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Mehr Betroffene als Betroffenheit – „Häusliche Gewalt“

In Gewalt in Kommunikation, Netzschau on Januar 29, 2014 at 10:38 am

Ich habe häusliche Gewalt erlebt und darüber nicht viele Worte verloren. So wie die meisten. Vor ein paar Tagen habe ich verstanden, warum das so ist und begriffen, dass diese Gewalt viel mehr Menschen widerfährt als uns bewusst ist. Denn die Gewalt beginnt längst vor den Schlägen und betroffen sind sogar sehr viele, die das gar nicht wissen. Ein Versuch der Analyse von häuslicher Gewalt aus der Perspektive einer Betroffenen.

„DU?“

Das ist meist die erste ungläubige Reaktion, die ich zu hören bekomme, wenn ich es erwähne. Eine Frau wie ich, die sich zu wehren weiß, die für sich einsteht, die doch offenbar über Selbstbewusstsein verfügt, hat sich so etwas gefallen lassen? Ja, das habe ich. Ich wurde von einem Expartner seelisch und körperlich gequält und habe das nicht nur lange Zeit über mich ergehen lassen, sondern auch noch mit unendlicher Liebe darauf geantwortet. Weil Selbstbewusstsein oder Courage völlig unerhelich sind in einem Fall von Gewalt in der Partnerschaft. Dass wir alle davon ausgehen, dass so etwas bestimmten Menschen einfach gar nicht passieren kann, ist nur ein Ausdruck unseres Unverständnisses von dieser Form der Gewalt. Tatsächlich ist es ganz anders. Ich kenne viele intelligente selbstbewusste Frauen und vielen von ihnen widerfährt diese Gewalt, ohne dass sie es mitbekommen. Und ohne dass sie es mitbekommen, verteidigen sie es ebenso wie ich es tat. Weil alltägliche Gewalt gar nicht so auffällig ist wie wir uns das immer wünschen. Sie passiert so heimlich und schleicht sich so langsam ein, dass kaum einer sie bemerkt. Bis es längst zu spät ist.

„Er will mir nicht wehtun.“

Das ist es, was ich mir und anderen gesagt habe. Und das habe ich auch gedacht. Jahre nach der Beziehung habe ich mir diesen Gedanken abgewöhnt, aber vorgestern habe ich mich erneut davon überzeugt, dass er mir nie wehtun wollte. Dieser Fakt mindert die Tat in meinen Augen um keinen noch so kleinen Deut. Aber es ist wichtig darauf einzugehen, um das Bild geradezurücken, das unsere Gesellschaft sich vom prügelnden jähzornigen Ehemann ausgedacht hat, um sich möglichst weit entfernt von ihm zu wissen. Häusliche Gewalt sieht nicht aus wie die Plakatkampagnen gegen sie, auf denen ein „böser Mann“ eine „arme Frau“ schlägt. Sie sieht auch nicht so aus wie bei RTL in Dokusoaps oder Serien.

„Ich könnte dich …“

Diesen Satz hat er oft gebraucht, wenn er wütend war. Mit zusammengebissenen Zähnen, einem Körper voller Muskelkrämpfe und funkelnden Augen. In Worten tat er es nicht wirklich. Es waren Konjunktive und Andeutungen und es ging immer um Kontrolle. Was könnte er? Er zeigte es mir regelmäßig. Es gab die Momente, in denen hätte er gekonnt. Er demonstrierte immer häufiger seine körperliche Kraft und welche Möglichketen sie ihm bot.

Er hätte mich erwürgen können, er hätte mich gefesselt verhungern lassen können, er hätte mich mit dem Brotmesser erstechen können, er hätte mich jetzt fast geschlagen.

Wirkliche Schläge kamen erst ganz zum Schluss. Zunächst drängte er mich nur weg und beendete Gespräche durch Flucht, irgendwann ergriff er im Streit meine Arme und drückte sie so, dass ich blaue Flecken an den Handgelenken davontrug. Im nächsten Streit schubste er mich. Er ging immer einen Schritt weiter. In jeder Auseinandersetzung überschritt er langsam alle Grenzen. Bis ich irgendwann nackt und frierend im Treppenhaus stand, weil er mich buchstäblich vor die Tür gesetzt hatte, und er nur durch einen Nachbarn zur Vernunft gebracht werden konnte. Bis ich irgendwann wirklich von ihm gewürgt wurde. Bis er mich schlug. Bis es eben irgendwann gar keine Grenzen mehr gab und alles ihm zu gehören schien. Mit Ausnahme von dem, was er unbedingt erlangen wollte durch diese Taten: Kontrolle.

„Ich habe alles im Griff!“

, hat er oft gesagt und ich verklärte ihn dafür als niedlich. Weil ich sah, wie ihm ständig alles aus den Händen glitt und wie sehr diese Behauptung über sich selbst in Wahrheit nur seinen größten Wunsch offenbarte. M. wollte unbedingt alles im Griff haben, weil ihm immer alles entglitt. Und er tat mir sehr leid deswegen. Selbstverständlich lag das an seinem Unvermögen, einige Fragen in seinem Leben endlich zu klären, aber ich erklärte mir immer nur alles mit seiner Vergangenheit, die mich sehr berührte. Der Mann war inzwischen über vierzig Jahre alt, aber ich bemitleidete noch immer den 15jährigen M., dem so furchtbares widerfahren war. Denn das war der Mann, den ich kennengelernt hatte. Den verletzenden M. kannte ich lange Zeit gar nicht. Ich habe einen Mann kennengelernt, der sehr sensibel ist und der mir immer ein wenig schutzbedürftig erschien. Bei einer unserer ersten Verabredungen erzählte er mir von seinem Vater und brachte damit uns beide zum Weinen.

„Ich bin gar nicht tot. Ich war nur im Knast.“

Ungefähr das ist es, was M. im Alter von 15 Jahren zu hören verstand. Er war lange Zeit aufgewachsen mit einer alleinerziehenden Mutter und seiner Oma, einen Vater gab es nicht. Tot sei der, hatte man ihm immer gesagt und M. hatte damit eben gelebt wie man mit diesen Dingen lebt. Verletzlich, verunsichert und ausgestattet mit einer dauerhaften Identitätskrise. Bis er 15 Jahre alt war und plötzlich sein lebendiger Vater in sein Leben trat. Keine Leiche, sondern ein Betrüger, der lange Zeit im Gefängnis gesessen hatte. Er wolle M. kennenlernen, sagt er und M. bekam einen kleinen Höhenflug. Sein Vater lud ihn zu Ausflügen ein und M. genoss jede Sekunde mit seinem Vater. Viele Sekunden waren ihm jedoch leider nicht vergönnt. Denn bereits ein halbes Jahr später, tötete der Vater sich selbst und seine Partnerin.

„Er tut mir so leid“

, habe ich immer wieder gedacht. Er hat wirklich immer ganz schön viel Mist gebaut. Er belog fast täglich Menschen aus Gründen seiner Unzuverlässigkeit, er erfand ganze Anekdoten, um Alibis für dies und jenes zu entwickeln und verstrickte sich oft so sehr in seinen selbst ausgedachten Geschichten, dass er sie am Ende immer häufiger selbst glaubte. Aber ich ging lange Zeit nicht davon aus, dass er auch mit mir so umging. Dass er schlicht mit sich selbst und allen so umging. Das war eben sein Umgang mit den Dingen. Aber dafür war ich lange Zeit blind. Oder ich sah großzügig darüber weg. Für mich war er vor allem ein hoch empfindsamer Mensch, der seinen künstlerischen Beruf mit Hingabe ausübte. Ich liebte seine Leidenschaft und seine Verletzbarkeit. Er schien mir darin nah zu sein. Das war er nicht. Er war es nie. Aber er hat eben auch mich getäuscht und darum durfte es auch so weit kommen. Ich habe es gar nicht bemerkt, bis es zu spät war.

„Ich liebe es, wie du über mich schreibst“,

hat er auch gesagt. Und er ging sogar noch weiter. Denn wenn ihm nicht gefiel was ich schrieb, verlangte er, dass ich es ändern müsse. Und ich tat das sogar. Denn ich wollte ihm doch gerecht werden. Wer möchte schon ein Lied über sich selbst hören, dass einem selbst nicht entspricht. Also schrieb ich hin und wieder Sachen anders. Am Ende schrieb ich das hier:

Dieses Lied gefiel ihm. Vor allem gefiel es ihm, dass ich auch noch nach unserem Ende diese Lieder schrieb. Es gefiel ihm, so geliebt und verehrt zu werden. Und auch hier ging es immer unter Kontrolle. Er wollte für das geliebt werden, was er über sich dachte. Er wollte auch das unter Kontrolle haben. Er wollte nicht irgendwie geliebt werden, sondern so wie er es zu verdienen glaubt. Und was immer er auch tat, er folgte immer blind dem Plan, alles irgendwie unter seine Gewalt zu bringen, wie man so richtig sagt.

„Er liebt, wie ich über ihn schreibe.“

, hat eine Freundin vorgestern zu mir gesagt und nach unserem Telefonat habe ich minutenlang gezittert. Diese Freundin liebt auch besagtes Lied von mir und ist seit über einem halben Jahr verliebt in einen Mann, der Gewalt an ihr übt. Aber weil sie im Gegensatz zu der schleichenden und kaum bemerkbar anwachsenden Gewalt, die ich erlebt habe, noch viel unaffälliger ist, ist sie noch viel schwieriger festzumachen. Meiner Freundin widerfährt Gewalt und sie weiß es nicht einmal und er liebt es, wie sie über ihn schreibt. Und sie schreibt über ihn und schreibt und schreibt und schreibt und liebt.

„Das ist keine Liebe, sondern es ist ein Manifest der alltäglichen strukturellen Gewalt unserer Gesellschaft!“

, sage ich heute. Weil es nicht erst Gewalt ist, wenn einer der Beteiligten zuschlägt, würgt oder fesselt. Gewalt ist die alltägliche Entfesslung unserer bewussten und unbewussten Emotionen. Sie ist immer irgendwie da. Und sobald ihr eine Tür geöffnet wird, macht sie sich immer breiter. Gewalt wächst an und nimmt sich immer mehr von dem Feld, das ihr zur Verfügung steht. Dabei folgt sie oft einem Kontrollprinzip. Sie folgt immer dem Wunsch nach Kontrolle bzw. Macht.  Menschliche Beziehungen sind nicht kontrollierbar, weil sie aus Interaktionen bestehen. Keiner der beteiligten Beziehungspartner kann jemals Kontrolle über eine Beziehung erlangen. Ist dieser Wunsch jedoch spürbar in einer Person, so wird dieser Wunsch zwangsläufig zu Gewalt führen. In Worten oder Taten. Augenfällig ungerecht oder heimlich still und leise.

„Er/Sie kann sich eine Beziehung nicht vorstellen“,

ist übrigens ein klares Indiz für eine solche Form der Gewalt, wenn es mit dem gleichzeitigen Unterhalten einer sexuellen Affäre einhergeht. Niemand muss eine monogame Beziehung leben, aber wer das nicht möchte, findet für dieses Lebenskonzept überall Mitmenschen, die das ebenso leben möchten. In dem Moment, in dem eine der beteiligten Personen allerdings eine monogame Beziehung zu der anderen Person wünscht, gilt jegliche faire Beziehung damit als beendet. Die Person, die sich trotz fehlendem Interesse weiterhin mit der Affäre befasst, errichtet damit ein Machtgefüge. Emotionale Abhängigkeit entsteht nur in eine Richtung. Der/die Partner*in muss bangen, ob der/die Andere sie verletzen wird und wird Schwierigkeiten haben, sich dennoch zu lösen.

„Ein Mensch, der sich selbst liebt, würde sich dick einpacken, seine Wunden lecken und sich nie wieder bei so einem Brandstifter melden“

, sage ich ab jetzt immer zu allen meinen Mitmenschen, die mir solche Dinge berichten.

Weil vielleicht.
Vielleicht wird die physische Gewalt nie zum Vorschein kommen.
Vielleicht verdienen die Brandtsifter ganz viel Liebe.
Vielleicht meinen sie es nicht so.
Vielleicht wird alles anders, wenn …

„Vielleicht“

höre ich oft, wenn mir Menschen von ihren Beziehungen berichten. Ewig schmerzende Unsicherheit. Ich habe früher häufig „vielleicht“ gesagt. Und jedes „vielleicht“ gab der Gewalt noch ein bisschen mehr Platz.

Text von Meike Büttner

Wohnst Du noch oder provozierst Du schon ?

In Gewalt in Kommunikation, Meinung on Februar 8, 2013 at 8:48 am

über die deutsche Autoaggression.  

Ein Gespräch mit einem Cafébesitzer, der sich vor Anschlägen fürchtet und mir der Hipster Antifa Neukölln, die im Netz mit dem Slogan „ Für die Aufwertung der Kieze – für mehr Bars, Soja-Latte, Wifi und Bio-Märkte! ▲▲ Luxus statt Armut – Antifa heisst Fortschritt – Smash Heimatschutz! “ die Antigentrifizierungsbewegung verspottet.  Alle Namen habe ich geändert. Bis auf die Namen der Hipster Antifa – die haben sich selbst falsche Namen gegeben. Schon lange.

fremdenfeindiche Grafitis, gesprüht mit der linken Hand

fremdenfeindiche Grafitis, gesprüht mit der linken Hand

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Man kann sich wohl nicht einig werden …

[DUDEN

Gentrifizierung: Aufwertung eines Stadtteils durch dessen Sanierung oder Umbau mit der Folge, dass die dort ansässige Bevölkerung durch wohlhabendere Bevölkerungsschichten verdrängt wird.]

