haben unser Erspartes zusammengeschmissen und von dieser lächerlichen Summe alles bezahlt. Die ganze Innenarchitektur habe ich selbst gemacht. Und das war wirklich viel Arbeit. Vielleicht wird der Laden eines Tages Geld abwerfen, aber bis dahin muss es einfach nur möglich sein, dass er sich selbst überlebt. Weil es Lenas Traum ist. Das hier ist ein Herzensprojekt und keine Investition.“ Selbstverständlich meint er mit seiner Kritik an solchen schwarzen Schafen unter den Gastronomen ebensolche Menschen wie Juliane Gerroldt, Philipp Entekhabi und Zekerijat Purkovic, die in dieser Stadt mehrere Immobilien, gut gehende Cafés und Ferienwohnungen betreiben. Und vielleicht hat er damit sogar Recht. Andererseits kann kein Mensch einem anderen vorwerfen, dass er versucht, seinen Einfluss und den Geldbeutel auszuweiten.

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Anton nickt immer noch.  Anton nickt auch noch solange, bis sich mein erster Interviewpartner schüchtern nähert. Sein Name ist angeblich Jannek (30). In Wahrheit möchte er seinen Namen nicht preisgeben. Weil er sich vor Anschlägen fürchtet. Jannek bestellt bei Anton einen Kaffe und der geht, um diesen Kaffe selbst zu brühen und zu bringen. Hier kocht der Chef noch selbst.

Jannek scheint als Auskundschafter zu unserem Treffen zu kommen. Er ist alleine. Auch in den unzähligen Zeitungsartikeln war es vor allem immer sein Pseudonym, das ich gelesen habe. Jannek scheint wohl der Mutigste zu sein und er tastet sich erst einmal vorsichtig vor in unserem Gespräch, bis er mich offenbar als ungefährlich einstuft und seine beiden Kollegen per sms benachrichtigt, dass sie ruhig auch mit mir reden können. Ich kann nicht umhin, mir seinen SMStext vorzustellen. „Die Luft ist rein. Ihr könnt kommen.“ Keine Gefahr im Verzug. Ich bin tatsächlich eine Autorin und nicht eine Aktivistin, die die Jungs in eine Falle zu locken versucht. Die Hipster Antifa kann mir trauen. Ich plane tatsächlich über sie zu schreiben. Ich habe nicht vor, sie in die Luft zu sprengen. Gut. Entweder habe ich mich jetzt zufällig mit zwei Paranoikern an einem Tag unterhalten oder die Gegner der Gentrifizierung sind tatsächlich gefährlich?!

Das erste, was mir auffällt, nachdem Jannek das Café auch nicht gleich finden konnte: Offenbar ist niemand aus der Hipster Antifa Neukölln tatsächlich Neuköllner. Nur einer der beiden anderen schafft es, nach mehr als einer Stunde auch zu dem Treffen zu erscheinen. Der andere schafft es nicht mehr. Offenbar haben sie lange Anreisezeiten. Ist die Hipster Antifa Neukölln überhaupt aus Neukölln oder wird hier nur ein Schlagwort benutzt? Weil bei Neukölln einfach jeder Deutsche sofort ein Bild im Kopf hat. Markenzeichen Neukölln.  Apropos Schlagwort.

„Gentrifizierung ist so ein Schlagwort! Das ist alles so mythologisiert“, sagt Jannek.

„Das kommt doch aus dem Nichts. Das ist geschichtslos und man tut, als wäre das jetzt eine neue Erfindung.“

Das stimmt nicht ganz. Das Wort Gentrifizierung ist das erste Mal nachweisbar 1988 aufgetaucht, als in England Teile des Landadels (genannt Gentry) in die Zentren der Stadt zogen. Die Herkunft des Wortes ist also nicht neu. Es wurde bloß nie zuvor so medial ausgeschlachtet wie das momentan der Fall ist. Und der Vorgang dahinter ist aber auch noch sehr viel älter als das Wort.

