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Rassistische Hetze nach Gewalttat am Alexanderplatz

In Gewalt in Kommunikation, Netzschau on Oktober 19, 2012 at 8:44 am

english version below
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Mit freundlicher Genehmigung von Bernd Matthies veröffentlichen wir seinen Artikel aus dem Tagesspiegel vom 18.10.2012.

Nach der tödlichen Gewalttat am Alexanderplatz gibt es ein Kondolenzbuch, dort aber finden sich mehrere fremdenfeindliche, hetzerische Sprüche. „Wann werfen wir dieses Pack aus der Heimat?“, fragen Unbekannte mit Blick auf die Täter. Diese rassistische Selbstgewissheit des Spießertums macht frösteln.

Wenn sich in einer Gesellschaft etwas zusammenbraut, dann merken wir das an vermehrten Tabubrüchen. Es sind kleine Risse, denen größere folgen – es kommt eine verhängnisvolle Mechanik in Gang, der die Politik entschlossen gegensteuern muss. Da wird beispielsweise ein Rabbiner verprügelt, weil er Rabbiner ist. Auf U-Bahnhöfen und Straßen kommt es zu rätselhaften, unmotivierten Gewaltakten, und nun stirbt ein junger Mann einfach deshalb, weil andere gerade Lust auf seinen Tod hatten.

Es kann jeden treffen, das ist neu.

Doch auch die hetzerischen Sprüche im Kondolenzbuch für diesen traurigen Vorfall sind ein Tabubruch. Es gab mehrere fremdenfeindliche Eintragungen, dabei handelt es sich mit Blick auf die mutmaßlichen Täter etwa um Fragen wie „Wann werfen wir dieses Pack aus der Heimat?“. Ausgerechnet dort, wo unbeteiligte Menschen ihre Trauer ausdrücken können, um die Angehörigen des Opfers ein wenig zu trösten, ausgerechnet dort bricht nun jene Haltung durch, die wir mit routinierter Ironie als „gesundes Volksempfinden“ bezeichnen: die aggressive, in diesem Fall rassistische Selbstgewissheit des Spießertums. Es sind vermutlich ähnliche Gestalten wie jene, die kürzlich in der „Abendschau“ am Tatort herumkrakeelt haben, und sie machen frösteln.

Es braut sich etwas zusammen. Wir müssen hoffen, dass die Politik die Zeichen erkennt und Berlins Mordermittler ihrem Ruf gerecht werden – damit die Täter bestraft werden, und nur sie.
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Racist agitation after act of violence on Berlin Alexanderplatz

This article of Bernd Matthies has been published in the newspaper Berliner Tagesspiegel on Octobre the 18th.

If something concocts in society, we recognize it by increased breaking of taboos. It is  short cracks first followed by bigger ones –  a fatal mechanism gains momentum, which politics has to go against determinedly. There is this rabbi for example, who gets battered, just because the fact he is a rabbi. Baffling unmotivated acts of violence are happening in subway-stations and on the streets, and now a young man dies, just because of some others were willing to kill.
It can happen to everyone. Without a cause. This is new.

Even those agitations in the book of condolence are a breaking of taboo. Xenophobic statements have been written down, dealing with the as foreign described offenders by claiming questions like: “When do we finally expulse this pack from our homeland?” Just where uninvolved people have the opportunity to express their dolor and to cheer up the victim’s family a little, we can see the outbreaking attitude that we with usual irony trivialize by calling it  popular sentiment (in German there is a even more propagandistic word for that, which is hard to translate. It transports the belief, that it would be righteous, true and even healthy. We call it “gesundes Volksempfinden”): this aggressive, in this case racist self-certitude of the Babbittry. We could even see them jelling in the tv-reports about the murdering and they cause shivering.

Something concocts. We have to hope, that politics is recognizing the signs and that Berlin´s so called murders investigators live up to their names to punish the offenders, and just them.

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Was redest Du?

