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The end of the word as we know it

In Meinung, Staatsgewalt on September 21, 2013 at 7:40 am

Die Proteste in der Türkei sind noch nicht vorbei. Gleich jeder Ignoranz durch die großen Medien-Unternehmen gibt es immer noch zahlreiche Proteste „über“ den Augen der Weltöffentlichkeit.

In Bulgarien gehen die Menschen seit dem Frühjahr immer wieder auf die Strasse, in Brasilien gibt es seit der Austragung des Confed-Cups einen Widerstand. Und im beschaulichen Kanada gibt es einen, seit über einem Jahr anhaltenden Protest.

Was haben all diese Proteste gemein? Sie wirken in ihrem Ursprung vielleicht als eine Art Überreaktion. In der Türkei sollte ein unter Denkmalschutz stehender Park einem Einkaufszentrum weichen. In Brasilien wurden die Fahrpreise für die öffentlichen Verkehrsmittel erhöht. In Bulgarien waren Strompreise der Auslöser. In Kanada ist es die Einführung von Studiengebühren.

Wie kann es sein, dass scheinbare Bagatellen ein ganzes Land auf die Strasse gehen lassen. Vergleicht man die auslösenden Nachrichten mit denen an jedem anderen Tag so sind sie nicht weiter auffällig. So erscheint der Denkmalschutz relativ klein gegenüber der NSA-Affäre, ein Fahrpreiserhöhung lächerlich gegen einen NSU-Prozess, eine höhere Stromrechnung als trivial gegenüber einem nicht eingehaltenen Betreuungsplatz-Versprechen. Und die Einführung von Studiengebühren als eigentlich nur konsequent, denn Qualität kostet. Warum stelle ich den Protesten aus vier verschiedenen Ländern Beispiele aus Deutschland gegenüber? Was hat die Situation in Bulgarien, Brasilien oder Kanada mit der unseren zu tun?

Wir leben alle im selben System. Offiziell leben wir alle in Demokratien, die zu einem inhaltsleeren Protokoll verkommen sind. Demokratie dient als Deckmantel für die Diktatur des Marktes.

Entscheidungen der Politik haben kaum mehr mit dem Wohl des Volkes zu tun, sondern damit Unternehmen zu dienen. Bankenrettung und Hilfspakete sind Instrumente um den Glauben in die Märkte wieder herzustellen. Der Kapitalismus ist nicht nur das System in dem wir leben, sondern unser Glaube, unsere Ideologie.

Des Weiteren verringert sich der Handlungsspielraum der Politik immens durch internationale Vorschriften. So sind einem Land innerhalb der EU viele Entscheidungen auf nationaler Ebene gar nicht möglich, da sie durch eine Brüsseler Vorschriften Diktatur vorgegeben sind. Man könnte meinen, dass diese zum Wohle Europas beschlossen worden sind, was ich aber als naive Grundhaltung abtun würde. Unternehmen bestimmen multinationale Gesetzestexte mit der Argumentation von Seiten der Politik, dass sie ja Experten auf den jeweiligen Teilgebieten sein. Wieder wird dem Markt zugestanden, dass er besser weiß was gut für uns ist. Das Problem an unserem Glauben in den Kapitalismus ist allerdings, dass der Mensch darin lediglich ein Störfaktor ist. Zu Ende gedacht ist er nicht mehr als eine fehlerhafte Ressource, die der Vermehrung des Kapitals im Wege steht. Gleichzeitig braucht der Markt den Menschen als Konsumenten. Verdient der einzelne aber immer weniger und muss immer mehr arbeiten, wird ihm seine Rolle immer schwieriger gemacht. Und genau hier liegt der gegenwärtige Fehler: der Kapitalismus tötet seine eigenen Exporteure. Uns als Trägern des Alltags wird genau dieser unmöglich gemacht. Der finanzielle Druck auf den/ die Einzlene/n wird immer weiter erhöht, so dass es nur noch einen Tropfen braucht um das Fass zum Überlaufen zu bringen. Eine Entscheidung wie das Eröffnen eines Shopping-Centers statt dem Erhalt öffentlichen Raumes, die Erhöhung von allgemeinen Lebenskosten wie Strom oder Transport gegenüber einer schon Akzeptieren Hinterzimmer-Politik treibt die Menschen auf die Strasse. Die Wut gegenüber den Mächtigen in deren Entscheidungen man überhaupt nicht stattfindet, sondern nur das finanzielle Wachstum, treiben die Revolten voran. Von Revolutionen lässt sich hier aber nicht sprechen, da es keinerlei positiv gearteten Wandel oder ein Art von Programm gibt. Sie schafft aber eine Wunde im kapitalistischen Organismus. Eine Revolution kann nur in den Köpfen stattfinden, wofür es Zeit braucht. Die Geste der Zurückweisung, der Revolte ist hier lediglich der Anfang und kann in der zugeführten Wunde wachsen.

