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Mehr Betroffene als Betroffenheit – „Häusliche Gewalt“

In Gewalt in Kommunikation, Netzschau on Januar 29, 2014 at 10:38 am

Ich habe häusliche Gewalt erlebt und darüber nicht viele Worte verloren. So wie die meisten. Vor ein paar Tagen habe ich verstanden, warum das so ist und begriffen, dass diese Gewalt viel mehr Menschen widerfährt als uns bewusst ist. Denn die Gewalt beginnt längst vor den Schlägen und betroffen sind sogar sehr viele, die das gar nicht wissen. Ein Versuch der Analyse von häuslicher Gewalt aus der Perspektive einer Betroffenen.

„DU?“

Das ist meist die erste ungläubige Reaktion, die ich zu hören bekomme, wenn ich es erwähne. Eine Frau wie ich, die sich zu wehren weiß, die für sich einsteht, die doch offenbar über Selbstbewusstsein verfügt, hat sich so etwas gefallen lassen? Ja, das habe ich. Ich wurde von einem Expartner seelisch und körperlich gequält und habe das nicht nur lange Zeit über mich ergehen lassen, sondern auch noch mit unendlicher Liebe darauf geantwortet. Weil Selbstbewusstsein oder Courage völlig unerhelich sind in einem Fall von Gewalt in der Partnerschaft. Dass wir alle davon ausgehen, dass so etwas bestimmten Menschen einfach gar nicht passieren kann, ist nur ein Ausdruck unseres Unverständnisses von dieser Form der Gewalt. Tatsächlich ist es ganz anders. Ich kenne viele intelligente selbstbewusste Frauen und vielen von ihnen widerfährt diese Gewalt, ohne dass sie es mitbekommen. Und ohne dass sie es mitbekommen, verteidigen sie es ebenso wie ich es tat. Weil alltägliche Gewalt gar nicht so auffällig ist wie wir uns das immer wünschen. Sie passiert so heimlich und schleicht sich so langsam ein, dass kaum einer sie bemerkt. Bis es längst zu spät ist.

„Er will mir nicht wehtun.“

Das ist es, was ich mir und anderen gesagt habe. Und das habe ich auch gedacht. Jahre nach der Beziehung habe ich mir diesen Gedanken abgewöhnt, aber vorgestern habe ich mich erneut davon überzeugt, dass er mir nie wehtun wollte. Dieser Fakt mindert die Tat in meinen Augen um keinen noch so kleinen Deut. Aber es ist wichtig darauf einzugehen, um das Bild geradezurücken, das unsere Gesellschaft sich vom prügelnden jähzornigen Ehemann ausgedacht hat, um sich möglichst weit entfernt von ihm zu wissen. Häusliche Gewalt sieht nicht aus wie die Plakatkampagnen gegen sie, auf denen ein „böser Mann“ eine „arme Frau“ schlägt. Sie sieht auch nicht so aus wie bei RTL in Dokusoaps oder Serien.

„Ich könnte dich …“

Diesen Satz hat er oft gebraucht, wenn er wütend war. Mit zusammengebissenen Zähnen, einem Körper voller Muskelkrämpfe und funkelnden Augen. In Worten tat er es nicht wirklich. Es waren Konjunktive und Andeutungen und es ging immer um Kontrolle. Was könnte er? Er zeigte es mir regelmäßig. Es gab die Momente, in denen hätte er gekonnt. Er demonstrierte immer häufiger seine körperliche Kraft und welche Möglichketen sie ihm bot.

Er hätte mich erwürgen können, er hätte mich gefesselt verhungern lassen können, er hätte mich mit dem Brotmesser erstechen können, er hätte mich jetzt fast geschlagen.

Wirkliche Schläge kamen erst ganz zum Schluss. Zunächst drängte er mich nur weg und beendete Gespräche durch Flucht, irgendwann ergriff er im Streit meine Arme und drückte sie so, dass ich blaue Flecken an den Handgelenken davontrug. Im nächsten Streit schubste er mich. Er ging immer einen Schritt weiter. In jeder Auseinandersetzung überschritt er langsam alle Grenzen. Bis ich irgendwann nackt und frierend im Treppenhaus stand, weil er mich buchstäblich vor die Tür gesetzt hatte, und er nur durch einen Nachbarn zur Vernunft gebracht werden konnte. Bis ich irgendwann wirklich von ihm gewürgt wurde. Bis er mich schlug. Bis es eben irgendwann gar keine Grenzen mehr gab und alles ihm zu gehören schien. Mit Ausnahme von dem, was er unbedingt erlangen wollte durch diese Taten: Kontrolle.

„Ich habe alles im Griff!“

, hat er oft gesagt und ich verklärte ihn dafür als niedlich. Weil ich sah, wie ihm ständig alles aus den Händen glitt und wie sehr diese Behauptung über sich selbst in Wahrheit nur seinen größten Wunsch offenbarte. M. wollte unbedingt alles im Griff haben, weil ihm immer alles entglitt. Und er tat mir sehr leid deswegen. Selbstverständlich lag das an seinem Unvermögen, einige Fragen in seinem Leben endlich zu klären, aber ich erklärte mir immer nur alles mit seiner Vergangenheit, die mich sehr berührte. Der Mann war inzwischen über vierzig Jahre alt, aber ich bemitleidete noch immer den 15jährigen M., dem so furchtbares widerfahren war. Denn das war der Mann, den ich kennengelernt hatte. Den verletzenden M. kannte ich lange Zeit gar nicht. Ich habe einen Mann kennengelernt, der sehr sensibel ist und der mir immer ein wenig schutzbedürftig erschien. Bei einer unserer ersten Verabredungen erzählte er mir von seinem Vater und brachte damit uns beide zum Weinen.

„Ich bin gar nicht tot. Ich war nur im Knast.“

Ungefähr das ist es, was M. im Alter von 15 Jahren zu hören verstand. Er war lange Zeit aufgewachsen mit einer alleinerziehenden Mutter und seiner Oma, einen Vater gab es nicht. Tot sei der, hatte man ihm immer gesagt und M. hatte damit eben gelebt wie man mit diesen Dingen lebt. Verletzlich, verunsichert und ausgestattet mit einer dauerhaften Identitätskrise. Bis er 15 Jahre alt war und plötzlich sein lebendiger Vater in sein Leben trat. Keine Leiche, sondern ein Betrüger, der lange Zeit im Gefängnis gesessen hatte. Er wolle M. kennenlernen, sagt er und M. bekam einen kleinen Höhenflug. Sein Vater lud ihn zu Ausflügen ein und M. genoss jede Sekunde mit seinem Vater. Viele Sekunden waren ihm jedoch leider nicht vergönnt. Denn bereits ein halbes Jahr später, tötete der Vater sich selbst und seine Partnerin.

„Er tut mir so leid“

, habe ich immer wieder gedacht. Er hat wirklich immer ganz schön viel Mist gebaut. Er belog fast täglich Menschen aus Gründen seiner Unzuverlässigkeit, er erfand ganze Anekdoten, um Alibis für dies und jenes zu entwickeln und verstrickte sich oft so sehr in seinen selbst ausgedachten Geschichten, dass er sie am Ende immer häufiger selbst glaubte. Aber ich ging lange Zeit nicht davon aus, dass er auch mit mir so umging. Dass er schlicht mit sich selbst und allen so umging. Das war eben sein Umgang mit den Dingen. Aber dafür war ich lange Zeit blind. Oder ich sah großzügig darüber weg. Für mich war er vor allem ein hoch empfindsamer Mensch, der seinen künstlerischen Beruf mit Hingabe ausübte. Ich liebte seine Leidenschaft und seine Verletzbarkeit. Er schien mir darin nah zu sein. Das war er nicht. Er war es nie. Aber er hat eben auch mich getäuscht und darum durfte es auch so weit kommen. Ich habe es gar nicht bemerkt, bis es zu spät war.

„Ich liebe es, wie du über mich schreibst“,

hat er auch gesagt. Und er ging sogar noch weiter. Denn wenn ihm nicht gefiel was ich schrieb, verlangte er, dass ich es ändern müsse. Und ich tat das sogar. Denn ich wollte ihm doch gerecht werden. Wer möchte schon ein Lied über sich selbst hören, dass einem selbst nicht entspricht. Also schrieb ich hin und wieder Sachen anders. Am Ende schrieb ich das hier:

Dieses Lied gefiel ihm. Vor allem gefiel es ihm, dass ich auch noch nach unserem Ende diese Lieder schrieb. Es gefiel ihm, so geliebt und verehrt zu werden. Und auch hier ging es immer unter Kontrolle. Er wollte für das geliebt werden, was er über sich dachte. Er wollte auch das unter Kontrolle haben. Er wollte nicht irgendwie geliebt werden, sondern so wie er es zu verdienen glaubt. Und was immer er auch tat, er folgte immer blind dem Plan, alles irgendwie unter seine Gewalt zu bringen, wie man so richtig sagt.

„Er liebt, wie ich über ihn schreibe.“

, hat eine Freundin vorgestern zu mir gesagt und nach unserem Telefonat habe ich minutenlang gezittert. Diese Freundin liebt auch besagtes Lied von mir und ist seit über einem halben Jahr verliebt in einen Mann, der Gewalt an ihr übt. Aber weil sie im Gegensatz zu der schleichenden und kaum bemerkbar anwachsenden Gewalt, die ich erlebt habe, noch viel unaffälliger ist, ist sie noch viel schwieriger festzumachen. Meiner Freundin widerfährt Gewalt und sie weiß es nicht einmal und er liebt es, wie sie über ihn schreibt. Und sie schreibt über ihn und schreibt und schreibt und schreibt und liebt.