In Gewalt in Kommunikation, Staatsgewalt on Oktober 13, 2012 at 10:10 am

„Die Sprache ist das ausführende Organ des Gedanken.“
Ludwig Wittgenstein

Mit Sprache machen wir was. Wir tun Dinge. Wir verständigen uns nicht nur, sondern loben, schmeicheln, verletzen, schlagen mit Worten. Unser Handeln, dessen wesentlicher Bestandteil unsere Worte sind schafft Realität. Der Mensch, der sagt, er verspricht einem anderen etwas, sein Wort aber nicht hält, gilt als unzuverlässig. Sprache ist also an relativ einfache Gelingensbedingungen geknüpft.
Aber Sprache ist auch dieses eigenartig verwobene Netz. Ein Wort bezieht sich auf ein anderes. Hinter einem Wort können Erinnerungen, Gefühle, Farben und ganze Welten liegen. Verschwinden Worte, verschwinden Ideen.
Seit der Einführung der Agenda 2010 gibt es die Worte HartzIV, Arge, Jobcenter und viele andere Worte mehr. Die Neubenennung von Dingen ist erst einmal nichts dramatisches. Dramatisch ist die Ideen-Auslöschung die in diesem Fall damit einhergeht. Das Wort Sozialhilfe ist seit dem mehr und mehr aus dem Sprachgebrauch verschwunden. Eine sehr vielschichtige Gruppe von Menschen wird unter dem Begriff HartzIVler geführt. Gleichzeitig ist dieser Begriff mit der Zeit völlig stigmatisiert worden. Sie gelten als arbeitsscheu, faul, bildungsfern. HartzIVler sind eigentlich schon abgeschrieben. Das Lumpenproletariat, dass eigentlich keiner braucht, aber da ist. Menschen mit keinerlei Nutzen für die Gesellschaft.
Die Idee, dass es sich um wie auch immer benachteiligte Menschen handelt, die auf Hilfe der Gesellschaft angewiesen sind, ist nach und nach ausradiert worden. Die Schwachen sitzen jetzt in einem Boot mit den Unwilligen. Das führt zu zwei Problemen. Das erste rührt daher, dass ein gesellschaftliches Prinzip aufgehoben wird, da Politik als Erfüllungsgehilfe der Wirtschaft fungiert. Dies ist eine Verschiebung in unserer Sprache die Menschen einzig nach dem Nutzen für die Wirtschaft beurteilt. Ein Mensch der seine Arbeitskraft nicht zur Verfügung stellen kann – aus welchen Gründen auch immer – fällt heraus aus dem relevanten Rahmen und ist sich selbst überlassen.
Diese Verschiebung findet auch an anderen Stellen statt. Durch europaweit normierte Studiengänge an den Universitäten – transparent geworden durch Credit-Point Systeme – zieht eine Verschiebung vielleicht auch Ausradierung des Bildungsbegriffs mit sich. Wenn alle Vergleichbar sind, kommt es auf die Schnelligkeit an. Je schneller ich mit besseren Noten abgeschlossen habe, umso besser bin ich qualifiziert. Heutige Universitäten bilden nicht, sondern bilden aus. Menschen werden für den Markt brauchbar gemacht. Das Bildung aber etwas ist, dass organisch wächst und nicht ähnlich einem Software-Update vollzogen wird, geht dabei verloren. Das maschinistische Menschenbild durchzieht unsere Sprache immer mehr. Wir machen Sport um leistungsfähig zu sein, Krankheiten sind Defekte, die durch Systemeinstellungen in Form von Medikamenten behoben werden können. Das Hirn ist ein Computer der unglaubliche Speicherkapazitäten hat und elektronische Medien sind Verlängerungen unserer Gliedmaßen.
Wir leben in Metaphern. Metaphern sind aber nicht einfach nur Worte, sondern hinter ihnen liegen Welten, die bestimmte Dinge hervorheben, andere aber ausblenden. Die Maschinen-Metapher bezeichnet den Mensch in immer mehr Diskursen. Sie teilt uns auf in nutzlosen Elektro-Schrott und leistungsfähige Supercomputer. Vielleicht wäre es möglich nicht mehr zeitgemäße Modelle upzudaten, aber lohnt sich der Aufwand? Ist das effektiv?
Wenn wir uns auf diesen Gedanken einlassen führt uns das zum zweiten Problem: Wenn Menschen wie Maschinen betrachtet werden, löscht das nach und nach einen sozialen Gedanken. Das ist verbunden mit einer immensen Bedeutungslosigkeit des Einzelnen. Gleichzeitig wird das politische System als gleichgeblieben wahrgenommen, da es sich auf sprachlicher Ebene nicht verändert hat. Wir leben in einer Republik, in der es große Volksparteien gibt, die sich für ein starkes Deutschland einsetzen.
Hier findet seit Jahren eine sprachliche Verschiebung auf anderer Ebene statt. Themen wie Integration, Umgang mit Einwanderern und anderen Schwachen unterliegen einem Überschriftenwechsel. Die Art und Weise wie immer wieder über beispielsweise Migranten gesprochen wird, hat sich nicht grundlegend verändert. Verändert hat sich, dass die großen Volksparteien die Argumentationen der extremen Parteien übernehmen. Dadurch findet eine Verschiebung nach rechts statt. Allerdings sind dies Parteien der Mitte. Wenn also die Mitte so spricht, kann es ja gar nicht rechts sein. Ist es allerdings doch. Eben weil Sprache Realität formt. Die Begriffe Sozialdemokratisch, Christlich-Demokratisch, Grün oder Liberal sind sinnentleert worden durch die Komplizenschaft mit der Wirtschaft. Die unter den leeren Überschriften stattfindenden Gespräche aber sind rassistischen Ursprungs und verstärken sie. Schaffen also eine rassistische Realität. Wir sind wieder bei dem Versprechen vom Beginn. Ich sage, dass ich etwas tue, mache es aber nicht. Ich behaupte ich sei Demokrat, meine Sprache, also mein Handeln ist allerdings rassistisch.
Wir sollten uns immer wieder daran erinnern, dass wir Dinge tun, wenn wir sprechen. Das kann manchmal fürchterlich anstrengend und lästig sein. Aber es gibt auch eine gute Nachricht. Wir können durch unsere Sprache die Welt verändern. Jede Idee die gedacht und ausgesprochen wird, bleibt als Möglichkeit bestehen. und dadurch erhöht sich die Wahrscheinlichkeit der Wiederholung um ein Vielfaches. Wir sind nicht grenzenlos frei in unseren Handlungen, aber wir haben unsere Sprache die viel mehr verändern kann als wir vielleicht dachten.
„Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt.“
Ludwig Wittgenstein
Ein Text von Can Gezer

ICH muss sterben.

In Gewalt in Kommunikation, Staatsgewalt on Oktober 10, 2012 at 8:59 am

„(…)Da ist gleichzeitig auch der Tod des Erlösers im Gepäck. Das ist ja auch wieder das, was ich meine mit dem Wissen um die eigene Verwesung. Das müssen wir erst mal akzeptieren, dann können wir anfangen zu leben. Die Metaphysik soll uns dabei helfen zu überleben, aber wir müssen erst mal akzeptieren, – die Verwesung müssen wir erst mal akzeptieren – und dann fangen wir tatsächlich an zu leben. (…)“

                                                                                     (Christoph Schlingensief, Juli 2004)

Ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich.
Wenn ich es nur oft genug sage, klingt es wie ein kaputter Motor, der auf keinen Fall mehr anspringen wird. Und wenn es so kaputt vor mir liegt, sieht es gar nicht mehr nach dem aus, was es mal sein sollte. Es liegt so fremd plötzlich vor mir. Als könne dieses Wort niemals etwas beschreiben, was im Tiefsten mit mir verwoben ist. Es beschreibt keines meiner Wünsche. Nur noch dieses Ich zwischen Millionen von anderen Ich-ich-ich-ich-ich-ich-ichs.

Was es einmal sein sollte:
ICH habe immer Recht, ICH habe die richtige Einstellung, ICH liege so verdammt richtig auf meiner Spur, ICH zweifle an mir, aber nicht daran, dass die Einstellungen stimmen. ICH bin richtig justiert und alles läuft wie es läuft, weil es um mich geht. Das Wort Richtig klingt nach zweimal „ich“.

