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Mehr Betroffene als Betroffenheit – „Häusliche Gewalt“

In Gewalt in Kommunikation, Netzschau on Januar 29, 2014 at 10:38 am

Ich habe häusliche Gewalt erlebt und darüber nicht viele Worte verloren. So wie die meisten. Vor ein paar Tagen habe ich verstanden, warum das so ist und begriffen, dass diese Gewalt viel mehr Menschen widerfährt als uns bewusst ist. Denn die Gewalt beginnt längst vor den Schlägen und betroffen sind sogar sehr viele, die das gar nicht wissen. Ein Versuch der Analyse von häuslicher Gewalt aus der Perspektive einer Betroffenen.

„DU?“

Das ist meist die erste ungläubige Reaktion, die ich zu hören bekomme, wenn ich es erwähne. Eine Frau wie ich, die sich zu wehren weiß, die für sich einsteht, die doch offenbar über Selbstbewusstsein verfügt, hat sich so etwas gefallen lassen? Ja, das habe ich. Ich wurde von einem Expartner seelisch und körperlich gequält und habe das nicht nur lange Zeit über mich ergehen lassen, sondern auch noch mit unendlicher Liebe darauf geantwortet. Weil Selbstbewusstsein oder Courage völlig unerhelich sind in einem Fall von Gewalt in der Partnerschaft. Dass wir alle davon ausgehen, dass so etwas bestimmten Menschen einfach gar nicht passieren kann, ist nur ein Ausdruck unseres Unverständnisses von dieser Form der Gewalt. Tatsächlich ist es ganz anders. Ich kenne viele intelligente selbstbewusste Frauen und vielen von ihnen widerfährt diese Gewalt, ohne dass sie es mitbekommen. Und ohne dass sie es mitbekommen, verteidigen sie es ebenso wie ich es tat. Weil alltägliche Gewalt gar nicht so auffällig ist wie wir uns das immer wünschen. Sie passiert so heimlich und schleicht sich so langsam ein, dass kaum einer sie bemerkt. Bis es längst zu spät ist.

„Er will mir nicht wehtun.“

Das ist es, was ich mir und anderen gesagt habe. Und das habe ich auch gedacht. Jahre nach der Beziehung habe ich mir diesen Gedanken abgewöhnt, aber vorgestern habe ich mich erneut davon überzeugt, dass er mir nie wehtun wollte. Dieser Fakt mindert die Tat in meinen Augen um keinen noch so kleinen Deut. Aber es ist wichtig darauf einzugehen, um das Bild geradezurücken, das unsere Gesellschaft sich vom prügelnden jähzornigen Ehemann ausgedacht hat, um sich möglichst weit entfernt von ihm zu wissen. Häusliche Gewalt sieht nicht aus wie die Plakatkampagnen gegen sie, auf denen ein „böser Mann“ eine „arme Frau“ schlägt. Sie sieht auch nicht so aus wie bei RTL in Dokusoaps oder Serien.

„Ich könnte dich …“

Diesen Satz hat er oft gebraucht, wenn er wütend war. Mit zusammengebissenen Zähnen, einem Körper voller Muskelkrämpfe und funkelnden Augen. In Worten tat er es nicht wirklich. Es waren Konjunktive und Andeutungen und es ging immer um Kontrolle. Was könnte er? Er zeigte es mir regelmäßig. Es gab die Momente, in denen hätte er gekonnt. Er demonstrierte immer häufiger seine körperliche Kraft und welche Möglichketen sie ihm bot.

Er hätte mich erwürgen können, er hätte mich gefesselt verhungern lassen können, er hätte mich mit dem Brotmesser erstechen können, er hätte mich jetzt fast geschlagen.

Wirkliche Schläge kamen erst ganz zum Schluss. Zunächst drängte er mich nur weg und beendete Gespräche durch Flucht, irgendwann ergriff er im Streit meine Arme und drückte sie so, dass ich blaue Flecken an den Handgelenken davontrug. Im nächsten Streit schubste er mich. Er ging immer einen Schritt weiter. In jeder Auseinandersetzung überschritt er langsam alle Grenzen. Bis ich irgendwann nackt und frierend im Treppenhaus stand, weil er mich buchstäblich vor die Tür gesetzt hatte, und er nur durch einen Nachbarn zur Vernunft gebracht werden konnte. Bis ich irgendwann wirklich von ihm gewürgt wurde. Bis er mich schlug. Bis es eben irgendwann gar keine Grenzen mehr gab und alles ihm zu gehören schien. Mit Ausnahme von dem, was er unbedingt erlangen wollte durch diese Taten: Kontrolle.

„Ich habe alles im Griff!“

, hat er oft gesagt und ich verklärte ihn dafür als niedlich. Weil ich sah, wie ihm ständig alles aus den Händen glitt und wie sehr diese Behauptung über sich selbst in Wahrheit nur seinen größten Wunsch offenbarte. M. wollte unbedingt alles im Griff haben, weil ihm immer alles entglitt. Und er tat mir sehr leid deswegen. Selbstverständlich lag das an seinem Unvermögen, einige Fragen in seinem Leben endlich zu klären, aber ich erklärte mir immer nur alles mit seiner Vergangenheit, die mich sehr berührte. Der Mann war inzwischen über vierzig Jahre alt, aber ich bemitleidete noch immer den 15jährigen M., dem so furchtbares widerfahren war. Denn das war der Mann, den ich kennengelernt hatte. Den verletzenden M. kannte ich lange Zeit gar nicht. Ich habe einen Mann kennengelernt, der sehr sensibel ist und der mir immer ein wenig schutzbedürftig erschien. Bei einer unserer ersten Verabredungen erzählte er mir von seinem Vater und brachte damit uns beide zum Weinen.

„Ich bin gar nicht tot. Ich war nur im Knast.“

Ungefähr das ist es, was M. im Alter von 15 Jahren zu hören verstand. Er war lange Zeit aufgewachsen mit einer alleinerziehenden Mutter und seiner Oma, einen Vater gab es nicht. Tot sei der, hatte man ihm immer gesagt und M. hatte damit eben gelebt wie man mit diesen Dingen lebt. Verletzlich, verunsichert und ausgestattet mit einer dauerhaften Identitätskrise. Bis er 15 Jahre alt war und plötzlich sein lebendiger Vater in sein Leben trat. Keine Leiche, sondern ein Betrüger, der lange Zeit im Gefängnis gesessen hatte. Er wolle M. kennenlernen, sagt er und M. bekam einen kleinen Höhenflug. Sein Vater lud ihn zu Ausflügen ein und M. genoss jede Sekunde mit seinem Vater. Viele Sekunden waren ihm jedoch leider nicht vergönnt. Denn bereits ein halbes Jahr später, tötete der Vater sich selbst und seine Partnerin.

„Er tut mir so leid“

, habe ich immer wieder gedacht. Er hat wirklich immer ganz schön viel Mist gebaut. Er belog fast täglich Menschen aus Gründen seiner Unzuverlässigkeit, er erfand ganze Anekdoten, um Alibis für dies und jenes zu entwickeln und verstrickte sich oft so sehr in seinen selbst ausgedachten Geschichten, dass er sie am Ende immer häufiger selbst glaubte. Aber ich ging lange Zeit nicht davon aus, dass er auch mit mir so umging. Dass er schlicht mit sich selbst und allen so umging. Das war eben sein Umgang mit den Dingen. Aber dafür war ich lange Zeit blind. Oder ich sah großzügig darüber weg. Für mich war er vor allem ein hoch empfindsamer Mensch, der seinen künstlerischen Beruf mit Hingabe ausübte. Ich liebte seine Leidenschaft und seine Verletzbarkeit. Er schien mir darin nah zu sein. Das war er nicht. Er war es nie. Aber er hat eben auch mich getäuscht und darum durfte es auch so weit kommen. Ich habe es gar nicht bemerkt, bis es zu spät war.

