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Archive for the ‘Meinung’ Category

Stigma & Staatenlosigkeit – von der Angst vor den Roma

In Meinung, Staatsgewalt on Oktober 28, 2013 at 10:47 am

Sinti & Roma sehen sich derzeit einer massiven Verfolgung ausgesetzt. Europaweit rücken in den letzten Wochen Nachrichten über das Volk in die Medien. Meist ist sie negativ konnotiert. Letzte Woche fand die Berichterstattung ihren Höhepunkt. In unterschiedlichen Ländern wurden Kinder aus Roma-Lagern geholt. Der Vorwurf war, dass diese Kinder keine Roma sein könnten, da sie anders aussahen.
Inzwischen ist in zwei von drei Fällen durch einen DNA-Test bewiesen, dass das Kind von seinen leiblichen Eltern weggeholt wurde.
Noch einmal: ein Kind wird durch die Polizei von seinen Eltern getrennt, weil das Aussehen vermuten lässt, dass es nicht von ihnen sein könnte. Erst nach DNA-Untersuchung wird das Kind zurückgegeben. Das ist eine ausgewachsene Form des Rassismus und der Diskriminierung, die mich an die Verfolgung der Juden im Dritten Reich erinnert. Wie kann es so weit kommen?
Keine andere Gruppe sieht sich einer derart starken Stigmatisierung in Europa ausgesetzt. Warum ist das so? Ein Vorurteil lautet, dass Roma kriminell sind.  Ich würde hier die Frage stellen, ob das nicht normal ist, wenn in einigen Bundesländern Roma-Kinder nicht einmal das Recht haben eine Schule zu besuchen? In Deutschland leben 120000 Roma, von denen 50000 ohne Staatsbürgerschaft sind und demnach kein Recht auf Arbeit haben. Verwundert das wirklich, dass es dann zu kriminellen Verhalten kommt?
Aber ich vermute, dass noch etwas anderes mit hineinspielt. Die Roma sind ein fahrendes Volk, dass kein eigenes Land hat.
Eine Nation ohne Boden. Ihre reine Existenz ist eine Bedrohung für das Konzept der Staaten in denen wir mit den Roma leben. Wahrscheinlich sieht es ein Großteil der Menschen einfach als gegeben an, dass man Teil eines Volkes ist, das in einem bestimmten Land lebt.
Ein Volk ohne festes Land, ohne festen geographischen Raum, dem ja keine übergeordnet wichtige Rolle beigemessen wird, bedeutet, dass automatisch die Frage im Raum steht, ob die Art & Weise wie wir leben überhaupt richtig ist.
In einer Zeit in denen fast alle europäischen Länder mit Finanzkrisen zu kämpfen haben, die auf dem Rücken des Volkes ausgetragen werden entsteht eine Wut. Viele Bewegungen fordern eine Ende der internationalen Politik die Finanzmärkte über Menschen und deren Wohlergehen stellt. Der Aufkommende Rechtspopulismus ist eine Reaktion auf diese Situation. Komplexitätsreduzierung: Wir wollen wieder so leben wie früher, vor der Globalisierung und weniger Einwanderung, lauten die beiden Hauptargumente.
Wir können aber nicht mehr zurück. Der Schritt diese ungerechte Politik, nicht nur innerhalb der EU, zu überwinden ist mit ganz großer Unsicherheit verbunden, da ein großes Nichts vor uns liegt. Auf wen sollen wir uns den verlassen, wenn nicht auf unsere Demokratien? Das macht Angst. Diese Angst der Menschen wir inzwischen genutzt und in eine Richtung gelenkt. Z.B. in die der Roma. Anders kann ich mir das Entreissen der Kindern von ihren Eltern nicht erklären.

 

Ein Text von Can Gezer

The end of the word as we know it

In Meinung, Staatsgewalt on September 21, 2013 at 7:40 am

Die Proteste in der Türkei sind noch nicht vorbei. Gleich jeder Ignoranz durch die großen Medien-Unternehmen gibt es immer noch zahlreiche Proteste „über“ den Augen der Weltöffentlichkeit.

In Bulgarien gehen die Menschen seit dem Frühjahr immer wieder auf die Strasse, in Brasilien gibt es seit der Austragung des Confed-Cups einen Widerstand. Und im beschaulichen Kanada gibt es einen, seit über einem Jahr anhaltenden Protest.

Was haben all diese Proteste gemein? Sie wirken in ihrem Ursprung vielleicht als eine Art Überreaktion. In der Türkei sollte ein unter Denkmalschutz stehender Park einem Einkaufszentrum weichen. In Brasilien wurden die Fahrpreise für die öffentlichen Verkehrsmittel erhöht. In Bulgarien waren Strompreise der Auslöser. In Kanada ist es die Einführung von Studiengebühren.

Wie kann es sein, dass scheinbare Bagatellen ein ganzes Land auf die Strasse gehen lassen. Vergleicht man die auslösenden Nachrichten mit denen an jedem anderen Tag so sind sie nicht weiter auffällig. So erscheint der Denkmalschutz relativ klein gegenüber der NSA-Affäre, ein Fahrpreiserhöhung lächerlich gegen einen NSU-Prozess, eine höhere Stromrechnung als trivial gegenüber einem nicht eingehaltenen Betreuungsplatz-Versprechen. Und die Einführung von Studiengebühren als eigentlich nur konsequent, denn Qualität kostet. Warum stelle ich den Protesten aus vier verschiedenen Ländern Beispiele aus Deutschland gegenüber? Was hat die Situation in Bulgarien, Brasilien oder Kanada mit der unseren zu tun?

Wir leben alle im selben System. Offiziell leben wir alle in Demokratien, die zu einem inhaltsleeren Protokoll verkommen sind. Demokratie dient als Deckmantel für die Diktatur des Marktes.

Entscheidungen der Politik haben kaum mehr mit dem Wohl des Volkes zu tun, sondern damit Unternehmen zu dienen. Bankenrettung und Hilfspakete sind Instrumente um den Glauben in die Märkte wieder herzustellen. Der Kapitalismus ist nicht nur das System in dem wir leben, sondern unser Glaube, unsere Ideologie.

Des Weiteren verringert sich der Handlungsspielraum der Politik immens durch internationale Vorschriften. So sind einem Land innerhalb der EU viele Entscheidungen auf nationaler Ebene gar nicht möglich, da sie durch eine Brüsseler Vorschriften Diktatur vorgegeben sind. Man könnte meinen, dass diese zum Wohle Europas beschlossen worden sind, was ich aber als naive Grundhaltung abtun würde. Unternehmen bestimmen multinationale Gesetzestexte mit der Argumentation von Seiten der Politik, dass sie ja Experten auf den jeweiligen Teilgebieten sein. Wieder wird dem Markt zugestanden, dass er besser weiß was gut für uns ist. Das Problem an unserem Glauben in den Kapitalismus ist allerdings, dass der Mensch darin lediglich ein Störfaktor ist. Zu Ende gedacht ist er nicht mehr als eine fehlerhafte Ressource, die der Vermehrung des Kapitals im Wege steht. Gleichzeitig braucht der Markt den Menschen als Konsumenten. Verdient der einzelne aber immer weniger und muss immer mehr arbeiten, wird ihm seine Rolle immer schwieriger gemacht. Und genau hier liegt der gegenwärtige Fehler: der Kapitalismus tötet seine eigenen Exporteure. Uns als Trägern des Alltags wird genau dieser unmöglich gemacht. Der finanzielle Druck auf den/ die Einzlene/n wird immer weiter erhöht, so dass es nur noch einen Tropfen braucht um das Fass zum Überlaufen zu bringen. Eine Entscheidung wie das Eröffnen eines Shopping-Centers statt dem Erhalt öffentlichen Raumes, die Erhöhung von allgemeinen Lebenskosten wie Strom oder Transport gegenüber einer schon Akzeptieren Hinterzimmer-Politik treibt die Menschen auf die Strasse. Die Wut gegenüber den Mächtigen in deren Entscheidungen man überhaupt nicht stattfindet, sondern nur das finanzielle Wachstum, treiben die Revolten voran. Von Revolutionen lässt sich hier aber nicht sprechen, da es keinerlei positiv gearteten Wandel oder ein Art von Programm gibt. Sie schafft aber eine Wunde im kapitalistischen Organismus. Eine Revolution kann nur in den Köpfen stattfinden, wofür es Zeit braucht. Die Geste der Zurückweisung, der Revolte ist hier lediglich der Anfang und kann in der zugeführten Wunde wachsen.

Vielleicht müssen wir uns dazu nicht nur vom Kapitalismus, sondern auch von der Demokratie lösen?

„In genau diesem Sinn hat Badiou mit seiner scheinbar seltsamen Behauptung ins Schwarze getroffen, dass „heute der Feind nicht Empire oder Kapital heißt, sondern Demokratie“. Es ist die „demokratische Illusion“, das Akzeptieren demokratischer Verfahren als einziger Rahmen für jeglichen Wechsel, die jede radikale Veränderung der kapitalistischen Verhältnisse blockiert.“ Zizek, Slavoj, „Das Jahr der gefährlichen Träume“, S. 132

Wenn wir etwas verändern wollen, dürfen wir die heutigen politischen Orte nicht unterstützen, sondern müssen unsere eigenen schaffen. Wie diese Aussehen sollten weiß ich nicht. Ein Wandel setzt aber eine Radikalität voraus, die nicht mit Gewaltbereitschaft gleichzusetzen ist, sondern radikal in ihren Gedanken ist. Aus der Wunde muss etwas entstehen, das die Staatsapparate generell zum Erlegen bringt.