„Das ist keine Liebe, sondern es ist ein Manifest der alltäglichen strukturellen Gewalt unserer Gesellschaft!“

, sage ich heute. Weil es nicht erst Gewalt ist, wenn einer der Beteiligten zuschlägt, würgt oder fesselt. Gewalt ist die alltägliche Entfesslung unserer bewussten und unbewussten Emotionen. Sie ist immer irgendwie da. Und sobald ihr eine Tür geöffnet wird, macht sie sich immer breiter. Gewalt wächst an und nimmt sich immer mehr von dem Feld, das ihr zur Verfügung steht. Dabei folgt sie oft einem Kontrollprinzip. Sie folgt immer dem Wunsch nach Kontrolle bzw. Macht.  Menschliche Beziehungen sind nicht kontrollierbar, weil sie aus Interaktionen bestehen. Keiner der beteiligten Beziehungspartner kann jemals Kontrolle über eine Beziehung erlangen. Ist dieser Wunsch jedoch spürbar in einer Person, so wird dieser Wunsch zwangsläufig zu Gewalt führen. In Worten oder Taten. Augenfällig ungerecht oder heimlich still und leise.

„Er/Sie kann sich eine Beziehung nicht vorstellen“,

ist übrigens ein klares Indiz für eine solche Form der Gewalt, wenn es mit dem gleichzeitigen Unterhalten einer sexuellen Affäre einhergeht. Niemand muss eine monogame Beziehung leben, aber wer das nicht möchte, findet für dieses Lebenskonzept überall Mitmenschen, die das ebenso leben möchten. In dem Moment, in dem eine der beteiligten Personen allerdings eine monogame Beziehung zu der anderen Person wünscht, gilt jegliche faire Beziehung damit als beendet. Die Person, die sich trotz fehlendem Interesse weiterhin mit der Affäre befasst, errichtet damit ein Machtgefüge. Emotionale Abhängigkeit entsteht nur in eine Richtung. Der/die Partner*in muss bangen, ob der/die Andere sie verletzen wird und wird Schwierigkeiten haben, sich dennoch zu lösen.

„Ein Mensch, der sich selbst liebt, würde sich dick einpacken, seine Wunden lecken und sich nie wieder bei so einem Brandstifter melden“

, sage ich ab jetzt immer zu allen meinen Mitmenschen, die mir solche Dinge berichten.

Weil vielleicht.
Vielleicht wird die physische Gewalt nie zum Vorschein kommen.
Vielleicht verdienen die Brandtsifter ganz viel Liebe.
Vielleicht meinen sie es nicht so.
Vielleicht wird alles anders, wenn …

„Vielleicht“

höre ich oft, wenn mir Menschen von ihren Beziehungen berichten. Ewig schmerzende Unsicherheit. Ich habe früher häufig „vielleicht“ gesagt. Und jedes „vielleicht“ gab der Gewalt noch ein bisschen mehr Platz.

Text von Meike Büttner

Sehr geehrte Frau Merkel, liebe MitstreiterInnen,

In Netzschau on März 15, 2013 at 2:37 pm

Liebe Mitmenschen,

 

wer mutterseelenalleinerziehend bei facebook folgt, der weiß, dass ich in der letzten Zeit einige Petitionen eingereicht habe. Darunter eine, das Ministerium für Familien, Senioren, Frauen und Jugend möge aufgelöst und in seine vier Teilbereiche gegliedert werden. Diese Petition ist nun abgelehnt worden, da nur die Bundeskanzlerin alleine über derlei Fragen entscheiden darf. Darum habe ich einen Brief aufgesetzt, um die Kanzlerin auf diesen Vorschlag aufmerksam zu machen und sie zu bitten, auf diesen Anliegen zu reagieren. Und nun brauche ich Euch! Bitte teilt und unterschreibt kräftig die Unterschriftenliste, die ich auf openPetition eingerichtet habe. Ich danke für Eure Mithilfe. Den Text findet Ihr hier drunter und, wenn Ihr auf den link klickt.

Freundliche Grüße,
Maike von Wegen

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Sehr geehrte Bundeskanzlerin,

ich schreibe Ihnen heute, weil Sie die einzige sind, die uns helfen kann und weil ich große Hoffnung hege, dass Sie meinen Vorschlag unterstützen. Es geht um das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Ich habe eine Petition eingereicht, die vier Zuständigkeitsbereiche aufzulösen und in je eigene Verantwortungsbereiche zu gliedern. Die Begründungen dafür finden Sie weiter unten. Nun bin ich von einem Mitarbeiter des Petitionsausschusses darauf aufmerksam gemacht worden, dass Sie, Frau Merkel, die einzige sind, die eine solche Entscheidung treffen darf. Und darum bitte ich Sie: Lösen Sie das Ministerium bitte auf. Auf Ihre Reaktion sind wir alle sehr gespannt,

Die Frauen von Muttersellenalleinerziehend.de,
federführend Maike von Wegen

Begründungen:

1. Zu umfangreich

Jeder, der vier Bereiche steht zur Zeit im Fokus der Politik. Stichworte sind: Die Überalterung unserer Gesellschaft, Seniorenpflege, die Geburtenrate, das Betreuungsgeld und Kita- bzw. Krippenausbau, durch Armut bedrohte Familien, Rückführung Alleinerziehender in den Arbeitsalltag, Gleichstellung der Frau, Kinderarmut, etc. Das Ministerium befasst sich gleichzeitig mit viel zu vielen Sozialproblemen. Ein einzelnes Amt kann diese Arbeit nicht gewährleisten und wir können dies ja nur zu gut sehen: Die aktuelle Ministerin Schröder wird nicht einmal dem großen Teilbereich der Familienpolitik gerecht. Sie steht enorm in der Kritik sämtlicher Erziehungsexperten und der Medien. Es ist ihr nicht einmal möglich, diesen Teilbereich befriedigend zu bearbeiten. Und wir glauben auch nicht daran, dass diese Fülle an Aufgaben überhaupt zu bewältigen ist.

 2. Die Deutungshoheit

Viele Wissenschaftler pochen darauf, dass nicht etwa die Geburtenrate (die seit den 60ern konstant bei etwa 1,4 liegt) unser demografisches Problem verursacht, sondern die immer schneller steigende Lebenserwartung. Dass Frau Schröder als einzige Ministerin für beide Bereiche (Senioren/Familien) zuständig ist, macht die Entscheidungsfindung darüber hinaus intransparent. Sie kann somit Studien in Auftrag geben, die die Geburtenrate immer wieder problematisieren, während ihr nicht etwa ein eigenes Seniorenamt widersprechen könnte. Hier vermischen sich zu viele Verantwortungsbereiche über die kein Dialog stattfinden kann, da es nur eine einzige Hoheit über all diese Themen gibt.

 3. Sexismus

Wir Frauen fühlen uns durch die jetzige Struktur diskriminiert und auf angeblich „weibliche Themenbereiche verwiesen. Die Frauenbewegung kämpft nun schon seit über 50 Jahren für die Gleichstellung von Frauen und Männern. Wir wollen nicht in einen Topf geworfen werden mit der Pflege der Alten und der Familien. Wir empfinden diese Kategorisierung als sexistisch. Wir Frauen wollen nicht, dass unsere Interessen so schon von vorne herein auf dem Schwerpunkt der Familienpflege gelegt werden. “Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt.“ (Ludwig Wittgenstein)

 

Liebe Frauen, Jugendliche, Senioren, Familien, Männer und Kinder,

bitte unterstützt uns in unserem Ansinnen, das Bundesamt für Familie, Senioren, Frauen und Jugend aufzulösen und in eigene Verantwortungsbereiche zu gliedern. Wir fühlen uns durch die Bezeichnung diskriminiert und auf angeblich “weibliche” Themenbereiche verwiesen. Die Frauenbewegung kämpft nun schon seit über 50 Jahren für die Gleichstellung von Frauen und Männern. Wir wollen nicht in einen Topf geworfen werden mit der Pflege der Alten und der Familien. Wir empfinden diese Kategorisierung als sexistisch.

Außerdem sind wir überzeugt, dass zu viele der Verantwortungsbereiche einer einzigen Ministerin zur Zeit im sozialpolitischen Fokus liegen. Ein einziges Ministerium und eine Ministerin können dieser Verantwortung allein nicht gerecht werden.

Tausche Leistungsschutzrecht gegen Schweigegelübde

In Meinung, Netzschau, Staatsgewalt on März 9, 2013 at 1:35 pm

Der Vorstoß der EU, das Wasser zu privatisieren, hat europaweit für Empörung gesorgt. Dieser Beitrag zum Beispiel über den französischen Konzern VEOLIA wurde auf arte ausgestrahlt, zwei Tage bevor VEOLIA den Prozess gegen ebendiesen Film begann:

Es gab zahlreiche Petitionen – auf Bundes- sowie auf Europaebene – gegen die europäischen Beschlüsse. Doch als der deutsche Bundestag am 28.02.2013 darüber abstimmte, anhand zweier Anträge, da wurde es gespenstig still. Den ersten Antrag der LINKEN lehnten CDU/CSU und FDP so gut wie geschlossen ab, bis auf eine einzige Person, enthielt sich die gesamte SPD. Die Frage: Ist Wasser ein Menschenrecht?, beantworteten demnach 299 Abgeordnete mit NEIN. Der zweite Antrag kam von den Grünen und stellte die selbe Frage. Von den Grünen in den Raum gestellt, konnte sich die offenbar geschlossen opportune SPD nun endlich auch äussern. Nun waren sie der Meinung, das Wasser ein Menschenrecht ist. Aber auch das half nichts, denn die Neinsager waren nun noch immer in der Überzahl. Hier beide Ergebnisse. Quelle: Bundestag.

Abstimmung 1, Quelle: Deutscher Bundestag

Abstimmung 1, Quelle: Deutscher Bundestag

Abstimmung 2, Quelle: Deutscher Bundestag

Abstimmung 2, Quelle: Deutscher Bundestag

… und keiner hat’s gesehen.

Damit steht der Privatisierung des Wassers nichts mehr im Wege. Doch nach all der Empörungen und zahlreichen Unterschriften, die wir geleistet haben, um diesen dreiste Ansinnen zu unterbinden, haben wir alle von dieser Abstimmung überhaupt nichts mitbekommen. Denn wovon berichteten die großen Medien an diesem Tag? Die ARD, das ZDF, die taz, die Süddeutsche Zeitung, die FAZ, die ZEIT, die Welt, … alle waren sie mit dem Papst beschäftigt. Während die Medien sich also in endlosen Ergüssen darüber Gedanken machten, dass ein alter Mann ein Amt niederlegt, wurde hinter unserem Rücken eine entscheidende Abstimmung geführt. Die deutsche Regierung ist für die Privatisierung des Wassers. CDU/CSU und FDP verneinen das Menschenrecht auf Wasser. Dabei ist dies längst beschlossene Sache!