„Ich liebe es, wie du über mich schreibst“,

hat er auch gesagt. Und er ging sogar noch weiter. Denn wenn ihm nicht gefiel was ich schrieb, verlangte er, dass ich es ändern müsse. Und ich tat das sogar. Denn ich wollte ihm doch gerecht werden. Wer möchte schon ein Lied über sich selbst hören, dass einem selbst nicht entspricht. Also schrieb ich hin und wieder Sachen anders. Am Ende schrieb ich das hier:

Dieses Lied gefiel ihm. Vor allem gefiel es ihm, dass ich auch noch nach unserem Ende diese Lieder schrieb. Es gefiel ihm, so geliebt und verehrt zu werden. Und auch hier ging es immer unter Kontrolle. Er wollte für das geliebt werden, was er über sich dachte. Er wollte auch das unter Kontrolle haben. Er wollte nicht irgendwie geliebt werden, sondern so wie er es zu verdienen glaubt. Und was immer er auch tat, er folgte immer blind dem Plan, alles irgendwie unter seine Gewalt zu bringen, wie man so richtig sagt.

„Er liebt, wie ich über ihn schreibe.“

, hat eine Freundin vorgestern zu mir gesagt und nach unserem Telefonat habe ich minutenlang gezittert. Diese Freundin liebt auch besagtes Lied von mir und ist seit über einem halben Jahr verliebt in einen Mann, der Gewalt an ihr übt. Aber weil sie im Gegensatz zu der schleichenden und kaum bemerkbar anwachsenden Gewalt, die ich erlebt habe, noch viel unaffälliger ist, ist sie noch viel schwieriger festzumachen. Meiner Freundin widerfährt Gewalt und sie weiß es nicht einmal und er liebt es, wie sie über ihn schreibt. Und sie schreibt über ihn und schreibt und schreibt und schreibt und liebt.

„Das ist keine Liebe, sondern es ist ein Manifest der alltäglichen strukturellen Gewalt unserer Gesellschaft!“

, sage ich heute. Weil es nicht erst Gewalt ist, wenn einer der Beteiligten zuschlägt, würgt oder fesselt. Gewalt ist die alltägliche Entfesslung unserer bewussten und unbewussten Emotionen. Sie ist immer irgendwie da. Und sobald ihr eine Tür geöffnet wird, macht sie sich immer breiter. Gewalt wächst an und nimmt sich immer mehr von dem Feld, das ihr zur Verfügung steht. Dabei folgt sie oft einem Kontrollprinzip. Sie folgt immer dem Wunsch nach Kontrolle bzw. Macht.  Menschliche Beziehungen sind nicht kontrollierbar, weil sie aus Interaktionen bestehen. Keiner der beteiligten Beziehungspartner kann jemals Kontrolle über eine Beziehung erlangen. Ist dieser Wunsch jedoch spürbar in einer Person, so wird dieser Wunsch zwangsläufig zu Gewalt führen. In Worten oder Taten. Augenfällig ungerecht oder heimlich still und leise.

„Er/Sie kann sich eine Beziehung nicht vorstellen“,

ist übrigens ein klares Indiz für eine solche Form der Gewalt, wenn es mit dem gleichzeitigen Unterhalten einer sexuellen Affäre einhergeht. Niemand muss eine monogame Beziehung leben, aber wer das nicht möchte, findet für dieses Lebenskonzept überall Mitmenschen, die das ebenso leben möchten. In dem Moment, in dem eine der beteiligten Personen allerdings eine monogame Beziehung zu der anderen Person wünscht, gilt jegliche faire Beziehung damit als beendet. Die Person, die sich trotz fehlendem Interesse weiterhin mit der Affäre befasst, errichtet damit ein Machtgefüge. Emotionale Abhängigkeit entsteht nur in eine Richtung. Der/die Partner*in muss bangen, ob der/die Andere sie verletzen wird und wird Schwierigkeiten haben, sich dennoch zu lösen.

„Ein Mensch, der sich selbst liebt, würde sich dick einpacken, seine Wunden lecken und sich nie wieder bei so einem Brandstifter melden“

, sage ich ab jetzt immer zu allen meinen Mitmenschen, die mir solche Dinge berichten.

Weil vielleicht.
Vielleicht wird die physische Gewalt nie zum Vorschein kommen.
Vielleicht verdienen die Brandtsifter ganz viel Liebe.
Vielleicht meinen sie es nicht so.
Vielleicht wird alles anders, wenn …

„Vielleicht“

höre ich oft, wenn mir Menschen von ihren Beziehungen berichten. Ewig schmerzende Unsicherheit. Ich habe früher häufig „vielleicht“ gesagt. Und jedes „vielleicht“ gab der Gewalt noch ein bisschen mehr Platz.

Text von Meike Büttner

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»Wir steuern auf eine Katastrophe zu« Interview SZ-Magazin mit Byung-Chul Han

In Netzschau on Dezember 16, 2012 at 1:22 pm

Dieses Interview von Tobias Haberl mit Byung-Chul Han ist im SZ-Magazin 50/2012 erschienen und auch direkt bei der Sueddeutschen  zu lesen: http://sz-magazin.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/39059/1/1

SZ-Magazin: Herr Han, egal an welchem Tag man die Zeitung aufschlägt, alle fordern mehr Transparenz: Die Piraten sowieso, aber auch die Katholiken, die Arbeitnehmer, die Verbraucher, die Politiker Seehofer, Trittin und Altmaier. Die Grünen loben sich selbst für ihre transparente Urwahl, sogar die Mitglieder des SV Babelsberg fordern mehr Transparenz in ihrem Verein. Warum ist das so?
Byung-Chul Han: Sie haben recht, die Forderung nach Transparenz nimmt inzwischen totalitäre Züge an. Das beunruhigt mich sehr.

Aber Transparenz sorgt für Informationsfreiheit, das kann doch wirklich nicht schlecht sein?
So lautet die allgemeine Rechtfertigung, aber ich denke, dass es eine tiefer liegende Ursache für die zunehmende Forderung nach Transparenz gibt. Um sie zu begreifen, müssen wir auf einer philosophischen, nicht auf einer Talkshow-Ebene darüber sprechen.

Einverstanden. Sie behaupten also, Transparenz sei schlecht.
Das habe ich nicht gesagt.

Sondern?
»Transparent machen« – das klingt, als würde man gnadenlos durch- und ausgeleuchtet wie in einem Nacktscanner. Mich interessiert die Dimension der Gewalt, die dem Phänomen der Transparenz innewohnt.

Aber dass Transparenz Machtmissbrauch, Vetternwirtschaft und Korruption verhindern kann, glauben Sie auch?
Das bestreite ich nicht, aber die Forderung nach Transparenz richtet sich inzwischen gegen jede Form der Macht. Und man darf Macht nicht auf die Möglichkeit des Missbrauchs reduzieren. Macht an sich ist nichts Schlechtes. Für politisches Handeln ist sie sogar elementar. Vergessen Sie niemals: Ohne Macht ist Politik nicht möglich. Und dieser Transparenzterror verdeutlicht, dass nicht irgendeine Koalition, sondern die Politik selbst in einer tiefen Krise steckt.

Worin besteht diese Krise?
Politiker werden nicht mehr aufgrund ihrer politischen Handlungen wahrgenommen. Denken Sie an Karl-Theodor zu Guttenberg oder Peer Steinbrück. Der eine musste sich nur noch mit seiner Doktorarbeit, der andere mit seinen Nebeneinkünften auseinandersetzen. Ich glaube nicht, dass sich die Wähler früher dafür interessiert hätten, ob Adenauer seine Frau betrügt oder zu viel Geld für einen Vortrag verlangt. Die Menschen hatten Respekt vor ihrem Kanzler. Was er in seinem Privatleben gemacht hat, fiel nicht ins Gewicht. Es gab ein Verständnis für Rollen und Rituale. Wer man wirklich ist, hat damals nicht interessiert. Heute gilt ein Politiker nur als authentisch, wenn er sein Privatgefühl zeigt. Wir leben im Terror der Intimität und Enthüllung.

Dann darf ein Politiker also machen, was er will, solange er politisch clever handelt?
Ich sage das ohne Bewertung. Ich behaupte nur, dass der Transparenzwahn die Demokratie nicht fördert, sondern gefährdet, und dass uns Werte wie Vertrauen und Respekt verloren gegangen sind.