Und dann kommt ein anderer mit seinem Ich und auch er hat immer Recht und dabei ist er ganz anders justiert als ich. Auch wenn er „richtig“ sagt klingt es wie zweimal „Ich“ aus seinem Mund. Und wo bleibe dann ich? Dann passe ich mich an oder ich lasse mich unterdrücken oder ich schreie. Ich schreie die anderen Ichs solange an, bis sie mir immer noch nicht Recht geben und dann hasse ich sie, die anderen Ichs und dann frage ich mich, wieso sie so gemein zu mir sind. Zu MIR!

Alle Menschen hasse ich dann. Alle „Ichs“.
Was ist mit meinem Ich? In der letzten logischen Konsequenz hasse ich auch dieses und am Ende bekommen so wirklich alle Recht damit, sich scheiße zu finden. So ist es dann gut.

Oder ich versuche zu sagen: Wir.
Wir wir wir wir wir wir wir wir wir. Und das klingt dann plötzlich so, als wären wir alle ganz verwirrt. Aber wenigstens klingt es dann nicht mehr kaputt. Das ist doch was handfestes. Man kann es ja mal versuchen. Erst verwirrt sein und dann in der neuen fremden Welt nach deren physikalischen Gesetzen ein paar Häuser errichten.

Für ein Wir brauchen wir Gemeinsamkeiten, sogenannte kleinste gemeinsame Nenner. Da muss ich viel von meinem ganzen ICH rauslassen und am schwierigsten ist es dabei, sich an den Gedanken zu gewöhnen: Ich habe gar nicht immer Recht oder ich kann darauf jedenfalls gerade nicht bestehen. Weil Du, Er, Sie und Es gemeinsam beschlossen haben, dass Wir und Ihr Sie alle lieben sollt. Von uns aus. Nicht meinetwegen.

Ich liebe mein Ich und ich will es gar nicht hassen. Ich will auch weiter finden, dass es immer richtig liegt mit seinen Meinungen. Um mir das zu ermöglichen, begeh ich ein unmögliches Paradoxon und gestatte es Dir, Ihr, Ihm, Uns, Ihnen und Euch. Wir haben alle Recht heißt keiner hat Recht. Blöd, dass unser deutscher Grundsatz darauf besteht: Einigkeit und Recht und Freiheit. Denn im Recht kann es eine Einigkeit nie geben. Streichen wir das Recht. Bestehen wir auf die Einigkeit auf Freiheit. Ersetzen wir die Einigkeit durch Einverständnis und werden wir zum Land des Einverständnisses und der Freiheit. Fangen wir einfach hier unten an:

Ich, Du, Er, Sie, Es, Wir, Ihr und Sie.

Text von Meike Büttner

Mein Block …

In Gewalt in Kommunikation, Netzschau on Oktober 8, 2012 at 6:58 am

„Gewissen Menschen gegenüber kann man seine Intelligenz nur auf eine Art beweisen, nämlich, indem man nicht mehr mit ihnen redet.“

                  (Arthur Schopenhauer) 

Das Internett ist gar nicht nett. Das haben wir längst bemerkt. Es gibt dort fiese Trolle, Snuffvideos, der Suckerpunch ist mit dem Internet geboren worden, es gibt Kinderpornografie und keine noch so kranke Phantasie, die sich jeder x-beliebige Mensch machen könnte, die nicht mit sehr großer Wahrscheinlichkeit im Internet bereits verwirklicht worden wäre. Das Internet ist auch gefährlich. Man muss eben einfach – wie im restlichen, nicht-virtuellen Teil seines Lebens auch – aufpassen, auf wen man sich einlässt. Und wenn man eines Tages doch aus Versehen irgendwo an den Falschen gerät, hat man im Internet glücklicherweise eine Möglichkeit, die es im nicht-virtuellen Raum so nicht gibt. Jedenfalls nicht in dieser Einfachheit. Ich kann im wahren Leben durchaus aufgrund einer Beleidigung erwirken, dass eine Person sich mir nicht mehr nähern darf, aber nirgends ist dieser Vorgang so dankbar einfach wie im Internet, wo ich die Möglichkeit habe, Menschen von meinem Onlinenetzwerkprofil, meinem Blog oder meiner Internetseite zu blockieren. Ich kann einfach zwei, drei Mausklicks machen und damit ist das Problem erledigt.

In Internetdiskussionen habe ich allerdings  mehrfach beobachten können, wie Menschen diese Blockierung nicht akzeptieren wollen und sich grausam im Recht fühlen mit ihrer Meinung, irgendein Grundrecht auf eine weitere Äußerung des Blockierenden zu haben. Sie stellen diesen Personen dann nach, indem sie andere Mitdiskutierende auf sie ansetzen, die dann ihre Seite durchsuchen oder mails an die betreffenden Personen schreiben, sie sollten sich gefälligst äußern. Feigheit wird dem Blockierer unterstellt, dass er einfach aus der Diskussion rennt, weil ihm wohl die Argumente ausgegangen sind, etc. Und genau dieses Verhalten zeigt, dass der Blockierende mit dem Blockieren mehr als richtig lag. Denn was wir hier beobachten können , ist erneut Gewalt.
Die Gewalt ist evident. Sie ist aus unserem Alltag gar nicht mehr wegzudenken. Es wäre selbstverständlich nicht nötig, Menschen im Internet zu blockieren, wenn ein jeder sich menschlich verhalten würde. Doch es gibt diese Gewalt und Menschen verhalten sich eben nicht immer nur humanistisch, sondern allzu oft auch wie ein angeschossener Bär, der sich an der Menschheit rächen will.