UN, I. Resolutionen ohne Überweisung an einen Hauptausschuss   :

64/292. Das Menschenrecht auf Wasser und Sanitärversorgung  

Insofern begeht unsere Regierung eine Menschenrechtsverletzung und die Presse schweigt sich darüber aus. Am 28.02.2013, dem Tag der Abstimmung, gab es – bis auf einen livestream auf Phönix – keinen einzigen Bericht in der gesamten Presse darüber. Stattdessen mutete man uns Meldungen über die katholische Kirche zu. Ist das ein Zufall? Einen Tag später wurde das neue Leistungsschutzrecht beschlossen, das vor allem den Verlagen zugute kommt. Zufall? Oder hat man sich da auf die Kompromisspolitik unserer aktuellen Regierung eingelassen?

Wir beschließen Betreuungsgeld, wenn wir dafür die Praxisgebühr abschaffen dürfen, wir beschließen Euer Leistungsschutzrecht, wenn ihr einen Tag vorher bitte nicht über die Wasserverträge berichtet?

(RAUM FÜR EIGENE GEDANKEN)

Integration in Deutschland

In Gewalt in Kommunikation, Netzschau, Staatsgewalt on Dezember 18, 2012 at 10:10 am

Das Migazine teilt ebenfalls die Rassimusdefinition nach Albert Memmi und kommt zu dem Schluss, dass viele deutsche Studien das Problem nur noch verstärken. Text aus dem Migazine kopiert.
Die Verfasserin ist geborene Fürtherin. Sie hat ein Abitur vom Dürer-Gymnasium in Nürnberg; einen Bachelor in Allgemeine Geisteswissenschaften und einen Master in Öffentliche Verwaltung vom Western Michigan University. Sie ist im Jahre 1998 in die USA ausgewandert und lebt seit 2011 wieder in Deutschland. Sie sitzt im Vorstand der internationalen gesellschaft für diversity management (idm) und Bündnis 90/die Grünen, Kreisverband Nürnberg. Sie hat ihr eigenes Blog, wo sie Artikel über Diversity, Anti-Diskriminierung, Chancengleicheit und ähnliche Themen veröffentlicht.

Moralisch und wissenschaftlich bedenkliche Studien

In Deutschland gibt es Integrationsstudien im Überfluss aber immer noch keine Definition, was Integration bedeuten soll. Länder wie die USA sind da viel weiter. Alev Dudek skizziert, wieso Deutschland zurückliegt.

Integration in Deutschland Moralisch und wissenschaftlich bedenkliche StudienViele Integrationsstudien verletzen die Privatsphäre © nico_duesing @ flickr.com (CC 2.0), bearb. MiG
VON Alev Dudek

DATUM18. Dezember 2012

„Der Rassismus ist die verallgemeinerte und verabsolutierte Wertung tatsächlicher und fiktiver Unterschiede zum Vorteil des Anklägers und zum Nachteil des Opfers, mit der seine Privilegien […] gerechtfertigt werden sollen.“ Memmi, A. (1982): Rassismus. Frankfurt a.M. 1987

In Deutschland gibt es einen Überfluss von wissenschaftlich und moralisch zweifelhaften „Integrationsstudien“, die gemäß der Definition von Albert Memmi (siehe Box rechts) rassistische Elemente aufweisen. Diese Studien lenken von den eigentlichen Problemen wie Ethnozentrismus und Diskriminierung ab und verlagern die Aufmerksamkeit vom „Täter“ auf die „Opfer. Sie etablieren überwiegend die Ungleichheit der „Objekte“ und kommunizieren die Unterlegenheit der „Menschen mit Migrationshintergrund“.

Diskriminierungsstudien im Gegensatz dazu würden die ungleiche Behandlung gleichwertiger „Objekte“ untersuchen. Der Diskriminierungsansatz aber stößt in Deutschland auf sehr viel Wiederstand. Ein Teufelskreis, denn das Fehlen einer adäquaten Auseinandersetzung mit Diskriminierung verstärkt wiederum den rassistischen Effekt der „Integrationsstudien“. Darin wird meist untersucht, wie die Opfer durch ihre angeblich fehlende Sprache und Bildung, das Status-quo der Exklusion herstellen.

Im Gegensatz dazu gibt es keine ausgeprägte Sprache und klare Definitionen von unterschiedlichen Konzepten für Einbeziehung und Teilhabe. Es fehlen Studien über unterschiedliche Facetten von Diskriminierung. Allgemein scheint es in Deutschland sehr viel Konfusion über unterschiedliche Aspekte von Teilhabe und Vielfalt zu geben. Hier einige Beispiele:

  • Das Wort Inklusion beispielsweise wird fälschlicherweise limitiert in Bezug auf Menschen mit Behinderung(en) benutzt. Dabei ist Inklusion das Gegenteil von Exklusion und bedeutet Einbeziehung, Einschluss und hat nichts mit Behinderung zu tun. Daher sollte die Inklusion von allen Menschen das Ziel sein. Die Einschränkung auf Menschen mit Behinderung(en) trägt zu den vorhandenen „Missverständnissen“ bei.
  • Die Studie über die anonymen Bewerbungsverfahren wurde in Deutschland erstmals Anfang 2012 durchgeführt. Gegeben der „rechtlichen“ Einschränkungen, die diese Studie ausgesetzt war und die allgemeine Einstellung in Deutschland, reflektieren diese Daten nicht einmal das eigentliche Ausmaß der Diskriminierung im Arbeitsmarkt. Diese Studien gehören in Ländern wie USA zum Standardwissen.
  • Wir wissen, dass Frauen statistisch gesehen, für dieselbe Arbeit, bei gleicher Qualifikation weniger bezahlt werden als Männer. Nun, dasselbe gilt auch für „Menschen mit Migrationshintergrund“. Statistisch gesehen verdienen „Menschen mit Migrationshintergrund“ bei gleicher Schulbildung und Qualifikation weniger als weiße Deutsche. Es fehlen aber nicht nur Studien und Daten über dieses Phänomen, nein, es wird nicht einmal angesprochen. In den USA gibt es Studien dazu im Überfluss. Das Wissen über dieses Phänomen gehört zum Standardwissen der Inklusionsarbeit.
  • Der Diversity Ansatz wird in Deutschland überwiegend von einer auf Gender-Diversity limitierten Perspektive behandelt. Es ist unklar, warum ethnische und racial Diversity kontroverse Themen in Deutschland darstellen. Das Ziel vom Diversity Management ist die Förderung aller benachteiligten „Gruppen“ damit eine Wertschöpfung aus den Differenzen stattfinden kann. Die Grundlage von Diversity ist die Wertschätzung von Differenzen und ist somit eine gute Methode für den Abbau von Ethnozentrismus. Der Ethnozentrismus ist eine wesentliche Barriere zur Integration ist aber kaum Bestandteil der Integrationsdebatte.

Nun kommen wir dazu, was wir in Deutschland im Überfluss haben: Studien über angebliche Aspekte von Integration, die von x-beliebigen Perspektiven erforscht wurden.

Der Integrationsreport des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF) hat beispielsweise die „sprachliche Integration von Migranten“, Türken, Jugoslawen, Italiener, Griechen und Polen untersucht. Laut offiziellen Aussagen, erfolgt Integration aber „zweiseitig“. Hier stellt sich dann die Frage: Wieso werden nur die „nicht Deutschen“ „untersucht“? Wo sind die Studien, die uns darüber aufklären, wie sich die „Deutschen“ in die deutsche Gesellschaft integrieren oder was und wie sie zu der gegenseitigen Integration beitragen?

Laut BAMF bilden „Deutschkenntnisse […] einen zentralen Aspekt und können als ein Maßstab der Integration von Migranten in die Aufnahmegesellschaft betrachtet werden.“ Wie aber kommt das BAMF darauf, Integration stünde im direkten Verhältnis mit Sprachkenntnissen oder „Menschen mit Migrationshintergrund“ könnten so schlecht deutsch sprechen, dass sie sich nicht integriert könnten? Wie viele Menschen in Deutschland sprechen wirklich so schlecht Deutsch, dass man sich mit ihnen überhaupt nicht verständigen kann, wenn man wollte?

Was ist denn Integration überhaupt, wie misst man sie und wer entscheidet wie integriert jemand ist? Etwa der deutsche Staat?

Die ethnozentrische Perspektive in vielen Integrationsstudien ist ein Hinweis dafür, dass wir in Deutschland eine Assimilationspolitik betreiben. Die Behauptung, dass Menschen mit Migrationshintergrund schlecht Deutsch sprechen, ist ein Schlüsselaspekt unserer Propaganda. Damit können wir die fehlende Repräsentation von „Menschen mit Migrationshintergrund“ in öffentliche Verwaltung, in der Politik, in vielen Funktionen des öffentlichen Lebens und im Arbeitsmarkt rechtfertigen.

Nehmen wir einen Fall, wo es stimmt, dass jemand nicht gut deutsch spricht. Daraus automatisch zu folgern, er sei nicht integriert, ist rassistisch. Könnte sich der deutschstämmige Andreas kaum ausdrücken, würde niemand auf die Idee kommen, ihn als nicht integriert einzustufen. Denn Andreas ist kein Objekt der Integrationsstudien, wie es die Emine ist. Diese Studien unterliegen der ethnozentrischen Annahme, alle Deutschen könnten gut Deutsch sprechen. Folglich hinterfragt man nur die Deutschkenntnisse der „nicht Deutschen“.

Was ist es aber, wenn Emine nur English spricht, weil sie für eine internationale Firma arbeitet und damit sehr gut in Deutschland zurechtkommt? Sie trifft sich mit FreundInnen, ist im Sportverein, besucht Konzerte, ist erfolgreich und zahlt ihre Steuern. Aber „offiziell“, wäre Emine nicht integriert – im Gegensatz zu Andreas, der möglicherweise ständig betrunken ist, keine Freunde hat und an öffentlichen Veranstaltungen nicht teilnimmt.