Vielleicht müssen wir uns dazu nicht nur vom Kapitalismus, sondern auch von der Demokratie lösen?

„In genau diesem Sinn hat Badiou mit seiner scheinbar seltsamen Behauptung ins Schwarze getroffen, dass „heute der Feind nicht Empire oder Kapital heißt, sondern Demokratie“. Es ist die „demokratische Illusion“, das Akzeptieren demokratischer Verfahren als einziger Rahmen für jeglichen Wechsel, die jede radikale Veränderung der kapitalistischen Verhältnisse blockiert.“ Zizek, Slavoj, „Das Jahr der gefährlichen Träume“, S. 132

Wenn wir etwas verändern wollen, dürfen wir die heutigen politischen Orte nicht unterstützen, sondern müssen unsere eigenen schaffen. Wie diese Aussehen sollten weiß ich nicht. Ein Wandel setzt aber eine Radikalität voraus, die nicht mit Gewaltbereitschaft gleichzusetzen ist, sondern radikal in ihren Gedanken ist. Aus der Wunde muss etwas entstehen, das die Staatsapparate generell zum Erlegen bringt.

Ein Text von Can Gezer

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Kontext, Tod & Emanzipation

In Gewalt in Kommunikation, Meinung on Januar 22, 2013 at 12:39 pm

Der Text „ Kontext. Wie Wörter zu ihrer Bedeutung kommen.“ von Antje Schrupp hat mich zum Nachdenken gebracht. Oder vielleicht besser gesagt: Der Text hat mich erinnern lassen. Im ersten Teil des Textes erläutert die Autorin, dass Sprache ein lebender Organismus sei, den wir prägen. Sie weißt darauf hin, dass die Verwendung eins Wortes immer eine Prägung des dahinter liegenden semantischen Netzes bedeutet. Je nach Wortwahl, manifestiert oder verschiebt oder ordnet sich dieses Netz. Die Verwendung eines Wortes kann nie losgelöst von seiner historischen Verwendung gelöst werden, da der Gebrauch ansonsten willkürlich wäre und ein gegenseitiges Verstehen unmöglich machen würde. Im Moment der Verwendung trage ich als Sprecher aber auch Verantwortung für den Gebrauch in der Zukunft. Dies ist performanztheoretischer Gedanke, den ich teile. Wie Antje Schrupp sehr schön zusammenfasst:
„Was mich an der bisherigen Diskussion vor allem stört ist, wenn diese eigene Verantwortung nicht reflektiert wird. Es geht nicht darum, herauszufinden, was ein Wort „wirklich“ bedeutet, denn wir befinden uns hier nicht auf der Ebene wissenschaftlicher Beweise, die durch logische Deduktion oder im Experiment verifiziert oder falsifiziert werden können. Wir befinden uns auf der Ebene einer politischen Auseinandersetzung, in der die Sprecherin ein politisches Urteil fällt, für das sie eben auch die Verantwortung zu tragen hat.“

Darauf folgt, dass sie zwischen geschriebenen und gesprochenen Wort unterscheidet. Für mich ist diese Unterscheidung von genauso großer Bedeutung. Das gesprochene Wort nimmt Bezug auf eine aktuelle Situation, in der Sprecher und Zuhörer (oder eben auch Sprecher) anwesend sind. „ Das geschriebene Wort wird durch die Verschriftlichung von seinem Kontext gelöst“ Antje Schrupp