Es ist ein lauer Sommertag in Berlin-Neukölln. Ich sitze vor einem hübschen kleinen Café am Herfurtplatz, das vor wenigen Wochen eröffnet hat und schlürfe meinen Capuccino mit laktosefreier Milch. Die Tasse ist ein uraltes Flohmarktporzellanmodell mit Blümchen und Goldrand, neben mir prangen ebenfalls in goldener Farbe ordentlich gesprüht die Buchstaben „FUCK THE POLICE“ von der Wand.  Vom Herrfurthplatz her höre ich die Rollkoffer, die kurze Zeit darauf an mir vorbei über die Schillerpromenade gezogen werden. Vor den Rollkoffern laufen vier Menschen unterschiedlicher Herkunft, die sich auf englisch unterhalten. Offenbar Touristen. Das hier ist der Schillerkiez. Wie jeder Berliner Hipster Bezirk benannt nach seiner beliebtesten Straße. Und wie alle Hipsterbezirke ist auch dieser hier das Zentrum eines Vorgangs, der momentan allen in Deutschland – vor allem in der Hauptstadt – zu schaffen macht. Der Schillerkiez befindet sich auf dem Höhepunkt der sogenannten Gentrifizierung. Es ist gar nicht so lange her, da eröffneten findige Geschäftsmenschen (Juliane Gerroldt, Philipp Entekhabi und Zekerijat Purkovic) eine Straße weiter die SCHILLER Bar den SCHILLER Burger und die SCHILLER Backstunde. Und es ist noch ein bisschen weniger lang her, dass Aktivisten die sich selbst als Kämpfer gegen die Gentrifizierung bezeichnen- auf die SCHILLER Bar einen Anschlag verübten. Sie warfen mit Steinen die Fenster ein und schütteten rote Farbe über Fassade und Gehweg.

Nicht der Name des Cafés, kann aber da stehen bleiben, findet der Besitzer

Nicht der Name des Cafés, kann aber da stehen bleiben, findet der Besitzer

Anschläge wie diese passieren immer häufiger in Berlin und sie sind Ausdruck einer fehlgeleiteten Wut und Verzweiflung seitens weniger Linksradikaler, die im Dschungel einer kapitalistisch globalisierten Welt offenbar den politischen Faden verloren haben.

Direkt vor meiner Nase turteln die ganze Zeit zwei gutausende junge Menschen – eine schlanke brünette Frau und ein lockiger Mann mit großen wachen Augen flirten abwechselnd mit sich und ihrem Baby für das sie einen uralten großen Kinderwagen haben und klären Haushaltsdinge. Als er sich von ihr verabschiedet und sie den schönen großen Kinderwagen davon schiebt, frage ich ihn, ob er Jannek ist. Er schüttelt freundlich den Kopf und sieht mich fragend an. Ich erkläre ihm, dass ich hier mit der Hipster Antifa Neukölln verabredet bin für ein Interview über Gentrifizierung und sein Ausdruck wandelt sich. Ein wenig sieht er erschrocken aus.

„Die Antifa? Aber die müssen meinen Laden hier doch hassen. Ich bin der Besitzer.“

Er duckt sich als er es sagt. Fast so, als wäre ihm unangenehm, dass er es gewagt hat, ein Café zu eröffnen und somit Schuldiger zu werden im bösen Gentrifizierungsvorgang.

Da kann ich ihn beruhigen.

„Die Hipster Antifa fordert MEHR SOJALATTE, MEHR W-LAN, MEHR so was eben. Sie sind keine Antigentrifizieungsaktivisten. Sie machen im Gegenteil aufmerksam auf diesen aggressiven Trend, der sich zur Zeit durch die linksradikale Szene zieht.“

Anton ist erleichtert. Er beginnt zu erzählen, wie er und seine Freundin sich gefürchtet haben. Er erzählt, dass er Achitekturstudent ist und alles selbst gebaut hat. Aus billigem Holz, betont er. „Das ist alles Fichte.“ Tatsächlich hat er sich sehr viel Mühe gegeben bei der Verkleidung des Innenraumes.  Nachdem die neue Scheibe eingesetzt wurde, berichtet er, habe er drei Monate lang die Folie darauf gelassen und in dem Café übernachtet. So sehr fürchtete er sich davor durch das Schaufenster die Sicht auf sein neues Café freizugeben. Sein ganzes Geld steckte in diesem Projekt und soviel Arbeit. „Von dem letzten Rest Geld haben wir wahnsinnig teuer die Scheiben versichern lassen. Und wenn ich Abends mal länger hier bin, ruft meine Freundin mich besorgt an, weil sie Angst hat, dass es nun passiert ist.“

„Dass was passiert ist?“, hake ich nach und er zuckt die Schultern.

„Nunja, ich kann ja die Wut auf die Leute, die zu viel Geld mit dem Elend anderer verdienen verstehen. In der Gastronomie gibt es tatsächlich sehr viele Geschäftsmenschen, die vom Ursprung der Gastronomie gar keine Ahnung mehr haben. Das ärgert mich auch sehr. Ganz früher in den Dörfern gab es ja die Gaststuben, in denen Reisende Unterkunft und eine warme Suppe bekamen. Man bewirtete sie und schenkte ihnen Bier ein und sie bezahlten mit den Berichten von ihren Reisen. Die Gastronomie ist ein Ort für Geschichten und Politik. Ganz oft waren es ja auch die Wirte solcher Gaststuben, die die jeweiligen Bürgermeister wurden. Darum kann ich die Wut verstehen auf diese sogenannten Wirte, die von dieser Kultur nichts wissen und nicht wissen, dass sie für Menschen und Geschichten arbeiten. Wer aus purer Profitgier ein Café eröffnet, ist auch mir nicht sympathisch. Aber hier ist das ja alles ganz anders. Ich meine, hier steckt unser ganzes Geld drin und wir werden davon wohl kaum so schnell etwas zurück bekommen. Es war einfach nur so, dass wir plötzlich schwanger wurden und Lena Angst bekam, jetzt nichts weiter als eine Mutter zu sein. Also wollte sie ein Café aufmachen. Das wollte sie auch schon immer. Sie hat schon so viel in welchen gearbeitet und sich immer darüber geärgert, was ihre Chefs so alles falsch gemacht haben. Das war also schon immer ihr Traum. Aber sie war bis zu ihrer Schwangerschaft Stewardess gewesen und wollte bald ihr Studium in ökologischer Landwirtschaft beginnen und ich bin ja auch noch Student und wir haben ja jetzt das Baby. Also habe ich ihr gesagt, dass wir das nur  machen können, wenn sie vorher Businesspläne schreibt und mindestens fünf Mitarbeiter findet, mit denn sie einen durchgehenden Arbeitsplan aufstellen kann und so weiter und Lena hat sich hingesetzt und teilweise bis tief in die Nacht geschrieben. Wir haben uns ständig gestritten in dieser Zeit. Das war alles ein ganz schöner Kampf, aber Lena hat alles gestemmt und am Ende waren wir beide zufrieden mit ihren Plänen und haben unser Erspartes zusammengeschmissen und von dieser lächerlichen Summe alles bezahlt. Die ganze Innenarchitektur habe ich selbst gemacht. Und das war wirklich viel Arbeit. Vielleicht wird der Laden eines Tages Geld abwerfen, aber bis dahin muss es einfach nur möglich sein, dass er sich selbst überlebt. Weil es Lenas Traum ist. Das hier ist ein Herzensprojekt und keine Investition.“ Selbstverständlich meint er mit seiner Kritik an solchen schwarzen Schafen unter den Gastronomen ebensolche Menschen wie Juliane Gerroldt, Philipp Entekhabi und Zekerijat Purkovic, die in dieser Stadt mehrere Immobilien, gut gehende Cafés und Ferienwohnungen betreiben. Und vielleicht hat er damit sogar Recht. Andererseits kann kein Mensch einem anderen vorwerfen, dass er versucht, seinen Einfluss und den Geldbeutel auszuweiten.

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Anton nickt immer noch.  Anton nickt auch noch solange, bis sich mein erster Interviewpartner schüchtern nähert. Sein Name ist angeblich Jannek (30). In Wahrheit möchte er seinen Namen nicht preisgeben. Weil er sich vor Anschlägen fürchtet. Jannek bestellt bei Anton einen Kaffe und der geht, um diesen Kaffe selbst zu brühen und zu bringen. Hier kocht der Chef noch selbst.

Jannek scheint als Auskundschafter zu unserem Treffen zu kommen. Er ist alleine. Auch in den unzähligen Zeitungsartikeln war es vor allem immer sein Pseudonym, das ich gelesen habe. Jannek scheint wohl der Mutigste zu sein und er tastet sich erst einmal vorsichtig vor in unserem Gespräch, bis er mich offenbar als ungefährlich einstuft und seine beiden Kollegen per sms benachrichtigt, dass sie ruhig auch mit mir reden können. Ich kann nicht umhin, mir seinen SMStext vorzustellen. „Die Luft ist rein. Ihr könnt kommen.“ Keine Gefahr im Verzug. Ich bin tatsächlich eine Autorin und nicht eine Aktivistin, die die Jungs in eine Falle zu locken versucht. Die Hipster Antifa kann mir trauen. Ich plane tatsächlich über sie zu schreiben. Ich habe nicht vor, sie in die Luft zu sprengen. Gut. Entweder habe ich mich jetzt zufällig mit zwei Paranoikern an einem Tag unterhalten oder die Gegner der Gentrifizierung sind tatsächlich gefährlich?!

Das erste, was mir auffällt, nachdem Jannek das Café auch nicht gleich finden konnte: Offenbar ist niemand aus der Hipster Antifa Neukölln tatsächlich Neuköllner. Nur einer der beiden anderen schafft es, nach mehr als einer Stunde auch zu dem Treffen zu erscheinen. Der andere schafft es nicht mehr. Offenbar haben sie lange Anreisezeiten. Ist die Hipster Antifa Neukölln überhaupt aus Neukölln oder wird hier nur ein Schlagwort benutzt? Weil bei Neukölln einfach jeder Deutsche sofort ein Bild im Kopf hat. Markenzeichen Neukölln.  Apropos Schlagwort.

„Gentrifizierung ist so ein Schlagwort! Das ist alles so mythologisiert“, sagt Jannek.

„Das kommt doch aus dem Nichts. Das ist geschichtslos und man tut, als wäre das jetzt eine neue Erfindung.“

Das stimmt nicht ganz. Das Wort Gentrifizierung ist das erste Mal nachweisbar 1988 aufgetaucht, als in England Teile des Landadels (genannt Gentry) in die Zentren der Stadt zogen. Die Herkunft des Wortes ist also nicht neu. Es wurde bloß nie zuvor so medial ausgeschlachtet wie das momentan der Fall ist. Und der Vorgang dahinter ist aber auch noch sehr viel älter als das Wort.

„Dieser Prozess ist völlig normal. Den gibt es schon lange. Wenn man Lenin liest oder Marx, da kann man auch schon von diesen Entwicklungen erfahren. Das gab es einfach schon immer. Und wenn man auf so einer Schiene der sozialen Gerechtigkeit argumentiert und behauptet sich mit der Arbeiterklasse zu solidarisieren, dann sollte man doch aber wenigstens mal die geschichtlichen Bezüge überprüfen. Also die meisten der radikalen Gentrifizierungsgegner haben doch von der Arbeiterklasse überhaupt gar keine Ahnung. Es geht jetzt nur noch um dieses „Wir sind eine Kiezgemeinschaft!“ und das klingt dann immer wie so eine Nachbarschaftshilfe deluxe. So als könnte der eine die Miete des anderen übernehmen, wenn es mal nicht anders geht und so als gäbe es da eine uneingeschränkte Solidarität zwischen allen Anwohnern eines Viertels. Und das ist ja natürlich totaler Quatsch. Also da wird eine Solidargemeinschaft behauptet, die es noch nicht einmal gibt. Oder dieser ganze Blödsinn von einigen besonders Radikalen, Kreuzberg wäre einmal autonom und staatslos gewesen. Es ist natürlich eine absolute Halluzination. Staatenlosigkeit hat es hier überhaupt nie gegeben. Und diese Romantisierung die da plötzlich in den allgemeinen Sprachgebrauch übergeht auf einmal zu einer geschichtlichen Wahrheit wird. Dieses <<Kreuzberg war so cool, als es noch autonom war.>> Was ist denn daran cool? Also, wir können da gar nichts cool dran finden. Und es nicht einmal wahr. Der Staat hat schon immer überall hier seinen Finger drauf gehabt. Diese romantische Illusion, das ist Verklärung, das finden wir gefährlich.“

Gefahr, Gefahr. Alle scheinen alarmiert zu sein. Skandal im Armutsbezirk.

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Ist das wirklich so? Müssen Anton und Lena sich um ihr Café fürchten und die Hipster Antifa Neukölln sich um ihr Leben? Traurig, aber wahr: Ja. Das müssen sie. Denn genau diese Verbrechen gegen Menschen sind es ja, die die Hipster Antifa Neukölln auf ihrer facebookseite öffentlich machen. Darum haben sie sich ja überhaupt nur gegründet, um Aufmerksamkeit zu erzeugen für die Gewalt, die da gerade stattfindet und damit haben sie sich natürlich selbst ins Bullseye gestellt.