Ein Text von Can Gezer

Mein Geld jagt Flüchtlinge durch den Park

In Meinung, Staatsgewalt on September 19, 2013 at 11:39 am

In den Sommerferien war ich mit meinem Freund in Thüringen unterwegs, als wir im Radio davon hörten, dass es in Berlin einen sehr gefährliche Park gibt. Dieser Park ist deshalb so gefährlich, so durfte man erfahren, weil die Polizei angeblich machtlos ist gegen den dort herrschenden Drogenhandel. Die Frau, die den Beitrag mit uns hörte in einem Geschäft war alamiert. Ich auch. Nur dass sie sich vor den Drogendealern fürchtete und ich mich vor der Berichterstattung.

Es geht um den Görlitzer Park. Eigentlich geht es auch um die Hasenheide. Und es scheint sich hier auch um die Bedrohung von Menschenleben zu handeln. Nur dass die Bedrohten gar nicht mein Kind oder die anderen Kinder sind, die wahren Bedrohten sind die Dealer selbst.
Ich kenne beide Parks. Wir wohnen quasi zwischen diesen Umschlagsorten und ich gehe gerne auf diese Grünflächen. Fast mein ganzes Buch ist im Görlitzer Park entstanden. Ich konnte dort immer ungestört im Freien arbeiten. Die Drogendealer habe selbstverständlich auch ich bemerkt, aber bedroht fühlte ich mich nie. Aber ich empfand immer großes Mitleid und habe darum mit einigen das Gespräch gesucht. Mit Dealern und mit einem Polizisten. Fasst man alles zusammen, was sie so erzählen, so kommt man zu dem Schluss, dass die dort durchgeführten Razzien nichts weiter sind als eine riesige Verschwendung von Steuergeldern. Die Razzien finden in unregelmäßigen Abständen das ganze Jahr über statt. Als Besucher des Parks kann man häufig Zeuge werden dieser Aktionen und es mutet immer wieder sehr befremdent an dieses Bild. Es erinnert einen an eine tausendjährige Rassismusvergangenheit und löst Beklemmungen aus. Denn was man als Besucher faktisch sieht, sind schwarze Menschen die vor deutschen Polizisten wegrennen. Aber was haben diese schwarzen Menschen eigentlich verbrochen?

Die meisten dieser Dealer stammen aus Krisengebieten und sind von dort geflohen. Auf ihren Reisen stießen sie irgendwann auf jemanden, der ihnen Arbeit in Deutschland versprach. Alles, was sie würden tun müssen, wäre über 12 Stunden jeden Tag in einem Park herum zu stehen und Marihuana zu verkaufen. Dafür verspricht man ihnen eine Unterkunft (die sie sich mit anderen Flüchtlingen teilen müssen) und einen kleinen Obolus, von dem kein Mensch sich eine Existenz aufbauen kann. Weil diese Menschen keine andere Wahl haben, entscheiden sie sich dafür, zwischen deutschen Eichen herum zu stehen, anstatt im Krisengebiet nach Essbarem zu suchen und vor Soldaten wegzurennen. Lieber rennen sie alle paar Tage weg vor deutschen Polizisten davon als vor Soldaten oder Aufständischen. Eine Wahl, die ich durchaus nachvollziehen kann. Eine Wahl vor die ich zum Glück niemals gestellt sein werde, nehme ich an.

Da stehen sie nun also und frieren, wenn es Winter ist oder Nacht oder beides. Sie stehen dort Tage und Nächte lang und warten, dass sie angesprochen werden. Denn der Drogenhandel in beiden Parks ist eine beliebte Anlaufstelle. Sie müssen keine Kunden aquirieren oder werben. Der Handel läuft von selbst. Die Kunden rennen ihnen quasi die Gebüsche ein, in denen sie ihre kleinen Tütchen mit grünem Inhalt verstecken.
Hin und wieder werden sie in Gebietskriege verzettelt. Es gibt wenigstens in der Hasenheide nämlich verschiedene gegnerische Gangs und bessere oder schlechtere Spots. So kommt es, dass einige von ihnen ihre Erinnerungen daran als Narben im Gesicht tragen. Die einzigen bedrohlichen Kriege finden also zwischen den Gruppen untereinander oder mit der Polizei statt. Parkbesucher werden in diese Geschehen gar nicht einbezogen. Die Dealer sprechen keine Kinder an und zwingen auch niemanden zum Drogenkonsum. Sie stehen einfach nur da und lassen sich ansprechen und wenn sie da so stehen tun sie mir oft leid, weil ihr Leben so hoffnungslos wirkt. Oder ich bin glücklich für sie, dass sie nicht im Kongo aufgeschlitzt werden. Eine Bedrohung für mich selbst oder andere habe ich hingegen noch nie empfunden.

Und hin und wieder kann man sie also rennen sehen. Und hinter ihnen her rennen einige Polizeimannschaften, die die Parks für ihre Aktionen oft mit mehreren Mannschaftswagen umzingeln. „Was kostet eigentlich so ein Einsatz?“, fragte ich einmal einen der beteiligten Polizisten nach einer der Razzien. „Oh, das ist teuer!“, sagte er und auf mein Nachfragen bekam ich von ihm zu hören, dass die Polizei den Handel in der Hasenheide eigentlich begrüße. Schließlich sei es ja Arbeit der Polizei gewesen, genau diesen Handel vom Hermannplatz in den Park verlagert zu haben. Dort, wo Menschen nämlich ihr Geld lassen sollen, bei Karstadt, o2, McDonalds und Co., da sollen Drogen bitte niemandem den Kaufrausch verleiden. Im Park ist dieser Handel besser aufgehoben als am Hermannplatz und unterbinden könne man ihn ja eh nicht.

Richtig. Unterbinden kann man ihn auf diese Weise natürlich niemals. Denn anstatt die wahren großen Drogenhändler zu fassen, oder auch nur zu suchen, rennt man einem Teil ihrer Opfer hinterher. Dabei kann hin und wieder der ein oder andere geschnappt werden und im Anschluss abgeschoben werden. Die Maschinerie hilft, den ein oder anderen „illegalen Einwanderer“ wieder loszuwerden. Gegen Menschenhandel und Drogenkonsum hingegen sind diese Aktionen ganz offensichtlich nicht gerichtet.

Darum bin ich damit auch nicht einverstanden. Es ist mein Geld, das diese teuren Einsätze bezahlt, bei denen nichts weiter geschieht, als dass Flüchtlinge durch einen Park gejagt werden. Ich möchte, dass man mit diesen Dealern das Gespräch sucht. Dass man versucht an diejenigen heranzukommen, die sie dort hinbringen. Dass man diejenigen verurteilt, die im ganz großen Stil mit Drogen und Menschen handeln. Dass mein Geld unterpriviligierte Menschen durch einen Park jagt, möchte ich hingegen bitte nie wieder mit ansehen müssen.

Sei Türkei!

In Meinung, Staatsgewalt on Juni 17, 2013 at 10:44 am

Die derzeitige Situation in der Türkei beschäftigt viele von uns. Auch einige Künstler, die jetzt einen offenen Brief an Angela Merkel geschrieben haben. Hier der Text von Ihrer Facebook-Seite

„Offener Brief von Kulturschaffenden in Deutschland an Bundeskanzlerin Angela Merkel. Zu den Erstunterzeichnern gehören u.a. Fatih Akin, Michael Ballhaus, Helene Hegemann, Jan Josef Liefers, Anna Loos, Sibel Kekilli, Rene Pollesch und Johan Simons

 

Bildschirmfoto 2013-06-17 um 12.36.46

 

Ich stimme damit überein, dass die Ereignisse für sich sprechen und doch irritiert es mich sehr, sich mit diesem Anliegen an die Bundeskanzlerin zu wenden.
Die Verantwortung an eine Politikerin abzugeben in einem Land, wo Demokratie zum inhaltsleeren Protokoll verkommen ist, halte ich für naiv.
Eine Kanzlerin, die „marktkonforme Demokratie“ fordert ist nicht die Instanz auf die wir uns hier verlassen dürfen, geschweige denn an die wir unsere Verantwortung abtreten dürfen.
Wenn wir die Aufstände in der Türkei als ein türkisches Phänomen begreifen, so denke ich, begehen wir ein folgenschweren Fehler. Die Menschen in Istanbul leben genau wie wir in einem kapitalistischen System, das von der Regierung jede Unterstützung erfährt. Auch hier gibt es eine Zunahme von Polizei-Gewalt an Protestanten (Blockupy, Stuttgart 21, etc). Wir täten gut daran, die Situation der Türkei als unsere Situation zu begreifen.
Wenn wir etwas verändern wollen, dürfen wir die heutigen politischen Orte nicht unterstützen, sondern müssen unsere eigenen schaffen, wie am Gezi-Park geschehen. Wir müssen dabei unbedingt gewaltfrei vorgehen, so wie es die meisten Prostierenden in der Türkei tun. In einer globalisierten Welt wie unserer dürfen wir nicht länger dem Fehler aufliegen, in nationalen Grenzen zu denken. Wir sind Teil einer Welt, die viel größer ist als Staaten.
Wenn Menschen immer wieder auf die Straße gehen, in dem Wissen, dass die Gewalt kommen wird, dann ist das so unendlich mutig. Sie begreifen sich in ihren Handlungen als grenzenlos. Das sollten wir auch tun.