Jeder Mensch hat das Recht, im gesetzlich-moralischen Rahmen sein Leben selbst zu bestimmen. Und viele Elemente der Integrationsdebatte wie wir sie in Deutschland führen verletzen das Selbstbestimmungsrecht unserer Mitbürger.

Auch dazu ein konkretes Beispiel: In einer BAMF-Studie wird die Wohnungsausstattung der „Menschen mit Migrationshintergrund“ untersucht; ein willkürlicher Ansatz, der die Privatsphäre verletzt und dessen Verbindung zu Integration sehr fragwürdig ist. Auch die Schader Stiftung scheint die Wohnsituation der „Türken“ interessantzu finden.

Diese Art von Informationserwerb, wie sie in der Schader Studie ausgeführt wird, ist moralisch und wissenschaftlich sehr bedenklich. Wenn es um Wohnungsdiskriminierung geht, gibt es Tester-Methoden, die z.B. in den USA effektiv eingesetzt werden. Wohnungsdiskriminierung ist, anders als Diskriminierung am Arbeitsmarkt, ziemlich einfach zu detektieren.

Unterschiede in Wohnverhältnissen können unter anderem durch Diskriminierung am Arbeitsmarkt bedingt sein. Dafür sollten wir den deutschen Arbeitsmarkt untersuchen und reformieren, anstatt ethnische Details der Menschen, die keine eigene Toilette in ihren Wohnungen haben oder keine Möglichkeit haben, in ihren Wohnungen zu duschen, zu untersuchen.

Nebenbei sei hier die Frage erlaubt: Wieso darf in einem hochregulierten Land wie Deutschland, wo sogar der Familiennachzug von der Größe des Wohnraumes abhängt, es überhaupt Wohnungen ohne Dusche/Bad geben? In einer zivilisierten Gesellschaft gehört die körperliche Hygiene zum Grundbedürfnis. In manchen „Kulturkreisen“ wird täglich geduscht – in den USA beispielsweise. Gegeben dieses Faktes, scheint es in Deutschland ein dringenderes Problem zu geben, als die Nicht-Assimilation von „Türken“.

Die eingeschränkte Perspektive und das Fehlen einer adäquaten wissenschaftlichen Aufklärung in der „Integrationsdebatte“ in Deutschland sind höchst alarmierend. In diesem Zusammenhang ließen sich viele weitere Probleme ansprechen, die aber den hier gegebenen Rahmen sprengen würden.

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass eine überwiegende Mehrheit der Integrationsstudien negative Messages über „nicht Deutsche“ verbreiten und wenig mit der Realität oder der Verbesserung des Status-quo zu tun haben. Sie kommunizieren lediglich die Unterlegenheit der „nicht Deutschen“ und werten damit die Dominante Kultur auf. Solche rassistische Ansätze haben in der Wissenschaft nichts zu suchen.

Ein Schlüsselaspekt für Integration ist die Integration unserer Mitbürger am Arbeitsmarkt. Durch faire Chancen auf dem Arbeitsmarkt können sich Menschen besser verwirklichen und werden sich automatisch „integrieren“. Durch Anti-Diskriminierungs- und Diversity-Aufklärung kann man in diesem Gebiet sehr viel erreichen. Dann kommt auch niemand auf die dumme Idee, sich mit den Abort- und Duschbedingungen der „nicht Deutschen“ als vermeintliche Integrationsindikatoren zu beschäftigen.

DANKE,

ich möchte MiGAZIN auch in Zukunft lesen:

»Wir steuern auf eine Katastrophe zu« Interview SZ-Magazin mit Byung-Chul Han

In Netzschau on Dezember 16, 2012 at 1:22 pm

Dieses Interview von Tobias Haberl mit Byung-Chul Han ist im SZ-Magazin 50/2012 erschienen und auch direkt bei der Sueddeutschen  zu lesen: http://sz-magazin.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/39059/1/1

SZ-Magazin: Herr Han, egal an welchem Tag man die Zeitung aufschlägt, alle fordern mehr Transparenz: Die Piraten sowieso, aber auch die Katholiken, die Arbeitnehmer, die Verbraucher, die Politiker Seehofer, Trittin und Altmaier. Die Grünen loben sich selbst für ihre transparente Urwahl, sogar die Mitglieder des SV Babelsberg fordern mehr Transparenz in ihrem Verein. Warum ist das so?
Byung-Chul Han: Sie haben recht, die Forderung nach Transparenz nimmt inzwischen totalitäre Züge an. Das beunruhigt mich sehr.

Aber Transparenz sorgt für Informationsfreiheit, das kann doch wirklich nicht schlecht sein?
So lautet die allgemeine Rechtfertigung, aber ich denke, dass es eine tiefer liegende Ursache für die zunehmende Forderung nach Transparenz gibt. Um sie zu begreifen, müssen wir auf einer philosophischen, nicht auf einer Talkshow-Ebene darüber sprechen.

Einverstanden. Sie behaupten also, Transparenz sei schlecht.
Das habe ich nicht gesagt.

Sondern?
»Transparent machen« – das klingt, als würde man gnadenlos durch- und ausgeleuchtet wie in einem Nacktscanner. Mich interessiert die Dimension der Gewalt, die dem Phänomen der Transparenz innewohnt.

Aber dass Transparenz Machtmissbrauch, Vetternwirtschaft und Korruption verhindern kann, glauben Sie auch?
Das bestreite ich nicht, aber die Forderung nach Transparenz richtet sich inzwischen gegen jede Form der Macht. Und man darf Macht nicht auf die Möglichkeit des Missbrauchs reduzieren. Macht an sich ist nichts Schlechtes. Für politisches Handeln ist sie sogar elementar. Vergessen Sie niemals: Ohne Macht ist Politik nicht möglich. Und dieser Transparenzterror verdeutlicht, dass nicht irgendeine Koalition, sondern die Politik selbst in einer tiefen Krise steckt.

Worin besteht diese Krise?
Politiker werden nicht mehr aufgrund ihrer politischen Handlungen wahrgenommen. Denken Sie an Karl-Theodor zu Guttenberg oder Peer Steinbrück. Der eine musste sich nur noch mit seiner Doktorarbeit, der andere mit seinen Nebeneinkünften auseinandersetzen. Ich glaube nicht, dass sich die Wähler früher dafür interessiert hätten, ob Adenauer seine Frau betrügt oder zu viel Geld für einen Vortrag verlangt. Die Menschen hatten Respekt vor ihrem Kanzler. Was er in seinem Privatleben gemacht hat, fiel nicht ins Gewicht. Es gab ein Verständnis für Rollen und Rituale. Wer man wirklich ist, hat damals nicht interessiert. Heute gilt ein Politiker nur als authentisch, wenn er sein Privatgefühl zeigt. Wir leben im Terror der Intimität und Enthüllung.

Dann darf ein Politiker also machen, was er will, solange er politisch clever handelt?
Ich sage das ohne Bewertung. Ich behaupte nur, dass der Transparenzwahn die Demokratie nicht fördert, sondern gefährdet, und dass uns Werte wie Vertrauen und Respekt verloren gegangen sind.

Ist Macht auch ein Wert?

Macht ist ein wichtiges Medium in der Politik. Für politisches Handeln ist eine gewisse Informationsmacht notwendig, eine Souveränität über die Produktion und Verteilung von Information. Es gehört auch zur Politik, dass bestimmte Informationen zurückgehalten werden müssen. Politik ohne Geheimnis – das geht nicht. Politik ist strategisches Handeln, ein Spiel mit der Macht. Ein transparentes Spiel gibt es aber nicht.

Christian Wulff und Peer Steinbrück haben versucht, Vertrauen zurückzugewinnen, indem sie ihre Privatgeschäfte offenlegen. Kann das funktionieren?
Nein. Es ist das Wesen von Vertrauen, dass es keiner Beweise bedarf. Und es ist
lächerlich, wenn ein Politiker seine Kontoauszüge offenlegt.

Warum?
Weil er sich in eine tödliche Logik begibt. Das Verlangen nach Transparenz wird nur dort laut, wo Vertrauen schwindet. Wir erleben gerade, dass die Gesellschaft des Vertrauens vorbei ist. Stattdessen setzen wir auf Transparenz, mit der Folge, dass wir uns immer weiter von einer Gesellschaft des Vertrauens wegbewegen, weil Transparenz immer noch mehr Transparenz und Kontrolle notwendig macht. Gehen Sie mal auf die Website der Schufa: »Wir schaffen Vertrauen« steht da. Das ist reiner Zynismus. Die Schufa schafft kein Vertrauen, sie zerstört Vertrauen, indem sie auf totale Kontrolle setzt.

Peer Steinbrück wurde heftig angegriffen für seinen Satz: »Transparenz gibt es nur in Diktaturen.«
Dabei hatte er recht. Totale Transparenz ist nur durch totale Kontrolle möglich, und die gibt es nur in einer Diktatur. Es gehört zur Demokratie, dass die Menschen nicht alles wissen können. In der Demokratie gibt es Räume, die man nicht durchleuchten darf. »Neues Wort für Gleichschaltung: Transparenz«, hat der Journalist Ulrich Schacht geschrieben, der 1973 in der DDR wegen »staatsfeindlicher Hetze« zu sieben Jahren Gefängnis verurteilt wurde. Erst jetzt verstehen wir, was er gemeint hat. Es gibt eben nicht nur Schwarmintelligenz, sondern auch Schwarmdummheit und Schwarmdiktatur.

Demnach wäre die Piratenpartei ein Widerspruch in sich.
Sie versinkt nach anfänglichen Erfolgen ja auch gerade in einem Chaos aus Stimmen und Meinungen. Alle dürfen mitreden, alle wissen alles, die Piraten können keinen politischen Willen artikulieren und sind handlungsunfähig. Im Übrigen spielt die Piratin Marina Weisband gerne das blutrünstige Rollenspiel Vampire Live. Dort habe sie nicht nur ihren Verlobten, sondern auch die Politik kennengelernt, die darin bestehe, Intrigen zu spinnen und geheime Verabredungen zu treffen. Ausgerechnet die Piratin, die für Transparenz eintritt, sagt das ganz offen.