Ist Macht auch ein Wert?

Macht ist ein wichtiges Medium in der Politik. Für politisches Handeln ist eine gewisse Informationsmacht notwendig, eine Souveränität über die Produktion und Verteilung von Information. Es gehört auch zur Politik, dass bestimmte Informationen zurückgehalten werden müssen. Politik ohne Geheimnis – das geht nicht. Politik ist strategisches Handeln, ein Spiel mit der Macht. Ein transparentes Spiel gibt es aber nicht.

Christian Wulff und Peer Steinbrück haben versucht, Vertrauen zurückzugewinnen, indem sie ihre Privatgeschäfte offenlegen. Kann das funktionieren?
Nein. Es ist das Wesen von Vertrauen, dass es keiner Beweise bedarf. Und es ist
lächerlich, wenn ein Politiker seine Kontoauszüge offenlegt.

Warum?
Weil er sich in eine tödliche Logik begibt. Das Verlangen nach Transparenz wird nur dort laut, wo Vertrauen schwindet. Wir erleben gerade, dass die Gesellschaft des Vertrauens vorbei ist. Stattdessen setzen wir auf Transparenz, mit der Folge, dass wir uns immer weiter von einer Gesellschaft des Vertrauens wegbewegen, weil Transparenz immer noch mehr Transparenz und Kontrolle notwendig macht. Gehen Sie mal auf die Website der Schufa: »Wir schaffen Vertrauen« steht da. Das ist reiner Zynismus. Die Schufa schafft kein Vertrauen, sie zerstört Vertrauen, indem sie auf totale Kontrolle setzt.

Peer Steinbrück wurde heftig angegriffen für seinen Satz: »Transparenz gibt es nur in Diktaturen.«
Dabei hatte er recht. Totale Transparenz ist nur durch totale Kontrolle möglich, und die gibt es nur in einer Diktatur. Es gehört zur Demokratie, dass die Menschen nicht alles wissen können. In der Demokratie gibt es Räume, die man nicht durchleuchten darf. »Neues Wort für Gleichschaltung: Transparenz«, hat der Journalist Ulrich Schacht geschrieben, der 1973 in der DDR wegen »staatsfeindlicher Hetze« zu sieben Jahren Gefängnis verurteilt wurde. Erst jetzt verstehen wir, was er gemeint hat. Es gibt eben nicht nur Schwarmintelligenz, sondern auch Schwarmdummheit und Schwarmdiktatur.

Demnach wäre die Piratenpartei ein Widerspruch in sich.
Sie versinkt nach anfänglichen Erfolgen ja auch gerade in einem Chaos aus Stimmen und Meinungen. Alle dürfen mitreden, alle wissen alles, die Piraten können keinen politischen Willen artikulieren und sind handlungsunfähig. Im Übrigen spielt die Piratin Marina Weisband gerne das blutrünstige Rollenspiel Vampire Live. Dort habe sie nicht nur ihren Verlobten, sondern auch die Politik kennengelernt, die darin bestehe, Intrigen zu spinnen und geheime Verabredungen zu treffen. Ausgerechnet die Piratin, die für Transparenz eintritt, sagt das ganz offen.

Sie ist als politische Geschäftsführerin der Piraten ja mittlerweile ausgestiegen.
Ja, weil sie vielleicht festgestellt hat, dass Politik mehr als ein harmloses Rollenspiel ist. Auch der Berliner Pirat Christoph Lauer hat zugegeben: »Transparenz ist ein Kampfmittel, andere Meinungen niederzudrücken.« Die totale Abschaffung der Führung und Hierarchie ist problematisch, weil sie so viel Lärm erzeugt, dass eine Partei darin ertrinken kann.

Das müssen Sie genauer erklären.

Wenn ein Politiker Charisma hat, kann er seine Meinung, seine Ansicht, seinen Willen ohne großen Widerstand durchsetzen. Die Menschen verinnerlichen, was er sagt, weil sie Respekt vor ihm haben. Das ist Macht. Diesen Politiker gibt es nicht mehr. Heute bewerfen die Wähler die Politiker mit Shitstorms. Das lähmt und erschwert das politische Handeln. Ironischerweise ist also gerade die Transparenzgesellschaft sehr undurchsichtig, weil sie viel zu verworren und lärmend ist. Der Staatsrechtler Carl Schmitt sagt: »Souverän ist derjenige, der über den Ausnahmezustand verfügt.« Souverän ist also derjenige, der eine absolute Stille erzeugen kann.

Man könnte Ihre Beweisführung auch als Plädoyer für autoritäre Regime verstehen. In China und Russland funktioniert die Einbahnstraßenkommunikation ganz gut.
Noch einmal. Ein Politiker, der Macht und eine Vision hat, kann eine Gesellschaft auch wunderbar gestalten.

Wer könnte das sein, Barack Obama?
Ich weiß nicht, ob der überhaupt Macht hat.

Also doch Putin oder Kim Jong Un aus Nordkorea.
Erst recht nicht. Ein Tyrann hat keine Macht. Es ist umgekehrt. Weil man keine Macht hat, wird man zum Tyrannen. Wer mächtig ist, braucht keine Gewalt anzuwenden. Wer mächtig ist, stößt nicht auf Widerstände.

Wael Ghonim, Marketingexperte bei Google, gab den Slogan aus: »Um eine Gesellschaft zu befreien, braucht man ihr nur Zugang zum Internet zu geben.« Was sagen Sie dazu?
Denken Sie an China oder den Iran. Das Internet ist dort ein äußerst effizientes Medi-um der Kontrolle. Die digitale Vernetzung schafft ein digitales Panoptikum. Und das funktioniert perfekt, weil sich inzwischen jeder freiwillig entblößt. Ausleuchtung ist Ausbeutung – und beides lassen wir inzwischen bereitwillig zu, nein, wir wollen es selbst. Wir fühlen uns frei in der Ausbeutung. Das macht die Kontrollgesellschaft so effizient.

Sie spielen auf soziale Netzwerke an. Sind Sie bei Facebook?
Nein. Ich wüsste nicht, was ich da sollte, es ist total langweilig. Peter Handke schreibt: »Von dem, was die anderen nicht von mir wissen, lebe ich.« Er hat recht. Und die meiste Zeit rede ich sowieso mit mir selbst. Dafür brauche ich kein Facebook.

Eine Milliarde Menschen sehen die Notwendigkeit, bei Facebook zu sein. Warum?
Die Frage ist doch: Warum kommunizieren wir überhaupt? Der Kommunikationstheoretiker Vilém Flusser meint, dass wir kommunizieren, um dem Tod zu entkommen.

Demnach kommunizieren wir, um dem Leben einen Sinn zu verleihen.
Ja, aber die digitale Kommunikation ist nicht dafür geeignet, Sinn zu produzieren. Nur ein Dialog mit einem Du kann Sinn stiften. Ein Gebet wäre ein Dialog. Auf Facebook oder Twitter ist kein Dialog möglich, dazu gehört mehr als »Gefällt mir«. Aber die Kirchen leeren und Facebook füllt sich. Es ist eine neue Kirche entstanden, die aber keinen Sinn stiftet. Auf Facebook können wir dem Tod nicht entkommen. Und weil wir das spüren, kommunizieren wir immer mehr und immer schneller.

Aber ein Gespräch – und sei es nur auf Facebook – kann erheitern, nachdenklich machen, trösten.
Die Informationsmenge, die auf Facebook verhandelt wird, ist riesig, aber man erzeugt keine Intensität durch Quantität. Wir denken: Je mehr Nachrichten ich sende oder empfange, desto näher bin ich einem anderen Menschen.

Und das stimmt nicht?
Nein. Man kann einen nahen Menschen fassen oder an einen fernen Menschen denken, aber ihm eine SMS schreiben? Führt das wirklich zu Nähe? Das ist die Frage. Und ist es nicht eher andersrum: Gerade weil wir so viele Nachrichten senden, verlieren wir die Fähigkeit, einen nahen Menschen zu fassen und an einen fernen Menschen zu denken. Natürlich entsteht etwas, wenn ich mit jemandem intensiv Informationen austausche, aber ich würde es nicht Nähe nennen, eher Abstandslosigkeit.