 

Beitrag von Can Gezer

Tausche Leistungsschutzrecht gegen Schweigegelübde

In Meinung, Netzschau, Staatsgewalt on März 9, 2013 at 1:35 pm

Der Vorstoß der EU, das Wasser zu privatisieren, hat europaweit für Empörung gesorgt. Dieser Beitrag zum Beispiel über den französischen Konzern VEOLIA wurde auf arte ausgestrahlt, zwei Tage bevor VEOLIA den Prozess gegen ebendiesen Film begann:

Es gab zahlreiche Petitionen – auf Bundes- sowie auf Europaebene – gegen die europäischen Beschlüsse. Doch als der deutsche Bundestag am 28.02.2013 darüber abstimmte, anhand zweier Anträge, da wurde es gespenstig still. Den ersten Antrag der LINKEN lehnten CDU/CSU und FDP so gut wie geschlossen ab, bis auf eine einzige Person, enthielt sich die gesamte SPD. Die Frage: Ist Wasser ein Menschenrecht?, beantworteten demnach 299 Abgeordnete mit NEIN. Der zweite Antrag kam von den Grünen und stellte die selbe Frage. Von den Grünen in den Raum gestellt, konnte sich die offenbar geschlossen opportune SPD nun endlich auch äussern. Nun waren sie der Meinung, das Wasser ein Menschenrecht ist. Aber auch das half nichts, denn die Neinsager waren nun noch immer in der Überzahl. Hier beide Ergebnisse. Quelle: Bundestag.

Abstimmung 1, Quelle: Deutscher Bundestag

Abstimmung 1, Quelle: Deutscher Bundestag

Abstimmung 2, Quelle: Deutscher Bundestag

Abstimmung 2, Quelle: Deutscher Bundestag

… und keiner hat’s gesehen.

Damit steht der Privatisierung des Wassers nichts mehr im Wege. Doch nach all der Empörungen und zahlreichen Unterschriften, die wir geleistet haben, um diesen dreiste Ansinnen zu unterbinden, haben wir alle von dieser Abstimmung überhaupt nichts mitbekommen. Denn wovon berichteten die großen Medien an diesem Tag? Die ARD, das ZDF, die taz, die Süddeutsche Zeitung, die FAZ, die ZEIT, die Welt, … alle waren sie mit dem Papst beschäftigt. Während die Medien sich also in endlosen Ergüssen darüber Gedanken machten, dass ein alter Mann ein Amt niederlegt, wurde hinter unserem Rücken eine entscheidende Abstimmung geführt. Die deutsche Regierung ist für die Privatisierung des Wassers. CDU/CSU und FDP verneinen das Menschenrecht auf Wasser. Dabei ist dies längst beschlossene Sache!

UN, I. Resolutionen ohne Überweisung an einen Hauptausschuss   :

64/292. Das Menschenrecht auf Wasser und Sanitärversorgung  

Insofern begeht unsere Regierung eine Menschenrechtsverletzung und die Presse schweigt sich darüber aus. Am 28.02.2013, dem Tag der Abstimmung, gab es – bis auf einen livestream auf Phönix – keinen einzigen Bericht in der gesamten Presse darüber. Stattdessen mutete man uns Meldungen über die katholische Kirche zu. Ist das ein Zufall? Einen Tag später wurde das neue Leistungsschutzrecht beschlossen, das vor allem den Verlagen zugute kommt. Zufall? Oder hat man sich da auf die Kompromisspolitik unserer aktuellen Regierung eingelassen?

Wir beschließen Betreuungsgeld, wenn wir dafür die Praxisgebühr abschaffen dürfen, wir beschließen Euer Leistungsschutzrecht, wenn ihr einen Tag vorher bitte nicht über die Wasserverträge berichtet?

(RAUM FÜR EIGENE GEDANKEN)

Wohnst Du noch oder provozierst Du schon ?

In Gewalt in Kommunikation, Meinung on Februar 8, 2013 at 8:48 am

über die deutsche Autoaggression.  

Ein Gespräch mit einem Cafébesitzer, der sich vor Anschlägen fürchtet und mir der Hipster Antifa Neukölln, die im Netz mit dem Slogan „ Für die Aufwertung der Kieze – für mehr Bars, Soja-Latte, Wifi und Bio-Märkte! ▲▲ Luxus statt Armut – Antifa heisst Fortschritt – Smash Heimatschutz! “ die Antigentrifizierungsbewegung verspottet.  Alle Namen habe ich geändert. Bis auf die Namen der Hipster Antifa – die haben sich selbst falsche Namen gegeben. Schon lange.

fremdenfeindiche Grafitis, gesprüht mit der linken Hand

fremdenfeindiche Grafitis, gesprüht mit der linken Hand

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Man kann sich wohl nicht einig werden …

[DUDEN

Gentrifizierung: Aufwertung eines Stadtteils durch dessen Sanierung oder Umbau mit der Folge, dass die dort ansässige Bevölkerung durch wohlhabendere Bevölkerungsschichten verdrängt wird.]

Es ist ein lauer Sommertag in Berlin-Neukölln. Ich sitze vor einem hübschen kleinen Café am Herfurtplatz, das vor wenigen Wochen eröffnet hat und schlürfe meinen Capuccino mit laktosefreier Milch. Die Tasse ist ein uraltes Flohmarktporzellanmodell mit Blümchen und Goldrand, neben mir prangen ebenfalls in goldener Farbe ordentlich gesprüht die Buchstaben „FUCK THE POLICE“ von der Wand.  Vom Herrfurthplatz her höre ich die Rollkoffer, die kurze Zeit darauf an mir vorbei über die Schillerpromenade gezogen werden. Vor den Rollkoffern laufen vier Menschen unterschiedlicher Herkunft, die sich auf englisch unterhalten. Offenbar Touristen. Das hier ist der Schillerkiez. Wie jeder Berliner Hipster Bezirk benannt nach seiner beliebtesten Straße. Und wie alle Hipsterbezirke ist auch dieser hier das Zentrum eines Vorgangs, der momentan allen in Deutschland – vor allem in der Hauptstadt – zu schaffen macht. Der Schillerkiez befindet sich auf dem Höhepunkt der sogenannten Gentrifizierung. Es ist gar nicht so lange her, da eröffneten findige Geschäftsmenschen (Juliane Gerroldt, Philipp Entekhabi und Zekerijat Purkovic) eine Straße weiter die SCHILLER Bar den SCHILLER Burger und die SCHILLER Backstunde. Und es ist noch ein bisschen weniger lang her, dass Aktivisten die sich selbst als Kämpfer gegen die Gentrifizierung bezeichnen- auf die SCHILLER Bar einen Anschlag verübten. Sie warfen mit Steinen die Fenster ein und schütteten rote Farbe über Fassade und Gehweg.

Nicht der Name des Cafés, kann aber da stehen bleiben, findet der Besitzer

Nicht der Name des Cafés, kann aber da stehen bleiben, findet der Besitzer

Anschläge wie diese passieren immer häufiger in Berlin und sie sind Ausdruck einer fehlgeleiteten Wut und Verzweiflung seitens weniger Linksradikaler, die im Dschungel einer kapitalistisch globalisierten Welt offenbar den politischen Faden verloren haben.

Direkt vor meiner Nase turteln die ganze Zeit zwei gutausende junge Menschen – eine schlanke brünette Frau und ein lockiger Mann mit großen wachen Augen flirten abwechselnd mit sich und ihrem Baby für das sie einen uralten großen Kinderwagen haben und klären Haushaltsdinge. Als er sich von ihr verabschiedet und sie den schönen großen Kinderwagen davon schiebt, frage ich ihn, ob er Jannek ist. Er schüttelt freundlich den Kopf und sieht mich fragend an. Ich erkläre ihm, dass ich hier mit der Hipster Antifa Neukölln verabredet bin für ein Interview über Gentrifizierung und sein Ausdruck wandelt sich. Ein wenig sieht er erschrocken aus.

„Die Antifa? Aber die müssen meinen Laden hier doch hassen. Ich bin der Besitzer.“

Er duckt sich als er es sagt. Fast so, als wäre ihm unangenehm, dass er es gewagt hat, ein Café zu eröffnen und somit Schuldiger zu werden im bösen Gentrifizierungsvorgang.

Da kann ich ihn beruhigen.