Sie ist als politische Geschäftsführerin der Piraten ja mittlerweile ausgestiegen.
Ja, weil sie vielleicht festgestellt hat, dass Politik mehr als ein harmloses Rollenspiel ist. Auch der Berliner Pirat Christoph Lauer hat zugegeben: »Transparenz ist ein Kampfmittel, andere Meinungen niederzudrücken.« Die totale Abschaffung der Führung und Hierarchie ist problematisch, weil sie so viel Lärm erzeugt, dass eine Partei darin ertrinken kann.

Das müssen Sie genauer erklären.

Wenn ein Politiker Charisma hat, kann er seine Meinung, seine Ansicht, seinen Willen ohne großen Widerstand durchsetzen. Die Menschen verinnerlichen, was er sagt, weil sie Respekt vor ihm haben. Das ist Macht. Diesen Politiker gibt es nicht mehr. Heute bewerfen die Wähler die Politiker mit Shitstorms. Das lähmt und erschwert das politische Handeln. Ironischerweise ist also gerade die Transparenzgesellschaft sehr undurchsichtig, weil sie viel zu verworren und lärmend ist. Der Staatsrechtler Carl Schmitt sagt: »Souverän ist derjenige, der über den Ausnahmezustand verfügt.« Souverän ist also derjenige, der eine absolute Stille erzeugen kann.

Man könnte Ihre Beweisführung auch als Plädoyer für autoritäre Regime verstehen. In China und Russland funktioniert die Einbahnstraßenkommunikation ganz gut.
Noch einmal. Ein Politiker, der Macht und eine Vision hat, kann eine Gesellschaft auch wunderbar gestalten.

Wer könnte das sein, Barack Obama?
Ich weiß nicht, ob der überhaupt Macht hat.

Also doch Putin oder Kim Jong Un aus Nordkorea.
Erst recht nicht. Ein Tyrann hat keine Macht. Es ist umgekehrt. Weil man keine Macht hat, wird man zum Tyrannen. Wer mächtig ist, braucht keine Gewalt anzuwenden. Wer mächtig ist, stößt nicht auf Widerstände.

Wael Ghonim, Marketingexperte bei Google, gab den Slogan aus: »Um eine Gesellschaft zu befreien, braucht man ihr nur Zugang zum Internet zu geben.« Was sagen Sie dazu?
Denken Sie an China oder den Iran. Das Internet ist dort ein äußerst effizientes Medi-um der Kontrolle. Die digitale Vernetzung schafft ein digitales Panoptikum. Und das funktioniert perfekt, weil sich inzwischen jeder freiwillig entblößt. Ausleuchtung ist Ausbeutung – und beides lassen wir inzwischen bereitwillig zu, nein, wir wollen es selbst. Wir fühlen uns frei in der Ausbeutung. Das macht die Kontrollgesellschaft so effizient.

Sie spielen auf soziale Netzwerke an. Sind Sie bei Facebook?
Nein. Ich wüsste nicht, was ich da sollte, es ist total langweilig. Peter Handke schreibt: »Von dem, was die anderen nicht von mir wissen, lebe ich.« Er hat recht. Und die meiste Zeit rede ich sowieso mit mir selbst. Dafür brauche ich kein Facebook.

Eine Milliarde Menschen sehen die Notwendigkeit, bei Facebook zu sein. Warum?
Die Frage ist doch: Warum kommunizieren wir überhaupt? Der Kommunikationstheoretiker Vilém Flusser meint, dass wir kommunizieren, um dem Tod zu entkommen.

Demnach kommunizieren wir, um dem Leben einen Sinn zu verleihen.
Ja, aber die digitale Kommunikation ist nicht dafür geeignet, Sinn zu produzieren. Nur ein Dialog mit einem Du kann Sinn stiften. Ein Gebet wäre ein Dialog. Auf Facebook oder Twitter ist kein Dialog möglich, dazu gehört mehr als »Gefällt mir«. Aber die Kirchen leeren und Facebook füllt sich. Es ist eine neue Kirche entstanden, die aber keinen Sinn stiftet. Auf Facebook können wir dem Tod nicht entkommen. Und weil wir das spüren, kommunizieren wir immer mehr und immer schneller.

Aber ein Gespräch – und sei es nur auf Facebook – kann erheitern, nachdenklich machen, trösten.
Die Informationsmenge, die auf Facebook verhandelt wird, ist riesig, aber man erzeugt keine Intensität durch Quantität. Wir denken: Je mehr Nachrichten ich sende oder empfange, desto näher bin ich einem anderen Menschen.

Und das stimmt nicht?
Nein. Man kann einen nahen Menschen fassen oder an einen fernen Menschen denken, aber ihm eine SMS schreiben? Führt das wirklich zu Nähe? Das ist die Frage. Und ist es nicht eher andersrum: Gerade weil wir so viele Nachrichten senden, verlieren wir die Fähigkeit, einen nahen Menschen zu fassen und an einen fernen Menschen zu denken. Natürlich entsteht etwas, wenn ich mit jemandem intensiv Informationen austausche, aber ich würde es nicht Nähe nennen, eher Abstandslosigkeit.

Was ist der Unterschied?
Nähe ist eine dialektische Figur. Der Nähe ist immer eine Ferne eingeschrieben, und wenn man der Nähe die Ferne nimmt, verflacht sie zur Abstandslosigkeit. In einem Liebesgedicht von Paul Celan heißt es: »Du bist so nahe, als weiltest du nicht hier.« Es klingt paradox, aber es stimmt. Zwei Menschen können sich nur nah sein, wenn sie voneinander entfernt sind. Und die digitale Vernetzung hebt diese Dialektik auf. Sie zwängt alles ins Hier und Jetzt, mit der Folge, dass die Nähe verschwindet.

Glauben Sie, dass die digitale Vernetzung langfristig negative Auswirkungen auf die Psyche der Menschen haben wird?
Das kann man heute nicht sagen. Aber auffallend ist doch, dass wir so viel kommunizieren, dass es keine Pausen, kein Schweigen mehr gibt. Eine Lücke inmitten dieser Informationsfluten erscheint uns unerträglich, weil Pausen in unserer Informationsgesellschaft keine Rolle mehr spielen. Die Pause ist der Tod. Und deswegen schwätzen wir pausenlos und verlernen, das Wichtige vom Unwichtigen zu unterscheiden. Dabei können Auslassen und Vergessen sehr produktiv sein, ganz zu schweigen von der Intuition, die uns vor lauter Informationen abhanden kommt. Um denken zu können, bedarf es einer Stille und Leere.

Und die gibt es kaum mehr. Ja, wir erleben im Moment eine enorme Beschleunigung des Kreislaufs von Zeichen, Informationen und Kapital. Für diese Beschleunigung müssen alle Geheimnisse, Rückzugsräume, Einzigartigkeiten, Ecken und Kanten beseitigt werden. Nur in der Transparenzgesellschaft stößt der permanente Informations- und Warenfluss auf keinen Widerstand mehr. In der Transparenzgesellschaft ist alles nach außen gekehrt, enthüllt, entkleidet und exponiert. Wir stellen uns selbst aus für Aufmerksamkeit.

Was ist die Folge?
Wir unterstützen den Turbokapitalismus und die neoliberale Leistungsgesellschaft, indem wir alle zur Ware werden. Der einzige Wert, der noch existiert, ist der Ausstellungswert. Das ist eine dramatische Reduktion des Lebens und des Daseins.

Aber wir senden doch pausenlos Nachrichten, um zu zeigen, wie einzigartig wir sind. Ein Irrglaube. Facebook ist ein Ort der Glättung, wo alle deswegen gleichförmig sind, weil sie anders sein wollen. Jeder wird warenförmig gemacht, damit er sich ins System einfügen kann. Auf Facebook kann keiner mehr anders sein. Und das Zentrum der Gleichheit ist der »Gefällt mir«-Button. Warum gibt es keinen »Gefällt mir nicht«-Button? Ein Ratgeberbuch fürs Internet-Dating heißt: Millionen Frauen warten auf dich. Und was tun die Männer? Sie vergleichen. Trennen Sie das Wort mal:
Ver-gleichen, das heißt: Sie machen alles gleich. Wir leben in der Hölle des Gleichen,
in der erotische Erfahrungen nicht mehr möglich sind.

Weil wir zu narzisstisch sind? Ja, mein neues Buch handelt davon. Es heißt Agonie des Eros und beschreibt, dass wir depressiv werden, weil wir uns überall nur noch selbst begegnen. Wir sind erschöpft von uns selbst. Der Eros ist dagegen eine Erfahrung, dass man durch den anderen aus sich selbst herausgerissen wird. Es ist ein Kennzeichen der immer narzisstischer werdenden Gesellschaft, dass der andere verschwindet. Und mit ihm der Eros, also die Möglichkeit der Liebe.

Wo sehen Sie die Grenze dieser Entwicklung? Ich denke, dass wir auf eine Katastrophe zusteuern.

Aber Antikapitalismus ist wieder chic, ökologisches Bewusstsein erst recht. Ist es nicht möglich, dass wir die Transparenz- und Wachstumslogik durchbrechen und das System reformieren, bevor es implodiert?
Egal wie weit man zurückdenkt, der Mensch lernt nur durch Katastrophen, nie durch Einsicht. In Europa gäbe es heute keinen Frieden ohne den Zweiten Weltkrieg. Arthur Schnitzler hat mal gesagt: »Die Menschen verhalten sich wie Bazillen. Sie wachsen und zerstören dabei den Raum, in dem sie leben, wodurch sie am Ende selbst zugrunde gehen.« Dieser Vergleich leuchtet mir ein. Wir gehen zugrunde, weil wir uns der höheren Ordnung nicht bewusst sind. Weil wir ständig wachsen, werden wir an diesem Wachstum zugrunde gehen.

Was könnte diese höhere Ordnung sein?
Das wüsste nur ein Wesen, das intelligenter wäre als wir.