Dass wir Gewalt verurteilen und verbannen wollen bedeutet, dass wir von ihr wissen. Die Gewalt ist evident. Nur wenn wir das anerkennen, können wir vor ihr gefeit sein. „Das Einverständnis ist affirmativ ohne Zustimmung zum Realen zu sein. Es ist Anerkennung, nicht Zustimmung. Anerkennung oder Einverständnis gehen der zustimmenden Gutheißung wie der verneinenden Zurückweisung voraus.“, schreibt Marcus Steinweg (zeitgenössischer Philosoph) in seinem Text „KUNST, PHILOSOPHIE UND POLITIK“ und er meint damit nichts anderes als das:

Nur, wenn ich die Realität anerkenne, wenn ich mir der Boshaftigkeit des Spieles bewusst bin, kann ich mich davor schützen. Das gilt für den Rassismus wie für die Gewalt. Wenn ich anerkenne, dass es im kapitalistischen System immer die Opfer gibt, denen zu wenig Liebe widerfährt und deren Geld an einer Hand abzählbar ist; wenn ich mir bewusst mache, dass dieses System viele Menschen in Ohnmacht und Verzweiflung stürzt, aus welcher der Hass erwachsen kann, kann ich diesen Menschen und mir selbst helfen. Selbstverständlich ist es kein besonders gutes Benehmen in einer Diskussion plötzich umzudrehen ud das Weite zu suchen, aber was geschieht in der Regel, bevor jemand diese Schritte geht?

Besseres für sich und die Welt zu wollen, ist kein naiver Wunsch. Naiv würde er erst durch die Negierung der grausamen Wirklichkeit. Doch wenn ich ebendiese Wahrheiten anerkenne, kann ich etwas gegen sie tun. Ein Ritter kann keinen Drachen töten, den es nicht gibt. Ein Richter keinen Verbrecher verurteilen, der nie gelebt hat. Besseres für die Welt zu wünschen, bedeutet aufmerksamer zu werden. Das Gute genau so zu sehen wie das, was unsere Freiheit bedroht. Solange böse Kräfte Realität sind, habe ich nicht nur das Recht, sondern in meinem Augen sogar die Pflicht, einigen Menschen die Türe vor der Nase zuzuknallen.

Denn die wenigsten wissen, dass sie Gewalt ausüben, während sie es tun. Es hilft nichts, ihnen immer wieder dabei zuzusehen. Wir müssen sie abstrafen und zwar gemeinsam. Der Junge, der im Kindergarten einen anderen haut, wird dafür von der Gruppe für eine ganze Weile ignoriert und geschnitten. Kinder lösen derlei recht eindrucksvoll in der Gruppe. Wir Erwachsenen haben das offenbar verlernt. Vielleicht, weil es uns so einen Spaß macht im Internet zu diskutieren oder weil wir uns ständig im Recht sehen. Richtiger wäre es, wenn man gemeinschaftlich Menschen dadurch abstrafen würde, dass man sie blockiert. Dieses Zeichen wäre eindeutig. „Es gibt Gewalt, das was Du gerade getan hast war welche und nun schließen wir dich aus dieser Gesellschaft aus. Gewalt macht zum Outlaw. Wenn Du einer bist, hast Du wohl etwas Dummes getan.“

So einfach könnte das sein.
Solange das gemeinschaftliche Sperren von Trollen meine Utopie ist, bleibt nur das eine zu sagen:

Ich – als Einzelperson – genau so wie jeder andere Mensch im Internet auch, hat das Recht einen anderen Menschen zu blockieren und aus der eigenen Privatsphäre herauszuhalten. Diese Blockierung darf niemals als Gewalt verstanden werden. Viel eher sollte man die Indizien der Gewalt immer auf der Seite derer suchen, die blockiert wurden.

Was bist du?

In Gewalt in Kommunikation on September 27, 2012 at 9:37 am

„Hallo, ich bin Can.“
„Jean.“
„Nein. Can.“
„Ach, Gianni.“
„Nein, Can.“
„Jan.“
„Can.“
„John.“
„Can.“
Woher kommt das?
„Das ist ein türkischer Name.“
„Klingt asiatisch. Du siehst aber nicht so aus.“
„Wie sehe ich denn aus?“
„Eher so italienisch oder ehemaliges Jugoslawien.“

Vielleicht wollen einige von Euch wissen, wo ich denn jetzt wirklich herkomme? Na gut. Mein Vater ist Türke. Um genau zu sein Kurde. Meine Mutter Lettin. Aufgewachsen bin ich am Niederrhein. Wenn ich den Menschen denen ich bisher so begegnet bin glauben soll, so sehe ich weder typisch deutsch noch typisch türkisch aus. Wie Letten so aussehen wissen die meisten nicht. Ich wusste das lange auch nicht. Aber ich muss Euch enttäuschen. Auch typisch lettisch sehe ich nicht aus.
Andere Klischees konnte ich auch nicht so wirklich bedienen. Meine Familie ist keine typische Migrantenfamilie. Ich komme aus einem Akademiker-Haushalt mit überdurchschnittlichem Einkommen. Irgendwie passte ich nie so recht in die Kategorien der Menschen, da ich herkunftstechnisch nie klar verortbar war.
Ich wurde häufig gefragt, ob ich mich nicht fühlen würde als lebe ich „zwischen den Stühlen“. Nicht so recht wisse, wo mein Platz ist. Ich musste diese Frage immer verneinen. Traurig machte mich als Kind nur, dass es keine Tasse mit dem Aufdruck meines Namens gab, wie sie viele, viele Kinder besaßen. Nationalität ist eine Kategorie die für mich schon als kleiner Junge ziemlich uninteressant war. Sie wurde für mich über die Jahre immer unwichtiger. Aber scheinbar ist das eine Kategorie die für den Großteil der Menschen von immensem Interesse ist. Immer wieder muss ich mich rechtfertigen, dass ich diese für völlig unerheblich erachte.
Das einzig Konstante in meinem Leben ist mein Name. Alles andere ist vielen, vielen Veränderungen unterworfen. Der permanente Versuch von Außen einen Teil meiner Identität zu fixieren ist mir unangenehm. Ich werde im Alltag immer wieder in Positionen gedrängt in denen ich eine Rolle gedrängt, die Unbehagen in mir verursacht. „Du bist ja gar kein richtiger Deutscher/Türke etc.“ Was soll das denn sein? Was ist ein richtiger Mann/ richtige Frau? Was ist ein/e richtige/r Homosexueller? Richtig ist demnach jemand der Stereotypen entspricht. So macht man dem Gegenüber keine Arbeit. Man ist leicht kategorisierbar. Stereotypen vereinfachen und sind häufig auf Vergangenes bezogen. Jemand kennen zu lernen ist vielleicht zu anstrengend? Aber nur so lernt man doch jemanden kennen, oder? Mich in Einzelteile zu zerlegen die in Schubladen passen fühlt sich an, als würde man mich auseinanderschneiden in leckere Stücke: Haxe, Rippen, Schnitzel, Speck. Keine Sorge. Das ist kein Aufruf zum Vegetarismus. Aber gegen Katalogisierungen.