„Die Hipster Antifa fordert MEHR SOJALATTE, MEHR W-LAN, MEHR so was eben. Sie sind keine Antigentrifizieungsaktivisten. Sie machen im Gegenteil aufmerksam auf diesen aggressiven Trend, der sich zur Zeit durch die linksradikale Szene zieht.“

Anton ist erleichtert. Er beginnt zu erzählen, wie er und seine Freundin sich gefürchtet haben. Er erzählt, dass er Achitekturstudent ist und alles selbst gebaut hat. Aus billigem Holz, betont er. „Das ist alles Fichte.“ Tatsächlich hat er sich sehr viel Mühe gegeben bei der Verkleidung des Innenraumes.  Nachdem die neue Scheibe eingesetzt wurde, berichtet er, habe er drei Monate lang die Folie darauf gelassen und in dem Café übernachtet. So sehr fürchtete er sich davor durch das Schaufenster die Sicht auf sein neues Café freizugeben. Sein ganzes Geld steckte in diesem Projekt und soviel Arbeit. „Von dem letzten Rest Geld haben wir wahnsinnig teuer die Scheiben versichern lassen. Und wenn ich Abends mal länger hier bin, ruft meine Freundin mich besorgt an, weil sie Angst hat, dass es nun passiert ist.“

„Dass was passiert ist?“, hake ich nach und er zuckt die Schultern.

„Nunja, ich kann ja die Wut auf die Leute, die zu viel Geld mit dem Elend anderer verdienen verstehen. In der Gastronomie gibt es tatsächlich sehr viele Geschäftsmenschen, die vom Ursprung der Gastronomie gar keine Ahnung mehr haben. Das ärgert mich auch sehr. Ganz früher in den Dörfern gab es ja die Gaststuben, in denen Reisende Unterkunft und eine warme Suppe bekamen. Man bewirtete sie und schenkte ihnen Bier ein und sie bezahlten mit den Berichten von ihren Reisen. Die Gastronomie ist ein Ort für Geschichten und Politik. Ganz oft waren es ja auch die Wirte solcher Gaststuben, die die jeweiligen Bürgermeister wurden. Darum kann ich die Wut verstehen auf diese sogenannten Wirte, die von dieser Kultur nichts wissen und nicht wissen, dass sie für Menschen und Geschichten arbeiten. Wer aus purer Profitgier ein Café eröffnet, ist auch mir nicht sympathisch. Aber hier ist das ja alles ganz anders. Ich meine, hier steckt unser ganzes Geld drin und wir werden davon wohl kaum so schnell etwas zurück bekommen. Es war einfach nur so, dass wir plötzlich schwanger wurden und Lena Angst bekam, jetzt nichts weiter als eine Mutter zu sein. Also wollte sie ein Café aufmachen. Das wollte sie auch schon immer. Sie hat schon so viel in welchen gearbeitet und sich immer darüber geärgert, was ihre Chefs so alles falsch gemacht haben. Das war also schon immer ihr Traum. Aber sie war bis zu ihrer Schwangerschaft Stewardess gewesen und wollte bald ihr Studium in ökologischer Landwirtschaft beginnen und ich bin ja auch noch Student und wir haben ja jetzt das Baby. Also habe ich ihr gesagt, dass wir das nur  machen können, wenn sie vorher Businesspläne schreibt und mindestens fünf Mitarbeiter findet, mit denn sie einen durchgehenden Arbeitsplan aufstellen kann und so weiter und Lena hat sich hingesetzt und teilweise bis tief in die Nacht geschrieben. Wir haben uns ständig gestritten in dieser Zeit. Das war alles ein ganz schöner Kampf, aber Lena hat alles gestemmt und am Ende waren wir beide zufrieden mit ihren Plänen und haben unser Erspartes zusammengeschmissen und von dieser lächerlichen Summe alles bezahlt. Die ganze Innenarchitektur habe ich selbst gemacht. Und das war wirklich viel Arbeit. Vielleicht wird der Laden eines Tages Geld abwerfen, aber bis dahin muss es einfach nur möglich sein, dass er sich selbst überlebt. Weil es Lenas Traum ist. Das hier ist ein Herzensprojekt und keine Investition.“ Selbstverständlich meint er mit seiner Kritik an solchen schwarzen Schafen unter den Gastronomen ebensolche Menschen wie Juliane Gerroldt, Philipp Entekhabi und Zekerijat Purkovic, die in dieser Stadt mehrere Immobilien, gut gehende Cafés und Ferienwohnungen betreiben. Und vielleicht hat er damit sogar Recht. Andererseits kann kein Mensch einem anderen vorwerfen, dass er versucht, seinen Einfluss und den Geldbeutel auszuweiten.

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Anton nickt immer noch.  Anton nickt auch noch solange, bis sich mein erster Interviewpartner schüchtern nähert. Sein Name ist angeblich Jannek (30). In Wahrheit möchte er seinen Namen nicht preisgeben. Weil er sich vor Anschlägen fürchtet. Jannek bestellt bei Anton einen Kaffe und der geht, um diesen Kaffe selbst zu brühen und zu bringen. Hier kocht der Chef noch selbst.

Jannek scheint als Auskundschafter zu unserem Treffen zu kommen. Er ist alleine. Auch in den unzähligen Zeitungsartikeln war es vor allem immer sein Pseudonym, das ich gelesen habe. Jannek scheint wohl der Mutigste zu sein und er tastet sich erst einmal vorsichtig vor in unserem Gespräch, bis er mich offenbar als ungefährlich einstuft und seine beiden Kollegen per sms benachrichtigt, dass sie ruhig auch mit mir reden können. Ich kann nicht umhin, mir seinen SMStext vorzustellen. „Die Luft ist rein. Ihr könnt kommen.“ Keine Gefahr im Verzug. Ich bin tatsächlich eine Autorin und nicht eine Aktivistin, die die Jungs in eine Falle zu locken versucht. Die Hipster Antifa kann mir trauen. Ich plane tatsächlich über sie zu schreiben. Ich habe nicht vor, sie in die Luft zu sprengen. Gut. Entweder habe ich mich jetzt zufällig mit zwei Paranoikern an einem Tag unterhalten oder die Gegner der Gentrifizierung sind tatsächlich gefährlich?!

Das erste, was mir auffällt, nachdem Jannek das Café auch nicht gleich finden konnte: Offenbar ist niemand aus der Hipster Antifa Neukölln tatsächlich Neuköllner. Nur einer der beiden anderen schafft es, nach mehr als einer Stunde auch zu dem Treffen zu erscheinen. Der andere schafft es nicht mehr. Offenbar haben sie lange Anreisezeiten. Ist die Hipster Antifa Neukölln überhaupt aus Neukölln oder wird hier nur ein Schlagwort benutzt? Weil bei Neukölln einfach jeder Deutsche sofort ein Bild im Kopf hat. Markenzeichen Neukölln.  Apropos Schlagwort.

„Gentrifizierung ist so ein Schlagwort! Das ist alles so mythologisiert“, sagt Jannek.

„Das kommt doch aus dem Nichts. Das ist geschichtslos und man tut, als wäre das jetzt eine neue Erfindung.“

Das stimmt nicht ganz. Das Wort Gentrifizierung ist das erste Mal nachweisbar 1988 aufgetaucht, als in England Teile des Landadels (genannt Gentry) in die Zentren der Stadt zogen. Die Herkunft des Wortes ist also nicht neu. Es wurde bloß nie zuvor so medial ausgeschlachtet wie das momentan der Fall ist. Und der Vorgang dahinter ist aber auch noch sehr viel älter als das Wort.

„Dieser Prozess ist völlig normal. Den gibt es schon lange. Wenn man Lenin liest oder Marx, da kann man auch schon von diesen Entwicklungen erfahren. Das gab es einfach schon immer. Und wenn man auf so einer Schiene der sozialen Gerechtigkeit argumentiert und behauptet sich mit der Arbeiterklasse zu solidarisieren, dann sollte man doch aber wenigstens mal die geschichtlichen Bezüge überprüfen. Also die meisten der radikalen Gentrifizierungsgegner haben doch von der Arbeiterklasse überhaupt gar keine Ahnung. Es geht jetzt nur noch um dieses „Wir sind eine Kiezgemeinschaft!“ und das klingt dann immer wie so eine Nachbarschaftshilfe deluxe. So als könnte der eine die Miete des anderen übernehmen, wenn es mal nicht anders geht und so als gäbe es da eine uneingeschränkte Solidarität zwischen allen Anwohnern eines Viertels. Und das ist ja natürlich totaler Quatsch. Also da wird eine Solidargemeinschaft behauptet, die es noch nicht einmal gibt. Oder dieser ganze Blödsinn von einigen besonders Radikalen, Kreuzberg wäre einmal autonom und staatslos gewesen. Es ist natürlich eine absolute Halluzination. Staatenlosigkeit hat es hier überhaupt nie gegeben. Und diese Romantisierung die da plötzlich in den allgemeinen Sprachgebrauch übergeht auf einmal zu einer geschichtlichen Wahrheit wird. Dieses <<Kreuzberg war so cool, als es noch autonom war.>> Was ist denn daran cool? Also, wir können da gar nichts cool dran finden. Und es nicht einmal wahr. Der Staat hat schon immer überall hier seinen Finger drauf gehabt. Diese romantische Illusion, das ist Verklärung, das finden wir gefährlich.“

Gefahr, Gefahr. Alle scheinen alarmiert zu sein. Skandal im Armutsbezirk.