Was ist der Unterschied?
Nähe ist eine dialektische Figur. Der Nähe ist immer eine Ferne eingeschrieben, und wenn man der Nähe die Ferne nimmt, verflacht sie zur Abstandslosigkeit. In einem Liebesgedicht von Paul Celan heißt es: »Du bist so nahe, als weiltest du nicht hier.« Es klingt paradox, aber es stimmt. Zwei Menschen können sich nur nah sein, wenn sie voneinander entfernt sind. Und die digitale Vernetzung hebt diese Dialektik auf. Sie zwängt alles ins Hier und Jetzt, mit der Folge, dass die Nähe verschwindet.

Glauben Sie, dass die digitale Vernetzung langfristig negative Auswirkungen auf die Psyche der Menschen haben wird?
Das kann man heute nicht sagen. Aber auffallend ist doch, dass wir so viel kommunizieren, dass es keine Pausen, kein Schweigen mehr gibt. Eine Lücke inmitten dieser Informationsfluten erscheint uns unerträglich, weil Pausen in unserer Informationsgesellschaft keine Rolle mehr spielen. Die Pause ist der Tod. Und deswegen schwätzen wir pausenlos und verlernen, das Wichtige vom Unwichtigen zu unterscheiden. Dabei können Auslassen und Vergessen sehr produktiv sein, ganz zu schweigen von der Intuition, die uns vor lauter Informationen abhanden kommt. Um denken zu können, bedarf es einer Stille und Leere.

Und die gibt es kaum mehr. Ja, wir erleben im Moment eine enorme Beschleunigung des Kreislaufs von Zeichen, Informationen und Kapital. Für diese Beschleunigung müssen alle Geheimnisse, Rückzugsräume, Einzigartigkeiten, Ecken und Kanten beseitigt werden. Nur in der Transparenzgesellschaft stößt der permanente Informations- und Warenfluss auf keinen Widerstand mehr. In der Transparenzgesellschaft ist alles nach außen gekehrt, enthüllt, entkleidet und exponiert. Wir stellen uns selbst aus für Aufmerksamkeit.

Was ist die Folge?
Wir unterstützen den Turbokapitalismus und die neoliberale Leistungsgesellschaft, indem wir alle zur Ware werden. Der einzige Wert, der noch existiert, ist der Ausstellungswert. Das ist eine dramatische Reduktion des Lebens und des Daseins.

Aber wir senden doch pausenlos Nachrichten, um zu zeigen, wie einzigartig wir sind. Ein Irrglaube. Facebook ist ein Ort der Glättung, wo alle deswegen gleichförmig sind, weil sie anders sein wollen. Jeder wird warenförmig gemacht, damit er sich ins System einfügen kann. Auf Facebook kann keiner mehr anders sein. Und das Zentrum der Gleichheit ist der »Gefällt mir«-Button. Warum gibt es keinen »Gefällt mir nicht«-Button? Ein Ratgeberbuch fürs Internet-Dating heißt: Millionen Frauen warten auf dich. Und was tun die Männer? Sie vergleichen. Trennen Sie das Wort mal:
Ver-gleichen, das heißt: Sie machen alles gleich. Wir leben in der Hölle des Gleichen,
in der erotische Erfahrungen nicht mehr möglich sind.

Weil wir zu narzisstisch sind? Ja, mein neues Buch handelt davon. Es heißt Agonie des Eros und beschreibt, dass wir depressiv werden, weil wir uns überall nur noch selbst begegnen. Wir sind erschöpft von uns selbst. Der Eros ist dagegen eine Erfahrung, dass man durch den anderen aus sich selbst herausgerissen wird. Es ist ein Kennzeichen der immer narzisstischer werdenden Gesellschaft, dass der andere verschwindet. Und mit ihm der Eros, also die Möglichkeit der Liebe.

Wo sehen Sie die Grenze dieser Entwicklung? Ich denke, dass wir auf eine Katastrophe zusteuern.

Aber Antikapitalismus ist wieder chic, ökologisches Bewusstsein erst recht. Ist es nicht möglich, dass wir die Transparenz- und Wachstumslogik durchbrechen und das System reformieren, bevor es implodiert?
Egal wie weit man zurückdenkt, der Mensch lernt nur durch Katastrophen, nie durch Einsicht. In Europa gäbe es heute keinen Frieden ohne den Zweiten Weltkrieg. Arthur Schnitzler hat mal gesagt: »Die Menschen verhalten sich wie Bazillen. Sie wachsen und zerstören dabei den Raum, in dem sie leben, wodurch sie am Ende selbst zugrunde gehen.« Dieser Vergleich leuchtet mir ein. Wir gehen zugrunde, weil wir uns der höheren Ordnung nicht bewusst sind. Weil wir ständig wachsen, werden wir an diesem Wachstum zugrunde gehen.

Was könnte diese höhere Ordnung sein?
Das wüsste nur ein Wesen, das intelligenter wäre als wir.

Der Spiegel hat Sie mal »Philosoph der schlechten Laune« genannt. Jetzt wissen wir, warum.
Ich bin lieber ein Philosoph der schlechten Laune als der Philosoph der guten Laune. Ehrlich gesagt habe ich überhaupt keine Laune. Ich bin manchmal traurig, aber das ist was anderes. Denken ist immer eine Form des Widerstandes. Und ja, ich denke, um dem Tod zu entkommen und dem Leben zu dienen.

Byung-Chul Han
wurde 1959 in Südkoreageboren und lehrt heute als Professor für Philosophie und Kulturwissenschaft an derUniversität der Künste in Berlin. Bekannt wurde er durch seinen Bestseller »Die Müdigkeitsgesellschaft« (2010) über die zunehmende Kultur der Selbstausbeutung. In seinem Buch »Die Transparenzgesellschaft« (2012) beschreibt er, wie wir uns – unter dem Deckmantel von Demokratie und Informationsfreiheit – zu einer totalitären Kontrollgesellschaft entwickeln.

Was redest Du?