In Friedrichshain hat ein junger Mann einen anderen in der Bahn als Yuppie beschimpft, weil er einen bayrischen Akzent hatte und ihn zuletzt mit Pfefferspray angegriffen; ein Freund von Jannek hat gemeinsame Bekannte mit der Rikscha durch den Görlitzer Park gezogen, was dazu führte, dass sie von Passanten als „Touristen“ beschimpft und mit Flaschen beworfen wurden, in Kreuzberg haben Aktivisten Investoren bedroht, das Gebäude der Immobilienfirma Taekker mit Buttersäure attackiert und alle Reifen zerstochen, die sich auf deren Parkplatz befanden; in Friedrichshain wurde ein Vermieter mit drei Messerstichen niedergestreckt; die Kneipen „Freies Neukölln“ und die „Rollberg Brauerei“ sind immer wieder in lokalen Medien aufgetaucht, weil sie englischsprachige Gäste aus ihrem Laden schmissen mit der Begründung, dass sie nicht in das Konzept oder Image der Kneipe passen würden, einige Kneipen stellen sogar explizit Tafeln auf, auf denen zu lesen ist, dass Touristen nicht willkommen sind. Ja, vor allem in Buchstaben ergießt sich der Fremdenhass mehr und mehr über die Stadt. In Neukölln kann man inzwischen keinen Spaziergang mehr machen, ohne nicht mindestens fünf solcher fremdenfeindlichen Botschaften an den Wänden zu lesen. Die beliebtesten unter ihnen:

„Yuppi fuck off!“ „Berlin doesnt love you“ „ „Touristen fisten“ „A.T.A.B“ (All Tourists are bastards), Tourists not welcome“, „No more Rollkoffer“ etc. In Kreuzberg, Prenzlauer Berg, Treptow und Neukölln wurden eine Zeit lang Plakate geklebt, auf denen man aggressive Menschen in bedrohlicher Pose mit einem Schuh in ihrer Hand sah. Der Text darunter lautete „Latschenklatschen für Zugezogene.“ Der Hass ist allgegenwärtig und spürbar und er wird immer aggressiver.  Und ist dabei – obwohl er aus einer linken Ecke kommt – grausam reaktionär und fremdenfeindlich.

„Wir sind aus dem linken Spektrum!“, sagt Jannek. „Und wir empfinden das als einen Hohn gegenüber all den Menschen, die vorher auch schon arm waren und für die keine politische Kampagne gefahren wird, weil sie einfach nicht in das Raster dieser Kiezverteidigung passen. Es sind ja nur die von unserem Bürgermeister so deklarierten armen, sexy Bürger, die sich da wehren. Der Mindestlohnarbeiter aus Marzahn kommt in diesem Protest gar nicht vor. Hier splittet sich so eine kleine radikale Gruppe ab, nimmt sich ein Schlagwort und macht sich daraus so ein Betätigungsfeld.“

Eine große Gruppe von Kindern unterbricht unser Gespräch. Etwa zwanzig Kinder, die Mehrheit darunter eindeutig mit Migrantenhintergrund, macht sich lautstark bemerkbar, während sie mit einem Sozialarbeiter offenbar einen Ausflug unternehmen. Als sie an unserem Tisch vorbeistürmen sehen sie unsere Telefone auf dem Tisch liegen.

„Geiles iphone!“, sagt ein dickliches Mädchen. „Danke!“, sagt Jannek.

Meine Gedanken schweifen durch das Internet, wo ich in den letzten Tagen von all diesen Berichten gelesen habe. Blinder Aktionismus scheint sich auszubreiten. Linke Aktivisten haben ein neues Spielzeug gefunden. Gewalt gegen Touristen, Zugezogene und Investoren. Die Protestanten werfen mal wieder mit Steinen und treffen dabei in die eigenen Reihen. Homo homini lupus.

Es ist immer wieder der radikale Aktivismus der in seinem angeblichen Kampf für die Menschlichkeit Menschen Schaden zufügt.

Die Hipster Antifa Neukölln ist auch links, erklärt Jannek.

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„Ich sage immer Wir haben einen despreaten Kommunismusbegriff der aus der kritischen Theorie stammt. Also wir sind keine Bewegungslinken. Wir sind überhaupt keine Aktivisten. Wir sind einfach Freunde, die sich schon oft über dieses Phänomen aufgeregt haben und darum diese Gruppe bei facebook eröffnet haben.“

„Also seid ihr nur ein Netzwerkphänomen?“, frage ich. Naja, nicht ganz. Man habe da schon mal so eine Aktion geplant und die wäre auch echt gut gewesen, hätte dann aber doch nie stattgefunden. Darüber will Jannek aber mehr nicht verraten, weil sie es ja vielleicht doch noch eines Tages tun wollen. Es wäre witzig gewesen, sagt er. Eigentlich haben sie aber tatsächlich einfach nur eine facebookgruppe gegründet, die dann innerhalb weniger Tage plötzlich über 2000 Fans generierte und dann, so vermutet Jannek hat das Sommerloch sein übriges getan und es kamen die ersten Interviewanfragen. Jedem abgedruckten Interview folgten drei weitere und irgendwann sahen sich die drei Internetaktivisten plötzlich im Zentrum eines medialen Interesses. „Das war so nicht gedacht!“, sagt Jannek. „Aber wir nutzen das natürlich, solange es geht. Nach dem Sommerloch wird es wohl vorbei sein.“ Vermutlich hat Jannek Recht. Ein gefundenes Fressen für den Wellnessjournalismus. Sobald die Regierung aus dem Urlaub zurückkehrt wird es wohl nicht mehr von Interesse sein. Sommer in Deutschland. Die linken Aktivisten haben die Gentrifizierung zum Spielplatz und die Presse darf mit den Aktivisten spielen. Der Mittelstand findet sein tägliches Entertainment in der Zeitung und hält die Auflage aufrecht. Alle sind beschäftigt. Keiner muss sich langweilen. Die Gentrifizierung ist ein prima Spielzeug für das ganze Volk.

Jannek betont immer wieder, dass diese Vorgänge so alt wie die Menschheit wären und nachdem ich ihm eine Stunde lang zugehört habe, breitet sich Nihilismus in meinem Kopf aus. „Bist du denn nicht der Meinung, dass irgendjemand dafür verantwortlich erklärt werden kann?“, frage ich. „Also zum Beispiel, der Senat, der das Land so breitwillig an den Investor verkauft und damit nur eine einmalige Finanzspritze in ein horrendes Schuldenloch geben kann, dass dann nicht mehr weiter auffällt? Ist es nicht so, dass das Land ausverkauft wird von Menschen? Sollten nicht diese Geschäfte reguliert werden? Kann man da nicht gesetzlich gegen vorgehen?“

Jannek zuckt die Schultern. „Möglich. Aber wir sehen uns auch gar nicht als die Ansprechpartner für die Gentrifizierung. Meiner ganz persönlichen Meinung nach ist das ein zwangsläufiger Vorgang, der nicht reguliert werden kann. Aber es ist ja auch ganz egal, was ich denke.“

So sehr ich mich auch dagegen sträube, ich muss ihm Recht geben. Es gibt kein richtiges Leben im Falschen. Wir leben in einem globalen Kapitalismus. Die Politik hat sich dagegen entschieden, die Märkte zu regulieren. Es wäre ein Unrechtsstaat, der die Geschäfte des Bürgers regulieren würde, während er die viel größeren Geschäfte der Weltkonzerne einfach zuließe. In der Logik unseres Systems kann der Ausverkauf tatsächlich gar nicht verhindert werden.  Die Länder könnten sich selbst regulieren, aber das entspräche nicht ihrer Logik. Zudem ist es ja nicht nur das Land selbst, das Grundstücke verkauft. Auch der gemeine Bürger selbst verkauft sein Land an  den Höchstbietenden. Und das ist in der Regel der große Investor, der auch nichts weiter tut, als seiner eigenen Logik zu folgen. Der Investor investiert und der Bäcker backt. Dahinter steckt keine Boshaftigkeit. Es ist schlichtweg die Logik unseres Systems.

Dennoch fällt es mir schwer, das alles einfach so stehen zu lassen.

„Ich mag eure Kommentare auf facebook sehr. Die sind immer sehr sachlich und rhetorisch allen Angreifern überlegen.“, sage ich. „Aber was wollt ihr denn?“

Jannek persönlich – und da kann er für die gesamte Hipster Antifa Neukölln sprechen – wünscht sich den Kommunismus. Und darum will er ja auch all denen, die das angeblich auch wollen und im Namen des Kommunismus und der gesamten Linken dämliche Anschläge vereiteln, einen Spiegel vorhalten. Er will ihnen aufzeigen, wie wenig sie wissen. Und vor allem – und das ist ihm besonders wichtig – , „sollten all diese Menschen, die ständig mit Marx oder Lenin argumentieren, diese doch bitte erst mal lesen!“

Ich nicke eine ganze Weile, um die vielen Gedanken in meinem Kopf sinnvoll zu verteilen. Polemik können wie beide, denke ich. Und wir haben beide ein iphone. Und wer Marx zitiert, soll ihn erst mal gelesen haben und die Wellnesspresse schreibt auch darüber …

Diese ganze Debatte ist so furchtbar sophisticated, fällt mir plötzlich auf. In diesen ganzen Diskursen der Presselandschaft oder auf der facebookseite der Hipster Antifa Neukölln taucht der gemeine Arbeiter auch nicht auf. Er versteht ja gar nicht, wovon die Bildungsbürger da die ganze Zeit sprechen, während sie ihn immer wieder als Argument bemühen. Aber Jannek hat ja auch bereits erklärt, dass er keine Lösung parat hat und sich auch nicht als Ansprechpartner dafür sieht.

Als nach über einer Stunde der zweite Gesprächspartner eintrifft – Jonas (25), Philosophiestudent – plaudern wir noch eine Weile zu hippen Getränken über das Hipsterphänomen und wie Menschen sich gegenseitig als solche bezeichnen, das von sich selbst aber niemals sagen würden. Jeder von uns erfüllt mindestens drei der Hipstermerkmale, keiner von uns traut sich, den anderen so zu nennen. Ich persönlich werde gleich mein iphone in meinen Jutebeutel stecken und zu Hause dann an meinem macbook unser Gespräch aufschreiben. Wir sitzen in einem Brennpunkt des Hipstertums und trinken Trendgetränke. Unsere Eltern sind der Mittelstand und ich habe meine Interviewanfrage über facebook gestellt.

Ich selbst bin die Gentrifizierung. Mit meiner Laktoseintoleranz und meinem Kind, meinem iphone, für das im Kongo Menschen Kriege führen und mit diesem meinen ach so klugen Beitrag zum Gentrifizierungsdikurs, in welchem der sogenannte kleine Mann übrigens auch gar nicht auftaucht.

Text von Meike Büttner

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„Das ist das neue Spiel. Es heißt ALLE GEGEN ALLE!“, (Slime, deutsche Punkband)

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Kontext, Tod & Emanzipation

In Gewalt in Kommunikation, Meinung on Januar 22, 2013 at 12:39 pm

Der Text „ Kontext. Wie Wörter zu ihrer Bedeutung kommen.“ von Antje Schrupp hat mich zum Nachdenken gebracht. Oder vielleicht besser gesagt: Der Text hat mich erinnern lassen. Im ersten Teil des Textes erläutert die Autorin, dass Sprache ein lebender Organismus sei, den wir prägen. Sie weißt darauf hin, dass die Verwendung eins Wortes immer eine Prägung des dahinter liegenden semantischen Netzes bedeutet. Je nach Wortwahl, manifestiert oder verschiebt oder ordnet sich dieses Netz. Die Verwendung eines Wortes kann nie losgelöst von seiner historischen Verwendung gelöst werden, da der Gebrauch ansonsten willkürlich wäre und ein gegenseitiges Verstehen unmöglich machen würde. Im Moment der Verwendung trage ich als Sprecher aber auch Verantwortung für den Gebrauch in der Zukunft. Dies ist performanztheoretischer Gedanke, den ich teile. Wie Antje Schrupp sehr schön zusammenfasst:
„Was mich an der bisherigen Diskussion vor allem stört ist, wenn diese eigene Verantwortung nicht reflektiert wird. Es geht nicht darum, herauszufinden, was ein Wort „wirklich“ bedeutet, denn wir befinden uns hier nicht auf der Ebene wissenschaftlicher Beweise, die durch logische Deduktion oder im Experiment verifiziert oder falsifiziert werden können. Wir befinden uns auf der Ebene einer politischen Auseinandersetzung, in der die Sprecherin ein politisches Urteil fällt, für das sie eben auch die Verantwortung zu tragen hat.“

Darauf folgt, dass sie zwischen geschriebenen und gesprochenen Wort unterscheidet. Für mich ist diese Unterscheidung von genauso großer Bedeutung. Das gesprochene Wort nimmt Bezug auf eine aktuelle Situation, in der Sprecher und Zuhörer (oder eben auch Sprecher) anwesend sind. „ Das geschriebene Wort wird durch die Verschriftlichung von seinem Kontext gelöst“ Antje Schrupp