„Dieser Prozess ist völlig normal. Den gibt es schon lange. Wenn man Lenin liest oder Marx, da kann man auch schon von diesen Entwicklungen erfahren. Das gab es einfach schon immer. Und wenn man auf so einer Schiene der sozialen Gerechtigkeit argumentiert und behauptet sich mit der Arbeiterklasse zu solidarisieren, dann sollte man doch aber wenigstens mal die geschichtlichen Bezüge überprüfen. Also die meisten der radikalen Gentrifizierungsgegner haben doch von der Arbeiterklasse überhaupt gar keine Ahnung. Es geht jetzt nur noch um dieses „Wir sind eine Kiezgemeinschaft!“ und das klingt dann immer wie so eine Nachbarschaftshilfe deluxe. So als könnte der eine die Miete des anderen übernehmen, wenn es mal nicht anders geht und so als gäbe es da eine uneingeschränkte Solidarität zwischen allen Anwohnern eines Viertels. Und das ist ja natürlich totaler Quatsch. Also da wird eine Solidargemeinschaft behauptet, die es noch nicht einmal gibt. Oder dieser ganze Blödsinn von einigen besonders Radikalen, Kreuzberg wäre einmal autonom und staatslos gewesen. Es ist natürlich eine absolute Halluzination. Staatenlosigkeit hat es hier überhaupt nie gegeben. Und diese Romantisierung die da plötzlich in den allgemeinen Sprachgebrauch übergeht auf einmal zu einer geschichtlichen Wahrheit wird. Dieses <<Kreuzberg war so cool, als es noch autonom war.>> Was ist denn daran cool? Also, wir können da gar nichts cool dran finden. Und es nicht einmal wahr. Der Staat hat schon immer überall hier seinen Finger drauf gehabt. Diese romantische Illusion, das ist Verklärung, das finden wir gefährlich.“

Gefahr, Gefahr. Alle scheinen alarmiert zu sein. Skandal im Armutsbezirk.

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Ist das wirklich so? Müssen Anton und Lena sich um ihr Café fürchten und die Hipster Antifa Neukölln sich um ihr Leben? Traurig, aber wahr: Ja. Das müssen sie. Denn genau diese Verbrechen gegen Menschen sind es ja, die die Hipster Antifa Neukölln auf ihrer facebookseite öffentlich machen. Darum haben sie sich ja überhaupt nur gegründet, um Aufmerksamkeit zu erzeugen für die Gewalt, die da gerade stattfindet und damit haben sie sich natürlich selbst ins Bullseye gestellt.

In Friedrichshain hat ein junger Mann einen anderen in der Bahn als Yuppie beschimpft, weil er einen bayrischen Akzent hatte und ihn zuletzt mit Pfefferspray angegriffen; ein Freund von Jannek hat gemeinsame Bekannte mit der Rikscha durch den Görlitzer Park gezogen, was dazu führte, dass sie von Passanten als „Touristen“ beschimpft und mit Flaschen beworfen wurden, in Kreuzberg haben Aktivisten Investoren bedroht, das Gebäude der Immobilienfirma Taekker mit Buttersäure attackiert und alle Reifen zerstochen, die sich auf deren Parkplatz befanden; in Friedrichshain wurde ein Vermieter mit drei Messerstichen niedergestreckt; die Kneipen „Freies Neukölln“ und die „Rollberg Brauerei“ sind immer wieder in lokalen Medien aufgetaucht, weil sie englischsprachige Gäste aus ihrem Laden schmissen mit der Begründung, dass sie nicht in das Konzept oder Image der Kneipe passen würden, einige Kneipen stellen sogar explizit Tafeln auf, auf denen zu lesen ist, dass Touristen nicht willkommen sind. Ja, vor allem in Buchstaben ergießt sich der Fremdenhass mehr und mehr über die Stadt. In Neukölln kann man inzwischen keinen Spaziergang mehr machen, ohne nicht mindestens fünf solcher fremdenfeindlichen Botschaften an den Wänden zu lesen. Die beliebtesten unter ihnen:

„Yuppi fuck off!“ „Berlin doesnt love you“ „ „Touristen fisten“ „A.T.A.B“ (All Tourists are bastards), Tourists not welcome“, „No more Rollkoffer“ etc. In Kreuzberg, Prenzlauer Berg, Treptow und Neukölln wurden eine Zeit lang Plakate geklebt, auf denen man aggressive Menschen in bedrohlicher Pose mit einem Schuh in ihrer Hand sah. Der Text darunter lautete „Latschenklatschen für Zugezogene.“ Der Hass ist allgegenwärtig und spürbar und er wird immer aggressiver.  Und ist dabei – obwohl er aus einer linken Ecke kommt – grausam reaktionär und fremdenfeindlich.