In Gewalt in Kommunikation, Staatsgewalt on Oktober 13, 2012 at 10:10 am

„Die Sprache ist das ausführende Organ des Gedanken.“
Ludwig Wittgenstein

Mit Sprache machen wir was. Wir tun Dinge. Wir verständigen uns nicht nur, sondern loben, schmeicheln, verletzen, schlagen mit Worten. Unser Handeln, dessen wesentlicher Bestandteil unsere Worte sind schafft Realität. Der Mensch, der sagt, er verspricht einem anderen etwas, sein Wort aber nicht hält, gilt als unzuverlässig. Sprache ist also an relativ einfache Gelingensbedingungen geknüpft.
Aber Sprache ist auch dieses eigenartig verwobene Netz. Ein Wort bezieht sich auf ein anderes. Hinter einem Wort können Erinnerungen, Gefühle, Farben und ganze Welten liegen. Verschwinden Worte, verschwinden Ideen.
Seit der Einführung der Agenda 2010 gibt es die Worte HartzIV, Arge, Jobcenter und viele andere Worte mehr. Die Neubenennung von Dingen ist erst einmal nichts dramatisches. Dramatisch ist die Ideen-Auslöschung die in diesem Fall damit einhergeht. Das Wort Sozialhilfe ist seit dem mehr und mehr aus dem Sprachgebrauch verschwunden. Eine sehr vielschichtige Gruppe von Menschen wird unter dem Begriff HartzIVler geführt. Gleichzeitig ist dieser Begriff mit der Zeit völlig stigmatisiert worden. Sie gelten als arbeitsscheu, faul, bildungsfern. HartzIVler sind eigentlich schon abgeschrieben. Das Lumpenproletariat, dass eigentlich keiner braucht, aber da ist. Menschen mit keinerlei Nutzen für die Gesellschaft.
Die Idee, dass es sich um wie auch immer benachteiligte Menschen handelt, die auf Hilfe der Gesellschaft angewiesen sind, ist nach und nach ausradiert worden. Die Schwachen sitzen jetzt in einem Boot mit den Unwilligen. Das führt zu zwei Problemen. Das erste rührt daher, dass ein gesellschaftliches Prinzip aufgehoben wird, da Politik als Erfüllungsgehilfe der Wirtschaft fungiert. Dies ist eine Verschiebung in unserer Sprache die Menschen einzig nach dem Nutzen für die Wirtschaft beurteilt. Ein Mensch der seine Arbeitskraft nicht zur Verfügung stellen kann – aus welchen Gründen auch immer – fällt heraus aus dem relevanten Rahmen und ist sich selbst überlassen.
Diese Verschiebung findet auch an anderen Stellen statt. Durch europaweit normierte Studiengänge an den Universitäten – transparent geworden durch Credit-Point Systeme – zieht eine Verschiebung vielleicht auch Ausradierung des Bildungsbegriffs mit sich. Wenn alle Vergleichbar sind, kommt es auf die Schnelligkeit an. Je schneller ich mit besseren Noten abgeschlossen habe, umso besser bin ich qualifiziert. Heutige Universitäten bilden nicht, sondern bilden aus. Menschen werden für den Markt brauchbar gemacht. Das Bildung aber etwas ist, dass organisch wächst und nicht ähnlich einem Software-Update vollzogen wird, geht dabei verloren. Das maschinistische Menschenbild durchzieht unsere Sprache immer mehr. Wir machen Sport um leistungsfähig zu sein, Krankheiten sind Defekte, die durch Systemeinstellungen in Form von Medikamenten behoben werden können. Das Hirn ist ein Computer der unglaubliche Speicherkapazitäten hat und elektronische Medien sind Verlängerungen unserer Gliedmaßen.
Wir leben in Metaphern. Metaphern sind aber nicht einfach nur Worte, sondern hinter ihnen liegen Welten, die bestimmte Dinge hervorheben, andere aber ausblenden. Die Maschinen-Metapher bezeichnet den Mensch in immer mehr Diskursen. Sie teilt uns auf in nutzlosen Elektro-Schrott und leistungsfähige Supercomputer. Vielleicht wäre es möglich nicht mehr zeitgemäße Modelle upzudaten, aber lohnt sich der Aufwand? Ist das effektiv?
Wenn wir uns auf diesen Gedanken einlassen führt uns das zum zweiten Problem: Wenn Menschen wie Maschinen betrachtet werden, löscht das nach und nach einen sozialen Gedanken. Das ist verbunden mit einer immensen Bedeutungslosigkeit des Einzelnen. Gleichzeitig wird das politische System als gleichgeblieben wahrgenommen, da es sich auf sprachlicher Ebene nicht verändert hat. Wir leben in einer Republik, in der es große Volksparteien gibt, die sich für ein starkes Deutschland einsetzen.
Hier findet seit Jahren eine sprachliche Verschiebung auf anderer Ebene statt. Themen wie Integration, Umgang mit Einwanderern und anderen Schwachen unterliegen einem Überschriftenwechsel. Die Art und Weise wie immer wieder über beispielsweise Migranten gesprochen wird, hat sich nicht grundlegend verändert. Verändert hat sich, dass die großen Volksparteien die Argumentationen der extremen Parteien übernehmen. Dadurch findet eine Verschiebung nach rechts statt. Allerdings sind dies Parteien der Mitte. Wenn also die Mitte so spricht, kann es ja gar nicht rechts sein. Ist es allerdings doch. Eben weil Sprache Realität formt. Die Begriffe Sozialdemokratisch, Christlich-Demokratisch, Grün oder Liberal sind sinnentleert worden durch die Komplizenschaft mit der Wirtschaft. Die unter den leeren Überschriften stattfindenden Gespräche aber sind rassistischen Ursprungs und verstärken sie. Schaffen also eine rassistische Realität. Wir sind wieder bei dem Versprechen vom Beginn. Ich sage, dass ich etwas tue, mache es aber nicht. Ich behaupte ich sei Demokrat, meine Sprache, also mein Handeln ist allerdings rassistisch.
Wir sollten uns immer wieder daran erinnern, dass wir Dinge tun, wenn wir sprechen. Das kann manchmal fürchterlich anstrengend und lästig sein. Aber es gibt auch eine gute Nachricht. Wir können durch unsere Sprache die Welt verändern. Jede Idee die gedacht und ausgesprochen wird, bleibt als Möglichkeit bestehen. und dadurch erhöht sich die Wahrscheinlichkeit der Wiederholung um ein Vielfaches. Wir sind nicht grenzenlos frei in unseren Handlungen, aber wir haben unsere Sprache die viel mehr verändern kann als wir vielleicht dachten.
„Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt.“
Ludwig Wittgenstein
Ein Text von Can Gezer

Mein Block …

In Gewalt in Kommunikation, Netzschau on Oktober 8, 2012 at 6:58 am

„Gewissen Menschen gegenüber kann man seine Intelligenz nur auf eine Art beweisen, nämlich, indem man nicht mehr mit ihnen redet.“

                  (Arthur Schopenhauer) 

Das Internett ist gar nicht nett. Das haben wir längst bemerkt. Es gibt dort fiese Trolle, Snuffvideos, der Suckerpunch ist mit dem Internet geboren worden, es gibt Kinderpornografie und keine noch so kranke Phantasie, die sich jeder x-beliebige Mensch machen könnte, die nicht mit sehr großer Wahrscheinlichkeit im Internet bereits verwirklicht worden wäre. Das Internet ist auch gefährlich. Man muss eben einfach – wie im restlichen, nicht-virtuellen Teil seines Lebens auch – aufpassen, auf wen man sich einlässt. Und wenn man eines Tages doch aus Versehen irgendwo an den Falschen gerät, hat man im Internet glücklicherweise eine Möglichkeit, die es im nicht-virtuellen Raum so nicht gibt. Jedenfalls nicht in dieser Einfachheit. Ich kann im wahren Leben durchaus aufgrund einer Beleidigung erwirken, dass eine Person sich mir nicht mehr nähern darf, aber nirgends ist dieser Vorgang so dankbar einfach wie im Internet, wo ich die Möglichkeit habe, Menschen von meinem Onlinenetzwerkprofil, meinem Blog oder meiner Internetseite zu blockieren. Ich kann einfach zwei, drei Mausklicks machen und damit ist das Problem erledigt.

In Internetdiskussionen habe ich allerdings  mehrfach beobachten können, wie Menschen diese Blockierung nicht akzeptieren wollen und sich grausam im Recht fühlen mit ihrer Meinung, irgendein Grundrecht auf eine weitere Äußerung des Blockierenden zu haben. Sie stellen diesen Personen dann nach, indem sie andere Mitdiskutierende auf sie ansetzen, die dann ihre Seite durchsuchen oder mails an die betreffenden Personen schreiben, sie sollten sich gefälligst äußern. Feigheit wird dem Blockierer unterstellt, dass er einfach aus der Diskussion rennt, weil ihm wohl die Argumente ausgegangen sind, etc. Und genau dieses Verhalten zeigt, dass der Blockierende mit dem Blockieren mehr als richtig lag. Denn was wir hier beobachten können , ist erneut Gewalt.
Die Gewalt ist evident. Sie ist aus unserem Alltag gar nicht mehr wegzudenken. Es wäre selbstverständlich nicht nötig, Menschen im Internet zu blockieren, wenn ein jeder sich menschlich verhalten würde. Doch es gibt diese Gewalt und Menschen verhalten sich eben nicht immer nur humanistisch, sondern allzu oft auch wie ein angeschossener Bär, der sich an der Menschheit rächen will.