Genau an diesem Punkt halte ich es für wichtig noch mal genauer hin zu schauen und Roland Barthes zu Wort kommen zu lassen. Die Schrift ist der Ort an dem das Subjekt entflieht. Die Person hinter dem Text löst sich völlig auf. Der einzige Körper der noch existiert ist der des Textes.
„Die Stimme verliert ihren Ursprung; stirbt der Autor, beginnt die Schrift.“ Roland Barthes
Die Person des Autors ist eine konstruierte, die im französischen Rationalismus entstanden ist. Seit dem versuchen wir Werke durch ihre Urheber zu erklären. Es ist der verzweifelte Versuch, das längst entflohene Subjekt festzuhalten, um der unbequemen Situation, dass gesprochenes und geschriebenes Wort unterschiedlich zu behandeln sind, aus dem Weg zu gehen. Ein Text ist immer ein Produkt der Gegenwart, da der Leser ihn als Subjekt zu Eigen macht. Deshalb ist ein Text ein vierdimensionaler Raum, in dem multiple Schreibweisen sich zum einen ergänzen und zum anderen bekämpfen, hinter dem der Autor völlig verschwindet und somit jeder Versuch den Text (vollständig) decodieren zu wollen unmöglich macht. Mit diesem Wissen müssen wir Schrupps folgende Aussage betrachten: „Genau diese Frage, nämlich wo ein historischer Autor oder eine historische Autorin sich damals im Diskurs verortet hat, ist meiner Ansicht auch das Kriterium, anhand dessen zu entscheiden ist, in welcher Weise seine oder ihr Texte für heute aktualisiert werden müssen.“
Natürlich können wir etwas über einen AutorIn wissen, aber kann ich nicht von mir selbst lösen. Ich habe ja nur meine eigenen Worte und semantischen Netze und nicht die des Autors. So stellt sich für mich die Frage, ob wir nicht einen folgenschweren Fehler begehen, wenn wir Texte „aktualisieren“. Denn tappen wir dabei nicht in die Falle, dass wir patriarchale Strukturen aufrechterhalten in dem wir uns auf die Position des Entscheiders erheben, der ein richtig und ein falsch bestimmt?
„Nicht sein Ursprung oder seine Stimme sind der Wahre Ort der Schrift, sondern die Lektüre.“ Roland Barthes
Denn wenn der Ort der Lektüre der Wahre Ort ist, dann ist dieser Moment individuell verschieden. In diesem Kontext tragen wir Verantwortung wie Antje Schrupp weiter oben erwähnt, schreibt. Sie nimmt Bezug auf Kinderbücher und frauenfeindliche Literatur aus dem 19ten Jahrhundert. An dieser Stelle tun sich für mich zwei Probleme auf.
Das erste ist das des Kunstwerks. Schreibt ein Literat ein Buch, sei es ein Kinderbuch oder nicht, so schafft er ein Kunstwerk. Ein Kunstwerk müssen wir anders betrachten, als beispielsweise ein Sach- oder Schulbuch. Letztere müssen immer wieder an neuste Erkenntnisse jedweder Art angepasst werden. Bei einem Kunstwerk muss allerdings der Aspekt der Originalität mit bedacht werden. Ein Werk stammt immer aus einer Zeit und kann, muss aber nicht, unter diesem Aspekt rezipiert werden. Eine Änderung, bzw. Anpassung des Werkes wäre eine Verfälschung. Es geht mir hier nicht um den Fall der Adaption, welche ein Original ja klar kenntlich macht (machen sollte) und dann einen neuen „Autor“ hat. Es geht mir auch nicht darum, Künstler heilig zu sprechen. Persönlich halte ich viele Texte und Werke für völlig überholt. Von mir aus, braucht kein Theater der Welt mehr Shakespeare spielen, aber es sollte die Möglichkeit dazu haben.
Hierzu kommt mir die letzte Szene des Films „Thank you for smoking“ in den Kopf. Ein US-Senator, der einen obsessiven Kampf gegen Zigaretten und die Tabakindustrie führt, verliert den Kampf vor Gericht. Am Ende sieht man ihn sein neustes Projekt vorstellen: Er hat es sich zum Ziel gesetzt, alle Hollywood-Filme nachzubearbeiten, damit die Zigaretten herausgeschnitten und durch Lollies oder anderen Süßigkeiten ersetzt werden. “Wir machen die Filme ästhetisch ansprechender.“ Auf die Frage, ob er nicht die Geschichte verfälschen würde, antwortet er: „Nein. Wir verbessern die Geschichte.“
Geschichtsverbesserung, oder eben Verfälschung hat in meinen Augen dramatische Folgen. Wir tilgen einen Referenzpunkt der Historie, der uns genau hierin gebracht hat und unsere heutigen Positionen mitbedingt. Die Emanzipation ist ja auch deshalb ein so schwieriger Kampf, weil die Ungerechtigkeiten seit Jahrhunderten betrieben werden. Und da ist auch jedes Kunstwerk ein Zeitzeuge von.
Das zweite Problem resultiert aus dem Markt heraus. Bücher sind Produkte in einem Markt. Es gibt unzählige sexistische, rassistische und homophobe Produkte. Diese werden gekauft, da ein Grossteil der Gesellschaft nicht über Emanzipation nachdenkt. Wir können dem entgegentreten in dem wir diese Produkte nicht kaufen, aber nicht in dem wir sie verbieten. Das ist bei Spielzeugen, Kosmetik oder Autos mit Sicherheit etwas anderes als bei Büchern, da sich hier die Kategorien Kunstwerk und Markt vermischen.
„Nicht sein Ursprung oder seine Stimme sind der Wahre Ort der Schrift, sondern die Lektüre.“ Roland Barthes
Daraus ergibt sich auch die Macht des Lesers. Er ist nicht nur Subjekt, sondern auch politisch. Eigentlich ist ja jedes Subjekt politisch, aber das wird häufig vergessen, weshalb ich es hier betone.
Der Kontext der Lektüre ist also von großer Wichtigkeit. Es ist unsere Verantwortung in diesem zu reflektieren und kritisch zu sein. Und wenn wir nicht wollen, dass Kinder Bücher lesen, die in irgendeiner Form diskriminierend sind, dann bleibt uns in diesem Fall nur die Möglichkeit sie nicht zu kaufen. Aber unsere Möglichkeiten persönlich gegen Rassismus, Sexismus oder jede andere Form von Gewalt anzugehen sind deshalb nicht kleiner geworden.

Ein Text von Can Gezer

Abra-abra-cadabra, Abracadabra

In Gewalt in Kommunikation, Meinung on Januar 14, 2013 at 4:42 pm

Hex, hex! Der Verleger Klaus Willberg des Stuttgarter Thienemann-Verlags hat Überlegung geäußert die Klassiker der Kinderbücher zu überarbeiten. Und seit dem streiten überall Menschen darüber, Meinungen werden gedruckt und mir tut sich der Verdacht auf, dass hier mehrere Diskurse vermischt werden, die ich alle für wichtig halte.

Was ist passiert? Otfried Preußler, Autor  des Buches „Kleine Hexe“ hat diskrimimiernde Worte in seinem Werk geändert. Das Ganze passierte anlässlich des 90. Geburtstag des Autors. Klaus Willberg, Verleger des Thienemann-Verlags äußert das Vorhabe, aus Gründen der Verständlichkeit, mehrere in die Jahre gekommenen Kinderbücher, sprachlich an die heutige Zeit anzupassen. Und vor ein paar Wochen äußerte Kristina Schröder, dass sie rassistische Passagen in Kinderbüchern beim Vorlesen „entschärfe“.

In den Kommentaren und Diskussionen hört man immer wieder Rassismus-Gegner, die Änderungen befürworten und Menschen die von Zensur sprechen. Einatmen. Ausatmen. Fangen wir an es aufzubröseln:

wenn ein Autor seinen Text ändert so wie Preußler es getan hat, weil der Geschichte diskriminierende Begriffe innewohnen, finde ich das toll. Ein Mensch gibt einen Fehler zu, bzw. ändert seine Meinung und in diesem Fall sein Werk. Ganz wichtig dabei: es ist seins. Er ist der Künstler. Und hier ist direkt ein essenzieller Punkt: ein Kinderbuch, genauso wie viele andere Bücher, Gemälde, Bühnenprojekte sind Kunstwerke. Es ist kein Lehrbuch, das dem letzten Erkenntnisstand angepasst, und in neuer Auflage gedruckt wird.

Das Werk eines Künstlers darf nicht geändert werden, denn es verletzt das Urheberrecht, wäre Zensur, ein Einschränken der Meinungsfreiheit und das Verfälschen eines Zeitdokuments. Und ich möchte überhaupt nicht bestreiten, dass sich etliche rassistische Begriffe in Kinderbüchern finden. Der Vorschlag von Willberg ist für mich deshalb nicht diskutierbar. Um so mehr, wenn ich seine Position des Verlegers betrachte. Er sagt, dass Begriffe wie „Schuhe wichsen“ in „Schuhe putzen“ geändert werden sollten, damit Kinder sie heute verstehen. Wenn die Kinder die Geschichten verstehen, verkauft er mehr Bücher. Es ist also ein auch von Profit geleiteter Gedanke. Denn es ist billiger Texte zu ändern und neu aufzulegen, als neue Geschichten zu finden, die den Ansprüchen der Verständlichkeit und Frei von Diskriminierung zu sein, genügen. Diese finden sich kaum, da sie nicht marktkonform sind. Die einzige Auflistung von solchen Kinderbüchern, die ich finden konnte, ist auf der Website des Vereins Gladt.

Und damit sind wir beim nächsten Problem. Dem Rassismus. Ja, er ist ein Problem unserer Gesellschaft. Das wird gerade daran deutlich, dass „Produkte“ (in diesem Falle Kunst) keinen Platz im Markt haben, die nicht dem Status Quo entsprechen. Und dieser ist rassistisch, sexistisch und homophob geprägt. und es ist ja auch ein verständliches Unterfangen schon bei Kindern anzufangen, aber nicht um jeden Preis. Denn wenn wir Kunst zensieren, bedeutet das für mich das genaue Gegenteil von Aufklärung, die wir Kindern zu Gute kommen lassen wollen. Fangen wir an Wörter aus Büchern zu nehmen, müssen wir auch Filme bearbeiten, Musiktexte ändern, Gemälde verändern. Denn warum sollte nicht dasselbe für Erwachsene gelten, die durch ihr Verhalten und Sprechen wesentlich zum Erhalt der diskriminierenden Gegenwart beitragen. Sprache ist Handeln, aber der Versuch der Ausradierung bestimmter Begrifflichkeiten ändert daran nichts.

„Es liegt in der Natur alles Menschlichen, dass jede in der Geschichte der Menschheit einmal vollbrachte Handlung noch lange nachdem ihre Wirklichkeit Vergangenheit geworden ist, der Menschheit als Möglichkeit verbleibt… Hat sich eine spezielle Handlung erst einmal ereignet, ist es wahrscheinlicher, dass sie sich erneut ereignet, als ihr erstes Auftreten je hätte sein können.“

Londons Outrage Fanzine, 1976

Und aus diesem Grund sollten wir all diese diskriminierenden Begriffen und Strukturen benennen und uns mit ihnen auseinandersetzen, da Verbote keine Lösungen sind, sondern lediglich Probleme verlagern. Der Kampf für eine emanzipierte Gesellschaft ist anstrengend und nicht durch Eingriffe in alte Kunstwerke zu gewinnen, sondern nur durch permanenten, anstrengenden Dialog. Ich kann sehr gut verstehen, wenn man abends nach Hause kommt und dann seinem Kind einfach nur eine Geschichte aus einem Buch vorlesen möchte. Das dann aber Erklärungen anfangen müssen, ist Teil des Problems. Und das Persönliche ist immer das Politische.

Ein Text von Can Gezer

Integration in Deutschland

In Gewalt in Kommunikation, Netzschau, Staatsgewalt on Dezember 18, 2012 at 10:10 am

Das Migazine teilt ebenfalls die Rassimusdefinition nach Albert Memmi und kommt zu dem Schluss, dass viele deutsche Studien das Problem nur noch verstärken. Text aus dem Migazine kopiert.
Die Verfasserin ist geborene Fürtherin. Sie hat ein Abitur vom Dürer-Gymnasium in Nürnberg; einen Bachelor in Allgemeine Geisteswissenschaften und einen Master in Öffentliche Verwaltung vom Western Michigan University. Sie ist im Jahre 1998 in die USA ausgewandert und lebt seit 2011 wieder in Deutschland. Sie sitzt im Vorstand der internationalen gesellschaft für diversity management (idm) und Bündnis 90/die Grünen, Kreisverband Nürnberg. Sie hat ihr eigenes Blog, wo sie Artikel über Diversity, Anti-Diskriminierung, Chancengleicheit und ähnliche Themen veröffentlicht.

Moralisch und wissenschaftlich bedenkliche Studien

In Deutschland gibt es Integrationsstudien im Überfluss aber immer noch keine Definition, was Integration bedeuten soll. Länder wie die USA sind da viel weiter. Alev Dudek skizziert, wieso Deutschland zurückliegt.

Integration in Deutschland Moralisch und wissenschaftlich bedenkliche StudienViele Integrationsstudien verletzen die Privatsphäre © nico_duesing @ flickr.com (CC 2.0), bearb. MiG
VON Alev Dudek

DATUM18. Dezember 2012

„Der Rassismus ist die verallgemeinerte und verabsolutierte Wertung tatsächlicher und fiktiver Unterschiede zum Vorteil des Anklägers und zum Nachteil des Opfers, mit der seine Privilegien […] gerechtfertigt werden sollen.“ Memmi, A. (1982): Rassismus. Frankfurt a.M. 1987

In Deutschland gibt es einen Überfluss von wissenschaftlich und moralisch zweifelhaften „Integrationsstudien“, die gemäß der Definition von Albert Memmi (siehe Box rechts) rassistische Elemente aufweisen. Diese Studien lenken von den eigentlichen Problemen wie Ethnozentrismus und Diskriminierung ab und verlagern die Aufmerksamkeit vom „Täter“ auf die „Opfer. Sie etablieren überwiegend die Ungleichheit der „Objekte“ und kommunizieren die Unterlegenheit der „Menschen mit Migrationshintergrund“.

Diskriminierungsstudien im Gegensatz dazu würden die ungleiche Behandlung gleichwertiger „Objekte“ untersuchen. Der Diskriminierungsansatz aber stößt in Deutschland auf sehr viel Wiederstand. Ein Teufelskreis, denn das Fehlen einer adäquaten Auseinandersetzung mit Diskriminierung verstärkt wiederum den rassistischen Effekt der „Integrationsstudien“. Darin wird meist untersucht, wie die Opfer durch ihre angeblich fehlende Sprache und Bildung, das Status-quo der Exklusion herstellen.