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Ist das wirklich so? Müssen Anton und Lena sich um ihr Café fürchten und die Hipster Antifa Neukölln sich um ihr Leben? Traurig, aber wahr: Ja. Das müssen sie. Denn genau diese Verbrechen gegen Menschen sind es ja, die die Hipster Antifa Neukölln auf ihrer facebookseite öffentlich machen. Darum haben sie sich ja überhaupt nur gegründet, um Aufmerksamkeit zu erzeugen für die Gewalt, die da gerade stattfindet und damit haben sie sich natürlich selbst ins Bullseye gestellt.

In Friedrichshain hat ein junger Mann einen anderen in der Bahn als Yuppie beschimpft, weil er einen bayrischen Akzent hatte und ihn zuletzt mit Pfefferspray angegriffen; ein Freund von Jannek hat gemeinsame Bekannte mit der Rikscha durch den Görlitzer Park gezogen, was dazu führte, dass sie von Passanten als „Touristen“ beschimpft und mit Flaschen beworfen wurden, in Kreuzberg haben Aktivisten Investoren bedroht, das Gebäude der Immobilienfirma Taekker mit Buttersäure attackiert und alle Reifen zerstochen, die sich auf deren Parkplatz befanden; in Friedrichshain wurde ein Vermieter mit drei Messerstichen niedergestreckt; die Kneipen „Freies Neukölln“ und die „Rollberg Brauerei“ sind immer wieder in lokalen Medien aufgetaucht, weil sie englischsprachige Gäste aus ihrem Laden schmissen mit der Begründung, dass sie nicht in das Konzept oder Image der Kneipe passen würden, einige Kneipen stellen sogar explizit Tafeln auf, auf denen zu lesen ist, dass Touristen nicht willkommen sind. Ja, vor allem in Buchstaben ergießt sich der Fremdenhass mehr und mehr über die Stadt. In Neukölln kann man inzwischen keinen Spaziergang mehr machen, ohne nicht mindestens fünf solcher fremdenfeindlichen Botschaften an den Wänden zu lesen. Die beliebtesten unter ihnen:

„Yuppi fuck off!“ „Berlin doesnt love you“ „ „Touristen fisten“ „A.T.A.B“ (All Tourists are bastards), Tourists not welcome“, „No more Rollkoffer“ etc. In Kreuzberg, Prenzlauer Berg, Treptow und Neukölln wurden eine Zeit lang Plakate geklebt, auf denen man aggressive Menschen in bedrohlicher Pose mit einem Schuh in ihrer Hand sah. Der Text darunter lautete „Latschenklatschen für Zugezogene.“ Der Hass ist allgegenwärtig und spürbar und er wird immer aggressiver.  Und ist dabei – obwohl er aus einer linken Ecke kommt – grausam reaktionär und fremdenfeindlich.

„Wir sind aus dem linken Spektrum!“, sagt Jannek. „Und wir empfinden das als einen Hohn gegenüber all den Menschen, die vorher auch schon arm waren und für die keine politische Kampagne gefahren wird, weil sie einfach nicht in das Raster dieser Kiezverteidigung passen. Es sind ja nur die von unserem Bürgermeister so deklarierten armen, sexy Bürger, die sich da wehren. Der Mindestlohnarbeiter aus Marzahn kommt in diesem Protest gar nicht vor. Hier splittet sich so eine kleine radikale Gruppe ab, nimmt sich ein Schlagwort und macht sich daraus so ein Betätigungsfeld.“

Eine große Gruppe von Kindern unterbricht unser Gespräch. Etwa zwanzig Kinder, die Mehrheit darunter eindeutig mit Migrantenhintergrund, macht sich lautstark bemerkbar, während sie mit einem Sozialarbeiter offenbar einen Ausflug unternehmen. Als sie an unserem Tisch vorbeistürmen sehen sie unsere Telefone auf dem Tisch liegen.

„Geiles iphone!“, sagt ein dickliches Mädchen. „Danke!“, sagt Jannek.

Meine Gedanken schweifen durch das Internet, wo ich in den letzten Tagen von all diesen Berichten gelesen habe. Blinder Aktionismus scheint sich auszubreiten. Linke Aktivisten haben ein neues Spielzeug gefunden. Gewalt gegen Touristen, Zugezogene und Investoren. Die Protestanten werfen mal wieder mit Steinen und treffen dabei in die eigenen Reihen. Homo homini lupus.

Es ist immer wieder der radikale Aktivismus der in seinem angeblichen Kampf für die Menschlichkeit Menschen Schaden zufügt.

Die Hipster Antifa Neukölln ist auch links, erklärt Jannek.

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„Ich sage immer Wir haben einen despreaten Kommunismusbegriff der aus der kritischen Theorie stammt. Also wir sind keine Bewegungslinken. Wir sind überhaupt keine Aktivisten. Wir sind einfach Freunde, die sich schon oft über dieses Phänomen aufgeregt haben und darum diese Gruppe bei facebook eröffnet haben.“

„Also seid ihr nur ein Netzwerkphänomen?“, frage ich. Naja, nicht ganz. Man habe da schon mal so eine Aktion geplant und die wäre auch echt gut gewesen, hätte dann aber doch nie stattgefunden. Darüber will Jannek aber mehr nicht verraten, weil sie es ja vielleicht doch noch eines Tages tun wollen. Es wäre witzig gewesen, sagt er. Eigentlich haben sie aber tatsächlich einfach nur eine facebookgruppe gegründet, die dann innerhalb weniger Tage plötzlich über 2000 Fans generierte und dann, so vermutet Jannek hat das Sommerloch sein übriges getan und es kamen die ersten Interviewanfragen. Jedem abgedruckten Interview folgten drei weitere und irgendwann sahen sich die drei Internetaktivisten plötzlich im Zentrum eines medialen Interesses. „Das war so nicht gedacht!“, sagt Jannek. „Aber wir nutzen das natürlich, solange es geht. Nach dem Sommerloch wird es wohl vorbei sein.“ Vermutlich hat Jannek Recht. Ein gefundenes Fressen für den Wellnessjournalismus. Sobald die Regierung aus dem Urlaub zurückkehrt wird es wohl nicht mehr von Interesse sein. Sommer in Deutschland. Die linken Aktivisten haben die Gentrifizierung zum Spielplatz und die Presse darf mit den Aktivisten spielen. Der Mittelstand findet sein tägliches Entertainment in der Zeitung und hält die Auflage aufrecht. Alle sind beschäftigt. Keiner muss sich langweilen. Die Gentrifizierung ist ein prima Spielzeug für das ganze Volk.

Jannek betont immer wieder, dass diese Vorgänge so alt wie die Menschheit wären und nachdem ich ihm eine Stunde lang zugehört habe, breitet sich Nihilismus in meinem Kopf aus. „Bist du denn nicht der Meinung, dass irgendjemand dafür verantwortlich erklärt werden kann?“, frage ich. „Also zum Beispiel, der Senat, der das Land so breitwillig an den Investor verkauft und damit nur eine einmalige Finanzspritze in ein horrendes Schuldenloch geben kann, dass dann nicht mehr weiter auffällt? Ist es nicht so, dass das Land ausverkauft wird von Menschen? Sollten nicht diese Geschäfte reguliert werden? Kann man da nicht gesetzlich gegen vorgehen?“

Jannek zuckt die Schultern. „Möglich. Aber wir sehen uns auch gar nicht als die Ansprechpartner für die Gentrifizierung. Meiner ganz persönlichen Meinung nach ist das ein zwangsläufiger Vorgang, der nicht reguliert werden kann. Aber es ist ja auch ganz egal, was ich denke.“

So sehr ich mich auch dagegen sträube, ich muss ihm Recht geben. Es gibt kein richtiges Leben im Falschen. Wir leben in einem globalen Kapitalismus. Die Politik hat sich dagegen entschieden, die Märkte zu regulieren. Es wäre ein Unrechtsstaat, der die Geschäfte des Bürgers regulieren würde, während er die viel größeren Geschäfte der Weltkonzerne einfach zuließe. In der Logik unseres Systems kann der Ausverkauf tatsächlich gar nicht verhindert werden.  Die Länder könnten sich selbst regulieren, aber das entspräche nicht ihrer Logik. Zudem ist es ja nicht nur das Land selbst, das Grundstücke verkauft. Auch der gemeine Bürger selbst verkauft sein Land an  den Höchstbietenden. Und das ist in der Regel der große Investor, der auch nichts weiter tut, als seiner eigenen Logik zu folgen. Der Investor investiert und der Bäcker backt. Dahinter steckt keine Boshaftigkeit. Es ist schlichtweg die Logik unseres Systems.

Dennoch fällt es mir schwer, das alles einfach so stehen zu lassen.