Dass wir Gewalt verurteilen und verbannen wollen bedeutet, dass wir von ihr wissen. Die Gewalt ist evident. Nur wenn wir das anerkennen, können wir vor ihr gefeit sein. „Das Einverständnis ist affirmativ ohne Zustimmung zum Realen zu sein. Es ist Anerkennung, nicht Zustimmung. Anerkennung oder Einverständnis gehen der zustimmenden Gutheißung wie der verneinenden Zurückweisung voraus.“, schreibt Marcus Steinweg (zeitgenössischer Philosoph) in seinem Text „KUNST, PHILOSOPHIE UND POLITIK“ und er meint damit nichts anderes als das:

Nur, wenn ich die Realität anerkenne, wenn ich mir der Boshaftigkeit des Spieles bewusst bin, kann ich mich davor schützen. Das gilt für den Rassismus wie für die Gewalt. Wenn ich anerkenne, dass es im kapitalistischen System immer die Opfer gibt, denen zu wenig Liebe widerfährt und deren Geld an einer Hand abzählbar ist; wenn ich mir bewusst mache, dass dieses System viele Menschen in Ohnmacht und Verzweiflung stürzt, aus welcher der Hass erwachsen kann, kann ich diesen Menschen und mir selbst helfen. Selbstverständlich ist es kein besonders gutes Benehmen in einer Diskussion plötzich umzudrehen ud das Weite zu suchen, aber was geschieht in der Regel, bevor jemand diese Schritte geht?

Besseres für sich und die Welt zu wollen, ist kein naiver Wunsch. Naiv würde er erst durch die Negierung der grausamen Wirklichkeit. Doch wenn ich ebendiese Wahrheiten anerkenne, kann ich etwas gegen sie tun. Ein Ritter kann keinen Drachen töten, den es nicht gibt. Ein Richter keinen Verbrecher verurteilen, der nie gelebt hat. Besseres für die Welt zu wünschen, bedeutet aufmerksamer zu werden. Das Gute genau so zu sehen wie das, was unsere Freiheit bedroht. Solange böse Kräfte Realität sind, habe ich nicht nur das Recht, sondern in meinem Augen sogar die Pflicht, einigen Menschen die Türe vor der Nase zuzuknallen.

Denn die wenigsten wissen, dass sie Gewalt ausüben, während sie es tun. Es hilft nichts, ihnen immer wieder dabei zuzusehen. Wir müssen sie abstrafen und zwar gemeinsam. Der Junge, der im Kindergarten einen anderen haut, wird dafür von der Gruppe für eine ganze Weile ignoriert und geschnitten. Kinder lösen derlei recht eindrucksvoll in der Gruppe. Wir Erwachsenen haben das offenbar verlernt. Vielleicht, weil es uns so einen Spaß macht im Internet zu diskutieren oder weil wir uns ständig im Recht sehen. Richtiger wäre es, wenn man gemeinschaftlich Menschen dadurch abstrafen würde, dass man sie blockiert. Dieses Zeichen wäre eindeutig. „Es gibt Gewalt, das was Du gerade getan hast war welche und nun schließen wir dich aus dieser Gesellschaft aus. Gewalt macht zum Outlaw. Wenn Du einer bist, hast Du wohl etwas Dummes getan.“

So einfach könnte das sein.
Solange das gemeinschaftliche Sperren von Trollen meine Utopie ist, bleibt nur das eine zu sagen:

Ich – als Einzelperson – genau so wie jeder andere Mensch im Internet auch, hat das Recht einen anderen Menschen zu blockieren und aus der eigenen Privatsphäre herauszuhalten. Diese Blockierung darf niemals als Gewalt verstanden werden. Viel eher sollte man die Indizien der Gewalt immer auf der Seite derer suchen, die blockiert wurden.

Deutschland war mal

In Staatsgewalt on Oktober 1, 2012 at 9:19 am

Ich glaube nicht an das Märchen von Vollbeschäftigung. An das Märchen von wer arbeiten will, der kann auch arbeiten. Ich glaube nicht an Chancengleichheit. Ich glaube nicht an erfolgreichen Protest gegen Sparmassnahmen. Ich glaube nicht an Beseitigung von Kinderarmut, Altersarmut oder einfach Armut. Ich glaube nicht an soziale Gerechtigkeit.
Ich glaube an den Kapitalismus als globale Ideologie und Struktur. Das heißt nicht, dass ich ein Befürworter bin. Aber wenn wir dem nicht ins Auge sehen, sind wir auch unfähig etwas zu ändern.
Ich glaube auch nicht an das Märchen der Nationalstaaten. Regierungen bilden die Erfüllungsgehilfen für multinationale Unternehmen. Und diese Unternehmen haben ein Interesse: Das Kapital. Geld ist geschlechtslos, staatenlos und interessiert sich lediglich für seine Vermehrung. Der globale Finanzmarkt ist die vorherrschende Institution auf diesem Planeten. Daraus folgt, dass eine Pariser Regierung enger mit der Börse in Jakarta verwoben ist, als mit einem Pariser Vorort. Dass eine deutsche Regierung sich mehr für globale Finanzkonzerne interessiert als für Bildungsoffensiven in sozial schwachen Bezirken von Berlin, Bamberg, Bremen oder Bingen.
Und das ist innerhalb der kapitalistischen Logik auch richtig, da dieser virtuelle Geldmarkt diese Menschen nicht braucht. Den schließlich ist der Mensch fehlerhaft. Am Ende steht seine Ausradierung.
Der Finanzmarkt ist gekoppelt an Quartalsberichte. Langfristige Investitionen lassen sich hier nur schwer überzeugend darstellen. Dinge, die keinen direkten Outcome haben hemmen die Kapitalvermehrung. Deshalb ist es auch völlig richtig, dass an Sozialausgaben gespart wird, dass Bildung und Kultur immer weniger Geld erhalten. Da diese Bereiche kein direktes Wachstum versprechen. Deshalb ist es richtig Griechenland als Laboratorium zu nutzen, um zu sehen wie viel man einsparen kann, bevor ein Staat völlig kollabiert.
Wir sollten uns von dem nostalgischen Gedanken verabschieden in einem Staat zu leben. Ja, wir leben in Deutschland. Geographisch gesehen. Strukturell gesehen müssen wir uns aber eher als globale Ressource begreifen. Unsere Situation ist nicht anders als die jeden anderen Europäers. Aber auch nicht anders als die eines Brasilianers oder Japaners.
Der Wunsch nach der guten alten Zeit, der sozialen Marktwirtschaft ist nichts weiter als ein erneuter Versuch die Idee des Nationalstaates hochzuhalten. Diese Zeit ist vorbei und doch wird diese Idee von Politikern, Medien und uns geteilt. Wir sollten uns von ihr verabschieden. Wenn wir eine Lösung oder einen Ausweg finden wollen, müssen wir uns dieser Realität stellen. Alles andere wäre verklärende Nostalgie. Wir müssen uns von einer langen Beziehung verabschieden. Der Herr Vater hat viele Kinder, mit vielen Frauen auf dem Erdball. Er hat Landstriche bevölkert. Und wir sollten uns wie Erwachsene verhalten und diesen Umstand anerkennen statt wie kleine Kinder zu jammern.
Ich weiß auch keine Lösung. Aber wir sollten dem Problem in die Augen schauen.

Ein Text von Can Gezer

Was bist du?