„Wir sind aus dem linken Spektrum!“, sagt Jannek. „Und wir empfinden das als einen Hohn gegenüber all den Menschen, die vorher auch schon arm waren und für die keine politische Kampagne gefahren wird, weil sie einfach nicht in das Raster dieser Kiezverteidigung passen. Es sind ja nur die von unserem Bürgermeister so deklarierten armen, sexy Bürger, die sich da wehren. Der Mindestlohnarbeiter aus Marzahn kommt in diesem Protest gar nicht vor. Hier splittet sich so eine kleine radikale Gruppe ab, nimmt sich ein Schlagwort und macht sich daraus so ein Betätigungsfeld.“

Eine große Gruppe von Kindern unterbricht unser Gespräch. Etwa zwanzig Kinder, die Mehrheit darunter eindeutig mit Migrantenhintergrund, macht sich lautstark bemerkbar, während sie mit einem Sozialarbeiter offenbar einen Ausflug unternehmen. Als sie an unserem Tisch vorbeistürmen sehen sie unsere Telefone auf dem Tisch liegen.

„Geiles iphone!“, sagt ein dickliches Mädchen. „Danke!“, sagt Jannek.

Meine Gedanken schweifen durch das Internet, wo ich in den letzten Tagen von all diesen Berichten gelesen habe. Blinder Aktionismus scheint sich auszubreiten. Linke Aktivisten haben ein neues Spielzeug gefunden. Gewalt gegen Touristen, Zugezogene und Investoren. Die Protestanten werfen mal wieder mit Steinen und treffen dabei in die eigenen Reihen. Homo homini lupus.

Es ist immer wieder der radikale Aktivismus der in seinem angeblichen Kampf für die Menschlichkeit Menschen Schaden zufügt.

Die Hipster Antifa Neukölln ist auch links, erklärt Jannek.

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„Ich sage immer Wir haben einen despreaten Kommunismusbegriff der aus der kritischen Theorie stammt. Also wir sind keine Bewegungslinken. Wir sind überhaupt keine Aktivisten. Wir sind einfach Freunde, die sich schon oft über dieses Phänomen aufgeregt haben und darum diese Gruppe bei facebook eröffnet haben.“

„Also seid ihr nur ein Netzwerkphänomen?“, frage ich. Naja, nicht ganz. Man habe da schon mal so eine Aktion geplant und die wäre auch echt gut gewesen, hätte dann aber doch nie stattgefunden. Darüber will Jannek aber mehr nicht verraten, weil sie es ja vielleicht doch noch eines Tages tun wollen. Es wäre witzig gewesen, sagt er. Eigentlich haben sie aber tatsächlich einfach nur eine facebookgruppe gegründet, die dann innerhalb weniger Tage plötzlich über 2000 Fans generierte und dann, so vermutet Jannek hat das Sommerloch sein übriges getan und es kamen die ersten Interviewanfragen. Jedem abgedruckten Interview folgten drei weitere und irgendwann sahen sich die drei Internetaktivisten plötzlich im Zentrum eines medialen Interesses. „Das war so nicht gedacht!“, sagt Jannek. „Aber wir nutzen das natürlich, solange es geht. Nach dem Sommerloch wird es wohl vorbei sein.“ Vermutlich hat Jannek Recht. Ein gefundenes Fressen für den Wellnessjournalismus. Sobald die Regierung aus dem Urlaub zurückkehrt wird es wohl nicht mehr von Interesse sein. Sommer in Deutschland. Die linken Aktivisten haben die Gentrifizierung zum Spielplatz und die Presse darf mit den Aktivisten spielen. Der Mittelstand findet sein tägliches Entertainment in der Zeitung und hält die Auflage aufrecht. Alle sind beschäftigt. Keiner muss sich langweilen. Die Gentrifizierung ist ein prima Spielzeug für das ganze Volk.

Jannek betont immer wieder, dass diese Vorgänge so alt wie die Menschheit wären und nachdem ich ihm eine Stunde lang zugehört habe, breitet sich Nihilismus in meinem Kopf aus. „Bist du denn nicht der Meinung, dass irgendjemand dafür verantwortlich erklärt werden kann?“, frage ich. „Also zum Beispiel, der Senat, der das Land so breitwillig an den Investor verkauft und damit nur eine einmalige Finanzspritze in ein horrendes Schuldenloch geben kann, dass dann nicht mehr weiter auffällt? Ist es nicht so, dass das Land ausverkauft wird von Menschen? Sollten nicht diese Geschäfte reguliert werden? Kann man da nicht gesetzlich gegen vorgehen?“