„Ich mag eure Kommentare auf facebook sehr. Die sind immer sehr sachlich und rhetorisch allen Angreifern überlegen.“, sage ich. „Aber was wollt ihr denn?“

Jannek persönlich – und da kann er für die gesamte Hipster Antifa Neukölln sprechen – wünscht sich den Kommunismus. Und darum will er ja auch all denen, die das angeblich auch wollen und im Namen des Kommunismus und der gesamten Linken dämliche Anschläge vereiteln, einen Spiegel vorhalten. Er will ihnen aufzeigen, wie wenig sie wissen. Und vor allem – und das ist ihm besonders wichtig – , „sollten all diese Menschen, die ständig mit Marx oder Lenin argumentieren, diese doch bitte erst mal lesen!“

Ich nicke eine ganze Weile, um die vielen Gedanken in meinem Kopf sinnvoll zu verteilen. Polemik können wie beide, denke ich. Und wir haben beide ein iphone. Und wer Marx zitiert, soll ihn erst mal gelesen haben und die Wellnesspresse schreibt auch darüber …

Diese ganze Debatte ist so furchtbar sophisticated, fällt mir plötzlich auf. In diesen ganzen Diskursen der Presselandschaft oder auf der facebookseite der Hipster Antifa Neukölln taucht der gemeine Arbeiter auch nicht auf. Er versteht ja gar nicht, wovon die Bildungsbürger da die ganze Zeit sprechen, während sie ihn immer wieder als Argument bemühen. Aber Jannek hat ja auch bereits erklärt, dass er keine Lösung parat hat und sich auch nicht als Ansprechpartner dafür sieht.

Als nach über einer Stunde der zweite Gesprächspartner eintrifft – Jonas (25), Philosophiestudent – plaudern wir noch eine Weile zu hippen Getränken über das Hipsterphänomen und wie Menschen sich gegenseitig als solche bezeichnen, das von sich selbst aber niemals sagen würden. Jeder von uns erfüllt mindestens drei der Hipstermerkmale, keiner von uns traut sich, den anderen so zu nennen. Ich persönlich werde gleich mein iphone in meinen Jutebeutel stecken und zu Hause dann an meinem macbook unser Gespräch aufschreiben. Wir sitzen in einem Brennpunkt des Hipstertums und trinken Trendgetränke. Unsere Eltern sind der Mittelstand und ich habe meine Interviewanfrage über facebook gestellt.

Ich selbst bin die Gentrifizierung. Mit meiner Laktoseintoleranz und meinem Kind, meinem iphone, für das im Kongo Menschen Kriege führen und mit diesem meinen ach so klugen Beitrag zum Gentrifizierungsdikurs, in welchem der sogenannte kleine Mann übrigens auch gar nicht auftaucht.

Text von Meike Büttner

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„Das ist das neue Spiel. Es heißt ALLE GEGEN ALLE!“, (Slime, deutsche Punkband)

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Jesus beim Amtsgericht – Wieso Gott aus der Kirche austreten würde

In Meinung on Februar 5, 2013 at 6:26 pm

“Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist und Gott, was Gottes ist.”
Lukas 20, 25

So lautet die Antwort Jesu auf die Frage der Priester, ob es rechtens sei, Steuern zu zahlen. Er bittet sie, ihm eine Münze auszuhändigen, prüft sie und stellt fest, dass es das Konterfei des Kaisers ist, das diese Münze ziert. Daraufhin kommt es zu dem legendären Ausspruch. Geld für den Kaiser, Nächstenliebe (die Regierungsform des Reich Gottes) für Gott und seine Kinder.
An anderer Stelle erleben wir Jesus bei seinem einzigen übermittelten Wutanfall. Als er sieht, dass Händler im Tempel ihre Stände errichtet haben, schlägt er um sich und verjagt die Händler. Jesus ist sonst gar nicht so, aber als der Tempel als die Verkörperung der Anwesenheit Gottes mit dem schnöden Mammon und dem Handel in Verbindung gebracht werden soll, da gehen ihm alle Lichter aus.
Wenn wir Jesus als ein Vorbild begreifen, zeigt uns diese Geschichte vieles über zielgerichtete Wut. Jesus fällt nicht auf durch Wut. Er ist barmherzig und besonnen, kein Pharisäer kann ihn aus der Deckung locken, er wählt seine Antworten immer mit Bedacht, doch hier zeigt er uns, wann Schluss ist und dass es Grenzüberschreitungen gibt, auf die man nur mit gezieltem Zorn reagieren kann. Schluss ist offenbar dann, wenn Staat oder Kapitalismus und Kirche in einen Topf geworfen werden. Kapitalismus im Hause Gottes ist einfach nicht drin. Jesus macht uns vor: Kapitalismus hat im Tempel – im Leib Gottes – einfach nichts verloren.

Nun hat Jesus sich schon eine Weile nicht mehr blicken lassen und alles scheint aus dem Ruder gelaufen zu sein. Die Kirche hat ein geschätztes Gesamtvermögen von fast einer halben Billiarden Euro, der Theologe und Publizist Martin Lohmann spricht in der Jauch Talkshow von der Corporate Identity der Kirche, Peter Beer aus dem Erzbistum in München vergleicht sich auf die Frage nach der staatlichen Abgaben an Pfarrer mit einem Abgeordneten, den ich ja auch zahlen müsste, selbst wenn ich ihn nicht gewählt hätte. Mit der Trennung von Staat und Kirche – vor allem auch mit der Trennung von Kirche und Kapitalismus – scheint es nicht weit her zu sein. Jedes Jahr nehmen beide Kirchen gemeinsam etwa 10 Mio. Euro nur an Steuergeldern ein, aber damit nicht genug. Es bestehen zahlreiche uralte Verträge zwischen Regierung und Kirche, die den Kirchen enorme Subventionen sichern. Die Zahlungen des Staats an die Kirche überragen die Steuereinnahmen um ein vielfaches. Sage und schreibe 15 Milliarden Euro an Subventionsgeldern fließen Jahr für Jahr noch zusätzlich in die Kassen der Kirche. Diese begründen die Vorzüge gerne mit den Leistungen, die sie dem Staat erbringen. Dabei bleibt allerdings unerwähnt, dass zB. die Kosten der kirchliche Krankenhäuser zu 100% durch Pharmakonzerne und den Staat finanziert werden. Wir alle zahlen also für die Krankenhäuser, die Kontrolle über sämtliche Arbeitsverträge und ethische Behandlungsgrundsätze liegen dem gegenüber zu 100% bei der Kirche. Und die folgt ihren eigenen Gesetzen. Die Kirche hat ein eigenes Gericht, einen eigenen Justizapparat und vor allem: Ganz eigene Regeln. So wird in katholischen Krankenhäusern zum Beispiel Ärzten gekündigt, weil sie sich haben scheiden lassen oder Krankenpfleger gar nicht erst angenommen, weil sie einer anderen Religion angehören. Das ist eine Diskriminierung gegen die der Staat nichts unternehmen kann. Die Träger der Kliniken bestimmen die Regeln. Auch, wenn sie dafür nicht einmal zahlen.

Jesus würde vermutlich ausrasten, wenn der Papst ihm gegenüber stünde. Jesus würde sagen, dass der Mammon nicht zu Gottes Sakramenten gehört, dass “eher ein Kamel durch ein Nadelöhr geht, als dass ein Reicher in das Reich Gottes gelangt.” (Mt 19,24) Es müsste Jesus zutiefst erschüttern, wenn er erfahren würde von der Unbarmherzigkeit des Konzerns Kirche, der von seinem reichen Tempel gelassen auf die Armut der Menschen blickt. Er würde die Priester, die in Missbrauchsfälle verwickelt waren an ihren liturgischen Gewändern packen und rausschmeissen und alle, die die Fälle nicht aufklären lassen gleich mit. Vermutlich würde er das gesamte Personal der katholischen Kirche hinauswerfen und die protestantische nicht einmal besonders verschonen. Denn für Jesus gilt noch immer, was auch schon vor 2000 Jahren galt: Der Handel und der Staat haben in der Kirche nichts verloren. Die Kirche soll ein Ort der Barmherzigkeit und des Asyls sein. Jesus selbst ist Kind zweier Asylanten. Würde er sehen, dass die Kirchen nicht ihre Pforten für die Asylanten öffnen, dass Sie weder die Homosexuellen, noch die Prostituierten, noch all die anderen Aussätzigen mit offenen Armen empfängt und wie sie nichts weiter tut, als ihre eigenen Privilegien zu sichern und reicher und immer reicher zu werden, er würde toben, dass die ganze Welt beben müsste.

Jesus würde zum Amtsgericht gehen. Er würde austreten wollen aus einer Kirche, die viel mehr einem Großkonzern gleicht als einer Glaubensgemeinschaft. Vielleicht würde Jesus gar den Antichristen aus der Prophezeiung erwähnen.

Und es ist auch kein Wunder, denn selbst der Satan verwandelt sich in seiner Gestalt in einen Engel des Lichts. Es ist also nichts Besonderes, wenn auch seine Diener sich in ihrer Gestalt als Diener der Gerechtigkeit verwandeln, deren Ende wird sein gemäß ihren Werken.
2.Korinther Kapitel 11, Verse 14-15

Gar nicht so unwahrscheinlich, dass er die Kirche selbst im Verdacht haben könnte, in seinem Namen aufzutreten, um in Wahrheit die Machenschaften des Satans zu erfüllen. Aber machen wir uns nichts vor: Der Jesus aus der Bibel weiß das selbstverständlich alles und laut Kirche gehört das ja nun einmal zum Plan Gottes dazu. Es bleibt uns also nur, auf das jüngste Gericht zu warten, welches der Kirche sicher nicht besonders gnadenvoll begegnen wird. Bis dahin können wir uns an den christlichen Grundsatz halten und uns fragen:

Was würde Jesus tun?