Genau an diesem Punkt halte ich es für wichtig noch mal genauer hin zu schauen und Roland Barthes zu Wort kommen zu lassen. Die Schrift ist der Ort an dem das Subjekt entflieht. Die Person hinter dem Text löst sich völlig auf. Der einzige Körper der noch existiert ist der des Textes.
„Die Stimme verliert ihren Ursprung; stirbt der Autor, beginnt die Schrift.“ Roland Barthes
Die Person des Autors ist eine konstruierte, die im französischen Rationalismus entstanden ist. Seit dem versuchen wir Werke durch ihre Urheber zu erklären. Es ist der verzweifelte Versuch, das längst entflohene Subjekt festzuhalten, um der unbequemen Situation, dass gesprochenes und geschriebenes Wort unterschiedlich zu behandeln sind, aus dem Weg zu gehen. Ein Text ist immer ein Produkt der Gegenwart, da der Leser ihn als Subjekt zu Eigen macht. Deshalb ist ein Text ein vierdimensionaler Raum, in dem multiple Schreibweisen sich zum einen ergänzen und zum anderen bekämpfen, hinter dem der Autor völlig verschwindet und somit jeder Versuch den Text (vollständig) decodieren zu wollen unmöglich macht. Mit diesem Wissen müssen wir Schrupps folgende Aussage betrachten: „Genau diese Frage, nämlich wo ein historischer Autor oder eine historische Autorin sich damals im Diskurs verortet hat, ist meiner Ansicht auch das Kriterium, anhand dessen zu entscheiden ist, in welcher Weise seine oder ihr Texte für heute aktualisiert werden müssen.“
Natürlich können wir etwas über einen AutorIn wissen, aber kann ich nicht von mir selbst lösen. Ich habe ja nur meine eigenen Worte und semantischen Netze und nicht die des Autors. So stellt sich für mich die Frage, ob wir nicht einen folgenschweren Fehler begehen, wenn wir Texte „aktualisieren“. Denn tappen wir dabei nicht in die Falle, dass wir patriarchale Strukturen aufrechterhalten in dem wir uns auf die Position des Entscheiders erheben, der ein richtig und ein falsch bestimmt?
„Nicht sein Ursprung oder seine Stimme sind der Wahre Ort der Schrift, sondern die Lektüre.“ Roland Barthes
Denn wenn der Ort der Lektüre der Wahre Ort ist, dann ist dieser Moment individuell verschieden. In diesem Kontext tragen wir Verantwortung wie Antje Schrupp weiter oben erwähnt, schreibt. Sie nimmt Bezug auf Kinderbücher und frauenfeindliche Literatur aus dem 19ten Jahrhundert. An dieser Stelle tun sich für mich zwei Probleme auf.
Das erste ist das des Kunstwerks. Schreibt ein Literat ein Buch, sei es ein Kinderbuch oder nicht, so schafft er ein Kunstwerk. Ein Kunstwerk müssen wir anders betrachten, als beispielsweise ein Sach- oder Schulbuch. Letztere müssen immer wieder an neuste Erkenntnisse jedweder Art angepasst werden. Bei einem Kunstwerk muss allerdings der Aspekt der Originalität mit bedacht werden. Ein Werk stammt immer aus einer Zeit und kann, muss aber nicht, unter diesem Aspekt rezipiert werden. Eine Änderung, bzw. Anpassung des Werkes wäre eine Verfälschung. Es geht mir hier nicht um den Fall der Adaption, welche ein Original ja klar kenntlich macht (machen sollte) und dann einen neuen „Autor“ hat. Es geht mir auch nicht darum, Künstler heilig zu sprechen. Persönlich halte ich viele Texte und Werke für völlig überholt. Von mir aus, braucht kein Theater der Welt mehr Shakespeare spielen, aber es sollte die Möglichkeit dazu haben.
Hierzu kommt mir die letzte Szene des Films „Thank you for smoking“ in den Kopf. Ein US-Senator, der einen obsessiven Kampf gegen Zigaretten und die Tabakindustrie führt, verliert den Kampf vor Gericht. Am Ende sieht man ihn sein neustes Projekt vorstellen: Er hat es sich zum Ziel gesetzt, alle Hollywood-Filme nachzubearbeiten, damit die Zigaretten herausgeschnitten und durch Lollies oder anderen Süßigkeiten ersetzt werden. “Wir machen die Filme ästhetisch ansprechender.“ Auf die Frage, ob er nicht die Geschichte verfälschen würde, antwortet er: „Nein. Wir verbessern die Geschichte.“
Geschichtsverbesserung, oder eben Verfälschung hat in meinen Augen dramatische Folgen. Wir tilgen einen Referenzpunkt der Historie, der uns genau hierin gebracht hat und unsere heutigen Positionen mitbedingt. Die Emanzipation ist ja auch deshalb ein so schwieriger Kampf, weil die Ungerechtigkeiten seit Jahrhunderten betrieben werden. Und da ist auch jedes Kunstwerk ein Zeitzeuge von.
Das zweite Problem resultiert aus dem Markt heraus. Bücher sind Produkte in einem Markt. Es gibt unzählige sexistische, rassistische und homophobe Produkte. Diese werden gekauft, da ein Grossteil der Gesellschaft nicht über Emanzipation nachdenkt. Wir können dem entgegentreten in dem wir diese Produkte nicht kaufen, aber nicht in dem wir sie verbieten. Das ist bei Spielzeugen, Kosmetik oder Autos mit Sicherheit etwas anderes als bei Büchern, da sich hier die Kategorien Kunstwerk und Markt vermischen.
„Nicht sein Ursprung oder seine Stimme sind der Wahre Ort der Schrift, sondern die Lektüre.“ Roland Barthes
Daraus ergibt sich auch die Macht des Lesers. Er ist nicht nur Subjekt, sondern auch politisch. Eigentlich ist ja jedes Subjekt politisch, aber das wird häufig vergessen, weshalb ich es hier betone.
Der Kontext der Lektüre ist also von großer Wichtigkeit. Es ist unsere Verantwortung in diesem zu reflektieren und kritisch zu sein. Und wenn wir nicht wollen, dass Kinder Bücher lesen, die in irgendeiner Form diskriminierend sind, dann bleibt uns in diesem Fall nur die Möglichkeit sie nicht zu kaufen. Aber unsere Möglichkeiten persönlich gegen Rassismus, Sexismus oder jede andere Form von Gewalt anzugehen sind deshalb nicht kleiner geworden.

Ein Text von Can Gezer

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