Ein Text von Can Gezer

Liebe Deinen Troll wie Dich selbst.

In Gewalt in Kommunikation, Netzschau on September 25, 2012 at 12:47 pm

Wenn man vom Internet als dem virtuellen Raum spricht, erzeugt man damit ein großes Missverständnis. Das Wort „virtuell“ meint nämlich nicht – wie viele Menschen zu glauben scheinen – das Gegenteil von „echt“, es bedeutet das Gegenteil von „physisch“. Damit ist das Internet durchaus ein realer Ort, an dem sich reale Menschen mit realen Gedanken und Gefühlen begegnen. Da aber viele der Auffassung sind, es handle sich hier um einen nicht realen Raum, verhalten sie sich auch vollkommen unrealistisch und unangebracht.

Im Internet gelten die selben Gesetze wie auf der Straße. Ein herkömmlicher Erdenbürger würde wohl nicht losziehen und dem ersten, der ihm begegnet ins Gesicht rufen, dass er seine Brille hässlich findet. Man würde nicht an die Wand seines Nachbarn pinseln: „Du bist dumm!“ und man würde auch nicht blindlings wildfremde Menschen in irgendeiner Form verletzen. Sei es durch verbale oder physische Attacken. Die physische Attacke fällt im Internet im engsten Sinne selbstverständlich aus, aber die seelischen Angriffe sind allgegenwärtig und unerträglich unerbittlich.

Das Internet ist kein unechter Raum. Begegnungen, die dort stattfinden hinterlassen ihre Spuren – für immer im Netz und für lange Zeit im Kopf der Betroffenen. In meiner Arbeit bin ich schon so oft mit Trollen konfrontiert worden. Trolle. Jeder kennt sie. Sie tummeln sich in Internetforen und politischen Diskussionen, unter youtubevideos und Blogartikeln, wo sie ungefiltert ihren ganzen Hass in die Welt entladen. Und obwohl jeder der schreibt weiß, dass er sich das nicht zu Herzen nehmen darf, dass er sie nicht füttern, sich nicht mit ihnen unterhalten darf, dass man sie nicht ernst nehmen und ignorieren soll, geht das einfach nicht.

Ich bin keine Maschine. Im Gegenteil. Ich bin ein sehr sensibles Exemplar Mensch und ich habe eine riesengroße Klappe, die meine Angst vor Verletzungen kaschieren soll, ich bin so durchlässig wie ein Taschentuch und ich habe Gefühle. Echte Gefühle. Diese Gefühle sind in diversen shitstorms immer wieder verletzt worden. Man könnte eindringlicher warnen: Nimm es dir doch bitte nicht zu Herzen! Oder: Misch dich halt nicht in irgendwelche Diskussionen ein; oder im allerschlimmsten Fall: Veröffentliche nichts mehr im Internet, aber das kann doch so nicht funktionieren. Es kann doch nicht sein, dass die Opfer der Angriffe sich ein dickeres Fell zulegen oder schweigen müssen. Es kann doch nicht sein, dass Menschen der Mund verboten wird, weil andere Menschen sich im Internet so verhalten wie es ihnen in der Innenstadt nie jemand durchgehen lassen würde.

Sollten wir nicht vielleicht doch sprechen mit den Trollen? Vielleicht sollten wir sie fragen, was sie so wütend macht. Wut entsteht aus Verletzung und vielleicht hat jemand diesen Menschen grausam wehgetan. So sehr wehgetan, dass sie sich nicht anders zu helfen wissen, als diesen Schmerz einfach ganz schnell auf jemand anderen abzuwälzen. Ich weiß, wie die Reaktion eines Trolles auf diesen Absatz hier lauten muss. Er wird lachen müssen darüber, wie weichgespült ich bin, er wird mich als Gutmenschen verlachen und niemals an sich heran lassen, dass es vielleicht schlicht, ergreifend und kitschig nichts weiter als die Liebe ist, die ihm fehlt. Vielleicht ist das der Punkt. Wer Liebe kennt, der will sie haben. Wer sie also nicht haben will, der kennt sie vielleicht gar nicht?! Darum sollten wir vielleicht aufhören damit, sie zu ignorieren. Vielleicht sollten wir ihnen einfach freundlich begegnen bis zu letzt. Mit ihnen zu diskutieren wäre selbstverständlich verkehrt. Trolle wollen nicht diskutieren, in der Regel sind sie gar nicht im Thema. Sie fallen ja gerade dadurch auf, dass sie niemals argumentieren. Nein, wir werden uns weiterhin niemals auf die Diskussion mit einem Troll einlassen, aber vielleicht können wir einfach versuchen ruhig ein- und auszuatmen und ihnen freundlich zu antworten:

„Liebe(r) Name,

bitte beleidige niemanden. Wir können über alles reden, aber bitte freundlich.“

Sollte der Troll dann weiter krakeelen, gibt man ihm noch zwei Chancen mit weiteren freundlichen Kommentaren, im Dritten kündigt man an, dass man es sehr schade findest, Menschen zu blockieren, sich dieses Recht aber vorbehält für den Fall, dass die Gefühle eines anderen verletzt werden. Kommt dann noch ein Kommentar darf er wortlos blockiert werden. Wenn es ein tatsächliches Prinzip im Umgang mit Trollkommentatoren gäbe, auf dass sich alle geeinigt hätten, würde es zwangsläufig zu einem Gesetz werden, sodass Trolle vielleicht in Zukunft schon bei der ersten Warnung in der Lage wären, ihr eigenes Fehlverhalten zu registrieren.