Im Gegensatz dazu gibt es keine ausgeprägte Sprache und klare Definitionen von unterschiedlichen Konzepten für Einbeziehung und Teilhabe. Es fehlen Studien über unterschiedliche Facetten von Diskriminierung. Allgemein scheint es in Deutschland sehr viel Konfusion über unterschiedliche Aspekte von Teilhabe und Vielfalt zu geben. Hier einige Beispiele:

  • Das Wort Inklusion beispielsweise wird fälschlicherweise limitiert in Bezug auf Menschen mit Behinderung(en) benutzt. Dabei ist Inklusion das Gegenteil von Exklusion und bedeutet Einbeziehung, Einschluss und hat nichts mit Behinderung zu tun. Daher sollte die Inklusion von allen Menschen das Ziel sein. Die Einschränkung auf Menschen mit Behinderung(en) trägt zu den vorhandenen „Missverständnissen“ bei.
  • Die Studie über die anonymen Bewerbungsverfahren wurde in Deutschland erstmals Anfang 2012 durchgeführt. Gegeben der „rechtlichen“ Einschränkungen, die diese Studie ausgesetzt war und die allgemeine Einstellung in Deutschland, reflektieren diese Daten nicht einmal das eigentliche Ausmaß der Diskriminierung im Arbeitsmarkt. Diese Studien gehören in Ländern wie USA zum Standardwissen.
  • Wir wissen, dass Frauen statistisch gesehen, für dieselbe Arbeit, bei gleicher Qualifikation weniger bezahlt werden als Männer. Nun, dasselbe gilt auch für „Menschen mit Migrationshintergrund“. Statistisch gesehen verdienen „Menschen mit Migrationshintergrund“ bei gleicher Schulbildung und Qualifikation weniger als weiße Deutsche. Es fehlen aber nicht nur Studien und Daten über dieses Phänomen, nein, es wird nicht einmal angesprochen. In den USA gibt es Studien dazu im Überfluss. Das Wissen über dieses Phänomen gehört zum Standardwissen der Inklusionsarbeit.
  • Der Diversity Ansatz wird in Deutschland überwiegend von einer auf Gender-Diversity limitierten Perspektive behandelt. Es ist unklar, warum ethnische und racial Diversity kontroverse Themen in Deutschland darstellen. Das Ziel vom Diversity Management ist die Förderung aller benachteiligten „Gruppen“ damit eine Wertschöpfung aus den Differenzen stattfinden kann. Die Grundlage von Diversity ist die Wertschätzung von Differenzen und ist somit eine gute Methode für den Abbau von Ethnozentrismus. Der Ethnozentrismus ist eine wesentliche Barriere zur Integration ist aber kaum Bestandteil der Integrationsdebatte.

Nun kommen wir dazu, was wir in Deutschland im Überfluss haben: Studien über angebliche Aspekte von Integration, die von x-beliebigen Perspektiven erforscht wurden.

Der Integrationsreport des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF) hat beispielsweise die „sprachliche Integration von Migranten“, Türken, Jugoslawen, Italiener, Griechen und Polen untersucht. Laut offiziellen Aussagen, erfolgt Integration aber „zweiseitig“. Hier stellt sich dann die Frage: Wieso werden nur die „nicht Deutschen“ „untersucht“? Wo sind die Studien, die uns darüber aufklären, wie sich die „Deutschen“ in die deutsche Gesellschaft integrieren oder was und wie sie zu der gegenseitigen Integration beitragen?

Laut BAMF bilden „Deutschkenntnisse […] einen zentralen Aspekt und können als ein Maßstab der Integration von Migranten in die Aufnahmegesellschaft betrachtet werden.“ Wie aber kommt das BAMF darauf, Integration stünde im direkten Verhältnis mit Sprachkenntnissen oder „Menschen mit Migrationshintergrund“ könnten so schlecht deutsch sprechen, dass sie sich nicht integriert könnten? Wie viele Menschen in Deutschland sprechen wirklich so schlecht Deutsch, dass man sich mit ihnen überhaupt nicht verständigen kann, wenn man wollte?

Was ist denn Integration überhaupt, wie misst man sie und wer entscheidet wie integriert jemand ist? Etwa der deutsche Staat?

Die ethnozentrische Perspektive in vielen Integrationsstudien ist ein Hinweis dafür, dass wir in Deutschland eine Assimilationspolitik betreiben. Die Behauptung, dass Menschen mit Migrationshintergrund schlecht Deutsch sprechen, ist ein Schlüsselaspekt unserer Propaganda. Damit können wir die fehlende Repräsentation von „Menschen mit Migrationshintergrund“ in öffentliche Verwaltung, in der Politik, in vielen Funktionen des öffentlichen Lebens und im Arbeitsmarkt rechtfertigen.

Nehmen wir einen Fall, wo es stimmt, dass jemand nicht gut deutsch spricht. Daraus automatisch zu folgern, er sei nicht integriert, ist rassistisch. Könnte sich der deutschstämmige Andreas kaum ausdrücken, würde niemand auf die Idee kommen, ihn als nicht integriert einzustufen. Denn Andreas ist kein Objekt der Integrationsstudien, wie es die Emine ist. Diese Studien unterliegen der ethnozentrischen Annahme, alle Deutschen könnten gut Deutsch sprechen. Folglich hinterfragt man nur die Deutschkenntnisse der „nicht Deutschen“.

Was ist es aber, wenn Emine nur English spricht, weil sie für eine internationale Firma arbeitet und damit sehr gut in Deutschland zurechtkommt? Sie trifft sich mit FreundInnen, ist im Sportverein, besucht Konzerte, ist erfolgreich und zahlt ihre Steuern. Aber „offiziell“, wäre Emine nicht integriert – im Gegensatz zu Andreas, der möglicherweise ständig betrunken ist, keine Freunde hat und an öffentlichen Veranstaltungen nicht teilnimmt.

Jeder Mensch hat das Recht, im gesetzlich-moralischen Rahmen sein Leben selbst zu bestimmen. Und viele Elemente der Integrationsdebatte wie wir sie in Deutschland führen verletzen das Selbstbestimmungsrecht unserer Mitbürger.

Auch dazu ein konkretes Beispiel: In einer BAMF-Studie wird die Wohnungsausstattung der „Menschen mit Migrationshintergrund“ untersucht; ein willkürlicher Ansatz, der die Privatsphäre verletzt und dessen Verbindung zu Integration sehr fragwürdig ist. Auch die Schader Stiftung scheint die Wohnsituation der „Türken“ interessantzu finden.

Diese Art von Informationserwerb, wie sie in der Schader Studie ausgeführt wird, ist moralisch und wissenschaftlich sehr bedenklich. Wenn es um Wohnungsdiskriminierung geht, gibt es Tester-Methoden, die z.B. in den USA effektiv eingesetzt werden. Wohnungsdiskriminierung ist, anders als Diskriminierung am Arbeitsmarkt, ziemlich einfach zu detektieren.

Unterschiede in Wohnverhältnissen können unter anderem durch Diskriminierung am Arbeitsmarkt bedingt sein. Dafür sollten wir den deutschen Arbeitsmarkt untersuchen und reformieren, anstatt ethnische Details der Menschen, die keine eigene Toilette in ihren Wohnungen haben oder keine Möglichkeit haben, in ihren Wohnungen zu duschen, zu untersuchen.

Nebenbei sei hier die Frage erlaubt: Wieso darf in einem hochregulierten Land wie Deutschland, wo sogar der Familiennachzug von der Größe des Wohnraumes abhängt, es überhaupt Wohnungen ohne Dusche/Bad geben? In einer zivilisierten Gesellschaft gehört die körperliche Hygiene zum Grundbedürfnis. In manchen „Kulturkreisen“ wird täglich geduscht – in den USA beispielsweise. Gegeben dieses Faktes, scheint es in Deutschland ein dringenderes Problem zu geben, als die Nicht-Assimilation von „Türken“.

Die eingeschränkte Perspektive und das Fehlen einer adäquaten wissenschaftlichen Aufklärung in der „Integrationsdebatte“ in Deutschland sind höchst alarmierend. In diesem Zusammenhang ließen sich viele weitere Probleme ansprechen, die aber den hier gegebenen Rahmen sprengen würden.

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass eine überwiegende Mehrheit der Integrationsstudien negative Messages über „nicht Deutsche“ verbreiten und wenig mit der Realität oder der Verbesserung des Status-quo zu tun haben. Sie kommunizieren lediglich die Unterlegenheit der „nicht Deutschen“ und werten damit die Dominante Kultur auf. Solche rassistische Ansätze haben in der Wissenschaft nichts zu suchen.

Ein Schlüsselaspekt für Integration ist die Integration unserer Mitbürger am Arbeitsmarkt. Durch faire Chancen auf dem Arbeitsmarkt können sich Menschen besser verwirklichen und werden sich automatisch „integrieren“. Durch Anti-Diskriminierungs- und Diversity-Aufklärung kann man in diesem Gebiet sehr viel erreichen. Dann kommt auch niemand auf die dumme Idee, sich mit den Abort- und Duschbedingungen der „nicht Deutschen“ als vermeintliche Integrationsindikatoren zu beschäftigen.

DANKE,

ich möchte MiGAZIN auch in Zukunft lesen:

Dieser Text wird mir eine Klage einbringen

In Gewalt in Kommunikation, Netzschau on Dezember 10, 2012 at 6:10 am

Es gibt Menschen, mit denen ist kein Gespräch mehr möglich. Man kann sich bei Ihnen nicht entschuldigen, wenn man einmal etwas falsch gemacht hat, weil sie das unter Garantie alles gar nicht hören möchten, denn es gibt Menschen, deren Weltbild ist so einfach, dass man es nicht mit einem Meinungswechsel aus dem Gleichgewicht bringen darf. In diesem Fall reden wir von einem Radiomoderator, der mich verklagen wird. Er hat das mehrfach als seine Lieblingslösung dargelegt und ich weiß, dass es kommen wird. Sein Name ist der selbe, wie der von Barbies Freund, die Ähnlichkeit ist auch vorhanden: Ken Jebsen von KENFM. Seine Sendung heißt wie er, er hat drei facebookseiten, die immer jeweils ihn auf dem Profilbild und dann – Überraschung – IHN auf dem Titelbild zeigen. Hier mag sich jemand so sehr, dass alles andere hinten anstehen muss, wenn es um das Ego des Ken Jebsens geht. Und da muss auch sein eigenes Lieblingsthema zurückstecken, wenn es einmal soweit ist.

Ken Jebsen kämpft gegen Rassismus und Gewalt … sagt er.
An mir hat er diese Dinge jedoch voller Freude am „Spiel“ – denn er nannte es ein Spiel – ausgeübt. Vorneweg: Ich finde es großartig, dass jemand, der eine Haltung hat und sich gegen Rassismus einsetzt, auf facebook 25.000 Fans haben kann. Das stimmt optimistisch, nein das könnte optimistisch stimmen, würde nicht so schnell dieser harsche Ton auffallen, mit dem Ken Andersdenkende beleidigt und von der Planke seines facebookbootes wirft, um sie seinen Fanhaien zum Fraß vorzuwerfen.

Was ist überhaupt passiert? Alles beginnt mit einem dummen Impuls meinerseits und endet mit Demagogie seitens Ken Jebsens. Der Autor Hendryk M. Broder wirft dem Moderator Antisemitismus vor, weil dieser – lassen wir es ihn einfach selbst sagen: „Ich hatte Mahmud Abbas‘ UN-Auftritt gelobt und US-Außenpolitik als irgendwie verlogen angeprangert.“ (Ken Jebsen) Diese Aussage war für Hendryk M. Broder Anlass genug, Jebsen einen Antisemiten zu nennen. Broder schrieb daraufhin den RBB an, um sich zu beschweren, dass ein öffentlich rechtlicher Sender einen Antisemiten unterstützt. Diese Dinge passieren übrigens tagtäglich. Es vergeht kein Tag in einer Zeitungsredaktion, ohne dass nicht mindestens einem Journalisten per Brief, Fax oder email, Rassissmus, Sexismus oder antisemitische Tendenzen vorgeworfen werden. Diese Zusendungen gehören zum Alltag eines redaktionell arbeitenden Unternehmens. Der Umgang damit ist einfach: Keine Antwort ist auch eine Antwort und wenn mein Kind mich tausendmal fragt, ob es ein Auto anzünden darf, erhält es darauf einfach keine Antwort. Funktioniert prima. Das Kind hat noch nie ein Auto angezündet und die Trolle melden sich höchstens noch zweimal, bis sie endlich enttäuscht aufgeben, aber das Team um Ken hat sich eine eigene Methode ausgedacht: Denunziation, Hetze und Kens Lieblingswerkzeug: WEITERLEITEN! Immer alles weiterleiten!

Und darum hat das die RBB-Intendantin auch getan. Sie beleidigt Broder immer wieder in den mails und leitet den gesamten Wortwechsel weiter an Ken, der ihn seinerseits auf seiner Facebookseite bloßstellt, indem er die mails öffentlich macht. Ein hässliches Unterfangen, das meinen Fehler nicht begründet. Mein Fehler war ein anderer. Ich weiß nicht, warum der Beitrag von KENFM in meiner facebook-timeline erschien, aber das tat er und er machte mich wütend.