In Gewalt in Kommunikation on September 27, 2012 at 9:37 am

„Hallo, ich bin Can.“
„Jean.“
„Nein. Can.“
„Ach, Gianni.“
„Nein, Can.“
„Jan.“
„Can.“
„John.“
„Can.“
Woher kommt das?
„Das ist ein türkischer Name.“
„Klingt asiatisch. Du siehst aber nicht so aus.“
„Wie sehe ich denn aus?“
„Eher so italienisch oder ehemaliges Jugoslawien.“

Vielleicht wollen einige von Euch wissen, wo ich denn jetzt wirklich herkomme? Na gut. Mein Vater ist Türke. Um genau zu sein Kurde. Meine Mutter Lettin. Aufgewachsen bin ich am Niederrhein. Wenn ich den Menschen denen ich bisher so begegnet bin glauben soll, so sehe ich weder typisch deutsch noch typisch türkisch aus. Wie Letten so aussehen wissen die meisten nicht. Ich wusste das lange auch nicht. Aber ich muss Euch enttäuschen. Auch typisch lettisch sehe ich nicht aus.
Andere Klischees konnte ich auch nicht so wirklich bedienen. Meine Familie ist keine typische Migrantenfamilie. Ich komme aus einem Akademiker-Haushalt mit überdurchschnittlichem Einkommen. Irgendwie passte ich nie so recht in die Kategorien der Menschen, da ich herkunftstechnisch nie klar verortbar war.
Ich wurde häufig gefragt, ob ich mich nicht fühlen würde als lebe ich „zwischen den Stühlen“. Nicht so recht wisse, wo mein Platz ist. Ich musste diese Frage immer verneinen. Traurig machte mich als Kind nur, dass es keine Tasse mit dem Aufdruck meines Namens gab, wie sie viele, viele Kinder besaßen. Nationalität ist eine Kategorie die für mich schon als kleiner Junge ziemlich uninteressant war. Sie wurde für mich über die Jahre immer unwichtiger. Aber scheinbar ist das eine Kategorie die für den Großteil der Menschen von immensem Interesse ist. Immer wieder muss ich mich rechtfertigen, dass ich diese für völlig unerheblich erachte.
Das einzig Konstante in meinem Leben ist mein Name. Alles andere ist vielen, vielen Veränderungen unterworfen. Der permanente Versuch von Außen einen Teil meiner Identität zu fixieren ist mir unangenehm. Ich werde im Alltag immer wieder in Positionen gedrängt in denen ich eine Rolle gedrängt, die Unbehagen in mir verursacht. „Du bist ja gar kein richtiger Deutscher/Türke etc.“ Was soll das denn sein? Was ist ein richtiger Mann/ richtige Frau? Was ist ein/e richtige/r Homosexueller? Richtig ist demnach jemand der Stereotypen entspricht. So macht man dem Gegenüber keine Arbeit. Man ist leicht kategorisierbar. Stereotypen vereinfachen und sind häufig auf Vergangenes bezogen. Jemand kennen zu lernen ist vielleicht zu anstrengend? Aber nur so lernt man doch jemanden kennen, oder? Mich in Einzelteile zu zerlegen die in Schubladen passen fühlt sich an, als würde man mich auseinanderschneiden in leckere Stücke: Haxe, Rippen, Schnitzel, Speck. Keine Sorge. Das ist kein Aufruf zum Vegetarismus. Aber gegen Katalogisierungen.

Ein Text von Can Gezer

Ich bin ein Rassist.

In Gewalt in Kommunikation on September 24, 2012 at 12:44 pm

english version below …
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Die aktuelle Debatte um das Buch des Neuköllner Bürgermeister Heinz Buschkowsky (SPD) „Neukölln ist überall“, fördert erneut einen Gedankenfehler zu Tage, dem offenbar viele Bürger aufsitzen. Die einen sind empört und bezeichnen das Buch als rassistisch, woraufhin aus einer anderen Ecke laut die immer wieder selbe Polemik erklingt: „Wann immer mal einer die Wahrheit ausspricht, schwingen die Gutmenschen gleich wieder die Rassistenkeule.“ und treffen damit gleich drei zweifelhafte Aussagen in einem einzigen Satz.

1. Die Wahrheit: Wahrheit ist ein Wort, über das sich die Gelehrten seit Jahrtausenden streiten. Wahrheit, das wissen die Akademiker, die Dichter und die Philosophen, ist nicht auszumachen. Das was Otto Normal die Wahrheit nennt, ist in der Regel seine eigene Empirie oder entspricht seinen persönlichen Vorurteilen. Sie ist etwas sehr persönliches und jeder hat seine eigene. Der Anspruch auf Wahrheit ist per se fundamentalistisch. Da wir uns einig sein müssen, dass meine eigenen Erfahrungen die eines anderen nicht ändern können. Es gibt selbstverständlich Menschen, die sich eingeschüchtert fühlen durch kriminelle Immigranten, aber diese persönlich erlebte Erfahrung als eine Wahrheit hinzustellen wäre vermessen und ginge von einem höchst egozentriertem Weltbild aus. Gerade in Hinsicht auf eine pauschal verurteilte Gruppe von über einer Millionen Menschen kann ein sogenannter Wahrheitsanspruch niemals geltend gemacht werden. Wer also in einer so kontroversen und komplexen Debatte wie der Immigrationsdebatte das Wort „Wahrheit“ benutzt, dessen Argument kann schon an dieser Stelle nicht mehr weiterführend in der Sache dienen. Auf Grundlage einer Wahrheit würde man im Namen der Menschheit niemals zu einer Einigung finden. Nichts anderes als eine Einigung kann aber das Ziel sein, da wir die Gewalt verbannen wollen aus unseren Leben. Wer mit dem Anspruch auf Wahrheit gegen den Wahrheitsanspruch eines anderen Fundamentalisten vorgeht, landet somit schnell in einem Glaubenskrieg, der keinem der Beteiligten und schon gar nicht der Gesellschaft weiterhelfen kann. Was wir suchen ist der kleinste gemeinsame Nenner, niemals die Wahrheit.

2. Der Gutmensch: „Im Januar 2012 erhielt das Wort als Unwort des Jahres 2011 in Deutschland den 2. Platz. In der Begründung gab die Jury an, mit dem Wort werde „insbesondere in Internet-Foren das ethische Ideal des ‚guten Menschen‘ in hämischer Weise aufgegriffen, um Andersdenkende pauschal und ohne Ansehung ihrer Argumente zu diffamieren und als naiv abzuqualifizieren“ und kritisierte die aus ihrer Sicht 2011 einflussreich gewordene Funktion des Wortes als „Kampfbegriff gegen Andersdenkende“.“ (Quelle Wikipedia)
Dieses Wort stellt Gewalt dar. Es soll den Diskussionsgegner verletzen und seine Argumentation schmähen, da diese von einem als naiv/verklärt verurteilten Weltbild ausgeht. Ein Diskutierender der einen anderen Diskussionsgegner als solchen bezeichnet, eröffnet damit eine Kategorie, die ihn verletzen und angreifen soll. Und das ist dann auch schon das, wo wir nun als nächstes hinkommen: Das ist Rassismus.

3. Die Rassistenkeule:

Rassismus ist nicht – wie fälschlich immer wieder behauptet wird die reine Einteilung der Menschen in Rassen und der Glaube an die Rassentheorien. Rassismus ist so viel mehr. Seine Beginne liegen in der Rassentheorie, im Sklavenhandel und der Inquisition, doch inzwischen umfasst die Definition für Rassismus jegliches Kategorisieren und Klassifizieren von Menschen. Jemanden als Gutmenschen zu verurteilen, ist demnach schon Rassismus. Ich habe Ressentiments gegen einen anderen Menschen aufgrund seiner von mir behaupteten Einstellungen. (albert Memmi, Soziologe über Rassismus: „„Tatsächlich stützt sich die rassistische Anklage bald auf einen biologischen und bald auf einen kulturellen Unterschied. Einmal geht sie von der Biologie, dann wieder von der Kultur aus, um daran anschließend allgemeine Rückschlüsse auf die Gesamtheit der Persönlichkeit, des Lebens und der Gruppe des Beschuldigten zu ziehen. Manchmal ist das biologische Merkmal nur undeutlich ausgeprägt, oder es fehlt ganz. Kurz, wir stehen einem Mechanismus gegenüber, der unendlich mannigfaltiger, komplexer und unglücklicherweise auch stärker verbreitet ist, als der Begriff Rassismus im engen Wortsinne vermuten ließe.(…)“

Rassismus ist vor allem deswegen eine so große Bedrohung, weil sie allgegenwärtig ist und weil so viele vor ihr die Augen verschließen. Rassismus ist leider tatsächlich etwas sehr natürliches und ich behaupte: Jeder Mensch ist ein Rassist. Resultierend aus der Angst vor dem Fremden. Die Angst vor dem Fremden ist in jedem von uns. Darum funktioniert die Dunkelheit so gut in Geisterbahnen und Gruselfilmen, darum versetzen uns Thriller in Aufsehen, deshalb sagen einige Deutsche, dass es sie gruselt, den Muezzin vom Dach der Moschee rufen zu hören. Weil man nicht versteht, was der Fremde da ruft. Die Frau fürchtet sich vor Schritten eines Unbekannten im U-bahnschacht und unsere Kinder haben Angst vor dem Weihnachtsmann. Wir fürchten uns vor dem Fremden und können diese Furcht nur besiegen, indem wir sie mit positiven Erfahrungen überschreiben. Dazu müssen wir aber bereit sein, auf das Fremde zuzugehen. Bequemer ist es, sich gegen alles zu verschließen, das man nicht versteht, aber genau auf diesem Boden wächst das gegenseitige Misstrauen und vermehrt sich die Gewalt.