Der Spiegel hat Sie mal »Philosoph der schlechten Laune« genannt. Jetzt wissen wir, warum.
Ich bin lieber ein Philosoph der schlechten Laune als der Philosoph der guten Laune. Ehrlich gesagt habe ich überhaupt keine Laune. Ich bin manchmal traurig, aber das ist was anderes. Denken ist immer eine Form des Widerstandes. Und ja, ich denke, um dem Tod zu entkommen und dem Leben zu dienen.

Byung-Chul Han
wurde 1959 in Südkoreageboren und lehrt heute als Professor für Philosophie und Kulturwissenschaft an derUniversität der Künste in Berlin. Bekannt wurde er durch seinen Bestseller »Die Müdigkeitsgesellschaft« (2010) über die zunehmende Kultur der Selbstausbeutung. In seinem Buch »Die Transparenzgesellschaft« (2012) beschreibt er, wie wir uns – unter dem Deckmantel von Demokratie und Informationsfreiheit – zu einer totalitären Kontrollgesellschaft entwickeln.

Dieser Text wird mir eine Klage einbringen

In Gewalt in Kommunikation, Netzschau on Dezember 10, 2012 at 6:10 am

Es gibt Menschen, mit denen ist kein Gespräch mehr möglich. Man kann sich bei Ihnen nicht entschuldigen, wenn man einmal etwas falsch gemacht hat, weil sie das unter Garantie alles gar nicht hören möchten, denn es gibt Menschen, deren Weltbild ist so einfach, dass man es nicht mit einem Meinungswechsel aus dem Gleichgewicht bringen darf. In diesem Fall reden wir von einem Radiomoderator, der mich verklagen wird. Er hat das mehrfach als seine Lieblingslösung dargelegt und ich weiß, dass es kommen wird. Sein Name ist der selbe, wie der von Barbies Freund, die Ähnlichkeit ist auch vorhanden: Ken Jebsen von KENFM. Seine Sendung heißt wie er, er hat drei facebookseiten, die immer jeweils ihn auf dem Profilbild und dann – Überraschung – IHN auf dem Titelbild zeigen. Hier mag sich jemand so sehr, dass alles andere hinten anstehen muss, wenn es um das Ego des Ken Jebsens geht. Und da muss auch sein eigenes Lieblingsthema zurückstecken, wenn es einmal soweit ist.

Ken Jebsen kämpft gegen Rassismus und Gewalt … sagt er.
An mir hat er diese Dinge jedoch voller Freude am „Spiel“ – denn er nannte es ein Spiel – ausgeübt. Vorneweg: Ich finde es großartig, dass jemand, der eine Haltung hat und sich gegen Rassismus einsetzt, auf facebook 25.000 Fans haben kann. Das stimmt optimistisch, nein das könnte optimistisch stimmen, würde nicht so schnell dieser harsche Ton auffallen, mit dem Ken Andersdenkende beleidigt und von der Planke seines facebookbootes wirft, um sie seinen Fanhaien zum Fraß vorzuwerfen.

Was ist überhaupt passiert? Alles beginnt mit einem dummen Impuls meinerseits und endet mit Demagogie seitens Ken Jebsens. Der Autor Hendryk M. Broder wirft dem Moderator Antisemitismus vor, weil dieser – lassen wir es ihn einfach selbst sagen: „Ich hatte Mahmud Abbas‘ UN-Auftritt gelobt und US-Außenpolitik als irgendwie verlogen angeprangert.“ (Ken Jebsen) Diese Aussage war für Hendryk M. Broder Anlass genug, Jebsen einen Antisemiten zu nennen. Broder schrieb daraufhin den RBB an, um sich zu beschweren, dass ein öffentlich rechtlicher Sender einen Antisemiten unterstützt. Diese Dinge passieren übrigens tagtäglich. Es vergeht kein Tag in einer Zeitungsredaktion, ohne dass nicht mindestens einem Journalisten per Brief, Fax oder email, Rassissmus, Sexismus oder antisemitische Tendenzen vorgeworfen werden. Diese Zusendungen gehören zum Alltag eines redaktionell arbeitenden Unternehmens. Der Umgang damit ist einfach: Keine Antwort ist auch eine Antwort und wenn mein Kind mich tausendmal fragt, ob es ein Auto anzünden darf, erhält es darauf einfach keine Antwort. Funktioniert prima. Das Kind hat noch nie ein Auto angezündet und die Trolle melden sich höchstens noch zweimal, bis sie endlich enttäuscht aufgeben, aber das Team um Ken hat sich eine eigene Methode ausgedacht: Denunziation, Hetze und Kens Lieblingswerkzeug: WEITERLEITEN! Immer alles weiterleiten!

Und darum hat das die RBB-Intendantin auch getan. Sie beleidigt Broder immer wieder in den mails und leitet den gesamten Wortwechsel weiter an Ken, der ihn seinerseits auf seiner Facebookseite bloßstellt, indem er die mails öffentlich macht. Ein hässliches Unterfangen, das meinen Fehler nicht begründet. Mein Fehler war ein anderer. Ich weiß nicht, warum der Beitrag von KENFM in meiner facebook-timeline erschien, aber das tat er und er machte mich wütend.

Ich bin Ken Jebsen in meinem Leben viermal begegnet. Zweimal beim rbb selbst und zweimal privat mit einem ehemaligen „Freund“. Jedes dieser Aufeinandertreffen war geprägt von der Eitelkeit des Beaus Jebsens und bei den privaten Aufeinandertreffen hat er frauenfeindliche, rassistische und ja, auch Judenwitze gerissen. Auf mich wirkte er so abstossend, dass ich seine Arbeit niemals verfolgt habe. Mein Urteil stand felsenfest und darum bin ich mit Jebsens Arbeit auch wirklich sehr wenig vertraut. Inzwischen weiß ich, dass er sich offenbar gegen Rassismus und Gewalt einsetzt und diese Disharmonie verwundert mich und das tut es nun umso stärker, nachdem ich nun also noch einmal mit ihm auf eklige Art und Weise aneinander geriet. So. Was habe ich getan? Ich habe einen Kommentar hinterlassen. Impulsiv und unüberlegt. Wütend und unsachlich. Ich schrieb:

„Ich erinnere mich sehr gut an ein Treffen mit Ken Jebsen und Mark Scheibe, bei dem beide alkoholisiert Frauen- und fremdenfeindliche Witze rissen.“

Darauf antwortete Ken, dass solle ich mal beweisen, er trinke gar keinen Alkohol und er kündigte an, dass er sehr gut in Grabenkriegen sei. Ich schrieb, dass es die Sache nicht besser mache, wenn er seinerzeit nüchtern gewesen sei und fragte, wieso er nun gleich an einem Krieg interessiert sei. Ich würde friedliche Auseinandersetzungen bevorzugen. Ken war der Meinung, mir noch nie begegnet zu sein, also schrieb ich ihm erklärend, dass Mark Scheibe mein damaliger Partner gewesen sei und wir darum zusammen gesessen hätten. Da hatte Ken die Lösung parat:

Ich führe einen Rosenkrieg gegen meinen Exfreund, war seine einfache Erklärung der Sachlage und er löschte meine Posts. Inzwischen war es ausgerechnet einer meiner Facebookfreunde, der mir einerseits mail zum Thema schrieb und andererseits ellenlange Kommentare auf Kens Seite postete, dass mein Verhalten inakzeptabel sei. Ich versuchte meinem Facebookbuddy zu verklickern, dass ich mit jemandem wie Ken nicht gerne in eine Auseinandersetzung treten wolle, da er mich ohnehin zensieren würde und weil sein Kampfstil zu rücksichtslos sei für mein sensibles Gemüt.

Ebenjenes sensible Gemüt ließ mich dann aber den ganzen Tag nicht mehr stillsitzen und also rang ich mich durch und schrieb zunächst auf Kens Seite dass ich mich nicht weiter äussern würde, da meine Statements ja eh gelöscht würden und weil ich diese Form der „Kriegsführung“ nicht ertragen würde. Es verging noch mehr Zeit mit noch mehr schlechtem Gewissen und also schrieb ich schließlich einfach an Ken selbst. Ich schickte Ken die folgende private Nachricht:

Vielleicht sollten wir das mal persönlich klären, weil ich tatsächlich keinerlei Interesse an einem solchen Kleinkrieg hege. Zunächst: Von Broder soll jeder halten, was er will. Ich bin nicht sein Fan und ich bin sicher in vielen Bereichen Deiner Meinung. Ich gebe auch gerne zu, dass meine „Beteiligung“ an dieser Diskussion auch sehr impulsiv war. Von Mark Scheibe darf auch jeder halten, was er will und ja, ich kann ihn tatsächlich so gar nicht austehen, aber kommen wir nun in aller Ehrlichkeit zum Kern meiner Aussage:  Du und ich, wir sind viermal aufeinander getroffen. Das war zweimal bei Fritz und zweimal irgendwo privat mit Mark. Du wirst Dich vermutlich gar nicht erinnern, weil alle diese Begegnungen eher flüchtiger Natur war. Beide Male, die wir uns mit Mark trafen, haben Du und Mark sehr eklige Witze über Juden, Schwarze und Frauen gerissen. Ich war sehr abgestossen und dieser Eindruck ist einfach bei mir hängen geblieben. Dass ich mich auf diese Weise auf eine Diskussion eingelassen habe, tut mir persönlich leid. Im Grunde kann man sagen, dass mein Eindruck gar nichts mit dieser Sachlage zu tun hat. Broder ist ein Spinner. Von mir aus. Ihn auf diese Weise bloßzustellen verurteile ich allerdings. Ich habe einen persönlichen Eindruck Deiner Person geäussert und das war unprofessionell und nicht besonders klug. Geschenkt. Ich würde darüber kein Buch schreiben wollen. Mein Eindruck ist allerdings da und ich hoffe, dass Du darauf in einer Weise antworten kannst, die nicht verletzend ist. Ich habe sehr viele Probleme mit Hassmails und dergleichen und hege lieber zielgerichtetere Dialoge.