Nun. Der würde eben ganz sicher zum Amtsgericht gehen und Schluss machen mit der Kirche. Und das sollten wir ihm unbedingt nachtun.

Genaue Zahlen und alles über die staatliche Fürderung der Kirche findet man in diesem sehr empfehlenswerten Artikel von Jacob Jung. Klick!

Kontext, Tod & Emanzipation

In Gewalt in Kommunikation, Meinung on Januar 22, 2013 at 12:39 pm

Der Text „ Kontext. Wie Wörter zu ihrer Bedeutung kommen.“ von Antje Schrupp hat mich zum Nachdenken gebracht. Oder vielleicht besser gesagt: Der Text hat mich erinnern lassen. Im ersten Teil des Textes erläutert die Autorin, dass Sprache ein lebender Organismus sei, den wir prägen. Sie weißt darauf hin, dass die Verwendung eins Wortes immer eine Prägung des dahinter liegenden semantischen Netzes bedeutet. Je nach Wortwahl, manifestiert oder verschiebt oder ordnet sich dieses Netz. Die Verwendung eines Wortes kann nie losgelöst von seiner historischen Verwendung gelöst werden, da der Gebrauch ansonsten willkürlich wäre und ein gegenseitiges Verstehen unmöglich machen würde. Im Moment der Verwendung trage ich als Sprecher aber auch Verantwortung für den Gebrauch in der Zukunft. Dies ist performanztheoretischer Gedanke, den ich teile. Wie Antje Schrupp sehr schön zusammenfasst:
„Was mich an der bisherigen Diskussion vor allem stört ist, wenn diese eigene Verantwortung nicht reflektiert wird. Es geht nicht darum, herauszufinden, was ein Wort „wirklich“ bedeutet, denn wir befinden uns hier nicht auf der Ebene wissenschaftlicher Beweise, die durch logische Deduktion oder im Experiment verifiziert oder falsifiziert werden können. Wir befinden uns auf der Ebene einer politischen Auseinandersetzung, in der die Sprecherin ein politisches Urteil fällt, für das sie eben auch die Verantwortung zu tragen hat.“

Darauf folgt, dass sie zwischen geschriebenen und gesprochenen Wort unterscheidet. Für mich ist diese Unterscheidung von genauso großer Bedeutung. Das gesprochene Wort nimmt Bezug auf eine aktuelle Situation, in der Sprecher und Zuhörer (oder eben auch Sprecher) anwesend sind. „ Das geschriebene Wort wird durch die Verschriftlichung von seinem Kontext gelöst“ Antje Schrupp

Genau an diesem Punkt halte ich es für wichtig noch mal genauer hin zu schauen und Roland Barthes zu Wort kommen zu lassen. Die Schrift ist der Ort an dem das Subjekt entflieht. Die Person hinter dem Text löst sich völlig auf. Der einzige Körper der noch existiert ist der des Textes.
„Die Stimme verliert ihren Ursprung; stirbt der Autor, beginnt die Schrift.“ Roland Barthes
Die Person des Autors ist eine konstruierte, die im französischen Rationalismus entstanden ist. Seit dem versuchen wir Werke durch ihre Urheber zu erklären. Es ist der verzweifelte Versuch, das längst entflohene Subjekt festzuhalten, um der unbequemen Situation, dass gesprochenes und geschriebenes Wort unterschiedlich zu behandeln sind, aus dem Weg zu gehen. Ein Text ist immer ein Produkt der Gegenwart, da der Leser ihn als Subjekt zu Eigen macht. Deshalb ist ein Text ein vierdimensionaler Raum, in dem multiple Schreibweisen sich zum einen ergänzen und zum anderen bekämpfen, hinter dem der Autor völlig verschwindet und somit jeder Versuch den Text (vollständig) decodieren zu wollen unmöglich macht. Mit diesem Wissen müssen wir Schrupps folgende Aussage betrachten: „Genau diese Frage, nämlich wo ein historischer Autor oder eine historische Autorin sich damals im Diskurs verortet hat, ist meiner Ansicht auch das Kriterium, anhand dessen zu entscheiden ist, in welcher Weise seine oder ihr Texte für heute aktualisiert werden müssen.“
Natürlich können wir etwas über einen AutorIn wissen, aber kann ich nicht von mir selbst lösen. Ich habe ja nur meine eigenen Worte und semantischen Netze und nicht die des Autors. So stellt sich für mich die Frage, ob wir nicht einen folgenschweren Fehler begehen, wenn wir Texte „aktualisieren“. Denn tappen wir dabei nicht in die Falle, dass wir patriarchale Strukturen aufrechterhalten in dem wir uns auf die Position des Entscheiders erheben, der ein richtig und ein falsch bestimmt?
„Nicht sein Ursprung oder seine Stimme sind der Wahre Ort der Schrift, sondern die Lektüre.“ Roland Barthes
Denn wenn der Ort der Lektüre der Wahre Ort ist, dann ist dieser Moment individuell verschieden. In diesem Kontext tragen wir Verantwortung wie Antje Schrupp weiter oben erwähnt, schreibt. Sie nimmt Bezug auf Kinderbücher und frauenfeindliche Literatur aus dem 19ten Jahrhundert. An dieser Stelle tun sich für mich zwei Probleme auf.
Das erste ist das des Kunstwerks. Schreibt ein Literat ein Buch, sei es ein Kinderbuch oder nicht, so schafft er ein Kunstwerk. Ein Kunstwerk müssen wir anders betrachten, als beispielsweise ein Sach- oder Schulbuch. Letztere müssen immer wieder an neuste Erkenntnisse jedweder Art angepasst werden. Bei einem Kunstwerk muss allerdings der Aspekt der Originalität mit bedacht werden. Ein Werk stammt immer aus einer Zeit und kann, muss aber nicht, unter diesem Aspekt rezipiert werden. Eine Änderung, bzw. Anpassung des Werkes wäre eine Verfälschung. Es geht mir hier nicht um den Fall der Adaption, welche ein Original ja klar kenntlich macht (machen sollte) und dann einen neuen „Autor“ hat. Es geht mir auch nicht darum, Künstler heilig zu sprechen. Persönlich halte ich viele Texte und Werke für völlig überholt. Von mir aus, braucht kein Theater der Welt mehr Shakespeare spielen, aber es sollte die Möglichkeit dazu haben.
Hierzu kommt mir die letzte Szene des Films „Thank you for smoking“ in den Kopf. Ein US-Senator, der einen obsessiven Kampf gegen Zigaretten und die Tabakindustrie führt, verliert den Kampf vor Gericht. Am Ende sieht man ihn sein neustes Projekt vorstellen: Er hat es sich zum Ziel gesetzt, alle Hollywood-Filme nachzubearbeiten, damit die Zigaretten herausgeschnitten und durch Lollies oder anderen Süßigkeiten ersetzt werden. “Wir machen die Filme ästhetisch ansprechender.“ Auf die Frage, ob er nicht die Geschichte verfälschen würde, antwortet er: „Nein. Wir verbessern die Geschichte.“
Geschichtsverbesserung, oder eben Verfälschung hat in meinen Augen dramatische Folgen. Wir tilgen einen Referenzpunkt der Historie, der uns genau hierin gebracht hat und unsere heutigen Positionen mitbedingt. Die Emanzipation ist ja auch deshalb ein so schwieriger Kampf, weil die Ungerechtigkeiten seit Jahrhunderten betrieben werden. Und da ist auch jedes Kunstwerk ein Zeitzeuge von.
Das zweite Problem resultiert aus dem Markt heraus. Bücher sind Produkte in einem Markt. Es gibt unzählige sexistische, rassistische und homophobe Produkte. Diese werden gekauft, da ein Grossteil der Gesellschaft nicht über Emanzipation nachdenkt. Wir können dem entgegentreten in dem wir diese Produkte nicht kaufen, aber nicht in dem wir sie verbieten. Das ist bei Spielzeugen, Kosmetik oder Autos mit Sicherheit etwas anderes als bei Büchern, da sich hier die Kategorien Kunstwerk und Markt vermischen.
„Nicht sein Ursprung oder seine Stimme sind der Wahre Ort der Schrift, sondern die Lektüre.“ Roland Barthes
Daraus ergibt sich auch die Macht des Lesers. Er ist nicht nur Subjekt, sondern auch politisch. Eigentlich ist ja jedes Subjekt politisch, aber das wird häufig vergessen, weshalb ich es hier betone.
Der Kontext der Lektüre ist also von großer Wichtigkeit. Es ist unsere Verantwortung in diesem zu reflektieren und kritisch zu sein. Und wenn wir nicht wollen, dass Kinder Bücher lesen, die in irgendeiner Form diskriminierend sind, dann bleibt uns in diesem Fall nur die Möglichkeit sie nicht zu kaufen. Aber unsere Möglichkeiten persönlich gegen Rassismus, Sexismus oder jede andere Form von Gewalt anzugehen sind deshalb nicht kleiner geworden.