Auch ich treffe hin und wieder eine rassistische Aussage. Ich kann mich davon gar nicht frei machen. Im Laufe der Buschkowskydebatte habe ich auf facebook viele Menschen als bildungsfern bezeichnet. Auch das ist Rassismus und ich bin nicht stolz darauf. Der Rassismus ist da. Er schwebt immer über und in unseren Köpfen herum. Wir können ihn nicht besiegen, indem wir ihn verleugnen. Im Kleinen gibt es gegen das Übel oft keine bessere Lösung als das Abstrafen durch Ignoranz, aber in einem größeren Rahmen müssen wir uns die Mühe machen, die Problematik beim Namen zu nennen. Wenn ein Bankräuber eine Bank überfallen will und der Angestellt tut so, als würde er ihn nicht hören, wird der Räuber im Zweifelsfalle einige Menschen erschießen. Man kann tatsächliche Bedrohungen nicht ignorieren. Ja, ich werfe Heinz Buschkowsky vor, dass er sich in seinem Buch rassistisch äußert – und das tut er unzweifelhaft mit Passagen wie der Folgenden:

„Mit den Afrikanern ist noch mehr Brutalität, Drogen- und Alkoholmissbrauch eingezogen. Türkische und arabische Männer sitzen in den Cafés. Afrikanische Männer sitzen zuhause, sehen fern, spielen, telefonieren und trinken. Afrikaner lassen sich noch schwerer in die Karten schauen als die anderen Ethnien.“

Diese Aussage ist sogar nach der allgemeinen Auffassung Rassismus und es darf nicht sein, dass man denjenigen versucht den Mund zu verbieten, die darauf aufmerksam machen. Nein, wir wollen alle keine Rassisten sein und nein, kein denkender Mensch kann davon überzeugt sein, dass seine „Wahrheit“ mehr als die eines anderen wiegt, aber dennoch ist es auch nur allzu menschlich, der Eitelkeit zu verfallen, sich rassistisch zu gebaren. Es passiert täglich und es passiert jedem von uns. Es wäre an der Zeit, diese Tatsache anzuerkennen und sich somit auf einen gleichberechtigten Dialog einzustellen. Eine Debatte kann nicht geführt werden, wenn an ihrem untersten Rand die Menschheit sich aufhält mit dem ewigen Zerlegen des Wortes „Rassismus“. Erkennen wir ihn an, nehmen wir ihn als gegeben und versuchen wir, unsere Ängste zu besiegen. Es gibt keine Wahrheit, aber es gibt den Rassismus.

ein Artikel von Gutmensch und Rassistin Meike Büttner

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I am racist 

The actual debate about the new book of a Berlin Major Heinz Buschkowsky (SPD, Major of district Neukölln/Belrin) „Neukölln is everywhere“ again banks an old error in reasoning to the surface which obviously many people believe in.
Some are outraged and claim the book being racist. Others bring out the old fashioned sentence of: „Whenever someone in Germany speaks out the truth, the do-gooders swing the racist-cudgel“ which just shows up three doubtful ideas in just one sentence.

1st: The truth:

truth is a word the erudite are arguing on for a thousands of years. Truth, this is what the academics, authors, and philosophers know, is nothing to make up. What average Joe calls the truth, mainly arises from his own empiricism or has its source in his or hers personal prejudices. Truth is something personal  and claiming the truth is per se fundamentalistic. Because of the fact, that my personal experiences never can change those of another. There are people who feel daunted by criminal immigrants for certain, but characterizing those personal lived experiences as a certain truth, comes from a highly egocentric world view. Straight with regard to an across-the-board condemned group of millions of humans, a truth claim can never be asserted. An argument using the term of „truth“ can never be taken in a complex debate like the integration-debate. This argument just disqualifies itself. On the base of some truth you could never find consensus in the name of people. People never agree. But nothing like an agreement should bet his goal to all of our arguing, because we want to ban the violence out of our life. If one person with his/her own truth claim fights against someone with another truth claim, just lands into a religious war that won’t help any of the participants or even society. What we are searching for is the least common denominator, never the truth.

2. The Do-gooder:

In January 2012 the word “Gutmensch” was voted second place for the badword of the year 2011 in Germany. The jury justified this rating by explaining that this word would mainly be used in internet forums to determinate the ideal of the good human being in a derisive way. People claimed as “Gutmenschen” or “do-gooders” are condemned as greenly or unworldly. The jury criticized this word as a fighting word against dissidents.
Calling somebody a do-gooder often tries to hurt this person. And it leads us to the next point because categorizing people is: Racism.

3. The racistcudgel:

Racism is not – as many people think – classifying people into races or the belief in race theories. Racism is so much more. Its beginning lies in those race theories, in slave trade and the inquisition, but meanwhile the definition of racism comprises any categorizing or classifying of a human being. Claiming someone a do-gooder is therefore even racism. I have resentments against someone other because of all the things I assume someone just from his attitude, appearance or other details.

Socialist Albert Memmi about Racism:

“(…) In fact racist accusation bases on biological or cultural differences. Sometimes they come out from biology, other times from culture, just to draw conclusion to someones personality, his life and the whole group of people like this person. Sometimes the biological sign is completely lost in racistic cases. Short: We are facing a mechanism, much more diversified  which sadly even is brighter spreaded than the term of racist is. (…)

First of all, Racism is such a big danger because it is so much rampant today while so many people close their eyes to that. Racism in fact is something very natural and I assert: Every human is a racist! Resulting from his fear of the foreign. This fear is in everyone of us. That’s why the dark works so good in the haunted house and the horror movies, this is why thrillers alert us. It is the reason why some Germans might say, they’re scared from the Muezzin crying from the roof. Because you don’t understand what the stranger is jelling. Women are scared by steps in a parking house, Santa Clause give kids the creep, …

We are scared by the foreign and we just can fight this fear by affirming our experiences in a positive way. But that for we need to confront with those fears and take a step forward to those who scare us. Closing up against everyone is much more convenient, but this is exactly the fertile soil for mutual misunderstanding and it will accrete the violence.

I myself sometimes make a racist statement. I can’t absolve myself from that mistake. For example in this Buschkowsky-debate I named people “bildungsfern”, which is a political german term for people who raise in an environment without suitable education. Even this is racism and I am not proud of it. Racism is here. It’s everywhere. It is always floating above, around and inside our heads. We can’t defeat it, if we deny it. If a bank robber threatens an employee and this employee is doing like he wouldn’t hear the robber, this criminal may shoot some of the customers. You can’t ignore real danger. Yes, I accuse that Heinz Buschkowsky in his book remarks racist statements. He does it without a doubt in sentences like:

“With the Africans, much more brutality, drugs- and alcohol-abuse has moved in. Turkish and Arabic men are sitting at home, watching tv, are phoning and drinking. The Africans are even harder to look through then the other ethnics.” 

This is racism. Even following the common definition of racism and we need to claim that. No, nobody of us wants to be racist, and no, no human being can certainly be confident with the idea, that his “truth” weights more than the someone other’s, but nevertheless it is very human addicting to the vanity acting racist. It is happening everyday and to everyone of us. It is time to accept this fact and to agree to an equal dialogue. This debate will never begin if everybody is struggling about words like racism in the very beginning of this dialogue. Stop talking the topic to death with this fight of definitions. Don’t be in a snit if someone claims the “R”-word. Let’s accept the presence of this violence and try fighting our fears. Truth doesn’t exist, but racism does.

Article by Racist and Do-gooder Meike Büttner

 

repressionunddepression

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