Danke und Entschuldigung, Meike (von wegen mit „ai“)

Ken reagierte darauf nicht. Inzwischen fragten User auf der Seite, wo meine Kommentare verblieben seien und warum er dem Vorwurf nichts entgegenzusetzen habe außer Löschung. Ken erklärte ihnen, dass dies eine Verleumdung sei, für die er keine Zeit habe und erklärte meine Kommentare als Teil eines Spindoctors. WOW! Ein Spindoctor ist jemand, der von politischer Instanz bezahlt wird, um Medien subtil zu manipulieren. Nun wurde ich also Teil einer Verschwörung und angeblich dafür bezahlt, Meinung gegen Ken zu machen. Auf mein Schreiben antwortete er erst einmal nicht. Das kam erst viel später.

Erst einmal behauptete er auf seiner Seite weiter gegenüber Nachfragenden, dass ich einerseits einen Rosenkrieg gegen Mark Scheibe führe, andererseits sagte er, ich würde bezahlt, um seine Person zu schmähen. Da ich ihn ja aber längst über meine wahre Meinung aufgeklärt hatte, hielt ich es schließlich nicht mehr aus und schrieb doch noch etwas auf seine Chronik:

kenscreenshot1

Daraufhin wurde ich blockiert. Und ich erhielt eine private Antwort des Moderators.

Ich habe deinen gesamten text an scheibe geleitet.
Hier noch ein Lesetip .http://www.amazon.de/gp/aw/d/3825225232/ref=mp_s_a_1?qid=1355010777&sr=8-1&pi=SL75

Sein Stilmittel: Die Weiterreichung. In wiefern mich das beeindrucken soll, ist mir nicht ganz klar. Eines ist jedoch unübersehbar: Mit Ken Jebsen ist Frieden nicht zu machen. Das einfache Lesen meiner mail oder eine kurze Recherche im Internet hätte ihn darüber aufklären können, dass wir uns beide gegen die selben Sachen engagieren, er hätte meine Entschuldigung annehmen und in einen konspirativen Dialog treten können. Stattdessen hat er mich denunziert, mich beleidigt und für mindestens verhaltensgestört erklärt.

Alle User, die nach mir fragten und die Vorgänge als befremdlich darstellten, wurden ebenfalls von der Seite geblockt. Einer teilte mir mit, dass Ken ihm geschrieben und versucht habe, ihn zu überzeugen. Dabei hat er mir allerdings die Worte im Munde umgedreht und erklärt, wie er mit derlei Störern umgehe. Nachdem der User ihn darüber aufklärt, dass dies so alles nicht richtig ist und weiterhin nachfragt, wieso Ken die Statements löschen und dann falsch wiedergeben würde, wurde auch er blockiert. Hier ein Teil dieses Dialoges:

Bildschirmfoto 2012-12-09 um 16.20.26

Bildschirmfoto 2012-12-09 um 16.20.50

An mich richtete er mit der Blockierung noch die folgende Nachricht:

„Wer bezahlt Sie, Maike von Wegen? Ich kenne Sie nicht. Spielen Sie ihre Spielchen woanders.“

Schade, Ken Jebsen. Mein Eindruck bleibt nun also weiter bestehen. Sie haben frauenfeindliche und rassitische Witze in meinem Beisein gerissen und anstatt sich dazu zu äussern, zogen Sie es vor, einen privaten Grabenkrieg gegen mich zu führen. Kämpfen wir wirklich für dasselbe? Ich bin verwirrt. Denn in meinen Augen stellen derlei Methoden – Dennunzieren und Weiterleiten – eine enorme Gewalt dar. Außerdem frage ich mich: Geht es um Gewalt oder geht es um das Ego eines Moderators?

Es sollte hier eigentlich gar nicht um irgendein Ego gehen. Weder um das eines Mark Scheibes (wer-ist-das-überhaupt?), noch um das einer Meike Büttner oder um einen Ken Jebsen-Ego. Es geht um etwas anderes. Das Problem heißt Gewalt.

Ein Text von Meike Büttner

Lass Dich nicht entmündigen !

In Netzschau, Staatsgewalt on November 26, 2012 at 9:15 am

Gustl Mollath wurde geisteskrank erklärt, weil er über Informationen verfügte, die der HypoVereinsbank großen Schaden hätte zufügen können und ist nun seit 5 Jahren in Gewahrsam. Mit zahlreichen Hartz IV- Empfängern, die sich gegen Sanktionierungen auflehnten und anderen wurde ähnlich verfahren. Tatsächlich ist es nahezu jedem Menschen möglich (Ihrem Nachbarn, Bekannten, „Freund“, etc.) sie für psychisch krank zu erklären und die Betreuung für Ihre Person zu beantragen.

Das Bündnis PatVerfü, unter der Schirmherrschaft von Nina Hagen hat darum eine Patientenverfügung erstellt, die sich jeder auf der Internetseite herunterladen kann. Ich trage sie inzwischen in meinem Portemonnaie mit mir. Diese Verfügung ist rechtlich einwandfrei und verbietet jedem, mir eine psychiatrische Diagnose zu erstellen. Damit entziehe ich dem Staat die Möglichkeit, mich einfach in eine Psychiatrie zu stecken.

In Netzschau on November 21, 2012 at 7:29 am

Achte auf Deine Gedanken, denn sie werden Deine Worte.
Achte auf Deine Worte, denn sie werden Deine Taten.
Achte auf Deine Taten, denn sie werden Deine Gewohnheit.
Achte auf Deine Gewohnheiten, denn sie werden Dein Charakter.
Achte auf Deinen Charakter, denn er wir Dein Schicksal.
(Talmud)

Die Gemeinsamkeit der Mörder

In Gewalt in Kommunikation, Netzschau on November 20, 2012 at 11:57 am

Ein öffentliches Antwortschreiben mit allgemeiner Gültigkeit

In der letzten Zeit häufen sich in meinem Postfach emails von wildfremden Menschen, die mir zwar persönlich nichts zu sagen haben, die aber dringend der Meinung sind, dass ich einen bestimmten Artikel der Springer-Presse oder ähnlichem lesen soll, um zu verstehen, dass ich mit meiner Arbeit gegen Rassismus im Unrecht bin. Für links der Springer-Presse habe ich inzwischen eine automatische Löschfunktion eingestellt. Jedoch stammen nicht alle links aus diesen Quellen, sodass mich hin und wieder die ein oder andere Zuschrift erreicht. Die links, die man mir zuschickt, beschäftigen sich mit den immer selben Themen. Es geht um türkische Ehrenmorde, arabische Zwangsverheiratungen, Morde aus Romakreisen, etc.

Ich habe mir darum überlegt, diesen Text zu schreiben, um diese Menschen einfach öffentlich auf Ihren Kategorienfehler hinzuweisen. Ich werde niemals auf derlei mails antworten, aber in Zukunft kann dieser Beitrag als meine Antwort auf derlei Schreiben geltend gemacht werden.

Es gibt all diese schrecklichen Dinge tatsächlich. Selbstverständlich gibt es diese grauenhaften Taten und da ich die Tagespresse verfolge, bin ich über derlei Vorfälle informiert. Warum diese Dinge als Argumente gegen Rassismus gelten sollen, ist mir schleierhaft. Dass Zusenden solcher einseitigen Meldungen erfüllt erneut den Tatbestand des Rassismus. Offenbar fällt es den Übersendern dieser Inhalte schwer, zu abstrahieren. Die Ehrenmorde weniger Menschen soll dafür herhalten, eine Abneigung gegen eine ganze Ethnie zu rechtfertigen. Ich könnte dem die tausend deutschen Frauen entgegensetzen, die Jahr für Jahr wegen Misshandlung ihrer eigenen deutschen Kinder im Gefängnis landen oder die Gewaltverbrechen deutscher Männer, die ebenso zahlreich sind wie die Morde anderer Bevölkerungsgruppen. Die einseitige Darstellung derer, die mir derlei links zuschicken spricht Bände über die eigene Ignoranz und die Vorurteile dieser Menschen.

Tatsächlich lässt sich über Mörder das folgende festhalten:

Die Philosophin und Evolutionspsychologin Helena Cronin konnte in ihrem Buch The Ant and the Peacock schon 1991 nachweisen, dass Mörder in Bezug auf Alter und Geschlecht in allen Ländern der Welt Parallelen aufweisen. Die meisten Mörder auf der Welt sind männlich und in einem jungen Alter. Ebenfalls gemeinsam ist ihnen die Herkunft aus einer Minderheit. Der Psychiater James Gilligan, Leiter des Zentrums für die Untersuchung von Gewalt an der Harvard Medical Shool, der Zeit seines Lebens mit Gewaltverbrechern in Psychiatrien gearbeitet hat, kann das wie folgt begründen:

„Gewalttaten bedeuten den Versuch, ein Gefühl der Erniedrigung abzuwehren und zu tilgen – ein Gefühl das überwiegend schmerzhaft und unerträglich werden kann – und es durch sein Gegenteil zu ersetzen, durch ein Gefühl des Stolzes.“ In seinen Gesprächen mit den Männern, die Gewalttaten begangen hatten, stellte er immer wieder fest, dass es wahre oder vermeintliche Verletzungen des Stolzes waren, die diese Taten auslösten – ein Verhalten anderer, das für die Täter Erniedrigung und Schande bedeutet. (Violence – our deadly epidemic and ist causes, James Gilligan, 1996)

Somit ist im Grunde jeder Mord ein sogenannter Ehrenmord, der begangen wird in dem Versuch, seine eigene Ehre durch diese Tat wieder herzustellen. Wer gerne einen Zusammenhang herstellen möchte zwischen typischen Merkmalen von Mördern kann nur da landen. Mord ist meist männlich und resultiert aus verletztem Stolz. Und während für den einen der Sex seiner Tochter mit einem Mann einer anderen Kultur die ultimative Erniedrigung seiner Person bedeutet, ist es für den anderen die Tatsache, dass seine Frau ihn verlassen will. Wie leicht ein Stolz sich verletzen lässt, ist eine individuelle Frage. Fakt bleibt: Mörder kommen in der Regel aus einem benachteiligten Milieu und sind somit per se der Erniedrigung durch andere Klassen ausgesetzt. Die Statuskonkurrenz ist mit steigender Ungleichheit immer größer geworden und stellt eine tatsächliche Bedrohung für uns dar, da der Stolz sovieler verletzt wird, was zu einem Anstieg der Mordrate führt. Die Gesundheitsforscher Richard Wilkinson und Professor Kate Pickett haben in ihrem 2011 erschienen Buch „The Spirit Level: Why Greater Equality Makes Societies Stronger“ anhand von 400 wissenschaftlichen Ergebnissen und den Statistiken von WHO, OECD, der Weltbank und den vereinten Nationen nachgewiesen, dass die Quote der Gewaltverbrechen mit dem Grad der Einkommensgleichheit in einem Staat steigt und fällt. Somit lässt sich anhand von Statistiken und Untersuchungen von Gewalttaten auf der ganzen Welt immer nur diese eine Tatsache verdeutlichen. Die Gewalt hängt nicht zusammen mit der Kultur oder Religion, zu welcher ein Individuum sich zählt, durchaus aber mit der Ungerechtigkeit des Staatssystems, in dem er lebt.