Ja, das klingt alles sehr naiv. Ich weiß, wie all das klingt. Da haben wir ihn wieder, den naiven Gutmenschen. Aber vielleicht ist es auch einfach eine Utopie. Und in jedem Fall ist jeder Versuch besser als kein Versuch. Am Ende ist nichts nötiger als die Selbstreflexion, die einige im Schlaf und andere eben fatal rudimentär beherrschen. Vielleicht kann man einem Menschen auch nicht helfen, der sein Handeln nicht als Gewalt erkennen kann. Vielleicht, vielleicht, vielleicht. Wagen wir den Versuch. Einigen wir uns nicht auf Ignoranz, eignen wir uns lieber auf den Versuch der Toleranz. Diese aufzubringen, dürfte ja beiden Seiten etwa gleich schwer fallen. Geben wir also soviel wie wir selbst erwarten. Mal sehen, was passiert.

Multikulti ist nicht gescheitert – muss aber sterben

In Gewalt in Kommunikation on September 25, 2012 at 10:56 am

Multikulti sei gescheitert, heißt es zum inzwischen xten Male. „Das Ende der Geschichte“ oder „Der Kampf der Kulturen“ ist ausgerufen. Zum xten Male. Multikulti gilt als die Antwort. Hier stellen sich mir aber ein paar Fragen, ob Multikulti wirklich so tolerant ist, wie es vorzugeben mag.

Multikulturalismus heißt die Differenz des anderen zu unterstützen, weil wir so einer moralischen Pflicht nachkommen, die wir in diesem Sinne nicht verweigern dürfen.

Ist Multikulturalismus aber nciht nur die andere Seite der Medaille auf der Rassismus steht? Braucht Multi-Kulti nicht den Rassismus um das moralisch korrekte Gegegenstück zu bilden? Ist es nicht ein wenig eitel sich selbst seiner Toleranz zu vergewissern?

Wir lieben es den Rassisten zu hassen, weil er uns in unserer politischen Korrektheit bekräftigt. Doch die strukturelle Gewalt und alltägliche Rassismus den wir verüben geht dabei aus unserer Sicht verloren. Oder um es mit den Worten von Sarah Ahmed zu sagen:

„Wenn Antirassismus zum Ich-Ideal wird, dann weiß man, dass man ein Problem hat.“

Aber was passiert, wenn der/ die Andere tatsächlich so wird wie wir, allerdings all seine spezifischen Merkmale behält? Das ist der unerträgliche Moment für den Multi-Kulti-Befürworter und den Rassisten. Denn dann kann das Gegenüber nicht mehr als der/ die Andere betrachtet werden. So können wir nicht mehr reflexiv rassistisch sein. Wenn ein Anderer genau so ist wie wir, können wir durch seine Existenz uns selbst nicht mehr in Relation zum Rassisten stellen.

Durch die Anerkennung des Anderen stellen wir uns gleichzeitig über ihn/ sie. Wir sind es dann die entscheiden bis wohin diese Freiheit geht? Wir entscheiden ab wann das andere eine Befrohung darstellt. Wir entscheiden welcher Grad von Andersartigkeit noch erlaubt und welcher nicht mehr geduldet werden kann. Dies zeigt sich gegenüber allen Kulturen.  Sprich es gibt immer eine Leitkultur unter der sich alle anderen fügen müssen. Eine wirklich multikulturelle Gesellschaft braucht einen anderen Bezugsrahmen. Es bedarf einer universellen Politik frei von Partikularinteressen. D.h. nicht, dass das Partikulare verschwinden soll. Ganz im Gegenteil: es muss existieren. Allerdings ohne, dass es zu einem Differenzierenden wird. Die lokale Praxis eines Subjekts bildet den Kern, welcher aber nicht die bisherigen politischen Orte unterstützt sollte, sondern die Schaffung eigener mit sich zieht müsste um die Dominanz einer Leitkultur zu brechen.

Jetzt könnte entgegnet werden, dass dies eine utopische Forderung sei. Man könnte aber auch sagen, dass es um eine beängstigende Forderung handelt. Was aber ist Angst? Angst mangelt es im Gegensatz zu Furcht am Objekt. Deshalb lähmt Angst, da sie am klaren Sehen hindert. Handlungen aus Angst heraus werden zu Pseudo-Handlungen. Das Subjekt muss denken, um sich die Objektlosigkeit zu vergegenwärtigen und somit zu entängstigen. Somit werden neue Koordinaten der Orientierung geboren. Die Idee des Kulturkreises muss überdacht werden, da ein Kreis immer etwas abgeschlossenes ist.

Wir sollten uns und andere anfangen als Menschen zu begreifen. Nicht als den oder die Andere.

 

Artikel von Can Gezer

Ich bin ein Rassist.

In Gewalt in Kommunikation on September 24, 2012 at 12:44 pm

english version below …
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Die aktuelle Debatte um das Buch des Neuköllner Bürgermeister Heinz Buschkowsky (SPD) „Neukölln ist überall“, fördert erneut einen Gedankenfehler zu Tage, dem offenbar viele Bürger aufsitzen. Die einen sind empört und bezeichnen das Buch als rassistisch, woraufhin aus einer anderen Ecke laut die immer wieder selbe Polemik erklingt: „Wann immer mal einer die Wahrheit ausspricht, schwingen die Gutmenschen gleich wieder die Rassistenkeule.“ und treffen damit gleich drei zweifelhafte Aussagen in einem einzigen Satz.