Ein Text von Can Gezer

Abra-abra-cadabra, Abracadabra

In Gewalt in Kommunikation, Meinung on Januar 14, 2013 at 4:42 pm

Hex, hex! Der Verleger Klaus Willberg des Stuttgarter Thienemann-Verlags hat Überlegung geäußert die Klassiker der Kinderbücher zu überarbeiten. Und seit dem streiten überall Menschen darüber, Meinungen werden gedruckt und mir tut sich der Verdacht auf, dass hier mehrere Diskurse vermischt werden, die ich alle für wichtig halte.

Was ist passiert? Otfried Preußler, Autor  des Buches „Kleine Hexe“ hat diskrimimiernde Worte in seinem Werk geändert. Das Ganze passierte anlässlich des 90. Geburtstag des Autors. Klaus Willberg, Verleger des Thienemann-Verlags äußert das Vorhabe, aus Gründen der Verständlichkeit, mehrere in die Jahre gekommenen Kinderbücher, sprachlich an die heutige Zeit anzupassen. Und vor ein paar Wochen äußerte Kristina Schröder, dass sie rassistische Passagen in Kinderbüchern beim Vorlesen „entschärfe“.

In den Kommentaren und Diskussionen hört man immer wieder Rassismus-Gegner, die Änderungen befürworten und Menschen die von Zensur sprechen. Einatmen. Ausatmen. Fangen wir an es aufzubröseln:

wenn ein Autor seinen Text ändert so wie Preußler es getan hat, weil der Geschichte diskriminierende Begriffe innewohnen, finde ich das toll. Ein Mensch gibt einen Fehler zu, bzw. ändert seine Meinung und in diesem Fall sein Werk. Ganz wichtig dabei: es ist seins. Er ist der Künstler. Und hier ist direkt ein essenzieller Punkt: ein Kinderbuch, genauso wie viele andere Bücher, Gemälde, Bühnenprojekte sind Kunstwerke. Es ist kein Lehrbuch, das dem letzten Erkenntnisstand angepasst, und in neuer Auflage gedruckt wird.

Das Werk eines Künstlers darf nicht geändert werden, denn es verletzt das Urheberrecht, wäre Zensur, ein Einschränken der Meinungsfreiheit und das Verfälschen eines Zeitdokuments. Und ich möchte überhaupt nicht bestreiten, dass sich etliche rassistische Begriffe in Kinderbüchern finden. Der Vorschlag von Willberg ist für mich deshalb nicht diskutierbar. Um so mehr, wenn ich seine Position des Verlegers betrachte. Er sagt, dass Begriffe wie „Schuhe wichsen“ in „Schuhe putzen“ geändert werden sollten, damit Kinder sie heute verstehen. Wenn die Kinder die Geschichten verstehen, verkauft er mehr Bücher. Es ist also ein auch von Profit geleiteter Gedanke. Denn es ist billiger Texte zu ändern und neu aufzulegen, als neue Geschichten zu finden, die den Ansprüchen der Verständlichkeit und Frei von Diskriminierung zu sein, genügen. Diese finden sich kaum, da sie nicht marktkonform sind. Die einzige Auflistung von solchen Kinderbüchern, die ich finden konnte, ist auf der Website des Vereins Gladt.

Und damit sind wir beim nächsten Problem. Dem Rassismus. Ja, er ist ein Problem unserer Gesellschaft. Das wird gerade daran deutlich, dass „Produkte“ (in diesem Falle Kunst) keinen Platz im Markt haben, die nicht dem Status Quo entsprechen. Und dieser ist rassistisch, sexistisch und homophob geprägt. und es ist ja auch ein verständliches Unterfangen schon bei Kindern anzufangen, aber nicht um jeden Preis. Denn wenn wir Kunst zensieren, bedeutet das für mich das genaue Gegenteil von Aufklärung, die wir Kindern zu Gute kommen lassen wollen. Fangen wir an Wörter aus Büchern zu nehmen, müssen wir auch Filme bearbeiten, Musiktexte ändern, Gemälde verändern. Denn warum sollte nicht dasselbe für Erwachsene gelten, die durch ihr Verhalten und Sprechen wesentlich zum Erhalt der diskriminierenden Gegenwart beitragen. Sprache ist Handeln, aber der Versuch der Ausradierung bestimmter Begrifflichkeiten ändert daran nichts.

„Es liegt in der Natur alles Menschlichen, dass jede in der Geschichte der Menschheit einmal vollbrachte Handlung noch lange nachdem ihre Wirklichkeit Vergangenheit geworden ist, der Menschheit als Möglichkeit verbleibt… Hat sich eine spezielle Handlung erst einmal ereignet, ist es wahrscheinlicher, dass sie sich erneut ereignet, als ihr erstes Auftreten je hätte sein können.“

Londons Outrage Fanzine, 1976

Und aus diesem Grund sollten wir all diese diskriminierenden Begriffen und Strukturen benennen und uns mit ihnen auseinandersetzen, da Verbote keine Lösungen sind, sondern lediglich Probleme verlagern. Der Kampf für eine emanzipierte Gesellschaft ist anstrengend und nicht durch Eingriffe in alte Kunstwerke zu gewinnen, sondern nur durch permanenten, anstrengenden Dialog. Ich kann sehr gut verstehen, wenn man abends nach Hause kommt und dann seinem Kind einfach nur eine Geschichte aus einem Buch vorlesen möchte. Das dann aber Erklärungen anfangen müssen, ist Teil des Problems. Und das Persönliche ist immer das Politische.

Ein Text von Can Gezer

YEAHYEAHYEAH!

In Meinung, Staatsgewalt on Januar 7, 2013 at 10:15 am

Das Maxim-Gorki Theater in Berlin hat eine neue Intendantin!
Eine Frau! Mit Migrationshintergrund! Und alle also so YEAH!
Deutschland hat auch eine Frau als Kanzlerin. Sogar eine Ostdeutsche! Und damals auch alle so YEAH. Amerika hat einen afroamerikanischen Präsidenten. Die ganze Welt so OBAMARAMA!
Wir fallen dabei auf neue Verpackungen und Labels, eines alten Produktes rein, das Kapitalismus heißt. Obamas Stab besteht fast ausschließlich aus Wall-Street-Bänkern, Merkel erfüllt den Finanzmärkten einen Wunsch nach dem Anderen, und Shermin Langhoff, die neue Intendantin erklärt in der ersten Betriebsversammlung, dass sie sich über jeden freut, der am Haus bleibt und verschickt gleichzeitig an ein Drittel der Angestellten Kündigungen. http://www.berliner-zeitung.de/kultur/maxim-gorki-theater-kuendigungswellen,10809150,21390060.html
Mir soll es hier gar nicht so sehr um die einzelnen Personen gehen (dafür weiß ich auch nicht genug über Frau Langhoff), aber um die schönen Tricks auf die wir reinfallen und wie kleine Kinder bei einem Feuerwerk „OH…ist das schön“ sagen. Die Probleme des Rassismus und Sexismus sind auf einen Schlag gelöst. Und alle so YEAH!. das der Einzelfall ein strukturelles Problem löst, ist leider ein Irrglaube. Es ist ein Etikettenschwindel dem wir hier erliegen. Und eigentlich sind dies leere Etiketten, da sie gar nicht in dem Referenz-Rahmen des Rassismus und Sexismus arbeiten, sondern diese Menschen Machtpositionen in kapitalistischen Gebilden inne haben. Und das vorrangige Interesse eines kapitalistischen Gebildes ist das Kapital. Das dies auf Staatsebene passiert wundert wahrscheinlich viele nicht mehr sonderlich. Das dies in der Kunst auch so ist, wundert schon mehr.
Der Artikel hebt ein weit verbreitetes Klischee hervor, dass Künstler, in diesem Fall Schauspieler und Regisseure es schon zu Ihrem Selbstverständnis gemacht haben, arm zu sein. Kunst dient halt einem höheren Gut als dem Geld. Problem ist nur, dass sie eigentlich Sklaven der kapitalistischen Prinzipien sind. Staaten kürzen Kulturetats mehr und mehr. Ähnlich wie Griechenland auf volkswirtschaftlicher Ebene, wird der Kulturbereich als eine Art Labor genutzt. Wie viel kann man sparen, bis etwas stirbt. Das griechische Volk geht im Gegensatz zu Künstlern wenigstens auf die Strasse. Sprich, es gibt eine Art des politischen Bewusstseins. Viele Künstler meinen per se politisch zu sein. Künstler sind halt arm. Aber ein politisches Bewusstsein müsste eine gerechtere Position für sich selbst einfordern. Die Romantisierung Ihrer eigenen Versklavung ist allerdings das genaue Gegenteil davon. Da wundert es mich kaum, dass Theater und viele andere Künste wirklich niemanden mehr interessieren. Denn das aufklärerische und vielleicht sogar revolutionäre Potential, das es einmal inne hatte, ist verschwunden. Statt ein Labor für Utopien zu sein, verkommen die Künste zu einem weiteren Experimentierfeld des Kapitals.

Ein Text von Can Gezer

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