Die wahre Gemeinsamkeit von Gewalttaten lautet also: Ungleichheit. Und diese wird durch rassistisch geführte Diskussionen nur weiter und weiter verstärkt. Menschen, die sich ausgegrenzt fühlen, sind eher zu morden bereit als andere. Darum kann nur jedem, der sich vor Gewaltverbrechen fürchtet empfohlen werden, sich für mehr Gleichheit einzusetzen. Wer andere abschieben will, der begeht damit Gewalt und verstärkt die Problematik.

In diesem Sinne:

Herzlichen Dank für Ihre einseitigen mails. Sie sind haltlos.
Mit statistischen Grüßen,

Meike Büttner

Warum Evolution Rassismus einschließt und wieso dann ausgerechnet der gemeine Neonazi von seinem Ideal weiter entfernt ist als Otto Normal

In Netzschau on November 5, 2012 at 5:11 am

Wer diese Überschrift bewältigt hat verfügt über eine gewisse Lesekompetenz. Sehr gut. Eventuell haben Sie damit soeben eine Daseinsberechtigung erlangt.

Was nicht passt, wird passend gemacht. Da kennt die Evolution keine Gnade. Wann immer sich die Lebensbedingungen einer Art ändern, muss die Art sich diesen Bedingungen entweder anpassen oder sie muss aussterben. Das gilt für zahlreiche Tiere und Pflanzen seit Anbeginn der Erde und das galt auch einmal für den Menschen. Nicht, dass der heutige Homo Sapiens tatsächlich das Ende aller Weisheit wäre – auch wenn er das von sich selbst immer wieder glauben möchte. Auch er ist selbstverständlich weiterhin Teil dieser Abläufe, allerdings haben sich die Bedingungen für ihn, durch z.B. Medizin und Technologie, ein wenig verschoben. Besucht man einen fünfhundertjährigen Friedhof, so kann man folgende Entwicklung deutlich erkennen: Unter den ältesten Gräbern finden sich zahlreiche Kindergräber. Vor fünfhundert Jahren starben also ganz offensichtlich noch sehr viel mehr Menschen vor Erreichen der Volljährigkeit als das heute noch der Fall ist. Berücksichtigt man, dass sich vor fünfhundert Jahren nur der Klerus und der Adel ein solches Begräbnis leisten konnten, kommt man auf eine enorme Dunkelziffer.

Damals starben diese Kinder, weil sie nicht überlebensfähig waren. Ihr Immunsystem war den damaligen Verhältnissen nicht optimal angepasst und die Evolution „entschied“, dass diese kleinen Menschen niemals die Zeugungsfähigkeit erlangen sollten. Damit stellte die Evolution quasi sicher, dass kein“ fehlerhaftes Material“ weitergegeben werden sollte. Die Evolution kennt in derlei Fragen keine Milde. Die Evolution ist ein ganz und gar rassistisches System, dass Lebewesen einteilt in „Funktionsfähig“ oder „Abfall“. Heute helfen Impfungen, OPs und Brutkästen da, wo früher nur der Tod bereitstand. Der Mensch hat sich somit einen „Vorteil“ verschafft, indem er nun persönlich darüber entscheidet, welche Leben „lebenswert“ ist. Dass er die Evolution damit nur herausfordert, die dann ihrerseits gezwungen ist, neue Mutationen von Viren zu erschaffen, gerät in der Momentaufnahme in Vergessenheit. Die Phase, in welcher der Mensch gelernt hat, sich gegen die natürliche Auslese weitestgehend zu wehren, ist im Verlauf der Evolutionsgeschichte allerdings nicht viel länger als eine Millisekunde. Viren mutieren weiterhin und werden resistent, das Spiel ist noch lange nicht gewonnen. Die Evolution passiert langsam, aber sie nimmt sich, was ihr zusteht. Wir können ihrer Ungnade vielleicht über einige Epochen entkommen, aber den längsten Atem hat die Evolution die schon immer währt, wenn wir dem aktuellen Stand der Wissenschaft glauben können. Dass auch allgemeingültige „Tatsachen“ wie die Evolution oder beispielsweise die Existenz von Atomen ebenso anfechtbar sind wie „andere Religionen“ ist ein Thema für sich, auf das wir in diesem Blog auch noch zurückkommen werden.

Die Evolution ist ein niemals endender Optimierungsversuch. Sie ist das Streben nach Perfektion, dem sich alle Arten unterordnen. Jedes Wesen auf diesem Planeten schafft sich nach seinen Bedingungen und Veranlagungen die jeweils optimalen Lebensumstände. Für den Vogel, dessen Schnabel sich dem Wuchs einer Orchideenblüte angepasst hat bedeutet das, dass er umherfliegen und möglichst viel Nektar sammeln kann und muss und für den Menschen mit seinen Händen, dem aufrechten Gang und dem wachsenden Wissen bedeutet das, dass er anbaut und isst, bzw. einkauft und isst und eben auch, dass er forscht und sich weiterbildet. Im Gegensatz zu den meisten Tieren verfügen die Menschen über ein besseres Bewusstsein und die Fähigkeit, selbst etwas zu erschaffen. Während die meisten Tiere immer gleichen Mustern folgen und die gleichen Höhlen, Nester oder Tunnel bauen, bestimmt der Mensch selbst durch vielfältige Architektur und das Aufbringen virtueller Vermögenswerte, wie und zu welchen Zeiten er lebt. Somit verpflichtet sich der Mensch zu mehr als dem bloßen Erhalt seiner Existenz durch die Aufnahme von Nahrung und der Fortpflanzung. Der Mensch hat sehr viel mehr zu tun.

Besonders viel zu tun hat der Nazimensch. Hitler spendete 50.00 Reichsmark für die Errichtung einer Nietzsche Gedenkstätte, weil die Nationalsozialisten im Werk „Also sprach Zarathustra“ nationalsozialistische Ideologie begründet sahen. Hitler sah das Werk als einen Aufruf zur Ausrottung von „Gesindel“. Tatsächlich finden sich in dem Werk zum Beispiel Aussagen wie: „die Untauglichen sollen getötet werden, dann verschwinden sie schneller.“ Dass Nietzsche dabei allerdings von ganz anderen Menschen als den Juden spricht, ist für die Oberflächenphilosphie eines Adolf Hitlers nicht von Interesse gewesen. Im Grunde stellt das Werk eine Aufzeichnung über die Evolution des Geistes dar. Zarathustra ist ein imaginärer Weiser, der nach zehnjährigem Eremitendasein aus den Bergen zu den Menschen geht, um ihnen auf Marktplätzen seine Philosophie kundzutun. Da er vom Volk verspottet wird, zieht er weiter und sucht nach Menschen, deren Geist frei genug ist, damit er ihnen seine Lehren mitteilen kann. Diese Lehren sind nach Meinung der Nationalsozialisten erstrebenswerte Ziele für einen Nationalsozialisten.

Nietzsche beschreibt die drei Phasen der Wahrheits- und Selbstfindung mit folgendem Satz:

„Drei Verwandlungen nenne ich euch des Geistes: wie der Geist zum Kamele wird, und zum Löwen das Kamel, und zum Kinde zuletzt der Löwe.“

Das Kamel steht für die Leidensfähigkeit, das Schulen in Demut und dem Ertragen, der Löwe für den autarken Geist, der erst durch die Demut zu seiner Souveränität gelangen kann. Der Löwe soll geltende Normen in Frage stellen und bekämpfen. Erst, wenn der Löwe alles zerstört hat, soll er zu Schaffen beginnen. Nicht auf alten Werten begründen seine Schöpfungen, sondern auf neuen und eigenen Philosophien. Mit der Naivität eines Kindes soll er nach neuen und eigenen Werten etwas schaffen. Das große Ziel Zarathustras Lehre ist der Übermensch. Der Übermensch ist eine Utopie vom Menschen, der alle Krankheiten und Abhängigkeiten überwunden hat. Die Nationalsozialisten sahen in dem Begriff ihre Theorie vom Arier bekräftigt, der dieses Ideal nach Ansichten der Nazis allerdings per Geburt erhalten haben soll. Hitler ist nicht als großer Philosoph oder Leser bekannt. Hauptsächlich tragen die zweifelhaften Verbindungen zu Nietzsches Schwester und Mutter zu den falschen Einschätzungen bei, die Hitler Nietzsches Werk beimisst. Gelesen hat er es aller Wahrscheinlichkeit nach nicht, da das Buch von einer Entwicklung ausgeht und nicht von einer bereits vorhandenen „Menschenrasse“. Wer der Übermensch werden möchte, den Hitler als das Ideal bezeichnet, der hat einen harten Weg vor sich. Somit fällt der Durchschnittsdeutsche direkt raus aus diesem Ideal. Wer sich nicht der Einsamkeit aussetzt, wer nicht durch Demut zu Selbstsicherheit erlangt, wer nicht danach strebt, seinen Geist zu schulen, der gehört nämlich zu denen, die Zarathustra meint, wenn er sagt, es wäre besser, sie alle gleich auszurotten.

Ausgerottet würden dann aber nicht die Juden, die Afrikaner, die Türken oder Araber, ausgerottet würde dann die Mehrheit der Menschen. Alle die, die lieber den Fernseher einschalten als ein Buch zu lesen, all jene die nicht zur Demut und zum Tiefgang bereit sind und ebenjene, die lauthals Parolen rufen, die andere sich ausgedacht haben.

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