1. Die Wahrheit: Wahrheit ist ein Wort, über das sich die Gelehrten seit Jahrtausenden streiten. Wahrheit, das wissen die Akademiker, die Dichter und die Philosophen, ist nicht auszumachen. Das was Otto Normal die Wahrheit nennt, ist in der Regel seine eigene Empirie oder entspricht seinen persönlichen Vorurteilen. Sie ist etwas sehr persönliches und jeder hat seine eigene. Der Anspruch auf Wahrheit ist per se fundamentalistisch. Da wir uns einig sein müssen, dass meine eigenen Erfahrungen die eines anderen nicht ändern können. Es gibt selbstverständlich Menschen, die sich eingeschüchtert fühlen durch kriminelle Immigranten, aber diese persönlich erlebte Erfahrung als eine Wahrheit hinzustellen wäre vermessen und ginge von einem höchst egozentriertem Weltbild aus. Gerade in Hinsicht auf eine pauschal verurteilte Gruppe von über einer Millionen Menschen kann ein sogenannter Wahrheitsanspruch niemals geltend gemacht werden. Wer also in einer so kontroversen und komplexen Debatte wie der Immigrationsdebatte das Wort „Wahrheit“ benutzt, dessen Argument kann schon an dieser Stelle nicht mehr weiterführend in der Sache dienen. Auf Grundlage einer Wahrheit würde man im Namen der Menschheit niemals zu einer Einigung finden. Nichts anderes als eine Einigung kann aber das Ziel sein, da wir die Gewalt verbannen wollen aus unseren Leben. Wer mit dem Anspruch auf Wahrheit gegen den Wahrheitsanspruch eines anderen Fundamentalisten vorgeht, landet somit schnell in einem Glaubenskrieg, der keinem der Beteiligten und schon gar nicht der Gesellschaft weiterhelfen kann. Was wir suchen ist der kleinste gemeinsame Nenner, niemals die Wahrheit.

2. Der Gutmensch: „Im Januar 2012 erhielt das Wort als Unwort des Jahres 2011 in Deutschland den 2. Platz. In der Begründung gab die Jury an, mit dem Wort werde „insbesondere in Internet-Foren das ethische Ideal des ‚guten Menschen‘ in hämischer Weise aufgegriffen, um Andersdenkende pauschal und ohne Ansehung ihrer Argumente zu diffamieren und als naiv abzuqualifizieren“ und kritisierte die aus ihrer Sicht 2011 einflussreich gewordene Funktion des Wortes als „Kampfbegriff gegen Andersdenkende“.“ (Quelle Wikipedia)
Dieses Wort stellt Gewalt dar. Es soll den Diskussionsgegner verletzen und seine Argumentation schmähen, da diese von einem als naiv/verklärt verurteilten Weltbild ausgeht. Ein Diskutierender der einen anderen Diskussionsgegner als solchen bezeichnet, eröffnet damit eine Kategorie, die ihn verletzen und angreifen soll. Und das ist dann auch schon das, wo wir nun als nächstes hinkommen: Das ist Rassismus.

3. Die Rassistenkeule:

Rassismus ist nicht – wie fälschlich immer wieder behauptet wird die reine Einteilung der Menschen in Rassen und der Glaube an die Rassentheorien. Rassismus ist so viel mehr. Seine Beginne liegen in der Rassentheorie, im Sklavenhandel und der Inquisition, doch inzwischen umfasst die Definition für Rassismus jegliches Kategorisieren und Klassifizieren von Menschen. Jemanden als Gutmenschen zu verurteilen, ist demnach schon Rassismus. Ich habe Ressentiments gegen einen anderen Menschen aufgrund seiner von mir behaupteten Einstellungen. (albert Memmi, Soziologe über Rassismus: „„Tatsächlich stützt sich die rassistische Anklage bald auf einen biologischen und bald auf einen kulturellen Unterschied. Einmal geht sie von der Biologie, dann wieder von der Kultur aus, um daran anschließend allgemeine Rückschlüsse auf die Gesamtheit der Persönlichkeit, des Lebens und der Gruppe des Beschuldigten zu ziehen. Manchmal ist das biologische Merkmal nur undeutlich ausgeprägt, oder es fehlt ganz. Kurz, wir stehen einem Mechanismus gegenüber, der unendlich mannigfaltiger, komplexer und unglücklicherweise auch stärker verbreitet ist, als der Begriff Rassismus im engen Wortsinne vermuten ließe.(…)“

Rassismus ist vor allem deswegen eine so große Bedrohung, weil sie allgegenwärtig ist und weil so viele vor ihr die Augen verschließen. Rassismus ist leider tatsächlich etwas sehr natürliches und ich behaupte: Jeder Mensch ist ein Rassist. Resultierend aus der Angst vor dem Fremden. Die Angst vor dem Fremden ist in jedem von uns. Darum funktioniert die Dunkelheit so gut in Geisterbahnen und Gruselfilmen, darum versetzen uns Thriller in Aufsehen, deshalb sagen einige Deutsche, dass es sie gruselt, den Muezzin vom Dach der Moschee rufen zu hören. Weil man nicht versteht, was der Fremde da ruft. Die Frau fürchtet sich vor Schritten eines Unbekannten im U-bahnschacht und unsere Kinder haben Angst vor dem Weihnachtsmann. Wir fürchten uns vor dem Fremden und können diese Furcht nur besiegen, indem wir sie mit positiven Erfahrungen überschreiben. Dazu müssen wir aber bereit sein, auf das Fremde zuzugehen. Bequemer ist es, sich gegen alles zu verschließen, das man nicht versteht, aber genau auf diesem Boden wächst das gegenseitige Misstrauen und vermehrt sich die Gewalt.

Auch ich treffe hin und wieder eine rassistische Aussage. Ich kann mich davon gar nicht frei machen. Im Laufe der Buschkowskydebatte habe ich auf facebook viele Menschen als bildungsfern bezeichnet. Auch das ist Rassismus und ich bin nicht stolz darauf. Der Rassismus ist da. Er schwebt immer über und in unseren Köpfen herum. Wir können ihn nicht besiegen, indem wir ihn verleugnen. Im Kleinen gibt es gegen das Übel oft keine bessere Lösung als das Abstrafen durch Ignoranz, aber in einem größeren Rahmen müssen wir uns die Mühe machen, die Problematik beim Namen zu nennen. Wenn ein Bankräuber eine Bank überfallen will und der Angestellt tut so, als würde er ihn nicht hören, wird der Räuber im Zweifelsfalle einige Menschen erschießen. Man kann tatsächliche Bedrohungen nicht ignorieren. Ja, ich werfe Heinz Buschkowsky vor, dass er sich in seinem Buch rassistisch äußert – und das tut er unzweifelhaft mit Passagen wie der Folgenden:

„Mit den Afrikanern ist noch mehr Brutalität, Drogen- und Alkoholmissbrauch eingezogen. Türkische und arabische Männer sitzen in den Cafés. Afrikanische Männer sitzen zuhause, sehen fern, spielen, telefonieren und trinken. Afrikaner lassen sich noch schwerer in die Karten schauen als die anderen Ethnien.“