Jannek zuckt die Schultern. „Möglich. Aber wir sehen uns auch gar nicht als die Ansprechpartner für die Gentrifizierung. Meiner ganz persönlichen Meinung nach ist das ein zwangsläufiger Vorgang, der nicht reguliert werden kann. Aber es ist ja auch ganz egal, was ich denke.“

So sehr ich mich auch dagegen sträube, ich muss ihm Recht geben. Es gibt kein richtiges Leben im Falschen. Wir leben in einem globalen Kapitalismus. Die Politik hat sich dagegen entschieden, die Märkte zu regulieren. Es wäre ein Unrechtsstaat, der die Geschäfte des Bürgers regulieren würde, während er die viel größeren Geschäfte der Weltkonzerne einfach zuließe. In der Logik unseres Systems kann der Ausverkauf tatsächlich gar nicht verhindert werden.  Die Länder könnten sich selbst regulieren, aber das entspräche nicht ihrer Logik. Zudem ist es ja nicht nur das Land selbst, das Grundstücke verkauft. Auch der gemeine Bürger selbst verkauft sein Land an  den Höchstbietenden. Und das ist in der Regel der große Investor, der auch nichts weiter tut, als seiner eigenen Logik zu folgen. Der Investor investiert und der Bäcker backt. Dahinter steckt keine Boshaftigkeit. Es ist schlichtweg die Logik unseres Systems.

Dennoch fällt es mir schwer, das alles einfach so stehen zu lassen.

„Ich mag eure Kommentare auf facebook sehr. Die sind immer sehr sachlich und rhetorisch allen Angreifern überlegen.“, sage ich. „Aber was wollt ihr denn?“

Jannek persönlich – und da kann er für die gesamte Hipster Antifa Neukölln sprechen – wünscht sich den Kommunismus. Und darum will er ja auch all denen, die das angeblich auch wollen und im Namen des Kommunismus und der gesamten Linken dämliche Anschläge vereiteln, einen Spiegel vorhalten. Er will ihnen aufzeigen, wie wenig sie wissen. Und vor allem – und das ist ihm besonders wichtig – , „sollten all diese Menschen, die ständig mit Marx oder Lenin argumentieren, diese doch bitte erst mal lesen!“

Ich nicke eine ganze Weile, um die vielen Gedanken in meinem Kopf sinnvoll zu verteilen. Polemik können wie beide, denke ich. Und wir haben beide ein iphone. Und wer Marx zitiert, soll ihn erst mal gelesen haben und die Wellnesspresse schreibt auch darüber …

Diese ganze Debatte ist so furchtbar sophisticated, fällt mir plötzlich auf. In diesen ganzen Diskursen der Presselandschaft oder auf der facebookseite der Hipster Antifa Neukölln taucht der gemeine Arbeiter auch nicht auf. Er versteht ja gar nicht, wovon die Bildungsbürger da die ganze Zeit sprechen, während sie ihn immer wieder als Argument bemühen. Aber Jannek hat ja auch bereits erklärt, dass er keine Lösung parat hat und sich auch nicht als Ansprechpartner dafür sieht.

Als nach über einer Stunde der zweite Gesprächspartner eintrifft – Jonas (25), Philosophiestudent – plaudern wir noch eine Weile zu hippen Getränken über das Hipsterphänomen und wie Menschen sich gegenseitig als solche bezeichnen, das von sich selbst aber niemals sagen würden. Jeder von uns erfüllt mindestens drei der Hipstermerkmale, keiner von uns traut sich, den anderen so zu nennen. Ich persönlich werde gleich mein iphone in meinen Jutebeutel stecken und zu Hause dann an meinem macbook unser Gespräch aufschreiben. Wir sitzen in einem Brennpunkt des Hipstertums und trinken Trendgetränke. Unsere Eltern sind der Mittelstand und ich habe meine Interviewanfrage über facebook gestellt.

Ich selbst bin die Gentrifizierung. Mit meiner Laktoseintoleranz und meinem Kind, meinem iphone, für das im Kongo Menschen Kriege führen und mit diesem meinen ach so klugen Beitrag zum Gentrifizierungsdikurs, in welchem der sogenannte kleine Mann übrigens auch gar nicht auftaucht.

Text von Meike Büttner

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„Das ist das neue Spiel. Es heißt ALLE GEGEN ALLE!“, (Slime, deutsche Punkband)

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