Ich bin Ken Jebsen in meinem Leben viermal begegnet. Zweimal beim rbb selbst und zweimal privat mit einem ehemaligen „Freund“. Jedes dieser Aufeinandertreffen war geprägt von der Eitelkeit des Beaus Jebsens und bei den privaten Aufeinandertreffen hat er frauenfeindliche, rassistische und ja, auch Judenwitze gerissen. Auf mich wirkte er so abstossend, dass ich seine Arbeit niemals verfolgt habe. Mein Urteil stand felsenfest und darum bin ich mit Jebsens Arbeit auch wirklich sehr wenig vertraut. Inzwischen weiß ich, dass er sich offenbar gegen Rassismus und Gewalt einsetzt und diese Disharmonie verwundert mich und das tut es nun umso stärker, nachdem ich nun also noch einmal mit ihm auf eklige Art und Weise aneinander geriet. So. Was habe ich getan? Ich habe einen Kommentar hinterlassen. Impulsiv und unüberlegt. Wütend und unsachlich. Ich schrieb:

„Ich erinnere mich sehr gut an ein Treffen mit Ken Jebsen und Mark Scheibe, bei dem beide alkoholisiert Frauen- und fremdenfeindliche Witze rissen.“

Darauf antwortete Ken, dass solle ich mal beweisen, er trinke gar keinen Alkohol und er kündigte an, dass er sehr gut in Grabenkriegen sei. Ich schrieb, dass es die Sache nicht besser mache, wenn er seinerzeit nüchtern gewesen sei und fragte, wieso er nun gleich an einem Krieg interessiert sei. Ich würde friedliche Auseinandersetzungen bevorzugen. Ken war der Meinung, mir noch nie begegnet zu sein, also schrieb ich ihm erklärend, dass Mark Scheibe mein damaliger Partner gewesen sei und wir darum zusammen gesessen hätten. Da hatte Ken die Lösung parat:

Ich führe einen Rosenkrieg gegen meinen Exfreund, war seine einfache Erklärung der Sachlage und er löschte meine Posts. Inzwischen war es ausgerechnet einer meiner Facebookfreunde, der mir einerseits mail zum Thema schrieb und andererseits ellenlange Kommentare auf Kens Seite postete, dass mein Verhalten inakzeptabel sei. Ich versuchte meinem Facebookbuddy zu verklickern, dass ich mit jemandem wie Ken nicht gerne in eine Auseinandersetzung treten wolle, da er mich ohnehin zensieren würde und weil sein Kampfstil zu rücksichtslos sei für mein sensibles Gemüt.

Ebenjenes sensible Gemüt ließ mich dann aber den ganzen Tag nicht mehr stillsitzen und also rang ich mich durch und schrieb zunächst auf Kens Seite dass ich mich nicht weiter äussern würde, da meine Statements ja eh gelöscht würden und weil ich diese Form der „Kriegsführung“ nicht ertragen würde. Es verging noch mehr Zeit mit noch mehr schlechtem Gewissen und also schrieb ich schließlich einfach an Ken selbst. Ich schickte Ken die folgende private Nachricht:

Vielleicht sollten wir das mal persönlich klären, weil ich tatsächlich keinerlei Interesse an einem solchen Kleinkrieg hege. Zunächst: Von Broder soll jeder halten, was er will. Ich bin nicht sein Fan und ich bin sicher in vielen Bereichen Deiner Meinung. Ich gebe auch gerne zu, dass meine „Beteiligung“ an dieser Diskussion auch sehr impulsiv war. Von Mark Scheibe darf auch jeder halten, was er will und ja, ich kann ihn tatsächlich so gar nicht austehen, aber kommen wir nun in aller Ehrlichkeit zum Kern meiner Aussage:  Du und ich, wir sind viermal aufeinander getroffen. Das war zweimal bei Fritz und zweimal irgendwo privat mit Mark. Du wirst Dich vermutlich gar nicht erinnern, weil alle diese Begegnungen eher flüchtiger Natur war. Beide Male, die wir uns mit Mark trafen, haben Du und Mark sehr eklige Witze über Juden, Schwarze und Frauen gerissen. Ich war sehr abgestossen und dieser Eindruck ist einfach bei mir hängen geblieben. Dass ich mich auf diese Weise auf eine Diskussion eingelassen habe, tut mir persönlich leid. Im Grunde kann man sagen, dass mein Eindruck gar nichts mit dieser Sachlage zu tun hat. Broder ist ein Spinner. Von mir aus. Ihn auf diese Weise bloßzustellen verurteile ich allerdings. Ich habe einen persönlichen Eindruck Deiner Person geäussert und das war unprofessionell und nicht besonders klug. Geschenkt. Ich würde darüber kein Buch schreiben wollen. Mein Eindruck ist allerdings da und ich hoffe, dass Du darauf in einer Weise antworten kannst, die nicht verletzend ist. Ich habe sehr viele Probleme mit Hassmails und dergleichen und hege lieber zielgerichtetere Dialoge.

Danke und Entschuldigung, Meike (von wegen mit „ai“)

Ken reagierte darauf nicht. Inzwischen fragten User auf der Seite, wo meine Kommentare verblieben seien und warum er dem Vorwurf nichts entgegenzusetzen habe außer Löschung. Ken erklärte ihnen, dass dies eine Verleumdung sei, für die er keine Zeit habe und erklärte meine Kommentare als Teil eines Spindoctors. WOW! Ein Spindoctor ist jemand, der von politischer Instanz bezahlt wird, um Medien subtil zu manipulieren. Nun wurde ich also Teil einer Verschwörung und angeblich dafür bezahlt, Meinung gegen Ken zu machen. Auf mein Schreiben antwortete er erst einmal nicht. Das kam erst viel später.

Erst einmal behauptete er auf seiner Seite weiter gegenüber Nachfragenden, dass ich einerseits einen Rosenkrieg gegen Mark Scheibe führe, andererseits sagte er, ich würde bezahlt, um seine Person zu schmähen. Da ich ihn ja aber längst über meine wahre Meinung aufgeklärt hatte, hielt ich es schließlich nicht mehr aus und schrieb doch noch etwas auf seine Chronik:

kenscreenshot1

Daraufhin wurde ich blockiert. Und ich erhielt eine private Antwort des Moderators.

Ich habe deinen gesamten text an scheibe geleitet.
Hier noch ein Lesetip .http://www.amazon.de/gp/aw/d/3825225232/ref=mp_s_a_1?qid=1355010777&sr=8-1&pi=SL75

Sein Stilmittel: Die Weiterreichung. In wiefern mich das beeindrucken soll, ist mir nicht ganz klar. Eines ist jedoch unübersehbar: Mit Ken Jebsen ist Frieden nicht zu machen. Das einfache Lesen meiner mail oder eine kurze Recherche im Internet hätte ihn darüber aufklären können, dass wir uns beide gegen die selben Sachen engagieren, er hätte meine Entschuldigung annehmen und in einen konspirativen Dialog treten können. Stattdessen hat er mich denunziert, mich beleidigt und für mindestens verhaltensgestört erklärt.

Alle User, die nach mir fragten und die Vorgänge als befremdlich darstellten, wurden ebenfalls von der Seite geblockt. Einer teilte mir mit, dass Ken ihm geschrieben und versucht habe, ihn zu überzeugen. Dabei hat er mir allerdings die Worte im Munde umgedreht und erklärt, wie er mit derlei Störern umgehe. Nachdem der User ihn darüber aufklärt, dass dies so alles nicht richtig ist und weiterhin nachfragt, wieso Ken die Statements löschen und dann falsch wiedergeben würde, wurde auch er blockiert. Hier ein Teil dieses Dialoges:

Bildschirmfoto 2012-12-09 um 16.20.26

Bildschirmfoto 2012-12-09 um 16.20.50

An mich richtete er mit der Blockierung noch die folgende Nachricht:

„Wer bezahlt Sie, Maike von Wegen? Ich kenne Sie nicht. Spielen Sie ihre Spielchen woanders.“

Schade, Ken Jebsen. Mein Eindruck bleibt nun also weiter bestehen. Sie haben frauenfeindliche und rassitische Witze in meinem Beisein gerissen und anstatt sich dazu zu äussern, zogen Sie es vor, einen privaten Grabenkrieg gegen mich zu führen. Kämpfen wir wirklich für dasselbe? Ich bin verwirrt. Denn in meinen Augen stellen derlei Methoden – Dennunzieren und Weiterleiten – eine enorme Gewalt dar. Außerdem frage ich mich: Geht es um Gewalt oder geht es um das Ego eines Moderators?

Es sollte hier eigentlich gar nicht um irgendein Ego gehen. Weder um das eines Mark Scheibes (wer-ist-das-überhaupt?), noch um das einer Meike Büttner oder um einen Ken Jebsen-Ego. Es geht um etwas anderes. Das Problem heißt Gewalt.