Diese Aussage ist sogar nach der allgemeinen Auffassung Rassismus und es darf nicht sein, dass man denjenigen versucht den Mund zu verbieten, die darauf aufmerksam machen. Nein, wir wollen alle keine Rassisten sein und nein, kein denkender Mensch kann davon überzeugt sein, dass seine „Wahrheit“ mehr als die eines anderen wiegt, aber dennoch ist es auch nur allzu menschlich, der Eitelkeit zu verfallen, sich rassistisch zu gebaren. Es passiert täglich und es passiert jedem von uns. Es wäre an der Zeit, diese Tatsache anzuerkennen und sich somit auf einen gleichberechtigten Dialog einzustellen. Eine Debatte kann nicht geführt werden, wenn an ihrem untersten Rand die Menschheit sich aufhält mit dem ewigen Zerlegen des Wortes „Rassismus“. Erkennen wir ihn an, nehmen wir ihn als gegeben und versuchen wir, unsere Ängste zu besiegen. Es gibt keine Wahrheit, aber es gibt den Rassismus.

ein Artikel von Gutmensch und Rassistin Meike Büttner

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I am racist 

The actual debate about the new book of a Berlin Major Heinz Buschkowsky (SPD, Major of district Neukölln/Belrin) „Neukölln is everywhere“ again banks an old error in reasoning to the surface which obviously many people believe in.
Some are outraged and claim the book being racist. Others bring out the old fashioned sentence of: „Whenever someone in Germany speaks out the truth, the do-gooders swing the racist-cudgel“ which just shows up three doubtful ideas in just one sentence.

1st: The truth:

truth is a word the erudite are arguing on for a thousands of years. Truth, this is what the academics, authors, and philosophers know, is nothing to make up. What average Joe calls the truth, mainly arises from his own empiricism or has its source in his or hers personal prejudices. Truth is something personal  and claiming the truth is per se fundamentalistic. Because of the fact, that my personal experiences never can change those of another. There are people who feel daunted by criminal immigrants for certain, but characterizing those personal lived experiences as a certain truth, comes from a highly egocentric world view. Straight with regard to an across-the-board condemned group of millions of humans, a truth claim can never be asserted. An argument using the term of „truth“ can never be taken in a complex debate like the integration-debate. This argument just disqualifies itself. On the base of some truth you could never find consensus in the name of people. People never agree. But nothing like an agreement should bet his goal to all of our arguing, because we want to ban the violence out of our life. If one person with his/her own truth claim fights against someone with another truth claim, just lands into a religious war that won’t help any of the participants or even society. What we are searching for is the least common denominator, never the truth.

2. The Do-gooder:

In January 2012 the word “Gutmensch” was voted second place for the badword of the year 2011 in Germany. The jury justified this rating by explaining that this word would mainly be used in internet forums to determinate the ideal of the good human being in a derisive way. People claimed as “Gutmenschen” or “do-gooders” are condemned as greenly or unworldly. The jury criticized this word as a fighting word against dissidents.
Calling somebody a do-gooder often tries to hurt this person. And it leads us to the next point because categorizing people is: Racism.

3. The racistcudgel:

Racism is not – as many people think – classifying people into races or the belief in race theories. Racism is so much more. Its beginning lies in those race theories, in slave trade and the inquisition, but meanwhile the definition of racism comprises any categorizing or classifying of a human being. Claiming someone a do-gooder is therefore even racism. I have resentments against someone other because of all the things I assume someone just from his attitude, appearance or other details.

Socialist Albert Memmi about Racism:

“(…) In fact racist accusation bases on biological or cultural differences. Sometimes they come out from biology, other times from culture, just to draw conclusion to someones personality, his life and the whole group of people like this person. Sometimes the biological sign is completely lost in racistic cases. Short: We are facing a mechanism, much more diversified  which sadly even is brighter spreaded than the term of racist is. (…)

First of all, Racism is such a big danger because it is so much rampant today while so many people close their eyes to that. Racism in fact is something very natural and I assert: Every human is a racist! Resulting from his fear of the foreign. This fear is in everyone of us. That’s why the dark works so good in the haunted house and the horror movies, this is why thrillers alert us. It is the reason why some Germans might say, they’re scared from the Muezzin crying from the roof. Because you don’t understand what the stranger is jelling. Women are scared by steps in a parking house, Santa Clause give kids the creep, …

We are scared by the foreign and we just can fight this fear by affirming our experiences in a positive way. But that for we need to confront with those fears and take a step forward to those who scare us. Closing up against everyone is much more convenient, but this is exactly the fertile soil for mutual misunderstanding and it will accrete the violence.

I myself sometimes make a racist statement. I can’t absolve myself from that mistake. For example in this Buschkowsky-debate I named people “bildungsfern”, which is a political german term for people who raise in an environment without suitable education. Even this is racism and I am not proud of it. Racism is here. It’s everywhere. It is always floating above, around and inside our heads. We can’t defeat it, if we deny it. If a bank robber threatens an employee and this employee is doing like he wouldn’t hear the robber, this criminal may shoot some of the customers. You can’t ignore real danger. Yes, I accuse that Heinz Buschkowsky in his book remarks racist statements. He does it without a doubt in sentences like:

“With the Africans, much more brutality, drugs- and alcohol-abuse has moved in. Turkish and Arabic men are sitting at home, watching tv, are phoning and drinking. The Africans are even harder to look through then the other ethnics.” 

This is racism. Even following the common definition of racism and we need to claim that. No, nobody of us wants to be racist, and no, no human being can certainly be confident with the idea, that his “truth” weights more than the someone other’s, but nevertheless it is very human addicting to the vanity acting racist. It is happening everyday and to everyone of us. It is time to accept this fact and to agree to an equal dialogue. This debate will never begin if everybody is struggling about words like racism in the very beginning of this dialogue. Stop talking the topic to death with this fight of definitions. Don’t be in a snit if someone claims the “R”-word. Let’s accept the presence of this violence and try fighting our fears. Truth doesn’t exist, but racism does.

Article by Racist and Do-gooder Meike Büttner

 

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