Ein Text von Meike Büttner

Die Design Diktatur

In Gewalt in Kommunikation, Staatsgewalt on November 26, 2012 at 10:11 am

Was ist das Internet? Eine Frage die jeder irgendwie beantworten kann. Ein unendlicher freier Raum. Mein Fenster zur Welt. Grenzüberschreitend und global. Ein Mechanismus in dem alles und jede/r Platz findet. Wir schaffen es durch unsere Inhalte und Diskussionen. Es bedarf keiner zentralen Kontrolle oder Autorität, sondern einfach nur der Menschen, die alle verbunden sind.
Das Internet wird häufig mit Freiheit gleichgesetzt und hat einen Status der Religion bei Webaktivisten. Die virtuelle Realität ist die bessere Realität, da sie uns mit unendlichen Möglichkeiten ausstattet.
In diesen Tagen, zwischen dem 20.11 und 29.11, trifft sich die International Telecommunications Union (ITU) in Dubai. Dies ist der Verband innerhalb der Vereinten Nationen, bestehend aus 193 Mitgliedsstaaten, der sich mit Informations- & Telekommunikationsrichtlinien auseinandersetzt. Das letzte Abkommen das innerhalb dieses Verbandes geschlossen wurde liegt 25 Jahre zurück. Die Regulierung des Internet war damals nicht vorgesehen, da es dieses schlichtweg nicht gab. Nun soll das passieren und beschlossen werden.  Eine Internet Governance die global agiert und nicht länger einzelnen Staaten die Gesetzeshoheit gibt, soll beschlossen werden. Alle Staaten sollen die gleichen Zugangsmöglichkeiten haben, liest es sich auf der Website der ITU.
Dies ruft Proteste hervor. Doch weniger von Webaktivisten als von den USA. Diese wollen die Freiheit für die User bewahren. Warum in dieses wunderbar funktionierende System eingreifen?
Außerdem sei dies gar nicht praktikabel, so ein Sprecher des US-Governements, der beanstandet, dass das Internet nicht mit nationalen Grenzen kompatibel sei, und internationale Richtlinien einfach nicht zu managen sein ( http://theglobaljournal.net/article/view/873/ ).
Verantwortlich für das große Interesse, dass die USA das Abkommen blockieren hat die WCIT Ad Hoc Working Group,’ eine Wirtschafts-Koalition bestehend aus Unternehmen wie  AT&T, Cisco, Comcast, Google, Intel, Microsoft, News Corporation, Oracle, Telefonica, Time Warner Cable, Verisign und Verizon, die Ihren Einfluss geltend gemacht haben um das Gouvernement von ihrer Position durch Lobby-Arbeit zu überzeugen.
Die USA sind zwar nicht gegen den Anschluss weniger entwickelter Länder an den internationalen Standard. Sind aber der Meinung, dass dieses „Wachstumspotential“ privatwirtschaftlich weitaus besser erschlossen werden kann.
Des Weiteren wird die Meinung vertreten, dass ein Top-Down Ansatz entgegen der eigentlichen Struktur des Internets läuft und somit unrealistisch sei. Diese und weitere Argumente finden sich auch im Stanford Technology Law Review. Verwunderlich nur, dass der Artikel von Patrick Ryan verfasst wurde, der neben seiner Wissenschaftstätigkeit auch auf der Gehaltsliste von Google steht.  Er geht so weit das Vorhaben der ITU als Titanic-Moment des Internets zu bezeichnen ( http://stlr.stanford.edu/2012/07/the-itu-and-the-internets-titanic-moment/ )
Warum aber dieser EInsatz der Telekommunikationsunternehmen? Sind sie wirklich die weißen Ritter, die sich gegen Willkür und Eingriffe für unseren herrlichen freien Raum einsetzen? Dazu müssen wir zur Ausgangsfrage zurück: Was ist das Internet? Metaphorisch ist dies ein riesiger virtueller Raum. Aber was ist das Internet physisch? Es sind riesige Server-Gebäude in denen Daten ein- und ausgehen, sowie gespeichert werden. Um eine Vorstellung davon zu bekommen: Apples Daten-Center in North-Carolina  um seine Internetdienst Cloud eigenhändig zu managen, umfasst ein 180 Hektar großes Stück Land, das vollständig umzäunt ist, und ein 153.924 Quadratmeter großes Gebäude beherrbergt, das nichts anderes als Server beinhaltet ( http://www.datacenterknowledge.com/the-apple-data-center-faq/ ). Und Apple ist ein vergleichsweise kleiner Player auf diesem Markt.
Verbunden sind alle diese Server global über Unterwasserkabel wie die Submarine Cable Map veranschaulicht ( http://submarinecablemap.com/ ). Diese sind alle in der Hand von privaten Telekommunikationsunternehmen. Der spanische Konzern Telefonica ( in Deutschland Inhaber von O2 und Alice) ist im Besitz fast aller Unterseeleitungen nach Südamerika. Um zu verstehen was dies heißt müssen wir den Verlauf eines Datenpakets im Internet verstehen. Wenn ein Internet-User in Lima, Peru eine lokale Website aufruft, so ist der Verlauf des Datenpakets, das mit Eingabe der Website und Enter drücken verbunden ist folgender: Von Lima aus wird das Datenpaket an die Ostküste Südamerikas versandt, von wo aus es über den zentralen Telefonica Server in Madrid läuft. Dann geht es weiter zur Ostküste der USA, weiter nach Kaliforniern, an der Westküste, um von dort wieder nach Lima gesendet zu werden. Theoretisch hat also Telefonica die Macht, die Nachrichten in Südamerika zu kontrollieren. Dafür gibt es meines Wissens aber keinen Beweis. Um aber zu veranschaulichen, dass dies keine realitätsferne Unterstellung ist, möchte ich hier das Projekt Newstweek ( http://newstweek.com/ ) von Julien Oliver und Danil Vasiliev vorstellen. Die beiden sind Critical Engeneeriner ( http://criticalengineering.org/ ). Newstweek ist eine unscheinbare kleine Box die in jede Steckdose gesteckt werden kann und dann das gesamte umliegende Netwerk vereinnahmt ohne, dass Internet-User dies bemerken. So können sie in einem Starbucks sitzen, wo durch die Newstweek Box alle Nachrichten manipuliert werden. Die Manipulation ist für den User nicht sichtbar, da das Gerät nicht die Websiten kopiert, sondern nur die Inhalte verändert. Die beiden in Berlin lebenden Entwickler wollen so auf das Top-Down Distributionsmodell aufmerksam machen, das Nachrichten in großem Ausmaß der politischen Meinungsmache und unternehmerischem Interesse dient.
Oder die Transparency Grenade von Julien Oliver. Eine künstliche Granate, die folgenden Effekt hat: Zieht man den Verschluss um die Granate zu entsichern, werden automatisch alle Daten der umliegenden Computer auf den Server des voreingestellten Inhabers gespielt ( http://transparencygrenade.com/ ). Die Frage, die sich hier auftut ist einfach: wenn 2 Programmierer so etwas in ihrem kleinen Labor ohne große finanzielle Ressourcen entwickeln können, was kann dann ein multinationaler Konzern?
Wir wissen alle, dass beispielsweise China das Internet zensiert. Bestimmte Websites sind hier nicht nutzbar. Dies ist eine sehr offensichtliche Zensur, die allen klar ist. Seit einiger Zeit ist dies aber viel subtiler möglich. DPI (Deep Packet Inspection) ist die Lösung. So kann z.B. ein bestimmtes You-Tube Video von einem Staat oder Unternehmen blockiert werden, ohne das You-Tube im gesamten blockiert wird. So hat Russland ein Video in bestimmten Regionen des Landes blockieren lassen, das die Unschuld von Muslimen an einem Anschlag beweist. Russland Interesse aber hält es für richtiger die Bürger in diesen instabilen Regionen im Glauben zu lassen, dass islamische Extremisten dafür verantwortlich seien ( http://www.wired.com/dangerroom/2012/11/russia-surveillance/all/ ). Wer kann es also merken? Die Manipulation von Massenmedien die Fernsehen oder Zeitung durch Interessengruppen ist vielen Menschen in der westlichen Welt durchaus bekannt. Das dies auch im Internet stattfindet, leider nicht.
DPI ermöglicht es Netzwerkbetreibern (dieser Begriff ist hier relativ: es kann ein privates Unternehmen oder ein ganzer Staat sein) erlaubt es den gesamten Traffic einzelner Personen auszuspionieren. Emails & Webpages können nicht nur gelesen, sondern auch modifiziert werden. Dies ist eine Revolution auf der Ebene der Spionage & Manipulation. Bislang war es nur möglich Traffic zu kopieren und zu speichern. Nicht aber zu modifzieren. Erst war es nur möglich den Empfänger eines Briefes zu bestimmen. Dann konnte man ihn auch aufmachen und lesen. Jetzt kann man den ganzen Brief neu schreiben. Eine Vorstellung die wir aus der analogen Welt so nicht kannten.
DPI ermöglicht dies nicht nur auf offiziellen Websites, sondern auch in sozialen Netzwerken. So können einzelne Posts von Usern einfach verschwinden.
Einer der Anbieter der Technologie ist das Unternehmen RGRCom, die laut eigenen Angaben Ihren Kunden einen zuverlässigen Service anbieten, nicht nur Websiten, sondern auch peer-to-peer Protokolle, Skype Protokolle und Torrent-Analysen auch für den mobilen Bereich anbieten.
Größter Anbieter auf dem globalen Markt für DPI-Lösungen ist übrigens Cisco. Eines der Unternehmen, das auch ein Gros an Leitungen und Server-Kapazitäten für das Internet besitzt. Kunden für DPI-Technologien sind offiziell Staaten wie Russland, Iran und Australien. Inoffiziell England und Amerika.
Was ist also das Internet? Wenn wir die gängige Metapher des Datenhighways nutzen, so sagt das viel über unser Verständnis darüber aus. Wir bewegen uns auf einer Strasse. In meinem Verständnis sind Strassen öffentliche Räume in denen meine Bewegungen durch nationale Gesetze geschützt sind. Das Internet ist aber in privatwirtschaftlicher Hand und ist dann kein öffentlicher Raum.
Auf der einen Seite nutzen wir es um Artikel und Blogs zu komplexen Themen zu lesen, darüber zu diskutieren und versuchen Debatten in ihrer ganzen Komplexität zu erfassen. Auf der anderen Seite tun wir das an einem Medium, das wir nicht völlig verstehen. Hier tut sich eine riskante Doppelbödigkeit auf.
Nicht nur das Internet, sondern viele andere Dinge in unserem Alltag sind technisiert, ohne das wir die Funktionsweisen verstehen, lediglich die Effekte. Letzte Woche war ich bei einem Freund zu Besuch, dessen 8-jähriger Sohn eine Kassette hören wollte. Das Kind wusste nicht wie es mit der Kassette umzugehen hatte. Das Zurückspulen, ein mechanischer Vorgang wurde von dem Kind mit einem Defekt verwechselt, weil es einfach so lange dauert. Mein Freund und ich mussten darüber schmunzeln, dass ein Kind, dass in einer digitalen Welt groß wird, dies nicht kannte. Aber was ist mit uns selbst? Wir verlassen uns völlig auf unsere Smartphones ohne sie zu verstehen. Wir bedienen Oberflächen von Geräten deren Mechanismus völlig versteckt ist. Würden wir ein IPhone aufmachen, so kann eigentlich niemand erklären wofür die einzelnen Bestandteile dienen. Die Funktionsweisen sind uns völlig schleierhaft. Dies ist das Ende des selbstbeschreibenden Objekts. Aber es geht noch weiter. Wenn ich das Telefon selber aufschraube, verliere ich meine Garantie. Auch bei Autos ist dies inzwischen so. Früher konnte ich eine Zündkerze noch selbstständig wechseln. Inzwischen ist dies mit Garantieverlust verbunden.
Das heißt, dass Design eine politische Komponente besitzt. Wenn ich nur noch Oberflächen zur Verfügung stelle, fälle ich Urteile über den Nutzer. Restriktionen und Bewegungseinschränkungen machen es Usern auf der eine Seite leicht, auf der anderen Seite ignorieren sie ihn aber auch völlig. Unsere gesamte technische Infrastruktur ist nicht zu sehen und noch weniger zu verstehen, obwohl wir völlig von ihr abhängig sind.
Unsere Leben, und somit viele Gefühle finden durch diese technischen Geräte statt. Überlegt nur wie schrecklich es wäre unser IPhone zu verlieren. Ich spreche jetzt für mich, aber ich glaube es geht vielen von Euch so. All die Photos, Mails, Musik, etc. Wir haben emotionale Bindungen aufgrund der Inhalte. Einiges davon machen wir öffentlich, anderes halten wir für intim, wie persönliche Mails, Photos, notierte Ideen oder Bankverbindungen. Aber wie ihr ja oben lesen konntet ist dies gar nicht so intim, sondern in unternehmerischer Hand. Wir könnten jetzt lange über die unmoralischen Vorgehensweisen von Unternehmen nachdenken. Mir wäre es lieber, wenn wir über uns selbst nachdenken. Wir haben uns in eine selbstverschuldete Unmündigkeit begeben die wir erstmal realisieren müssen.

„The love letter you´ve wrote five years ago to a person you no longer like is on a business man´s hard disk“ Julien Oliver https://vimeo.com/channels/eyeo2012/52962142

Ein Text von Can Gezer

Die Gemeinsamkeit der Mörder

In Gewalt in Kommunikation, Netzschau on November 20, 2012 at 11:57 am

Ein öffentliches Antwortschreiben mit allgemeiner Gültigkeit

In der letzten Zeit häufen sich in meinem Postfach emails von wildfremden Menschen, die mir zwar persönlich nichts zu sagen haben, die aber dringend der Meinung sind, dass ich einen bestimmten Artikel der Springer-Presse oder ähnlichem lesen soll, um zu verstehen, dass ich mit meiner Arbeit gegen Rassismus im Unrecht bin. Für links der Springer-Presse habe ich inzwischen eine automatische Löschfunktion eingestellt. Jedoch stammen nicht alle links aus diesen Quellen, sodass mich hin und wieder die ein oder andere Zuschrift erreicht. Die links, die man mir zuschickt, beschäftigen sich mit den immer selben Themen. Es geht um türkische Ehrenmorde, arabische Zwangsverheiratungen, Morde aus Romakreisen, etc.

Ich habe mir darum überlegt, diesen Text zu schreiben, um diese Menschen einfach öffentlich auf Ihren Kategorienfehler hinzuweisen. Ich werde niemals auf derlei mails antworten, aber in Zukunft kann dieser Beitrag als meine Antwort auf derlei Schreiben geltend gemacht werden.

Es gibt all diese schrecklichen Dinge tatsächlich. Selbstverständlich gibt es diese grauenhaften Taten und da ich die Tagespresse verfolge, bin ich über derlei Vorfälle informiert. Warum diese Dinge als Argumente gegen Rassismus gelten sollen, ist mir schleierhaft. Dass Zusenden solcher einseitigen Meldungen erfüllt erneut den Tatbestand des Rassismus. Offenbar fällt es den Übersendern dieser Inhalte schwer, zu abstrahieren. Die Ehrenmorde weniger Menschen soll dafür herhalten, eine Abneigung gegen eine ganze Ethnie zu rechtfertigen. Ich könnte dem die tausend deutschen Frauen entgegensetzen, die Jahr für Jahr wegen Misshandlung ihrer eigenen deutschen Kinder im Gefängnis landen oder die Gewaltverbrechen deutscher Männer, die ebenso zahlreich sind wie die Morde anderer Bevölkerungsgruppen. Die einseitige Darstellung derer, die mir derlei links zuschicken spricht Bände über die eigene Ignoranz und die Vorurteile dieser Menschen.

Tatsächlich lässt sich über Mörder das folgende festhalten:

Die Philosophin und Evolutionspsychologin Helena Cronin konnte in ihrem Buch The Ant and the Peacock schon 1991 nachweisen, dass Mörder in Bezug auf Alter und Geschlecht in allen Ländern der Welt Parallelen aufweisen. Die meisten Mörder auf der Welt sind männlich und in einem jungen Alter. Ebenfalls gemeinsam ist ihnen die Herkunft aus einer Minderheit. Der Psychiater James Gilligan, Leiter des Zentrums für die Untersuchung von Gewalt an der Harvard Medical Shool, der Zeit seines Lebens mit Gewaltverbrechern in Psychiatrien gearbeitet hat, kann das wie folgt begründen:

„Gewalttaten bedeuten den Versuch, ein Gefühl der Erniedrigung abzuwehren und zu tilgen – ein Gefühl das überwiegend schmerzhaft und unerträglich werden kann – und es durch sein Gegenteil zu ersetzen, durch ein Gefühl des Stolzes.“ In seinen Gesprächen mit den Männern, die Gewalttaten begangen hatten, stellte er immer wieder fest, dass es wahre oder vermeintliche Verletzungen des Stolzes waren, die diese Taten auslösten – ein Verhalten anderer, das für die Täter Erniedrigung und Schande bedeutet. (Violence – our deadly epidemic and ist causes, James Gilligan, 1996)

Somit ist im Grunde jeder Mord ein sogenannter Ehrenmord, der begangen wird in dem Versuch, seine eigene Ehre durch diese Tat wieder herzustellen. Wer gerne einen Zusammenhang herstellen möchte zwischen typischen Merkmalen von Mördern kann nur da landen. Mord ist meist männlich und resultiert aus verletztem Stolz. Und während für den einen der Sex seiner Tochter mit einem Mann einer anderen Kultur die ultimative Erniedrigung seiner Person bedeutet, ist es für den anderen die Tatsache, dass seine Frau ihn verlassen will. Wie leicht ein Stolz sich verletzen lässt, ist eine individuelle Frage. Fakt bleibt: Mörder kommen in der Regel aus einem benachteiligten Milieu und sind somit per se der Erniedrigung durch andere Klassen ausgesetzt. Die Statuskonkurrenz ist mit steigender Ungleichheit immer größer geworden und stellt eine tatsächliche Bedrohung für uns dar, da der Stolz sovieler verletzt wird, was zu einem Anstieg der Mordrate führt. Die Gesundheitsforscher Richard Wilkinson und Professor Kate Pickett haben in ihrem 2011 erschienen Buch „The Spirit Level: Why Greater Equality Makes Societies Stronger“ anhand von 400 wissenschaftlichen Ergebnissen und den Statistiken von WHO, OECD, der Weltbank und den vereinten Nationen nachgewiesen, dass die Quote der Gewaltverbrechen mit dem Grad der Einkommensgleichheit in einem Staat steigt und fällt. Somit lässt sich anhand von Statistiken und Untersuchungen von Gewalttaten auf der ganzen Welt immer nur diese eine Tatsache verdeutlichen. Die Gewalt hängt nicht zusammen mit der Kultur oder Religion, zu welcher ein Individuum sich zählt, durchaus aber mit der Ungerechtigkeit des Staatssystems, in dem er lebt.

Die wahre Gemeinsamkeit von Gewalttaten lautet also: Ungleichheit. Und diese wird durch rassistisch geführte Diskussionen nur weiter und weiter verstärkt. Menschen, die sich ausgegrenzt fühlen, sind eher zu morden bereit als andere. Darum kann nur jedem, der sich vor Gewaltverbrechen fürchtet empfohlen werden, sich für mehr Gleichheit einzusetzen. Wer andere abschieben will, der begeht damit Gewalt und verstärkt die Problematik.

In diesem Sinne:

Herzlichen Dank für Ihre einseitigen mails. Sie sind haltlos.
Mit statistischen Grüßen,

Meike Büttner

Meine Fehler und ich

In Gewalt in Kommunikation on Oktober 30, 2012 at 11:19 am
Manche Menschen gelten nur deshalb etwas in der Welt, weil ihre Fehler die Fehler der Gesellschaft sind.
François VI. Duc de La Rochefoucauld, (1613 – 1680), französischer Offizier, Diplomat und Schriftsteller

 

„Wer von euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein!“, sagte Jesus Christus und verdarb damit dem lynchhungrigen Volk die Laune.  Als sie so gezwungen wurden in sich zu gehen, fanden sie plötzlich so viele Sünden, dass der Stein in ihren Händen zum Werfen viel zu schwer wurde. Unter dieser Vorraussetzung könnte wohl niemand irgendetwas verurteilen. Also ja, Fehler … hab ich selber.

Ich zum Beispiel: Ich habe zum Beispiel einen Tick. Ich gehe mir ständig mit den Fingern durch die Haare und kratze meinen Kopf. Ich kann das nicht einmal lassen, wenn ich es möchte. Es liegt an Spannungen, mit denen ich nicht gut umgehen kann. Das ist so einer meiner Fehler. Ich leide ständig unter Anspannung, weil ich immerzu alles an mich heranlasse und persönlich nehme. Ich bin viel zu sensibel für diese Welt. Wenn ich schlimm angespannt bin, schreie ich schon mal meine Tochter wegen irgendetwas an. Fehler. Weiß ich. Oder mein – wie ich es nenne – logistischer Ablauf Autismus. Wenn ich auf einem breiten Berliner Gehweg laufe, setze ich voraus, dass alle Menschen rechts gehen und links überholen, dass Gruppen höchstens zu zweit nebeneinander laufen, dass auch im Fußverkehr das Reißverschlussprinzip gilt, etc. Das ist so ein ganz komischer Gehirnblödsinn von mir: Wenn ich irgendwo herlaufe, habe ich einen Streckenabschnitt von etwa hundert Metern vor Augen. Auf diesen hundert Metern schätze ich die Geschwindigkeiten vor mir oder mir entgegenlaufender Personen ein, „berechne“, wer wen wann kreuzt und habe genau im Kopf, wer wohin ausweichen muss. Dabei berücksichtige ich auch hinter mir laufende Menschen und deren Geschwindigkeiten und bevor ich meine Spur zum Überholen wechsle, drehe ich mich auch um, um zu überprüfen, dass ich auch nicht jemandem ins Gehege komme, der hinter mir läuft und noch schneller ist als ich. Das ist mein ganz persönlicher Spleen, aber Tag für Tag begehe ich den Fehler, dieses Verhalten von allen meinen Mitmenschen zu erwarten und dann raste ich regelmäßig aus. Ich hasse dann alle um mich herum, weil sie sich nicht an den Plan logistischer Abläufe halten, den ICH mir ausgedacht habe. Das ist natürlich mein Fehler und wenn ich dann auch noch wütend jemanden anremple und ihn so ansehe mit diesem „Tja. Du bist eben falsch gelaufen!“-Blick, dann begehe ich wieder einen riesengroßen Fehler, der mir schon ganz oft passiert ist.

Das ist lange nicht alles. Ich habe noch viel mehr Fehler, aber soweit reicht es erst einmal.
Ich begehe täglich Fehler. In meiner Arbeit, in der Erziehung meiner Tochter, in meinen Beziehungen, ich verrechne mich, etc. Mit dem Ausmerzen dieser Fehler – mit diesem Umgang damit und dem berühmten daraus-lernen – habe ich eine ganze Menge zu tun und ich würde behaupten, dass dies ein Teil des sogenannten Lebenssinnes ist. Das Streben danach aus diesen Fehlern zu lernen und immer besser zu werden. Jede Entwicklung braucht Fehler. Der Fehler ist der Ursprung eines neuen Handelns. Wir sollten uns also glücklich schätzen über all unsere Verfehlungen. Sie sind etwas gutes. Vorausgesetzt, dass man mit ihnen arbeitet.

Wenn ich mir unsere Gesellschaft ansehe, habe ich das Gefühl, dass die meisten einen wirklich fatalen Fehler begehen: Das Suchen der Fehler im Aussen, das Erforschen der Verfehlungen anderer, die man selbst nicht korrigieren kann, ist der einzige schlechte Fehler, den man machen kann. In der Integrationsdebatte zum Beispiel wird viel und gerne mit dem Finger gezeigt.

Die trägt ein Kopftuch, weil sie nicht klarkommt, der hält sich nicht an die Gesetze hier, Ausländer wollen sich ja gar nicht integrieren …“

Diese lautbrüllenden Menschen sind unzufrieden und suchen die Fehler dafür im Aussen. Auch ich bin manchmal unzufrieden und suche die Ursache dafür dann auch gerne in unserer Gesellschaft, die“ so kaltherzig und arrogant“ ist. Ich begehe diesen Fehler auch, aber am Ende weiß ich schon, wer dafür die Verantwortung trägt, wenn ich mich mal wieder durch alles aus dem Konzept bringen lasse. Ich selbst bin dann die Ursache mit meinem fehlerhaften Umgang mit Anspannungen. Diese Gesellschaft ist schon zu einem großen Teil sehr kaltherzig und unbarmherzig, aber in meiner Wohnung muss mich das nicht stressen. Das tut es nur, wenn ich mit mir selbst ein Problem habe.

Wir machen alle Fehler. Und wir begehen sie hin und wieder sogar sehenden Auges und manchmal sind wir auch einfach wie trotzige Kinder, die einfach Lust darauf haben, die Sandburg die andere gerade aufgebaut haben, einfach kurz und klein zu schlagen, aber mal ehrlich: Wenn jeder sich um seine eigenen Fehler kümmert, dann hätten wir wohl alle genug zu tun und bräuchten uns weniger über die der anderen zu echauffieren. Deren Fehler können wir eh nicht ändern. Ändern kann man immer nur sich selbst.

 

Buschkowsky-Debatte: Wir sprechen immer noch über Rassismus

In Gewalt in Kommunikation, Netzschau on Oktober 23, 2012 at 9:19 am

english version below

Gastbeitrag von Meike Büttner im Berliner Tagesspiegel am 23. Oktober 2012:

Ich habe Heinz Buschkowsky Rassismus vorgeworfen und ich tue es noch. Die Neuköllner SPD ist der Meinung, dass das Gespräch beendet ist und dass ich mich nicht wundern muss, wenn ich nun dafür verfolgt werde, dass ich meine politische Einstellung eben an der falschen Stelle geäußert habe. Hunderte von Menschen haben diese Meldung als Bestätigung empfunden und belästigen mich nun umso stärker. Nun erhalte ich zum Beispiel Mails, in welchen man mir schreibt: „Da, Du Volksverräterin. Deine Regierung ist auch gegen dich.“

Ich habe Herrn Buschkowsky nie einen Rassisten genannt und finde das auch nicht richtig.

Ich möchte Personen nicht klassifizieren und ich finde nicht, dass es bei so wichtigen Themen wie dem Rassismus um Personen gehen sollte. Weder um meine, noch um die des Neuköllner Bürgermeisters. Ich habe den Vorwurf erhoben, dass in Buschkowskys Buch getroffene Aussagen wie »Mit den Afrikanern ist noch mehr Brutalität, Drogen- und Alkoholmissbrauch eingezogen. Türkische und arabische Männer sitzen in den Cafés. Afrikanische Männer sitzen zu Hause, sehen fern, spielen, telefonieren und trinken. Afrikaner lassen sich noch schwerer in die Karten schauen als die anderen Ethnien« ganz klar Rassismus darstellen. Das ist per Definition Rassismus und diese Tatsache ist auch gar nicht streitbar. Da Rassismus immer auf Missverständnissen und Angst basiert, ist es ein Thema, über das man sich dringend auseinandersetzen muss. Da diese Form der Gewalt in unserem Leben einfach vorkommt, können wir nicht so tun, als wären wir blind, und diesem Gespräch immer wieder aus dem Weg gehen. Ich habe das Gespräch darum gesucht.

Nachdem die SPD Neukölln nicht nur den Rassimusvorwurf einfach abgewunken hat, sondern auch noch indirekt erklärte, dass  sie es für legitim halte, meine Person gewalttätig zu verfolgen, habe ich den Pressesprecher der SPD Neukölln, Joschka Langenbrinck, um ein Gespräch gebeten. Ich wollte mit ihm den Rassismusvorwurf klären und ihn fragen, wieso die SPD Neukölln es für gerechtfertigt hält, dass Menschen Straftaten gegen mich verübt haben. Ich wollte ihm berichten von der sexuellen Diskriminierung, die mir widerfahren ist, von dem Mobbing und Hacken meiner Internetseiten. All diese Vorgänge stellen Straftaten dar, die Herr Langenbrinck im Namen der SPD billigt. Berücksichtigt man diese Straftaten und die Aussage Herrn Langenbrincks, dass ich mich darüber nicht wundern müsse, kommt man ganz schnell zu dem Schluss, dass die SPD Neukölln sexuelle Diskriminierung, das Androhen von körperlicher Gewalt und politische Verfolgung unterstützt. Nachdem Herr Buschkowsky in seinem Buch ja ebendiese Vorgänge verurteilt, komme ich allerdings zu dem Schluss, dass Herr Langenbrinck sich geirrt haben muss.

Ich denke nicht, dass die SPD hinter solchen Aussagen stehen kann. Ich denke, Herr Langenbrinck muss sich geirrt haben, als er mir schlussendlich eine SMS schrieb, in welcher er erklärte, dass ein Gespräch nichts bringen würde. Er ging sogar noch weiter: Er bediente sich der genau gleichen Methoden wie meine Verfolger im Netz und recherchierte einen Schwank aus meinem Leben, um diesen plötzlich zum Inhalt der SMS zu machen. Das finde ich erschreckend. Es geht hier um Rassismus und nicht um meine Person. Erschreckend genug, dass man dem Dialog darüber aus dem Weg geht. Erschreckend auch, dass unter unserem virtuellen Streitgespräch im Tagesspiegel hunderte von Kommentatoren sich in Diskussionen über die beteiligten Personen ergießen, während zum Beispiel der Tagesspiegel-Artikel, der davon handelt, dass einer der V-Männer Gründer einer Ku-Klux-Klan-Gruppierung war, weniger als zehn Leserkommentare generiert. Über Rassismus möchte offenbar niemand reden. Lieber über Personen.

Am meisten hat es mich am Ende tatsächlich erschreckt, dass Herr Langenbrinck sich auf das Niveau der Internettrolle herabließ, indem er versuchte, mich zum Thema dieser Debatte zu machen. Meine Damen und Herren, es geht nicht um Buschkowsky und schon erst Recht gar nicht um mich. Es sollte auch in einer Justizkritik nicht um einen Kachelmann gehen oder in der Systemkritik um eine Julia Timoschenko. Es geht darum, dass unsere Politik nicht einfach nur Polemik und Personenkult sein darf. Es gibt in diesem Land genügend Stammtische, in den Rathäusern sollten sie lieber nicht stehen. Den Vorwurf, dass sich in Buschkowskys Buch rassistische Aussagen finden, zu denen eine sozialdemokratische Partei dringend Stellung beziehen sollte, halte ich selbstverständlich aufrecht. Nur darum sollte es gehen.
………………………………………………………………………………………………………………………………………………………….
Buschkowsky- Debate: We are still talking about racism
This article has been published in Berliner Tagesspiegel the 23rd of octobre 2012
I accused Heinz Bushkowsky of racism and I am still doing it. The Neukölln SPD (party of social democrats) has the opinion that this dialogue has been closed and that I might not be wondering, that I am now being haunted for advancing my opinion at the wrong place. Hundreds of people considered that their authentication for now blaming me even harder. I am receving mail saying: “There you are, demagogue. Even your Council is against you.”I never called Buschkowsky racist and I actually don’t think like that.I don’t want to classify people and I don’t think, that big issues like racism should be about single persons. This chat is not about me or the Neukölln major. We are talking about racism.
I reproached that statements in his book like the following are clearly racism:“With the Africans even more brutality, drug- and alcoholabuse has been moving in. Turkish and Arabic men are sitting in cafés. African men are sitting at home, watching tv, play, phone and drink. They are even harder to look through than the other ethnics.”This is racism per definition and this fact is not disputatious.
Racism always bases on fear and misunderstandings. That is the reason why we need to altercate with it because this kind of violence is just happening. We can’t just close our eyes and always try to pass this conversation. That’s why I tried striking up this conversation.After Neukölln SPD not just waved aside the Accuse of Racism but even legitimized, haunting me with violence, I asked the spokesmen Joschka Langnebrinck for a talk. I wanted to clear the claim of racism and ask him why his party finds criminal offenses, like had happened in this case, justified. I wanted to report about the sexual discrimination which has happened to me, about this mobbing, and the hacking of my webpage. All those are criminal offenses, Mr. Langenbrinck endorses in the name of the Neukölln party of social democrats. In other words:Neukölln Party of Social democrats is approving sexual harassment and violence. After Bushkowsky otherwise claims exactly facts like those in his book and condemns them, I have to think that Langenbrinck must have been made a mistake.I do not think that the SPD can stand behind statements like that. I think he must have been totally wrong, sending me a text message in which he explained that the dialogue wouldn’t be necessary. He even kept on moving forward and used the same method my chasers do: He investigated my background story and tried to put the subject on me. This kind of dealing with this issues really scares me. It’s all about racism, it’s not about my person.

Alarmingly enough, that everybody always is trying to avoid this dialogue. Even more alarmingly that an article posted at the same time in the same newspaper about a German Officer for the Protection of the Constitution being founder of a Ku Klux Klan generated less than ten comments, while our dispute generated hundreds of reader-comments. Every one of them just about the person of Buschkowsy or mine. Obviously nobody wants to talk about racism. Rather talk about people.

In the end, the thing that terrified me the most was, that Langenbrinck descented to the level of those internettrolls by trying to put the subject on me. Ladies and gentlemen, it’s not about Buschkowsky or Langenbrinck and is less than ever about me. Politics should not just be polemics or some personality cult. That’s a bar room level that should not be spoken in a town hall. I am still accusing some statements in this book racism. And I think this is a fact a party of social democrats should really need to deal with. This is what it should be all about.

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